Die Einzelhaltung von Kälbern beeinträchtigen Entwicklung und Wohlbefinden der Tiere. Sie behindert die Ausbildung sozialer und kognitiver Fähigkeiten, führt zu höherer Stressanfälligkeit sowie geringerer Futteraufnahme und allgemein Aktivität.
Deshalb wurden im Rahmen des Projekts „InnoRind“ praxisnahe Alternativen untersucht, die Sozialkontakt und Managementeffizienz verbinden. Tierwohl, Tiergesundheit, Wachstum, Managementaufwand, Umweltwirkungen und ökonomische Kennzahlen sollten differenziert eingeordnet werden.
1) Paarhaltung von Kälbern in den ersten Lebenswochen
Paarhaltung stellet einen niedrigschwelligen und praktikablen Kompromiss zwischen Einzel- und Gruppenhaltung dar. Die Paarhaltung erlaubt soziale Interaktion zwischen Kälbern, ohne allzu weit von der Einzelhaltung abzuweichen.
Paarweise gehaltene Kälber zeigen im Vergleich zur Einzelhaltung Vorteile im Lern- und Anpassungsverhalten, können in der Abtränkphase eine höhere Futteraufnahme sowie bessere Wachstumsleistungen erzielen.
„Diese Effekte sind insbesondere vor dem Hintergrund einer effizienten Aufzucht von Bedeutung, da eine verbesserte frühe Entwicklung mit einem früheren Erreichen der körperlichen Voraussetzungen für Erstbesamung bzw. Erstbelegung sowie einer insgesamt höheren Lebenseffizienz der Tiere in Verbindung stehen kann. Eine frühere Erstkalbung und eine längere produktive Nutzungsdauer tragen wiederum dazu bei, Umweltwirkungen je erzeugter Produkteinheit zu reduzieren“, schreiben die Studienautoren.
Es kam in der Paarhaltung nicht vermehrt zu Durchfallerkrankungen (bei niedriger Erkrankungsrate insgesamt). Der Indikatorkeim (ESBL-E. coli) trat in Einzel- wie in Paarhaltung selten und ohne signifikante Unterschiede auf.
„Bemerkenswert ist, dass die meisten Kälber bereits vor dem Zusammenführen in die soziale Aufzucht positiv für diese ESBL-tragenden Keime getestet wurden. Dies deutet darauf hin, dass die Übertragung möglicherweise bereits im Abkalbebereich oder über kontaminiertes Fütterungsequipment erfolgt sein könnte.“
Das Risiko von Atemwegserkrankungen für Kälber im selben Iglu ist nicht größer, als das für Kälber in benachbarten Einzel-Iglus (was bei Erreger-Übertragung durch die Luft logisch erscheint).
Die Gesamtkosten steigen um 3 %. Hierfür sind die mit der Einstreu verbundenen Kosten für Einstreu und Entmistung verantwortlich
„Für eine erfolgreiche Umsetzung ist insbesondere auf eine möglichst geringe Altersdifferenz der gemeinsam gehaltenen Kälber zu achten. Ein synchrones Ein- und Ausstallen kann dazu beitragen, Konkurrenzverhalten oder unerwünschte Verhaltensweisen wie Nabelsaugen zu reduzieren. Zudem sind Hygiene-Aspekte und das Management der größeren Buchtenfläche entsprechend zu berücksichtigen.“
2) Frühe Kleingruppenhaltung von Kälbern in den ersten Lebenswochen
Die zentrale Frage war hier, wie eine frühe Gruppenbildung möglich ist, ohne das Krankheits- und Stress-Risiko der Kälber zu erhöhen.
Topcalf und MultiMax-Veranda
Für die Tiergesundheit kam dem Management (Hygiene, Tierbeobachtung) eine weit größere Bedeutung zu, als das Haltungssystem. Tränkemenge und Geschlecht hatten den größten Einfluss auf die Gewichtsentwicklung der Kälber. Und der Umstallungszeitpunkt hatte einen größeren Einfluss auf die täglichen Zunahmen als das Haltungssystem. Die Gesamtkosten lagen – wegen steigender Gebäude- und Tierarztkosen – um 1 % über der Referenz.
Optima Klimastall DairyTop
In diesen Kleingruppen werden die Kälber vom 1./2. Lebenstag an bis zum Abtränken gehalten bzw. bis zum Umstallen in den Rinderstall. Der Altersunterschied sollte dabei höchstens 10 Tage betragen.
Die Tiere werden in 4 Gruppenboxen der Firma DairyTop gehalten, die jeweils mit einem Tränkeautomaten der Firma Urban ausgestattet sind.
