Neuer Ansatz zum Trockenstellen: Den Milchfluss schneller stoppen

Christoph Tenhaef Foto © Ulrike Amler

Hoher Euterdruck, Futterwechsel, Wasserentzug und der Gruppenwechsel zum Trockenstellen beeinträchtigen die Kuh und ihr Immunsystem. Dabei ist die bevorstehende Transitphase wegweisend für die Gesundheit und Leistung in der folgenden Laktation. Je schneller die Kuh die Milchproduktion einstellt, umso rascher kann sich das Eutergewebe regenerieren. Der schnelle Stopp des Milchflusses war im Trockensteher-Management bislang nicht im Fokus der Maßnahmen. Ein Präparat auf pflanzlicher Basis kann das nun ändern.

„Trockenstellen ist immer mit Stress verbunden“, ist Milchviehhalter Christoph Tenhaef aus Grefrath überzeugt. Auf dem Woutershof, wenige Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt, hält der Landwirt 200 Milchkühe mit einer Herdenleistung von 11 000 kg Milch. Der denkmalgeschützte Viereckhof ist seit 1881 in Familienbesitz. Der Landwirt hat seinen Stall in den letzten Jahren mit hochmoderner Automatisierungstechnik ausgestattet, um mehr Zeit für die Betreuung seiner Tiere zu haben. Tenhaef berichtet: „Wir stellen abrupt trocken. Mir gefiel aber nie, dass die Tiere bei über 20 kg Tagesgemelk noch Milch laufen lassen. An drei, vier weiteren Tagen haben sie pralle Euter, zeigen ein verändertes Liegeverhalten und wir finden die Milchseen auf den Hochboxen.“ Er ist überzeugt, dass so prall gefüllte Euter das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigt.

Wissenschaftlich ist es erwiesen, dass hochleistende Tiere deutlich mehr Stresshormone ausschütten, als Tiere, die unter 15 kg Leistung zum Zeitpunkt des Trockenstellens liegen. Zum schmerzhaften Euterdruck von hochleistenden Tieren kommen weitere Stressoren: Gruppenwechsel, Klauenbehandlungen und der Futterwechsel verursachen ebenfalls Stress und wirken sich negativ auf das Immunsystem und die Regeneration der Tiere in dieser sensiblen Phase aus.

60 % aller Euterinfektionen haben ihren Ursprung in der Trockenstehphase. Ursachen sind unsauberes Arbeiten beim Zitzen versiegeln, das zu akuten Euterentzündungen beispielsweise durch E. coli-Keimen oder Klebsiellen führt. Auch bereits vorhandene Biofilme im Euter können in der labilen Immunlage Erreger aktivieren. Kühe, die nach dem Trockenstellen Milch laufen lassen, haben ein 6,1fach erhöhtes Risiko für eine Euterinfektion mit einem Haupterreger und ein 4,0fach erhöhtes Risiko für klinische Mastitis.

Am Milchfluss ansetzen
Christoph Tenhaef setzt seit August 2024 ein neues pflanzliches Produkt ein, das kein Trockensteller ist, aber im eigentlichen Sinn „trockenstellt“, weil es die Milchbildung reduziert. Dieses neue Wirkkonzept in Form von Boli wird bei Kühen eingesetzt, die mit mehr als 15 kg Tagesgemelk in die Phase des Trockenstehens gehen. Über diese Leistung hinaus kann es genetisch und tierindividuell bedingt dazu führen, dass die Tiere bei hohem Milchdruck im Euter die Milch laufen lassen. „Dann läuft mir auch der Zitzenversiegler oder eine antibiotische Eutertube weg. Ich kann nicht sicher sein, dass ausreichend Wirkstoff zur Behandlung einer subklinischen Mastitis im Viertel verblieben ist“, gibt der 44-Jährige kritisch zu bedenken. Besonders leichtmelkende Roboterkühe sind davon stärker betroffen und entsprechend anfällig für Euterinfektionen durch aufsteigende Keime. Die natürliche Keratinschicht zum Verschluss des Strichkanals bildet sich erst dann, wenn der Milchfluss versiegt ist.

Bei Tieren mit 30 kg oder mehr Milch geht die Milchproduktion innerhalb weniger Stunden um die Hälfte zurück, gibt der Hersteller AHV Deutschland für sein neues Produkt StopLac an. Die Wirkung des Produkts sei reversibel, so der Hersteller. Es erfolgt nur ein kurzfristiger Eingriff in den Pansenstoffwechsel. Wichtig ist demnach schon bei der Stallplanung, dass die trockenstehenden Kühe weit entfernt von der akustischen Stimulation von Melkroboter oder Melkstand aufgestallt sind. Eine Standardempfehlung für das Management des Trockenstellens gibt der Hersteller ebenso wenig ab, wie für die Milchleistung, ab der Milchviehhalter das Präparat einsetzen sollten.


Zuerst erschienen im Hoftierarzt E-Magazin. Zum kostenfreien Newsletter-Abo bitte einfach hier anmelden und dann den Link in der Bestätigungs-Mail anklicken. Anschließend den ganzen Artikel in der letzten Ausgabe weiterlesen: