Ökoschweinehaltung: Herausforderungen und Chancen – #Bioland Schweinefachtagung 2026

Die größte Herausforderung in der Bio-Schweinehaltung ist aus Sicht von Hansjörg Schrade (Leiter LSZ Boxberg) die bedarfsgerechte Ernährung: Protein-Versorgung, Aminosäuren, Vitamine und Spurenelemente sowie die Verdaulichkeit von diesen Inhaltsstoffen. Hier gelte es „richtig dicke Bretter zu bohren“ sagte der Referent zu Beginn seines Vortrags auf der diesjährigen Bioland-Schweinefachtagung.

Fütterung
Zum Punkt „Fütterung“ präsentierte Hansjörg Schrade drei Beispiele aus der Praxis: einen Öko-Betrieb, dessen Ferkel am Ende der Aufzucht (84. Lebenstag) 23 kg auf die Waage brachten. In einem konventionellen Betrieb wogen die Ferkel nach 77 Tagen 27 kg und ein Betrieb, der Gruppensäugen praktiziert, lieferte nach ebenfalls 77 Tagen sogar Ferkel mit 33 kg Körpergewicht.

Mit diesen Zahlen wollte Schrade provozieren, wie er freimütig gestand. Prompt meldeten sich auch mehrere Zuhörer aus dem Saal und sagten, ihre Ferkel wögen stets mehr als nur 23 kg (allerdings lagen sie alle unter 30 kg).

Der Referent machte für die Gewichts-Differenz die in der ökologischen Schweinehaltung vorherrschenden Regelungen verantwortlich. Diese seien „gelinde gesagt nicht glücklich“ und „manchmal auch tierschutzrelevant“, weil nach § 1 TierSchG Schmerzen, Leiden, Schäden verhindern werden müssen.

Die Tiere auf dem ersten Betrieb litten an verstecktem Hunger – wegen fehlender Nährstoffe sowohl bei der Sau, als auch bei den Ferkeln und später auch in der Mast – weil keine synthetischen Aminosäuren zugesetzt werden dürften und weil einiges mehr in der Ökohaltung verboten sei.

In einem Fütterungsversuch konventionelle vs. Öko-Fütterung, wurde das „Übersee-Soja“ in der Öko-Mast durch einen „ErbsoFit-Ergänzer“ ersetzt und synthetische Aminosäuren zugesetzt. Bei Muskelfleischanteil und Fleischmaß etwa wurden jedoch die Werte der konventionellen Vergleichstiere nicht erreicht.

Selbst wenn also synthetische Aminosäuren dem Öko-Futter zugesetzt werden dürften, sei dies immer noch nicht „die ganze Miete“, sagte Schrade. Die Verdaulichkeit der Aminosäuren sei einfach nicht ausreichend gewesen.

Zucht von Schweinemutterrassen
Hier stellte der Referent ein EIP-Projekt mit Deutschen Edelschweinen und Deutscher Landrasse vor, das zum Ziel hatte, Ferkelverluste zu senken sowie mütterliche und umgängliche Sauen zu züchten.

Die Schwerpunkte seien dort: die Wurfqualität (Ferkel-Vitalität, Geburtsgewichte und Wurf-Homogenität) und das Verhalten der Sau, eben Mütterlichkeit und Umgänglichkeit. Ziel sei zu einer entsprechenden Zuchtwertschätzung zu gelangen.

Die Tiere im Versuch wurden mit einem Chip ausgestattet und im Online-Sauenplaner erfasst. Die Ferkelgewichte wurden mittels einer neu entwickelten Waage digital erfasst und direkt ins Herdbuch transferiert.

Am Ende soll dann – so Schrade – die Wurfqualität mit 40% in die Zuchtwertschätzung eingehen: das mittlere Geburtsgewicht und die Abweichung davon, das mittlere 21-Tage-Gewicht und die Abweichungen hiervon. „Lebendgeborene Ferkel“ würden zwar immer noch erfasst, kämen aber nur mit einem Prozent in den Zuchtwert. Auch die abgesetzten Ferkel würden nicht mehr so hochrangig bewertet, sondern vor allen Dingen Aufzucht-Effizienz und Futterverwertung. Dann kämen Sau/Mensch-Interaktion und Mütterlichkeit sowie Mast- und Schlachtleistungsmerkmale.

Indexiert liegt die Wurfqualität in diesem Ansatz bei 40%, die Fruchtbarkeit bei 28 %, Futterverwertung bei 10 %, Mütterlichkeit bei 10% und 12% bei Mast- und Schlachtleistung.

Schrade sieht hier eine große Chance für Ökobetriebe und vor allem Ferkelerzeuger, wenn Schweinerassen in diese Richtung entwickelt würden. Bei einem entsprechenden Versuch in einem Ökobetrieb habe die Anwendung dieser Kriterien und Gewichtungen bereits nach vier Jahren deutliche Zuchterfolge bei Sauen und Ferkeln gebracht. Züchterisch müsse man aber eher in 10 bis 15 Jahren denken.

Schwanzverletzungen: Schwanzbeiß­en, Entzündungen und Nekrosen
Innerhalb von drei Jahren wurden in Boxberg SINS-Merkmale, Gewichte und das Verhalten beim Wiegen von Ferkeln als Merkmale erhoben, über 20.000 Tiere bonitiert und gewogen sowie 6.000 Ferkel bis zur Schlachtung verfolgt.

Bonitiert wurden in den Ferkelaufzuchtbetrieben nicht nur die Schwänze, sondern z. B. auch Zitzen und Klauen und anschließend diese reinrassigen Tiere als Prüftiere nach Boxberg gebracht. In der Stationsprüfung seien dort alle Umweltbedingungen gleich, also Futter, Haltung etc. und nur die genetische Variation würde festgestellt.

Beim Deutschen Edelschwein zeigten sich erstaunliche Erblichkeitsgrade, die sich jedoch nicht unbedingt einfach erheben ließen; bei Klauenverletzungen etwa sei dies sehr zeitaufwändig. In Boxberg hat man sich für den Längenverlust des Ferkel-Schwanzes entschieden, der zum Boniturzeitpunkt „Einstallen in die Mast“ mit 24% (!) Erblichkeit in der Merkmalsliste steht. Hierfür wurde dann ein KI-System mit 8.000 Fotos von 4.000 Schlachtkörpern trainiert.

Ziel dieses Ansatzes sei am Ende

    • gesunde Tiere und geringere Verluste,
    • eine wettbewerbsfähige, ressourcen-effiziente und nachhaltige Schweinefleischerzeugung
    • sowie die Stärkung aller heimischen Erzeuger.
    • Auf weitere Ergebnisse der Zuchtanstrengungen in Boxberg darf man gespannt sein.