Verborgene Gene im Rindergenom aufgedeckt

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Forscher der ETH Zürich verglichen Referenzgenome von mehreren Hausrindrassen sowie nahen verwandten Wildrindern. Dadurch entdeckten sie Gene mit bisher unbekannten Funktionen.

Die heutige genetische Forschung arbeitet oft mit sogenannten Referenzgenomen. Dabei handelt es sich um Daten von DNA-Sequenzen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als repräsentatives Beispiel für die genetische Ausstattung einer Art zusammengestellt haben.

Um ein Referenzgenom zu erstellen, verwenden Forscher normalerweise DNA-Sequenzen von einem bis wenigen Individuen, was die gesamte genetische Vielfalt von Individuen oder Teilpopulationen nur schlecht repräsentiert. Deswegen entspricht eine Referenz nicht immer exakt dem Gensatz eines bestimmten Individuums.

Weil es bis vor einigen Jahren sehr aufwändig, teuer und zeitraubend war, solche Referenzgenome zu erzeugen, konzentrierte sich die Forschung auf die Genome des Menschen und der wichtigsten biologischen Modellorganismen wie etwa dem Fadenwurm C.elegans.

Mittlerweile verfügen Forscher aber über schnelle Sequenziermaschinen, ausgefeilte Algorithmen, welche die ausgelesenen DNA-Sequenzen zu ganzen Chromosomen zusammensetzen, und viel mehr Rechenpower, so dass nun zunehmend auch für andere Arten Referenzgenome erstellt werden sollen. Wollen Forscher die Evolution und weitere grundlegende Fragen der Biologie besser verstehen, benötigen sie qualitativ hochwertige Referenzgenome von möglichst vielen Arten.

Das trifft auch auf Nutztiere zu. Für das Hausrind (Bos taurus) war bis vor kurzem nur ein einziges Referenzgenom verfügbar: das von der Kuh «Dominette» der Rasse «Hereford». Mit dieser Referenz glichen Forscher bisher andere DNA-Sequenzen von Rindern ab, um genetische Variationen aufzuspüren und entsprechende Genotypen zu definieren. Die bisherige Referenz bildet jedoch die Diversität der Art nicht ab, denn sie beinhaltet keine genetischen Varianten, an denen sich Individuen unterscheiden.

Lücke gefüllt
Ein Forschungsteam um Hubert Pausch, Professor für Tiergenomik der ETH Zürich, hat nun diese Lücke gefüllt: Die Forscher haben mit den Genomen von drei weiteren Hausrindrassen, darunter das Original Schweizer Braunvieh, zwei nahe verwandten Arten wie dem Zebu-Rind und dem Yak sowie mit dem bisherigen Referenzgenom des Hausrinds ein sogenanntes Pangenom erstellt. Die entsprechende Studie wurde soeben im Fachmagazin PNAS vorgestellt.

Dieses Rinder-Pangenom integriert Sequenzen, die in den sechs individuellen Referenzgenomen enthalten sind. «Auf diese Weise konnten wir sehr präzise aufzeigen, welche Sequenzen etwa im Hereford-basierten Referenzgenom fehlen, aber zum Beispiel in unserem Original Braunvieh-Genom oder den Genomen von weiteren Rinderrassen und -arten vorhanden sind», sagt Pausch.

Neue Gene und Funktionalitäten gefunden
So fanden die ETH-Forschern zahlreiche DNA-Sequenzen und sogar ganze Gene, die im bisherigen Referenzgenom der Hereford-Kuh fehlten. Indem die Forscher in einem weiteren Schritt die Transkripte dieser Gene (also Boten-RNA-Moleküle) untersuchten, konnten sie einige der neu gefundenen Sequenzen als funktional und biologisch relevant einstufen. Viele der gefundenen Gene stehen beispielsweise in Zusammenhang mit Immunfunktionen: Bei Tieren, die mit pathogenen Bakterien Kontakt hatten, waren diese Gene stärker oder weniger aktiv als bei jenen, die keinen Kontakt mit den Erregern hatten.

Möglich wurde die vorliegende Arbeit durch eine neue Sequenziertechnologie, die seit einem Jahr am Functional Genomics Center der ETH Zürich verfügbar ist. Mit dieser neuen Technologie können die Forscher lange DNA-Abschnitte präzise auslesen, so dass der Rechenvorgang weniger komplex wird, um die analysierten Abschnitte richtig zusammenzusetzen. «Die neue Technologie hat das Zusammensetzen eines Genoms vereinfacht. Wir können nun Referenzgenome von Grund auf schnell und genau erstellen», sagt Pausch. Zudem sind die Kosten für solche Analysen gesunken, sodass Forscher Genome in Referenzqualität nun von vielen Individuen einer Art erzeugen können.

Die ETH-Forschern arbeiten eng mit dem «Bovine Pangenome»-Konsortium zusammen. Dieses möchte ein Referenzgenom von mindestens je einem Tier aus allen Rinderrassen weltweit erstellen. Auch das Erbgut von nicht-domestizierten Verwandten der Hausrinder soll auf diese Weise analysiert werden.

Gezieltere Züchtung möglich
Das Konsortium und auch ETH-Professor Pausch hoffen, dass sie dank der Referenzgenom-Sammlung beispielsweise Genvarianten finden, die es in domestizierten Tieren nicht mehr gibt, in wilden Verwandten hingegen schon. Das gibt Hinweise darauf, welche genetischen Eigenschaften durch die Domestizierung verloren gingen.

«Spannend wird es besonders, wenn man unsere heimischen Rinder mit dem Zebu vergleicht oder mit Rassen, die an andere klimatische Begebenheiten angepasst sind», erklärt er. Die Forschung erhält dadurch Informationen, welche Gen-Varianten Tiere in tropischen Umgebungen hitzetoleranter machen. Der nächste Schritt könnte dann sein, diese Varianten gezielt in andere Rinderrassen einzukreuzen oder durch Genom-Editierung präzise einzubringen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Das neue Pangenom des Rindes erlaubt es den Forschern nun, Gene und DNA-Varianten, die sich zwischen Rinderrassen unterscheiden, schneller und präziser aufzuspüren.

Quelle: Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Vor der nächsten Pandemie handeln: Internationales Expertengremium One Health nimmt Arbeit auf

FLI-Präsident Thomas C. Mettenleiter übernimmt Gründungsvorsitz

Der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), Prof. Dr. Dr. h. c. Thomas C. Mettenleiter, und Prof. Dr. Wanda Markotter, Leiterin des Zentrums für virale Zoonosen an der Universität von Pretoria, Südafrika, übernehmen den Gründungsvorsitz des neuen internationalen One Health-Expertengremiums. Das „One Health High Level Expert Panel“ (OHHLEP) aus 26 Mitgliedern wurde am 20. Mai offiziell vorgestellt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hatten zu Bewerbungen für das Gremium aufgerufen. An der Schnittstelle der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt soll es die vier Partnerorganisationen wissenschaftlich beraten. Schwerpunkte sind hierbei die Interaktionen zwischen Mensch, Tier und Ökosystem und das frühzeitige Erkennen zukünftiger Bedrohungen für die Gesundheit. Zudem sollen Faktoren, die ein Überspringen von Erregern von Tier auf Mensch beeinflussen, identifiziert werden. Ziel ist die Entwicklung einer globalen Agenda zur Reduktion des Risikos von Pandemien. „Die COVID-19 Pandemie hat nochmals deutlich gemacht, wie eng die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt verbunden ist und welche Bedeutung daher der ‚One Health‘ Ansatz für die globale Gesundheit hat. Aus dieser Erkenntnis heraus ist das OHHLEP als zentrales Experten- und Beratungsgremium entstanden“, so der Biologe und Virologe Thomas C. Mettenleiter.

Die konstituierende Sitzung des OHHLEP fand am 17. und 18. Mai virtuell statt. Hierbei wurde die Einrichtung von vier Arbeitsgruppen beschlossen, die sich mit der Implementierung von „One Health“ Ansätzen, der umfassenden Vernetzung bestehender und geplanter Aktivitäten, der Überwachung, Früherkennung und Verhinderung von zoonotischen Infektionen sowie der Identifizierung und Risikobewertung der beeinflussenden Faktoren beschäftigen werden. „Wenn wir diesen Ansatz zur Grundlage nehmen, werden wir nicht nur kurzzeitige Veränderungen, sondern eine nachhaltige Verbesserung erreichen, die Biodiversität, Klimawandel, Lebensmittelsicherheit und soziale Ungleichheit einschließt. Ziel ist eine gesunde Umwelt für alle“, ergänzte die Virologin und Fledermaus-Expertin Wanda Markotter.

Die vier Gründungspartner forderten für eine erfolgreiche Berufung neben der fachlichen Expertise auch Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Um möglichst viele Aspekte des komplexen Feldes „One Health“ abzudecken, wurden in der Ausschreibung unterschiedliche Fachbereiche angesprochen. Neben Zoonosen (zwischen Mensch und Tier übertragbare Infektionskrankheiten), Biodiversität, Epidemiologie und Gesundheitswesen zählten hierzu auch Sozialwesen und Wirtschaft, Informatik und Modellierung sowie Klima und Umwelt. Bei der Auswahl der 26 Mitglieder aus über 700 Bewerbungen durch die Gründungspartner wurden die Fachkenntnisse ebenso berücksichtigt wie die geografische Verteilung und ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis. Die OHHLEP-Sachverständigen wurden zunächst für einen Zeitraum von zwei Jahren ernannt, eine Wiederernennung ist möglich.

Quelle: FLI

Stechen oder nicht stechen?

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Forscher aus Konstanz und Innsbruck deckten auf, wie Honigbienen ihre kollektive Verteidigung als Reaktion auf Fressfeinde organisieren, und nutzten Computermodelle, um mögliche evolutionäre Triebkräfte zu identifizieren.