Bis zum 70. Lebenstag gab es keinen Unterschied bei der Zahl an Erstdiagnosen zwischen Versuchs- und Kontroll-Gruppe. Die Kälber zeigten ein ausgeprägtes Sozial- und Spielverhalten.
Bei veränderten Tierzahlen ließ sich das System flexibel erweitern und auch die Separierung kranker Kälber war problemlos möglich.
Die Gesamtkosten steigen um 5 % (höhere Gebäude- und leicht steigende Futterkosten, dafür leicht sinkende Kosten für Tierarzt und Medikamente).
Kombination von Einzeliglus
Hier wurden acht baugleiche Einzeliglus an den Fronten der Iglu-Ausläufe verbunden und im Boden verankert. Die Kälber wurden vom 3. bis 14. Lebenstag mit maximal acht Tieren im Rein-Raus-Verfahren in Gruppen gehalten
Zunächst wurden die Kälber einzeln gehalten (mit Eimertränke) und am dritten Tag in die Gruppe aufgenommen (Tränke Automat mit Milchaustauschertränke). Am 15. Lebenstag wurde dann individuell, nicht gruppenweise umgestallt
Der Gesundheits-Status von Kälbern aus Gruppen- und Einzel-Iglus unterschied sich nicht signifikant. Die ersten 14 Lebenstage lag die tägliche Tränkeaufnahme im Einzel-Iglu höher als in der Gruppe, was sich von Tag 15 bis 77 umkehrte. Von der Geburt bis zum Abtränken zeigte sich bei der Tageszunahme kein nennenswerter Unterschied (1.113 g/Tag in der Gruppe, 1.115 g/Tag im Einzel-Iglu.
„Die Gesamtkosten liegen 4 % unter der Referenz. Dies liegt vor allem an geringeren Futterkosten und Arbeitskosten, deren Rückgang den leichten Anstieg der Tierarzt- und Gebäudekosten kompensieren.“
Die Ergebnisse zum Versuch mit Kleingruppenhaltung in einem Außenklimastall dürften – nach Validierung – Ende 2026 vorliegen.
3) Muttergebundene Aufzucht
Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht verursachen das Absetzen von der Milch und ebenso die Separation von der Mutter dem Kalb Stress, weshalb es empfehlenswert ist beides voneinander zu trennen. Nachteil einer Saugbremse beim Absetzen ist dabei, dass die Milchversorgung des Kalbes abrupt beendet wird.
Bei der Verringerung der Kontaktzeit bis zur Trennung kann das Kalb weiterhin Milchaufnehmen und der Umstieg auf Festfutter geschieht langsamer. Allerdings geht dieses Verfahren – wegen der häufigen Trennung – auch mit höherem Arbeitsaufwand einher.
Deshalb wurde für das Projekt haben ein transpondergesteuertes Selektionstor
entwickelt, zur individuellen Steuerung der Zugangszeiten. Eine Fragestellung dabei lautete, ob die Kontaktzeit einmal pro Woche oder besser in kleineren, täglichen Schritten erfolgen sollte.
In der muttergebundenen Kälberaufzucht verbringen die Kälber bis zu fünf Tage mit ihrer Mutter in einer Einzelabkalbebox. Nach der Geburt erhalten die Kälber 4 L Kolostrum.
Die Kuh wird nach der Kalbung zusammen mit der Milchviehherde 2x täglich gemolken und kehrt danach in die Abkalbebox zurück. Nach fünf Tagen kommt die Kuh wieder in die Herde und das Kalb wird an dem Selektionstor angelernt. Die Kälber haben danach – außer während der Melkzeiten oder wenn die Tiefliegeboxen der Kühe nachgestreut werden – jederzeit Zugang zur Kuh.
Aufgrund geringerer Arbeitskosten (v.a. weniger Zeitaufwand für Tränken, Reinigungsarbeiten, Entmistung) und geringere Tierarztkosten sinken die Gesamtkosten um ca. 7 %.
Dieses Verfahren ermöglicht ein tierindividuelles Absetzen ohne abrupten Milchentzug bei zeitlicher Einschränkung des Zugangs zur Mutter und führt zu einem geringeren Absetzknick.
Allerdings ist das System noch nicht kommerziell verfügbar und erfordert die direkte Anbindung des Kälber- und Kuhbereichs. Auch sei mit erhöhtem Technikaufwand auch höhere Störanfälligkeit verbunden, geben die Forscher zu bedenken.
Die Studien-Ergebnisse stehen hier als PDF zum Download zur Verfügung.
https://www.uni-kiel.de/fileadmin/user_upload/mandanten/agrar-und-ernaehrungswissenschaftliche-fakultaet/forschen/innorind-ag-kalb-final-260116.pdf