Eutergesundheit: Tier – Mensch – Maschine: Alles im Griff?

Von Dr. Heike Engels

Auf der Fortbildungsveranstaltung, die Boehringer Ingelheim kurz vor der Corona-Pandemie für Rindertierärzte veranstaltete, gab es ein spannendes Update zum Themenkomplex Mastitis. Da die Veranstaltung aufgrund des sich ausbreitenden Corona-Virus nicht an allen Standorten in Deutschland mehr durchgeführt werden konnte, transportiert „Der Hoftierarzt“ die wichtigsten Informationen an die Rinderhalter und Tierärzte.

Leider tritt die Eutererkrankung Mastitis noch immer sehr häufig in nahezu jedem Milchviehbetrieb weltweit auf und führt zur Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Kühe sowie zu wirtschaftlichen Einbußen. Seit einiger Zeit ist aufgrund der globalen Antibiotikaminimierungsstrategie die Vorbeugung und Therapie von Eutererkrankungen neu zu überdenken. Bestimmte Antibiotika dürfen nur noch in Sonderfällen eingesetzt werden, jeder Antibiotikaeinsatz muss gut begründet sein. Neue technische Möglichkeiten, z.B. die steigende Nutzung von Melkrobotern, sollten den Blick nicht weg vom Tier lenken.

Prof. Holm Zerbe, LMU

Es braucht neue Wege zur Therapie und Prophylaxe der Mastitis, wie Prof. Holm Zerbe von der Klinik für Wiederkäuer der LMU München in seinem Vortrag deutlich machte. Impfstrategien zeigten hier bisher leider nicht den erwarteten Erfolg, obwohl die Mastitis-Inzidenz sowie die Milchzellzahlen durchaus mit der Impfung gesenkt werden können. Die Neuinfektionsrate allerdings konnte nicht reduziert werden. Außerdem gilt die Impfung als kompliziert und zeitaufwändig. Das liege daran, dass im Euter die angeborene Immunität dominiere und nicht die adaptive. Systemische oder lokale Immunmodulatoren wären eine gute Möglichkeit, müssten aber auch erst entwickelt werden, denn bestehende Immunstärkungsmittel hätten nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Eventuell könnten auch bestimmte Futtermittelzusatzstoffe wie z.B. Hefen, B- und E-Vitamine, Selen, Kieselgur oder Reishülsen bei der Mastitistherapie helfen, auch hier ist aber noch großer Forschungsbedarf nötig.

Mastitisgefahr in Trockenstehzeit
Doch in welchem Laktationsstadium finden sich die meisten Mastitisfälle? Die meisten intramammären Infektionen finden laut Prof. Zerbe rund um das Trockenstellen und um die Geburt statt. Doch leider wurde bisher hauptsächlich das laktierende Euter untersucht, wenn es um das Auftreten von Mastitis und das Immunsystem des Euters geht. Die Kenntnisse zum Immunsystem des trockenstehenden Euters sind dagegen noch sehr begrenzt. Die Milchdrüsenepithelzelle übernimmt neben der Milchproduktion wichtige Abwehrfunktionen: Erregererkennung, Entzündungsmodulation, antimikrobielle Aktivität. Während der Laktation liefere die Milch genügend Nährstoffe für eine starke bakterielle Vermehrung, so Prof. Zerbe. Die Trockenperiode unterstütze durch das Versiegen der Milch demnach die Pathogeneliminierung und Heilung.

Das größte Risiko für Mastitis bestehe kurz nach der Abkalbung, weil sich durch den Milcheinschuss die Zitzen öffnen und so Erreger eindringen können. Der Zitzenkanal spielt eine entscheidende, nicht nur eine mechanische Rolle bei der Abwehr einer Infektion. Gleichzeitig kommen die Erreger wieder hervor, die während der Trockenstehzeit im Euter „überwintert“ haben. Denn während der Trächtigkeit scheint das Immunsystem Erreger im Euter nicht anzugreifen, es wirkt gedämpft und toleriert Erreger. Außerdem fehlt in der Trockenstehzeit der Spüleffekt durch das Melken. Durch die Geburt ist das Immunsystem weiter beansprucht und noch auf „Toleranz“ programmiert – jetzt können über einen lädierten Darm Erreger ins Blut und anschließend auch ins Euter gelangen. Erst nach einer Umstellungsphase ist das Immunsystem im Euter dann wieder auf Erregereliminierung – auch durch Entzündungsreaktionen – eingestellt.

Das Ziel der Trockenstelltherapie müsse es also sein, Neuinfektionen zu vermeiden und die bestehenden intramammären Infektionen zu eliminieren. Wenn man die erkrankten Tiere ganz zu Beginn der Infektion erkennt und behandelt, brauche man oft noch keine Antibiotika. Antiphlogese, also die Linderung von Schmerzen mittels Entzündungshemmern, sei extrem wichtig, manchmal sogar wichtiger als die Antibiose selbst. Denn nicht nur der Kuh gehe es besser, sondern die NSAIDs würden die Zellzahlen senken, weil sie die Entzündungsreaktion abmildern, und in der Folge reduzieren sich Fieber und Schmerzen sowie Gewebeschäden.

Zukünftig mehr individuelle Therapien

Dr. Ulrike Exner, Boehringer Ingelheim

Dr. Ulrike Exner, Tierärztin bei Boehringer Ingelheim, betrachtete die Zukunft der Mastitistherapie. Neue Wirkstoffe bei Antibiotika seien nicht zu erwarten, deshalb sei die Vorbeugung der Erkrankung wichtiger denn je. Eine Möglichkeit sei der Einsatz eines Zitzenversieglers zum Trockenstellen. Neue Studien zum Mikrobiom ließen vermuten, dass die physische Barriere, die durch den Einsatz eines internen Zitzenversieglers entsteht, den Erhalt einer für Kommensalen im Euter vorteilhaften Umgebung unterstützt. Dadurch könne sich das Mikrobiom im Euter über die Trockenstehzeit stabilisieren und sei weniger anfällig für negative Keimverschiebungen. Immer wichtiger werde auch das individuelle Entscheiden abhängig von Zellzahl, Mastitishistorie und beteiligten Erregern, welche Kuh wie behandelt werden müsse. Genauso individuell sei auch die Entscheidung beim Trockenstellen zu treffen, Stichwort selektives Trockenstellen. Tierärzte sollten mit ihren Landwirten über das Trockenstellmanagement sprechen. Ein möglicher Gesprächseinstieg sei hier zum Beispiel die Zellzahl in der Sammelmilch. Hat ein Betrieb über 150.000 Zellen je ml in der Sammelmilch, gelte er als Risikobetrieb für Mastitis. Werden dann noch kontagiöse Erreger wie Staph. aureus, Strep. agalactiae oder Strep. canis in der Herde nachgewiesen, ist eine Sanierungsstrategie mit antibiotischem Trockenstellen inklusive internem Zitzenversiegler für jede Kuh sinnvoll. Niedrigrisiko-Betriebe mit unter 150.000 Zellen je ml Sammelmilch dagegen könnten auf Einzelkuhebene selektiv trockenstellen, das bedeute auf Basis von festzulegender Diagnostik wahrscheinlich infizierte Kühe antibiotisch und mit Zitzenversiegler trocken zu stellen, die nicht infizierten Kühe aber nur mit einem Zitzenversiegler.

Leitkeim bestimmen
Eine Milchprobendiagnostikaktion, die Boehringer Ingelheim 2019 durchführte, ergab bei 1.321 Einsendungen, dass Strep. uberis, E. coli und coliforme Erreger, Staph. aureus, Strep. dysgalactiae und koagulase-negative Staphylokokken (KNS) die fünf wichtigsten Mastitiserreger sind – genauso wie bei einer vergleichbaren Aktion einige Jahre zuvor. Strep. uberis ist unverändert der am häufigsten nachgewiesene Erreger (23,6 %). Neu ist, dass Staph. aureus mit 11,4 % der Nachweise diesmal hinter E. coli und den coliformen Erregern (13,2 %) auf Platz 3 liegt.


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