Wann stechen Bienen und wie gelingt es ihnen, ihr kollektives Verteidigungsverhalten gegenüber Fressfeinden mit dem Schwarm zu koordinieren? Neue Erkenntnisse hierüber liefert ein interdisziplinäres Forscherteam von den Universitäten Konstanz und Innsbruck. In der Studie, die in BMC Biology veröffentlicht wurde, kombinierten die Wissenschaftler Verhaltensexperimente mit einem innovativen Modellierungsansatz, der auf „Projektiver Simulation“ basiert.

Die Studie zeigt, dass ein Duftstoff, ein sogenanntes Alarmpheromon, eine wichtige Rolle bei der Koordination des Verhaltens spielt. Die Bienen verbreiten das Pheromon beim Stechen in der Luft und geben dadurch zunächst weiteren Bienen ihres Schwarms das Signal zum Angriff. Ab einer bestimmten Konzentration des Pheromons in der Luft führt es dann jedoch zum gegenteiligen Effekt und die Bienen hören mit dem Stechen auf.

Die Forscher gehen daher davon aus, dass die Stechbereitschaft einzelner Bienen nicht konstant ist, sondern mindestens zwei interne Schwellenwerte für die Konzentration des Pheromons aufweist: einen, um mit dem Stechen zu beginnen, und einen, um mit dem Stechen aufzuhören. Die computergestützte Modellierung zeigte außerdem, wie verschiedene Umweltfaktoren die Evolution der Pheromon-basierten Kommunikation während des Verteidigungsverhaltens beeinflusst haben könnten. Zu diesen gehören die Prädationsrate, also wie häufig ein Bienenvolk Kontakt zu Fressfeinden hat, und die Breite des Spektrums an Fressfeinden.

Quelle: Universität Konstanz

Boehringer Ingelheim: Mit neuer Ileitis-Pumpe noch einfacher übers Trinkwasser impfen

Schon seit vielen Jahren setzen Tierärzte und Landwirte auf die Schluckimpfung gegen Ileitis, um diese häufige Darmerkrankung erfolgreich in den Griff zu bekommen. Die Schluckimpfung kann mit geringstem Aufwand über Trinkwasser und Flüssigfutter verabreicht werden. Jetzt bietet Boehringer Ingelheim eine neue Pumpe an, die den Impfvorgang nochmal wesentlich vereinfacht.

Mit der neuen Ileitis-Pumpe wird der ohnehin geringe Zeitaufwand für eine orale Impfung im Vergleich zu einer Injektion weiter verkürzt und die Impfmaßnahme noch stärker vereinfacht. Die notwendigen Impfdosen werden immer in 3 l Stammlösungsvolumen eingemischt. Anders als bei anderen Pumpen entfällt der Probelauf am Vortag der Impfung, um den individuellen Wasserbedarf der Schweinegruppe zu ermitteln. Nach Montage wird einmalig auf den betrieblichen Wasserdruck eingestellt, dann läuft die Ileitis-Pumpe ohne weiteren Aufwand. Ein Impfvorgang ist so innerhalb von kürzester Zeit erledigt, egal ob 100 oder 1000 Ferkel zu impfen sind.

Die einfache Verwendung der Ileitis-Pumpe in nur drei Schritten:
Installieren, Vormischung von immer 3 l vorbereiten, Anschalten – fertig! Die Tiere impfen sich selbst und der Landwirt kann sich um andere wichtige Dinge kümmern. Mit der oralen Impfung hat jedes Schwein seine Dosis, was zu 100 % behördlich geprüft ist. Mit der neuen Ileitis-Pumpe ist die Anwendung der Schluckimpfung über das Trinkwasser so einfach wie noch nie.

Weitere Informationen gibt Ihnen gerne Kim Schulze, Boehringer Ingelheim Vetmedica, Tel.: +49-6132-77-90218, kim.schulze@boehringer-ingelheim.com oder unter www.ileitis.de.

Quelle: Boehringer Ingelheim

Genetische Maßarbeit für die wichtigste Milchrindrasse

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An die weltweit wichtigste Milchviehrasse, das schwarzgescheckte Holstein-Rind, werden höchste Ansprüche gestellt: Sie soll nicht nur viel Milch geben, sondern auch möglichst gesund und langlebig sein. Um diese Ziele zu erreichen, setzt die moderne Tierzüchtung auf molekulare Daten. Dem Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf (FBN) ist es mit Unterstützung von Norddeutschlands Milchrindzüchtern, dem Förderverein Bioökonomieforschung e.V. (FBF) und den Vereinigten Informationssystemen Tierhaltung w.V. (VIT) gelungen, eine genetische Karte für 44.000 molekulare Marker zu erarbeiten. Dazu wurden Daten von über 367.000 Holstein-Rinder ausgewertet, was eine sehr hohe Genauigkeit der Karte garantiert.

In Deutschland mit mehr als 1,8 Millionen registrierten Tieren werden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Holstein-Rinder nach verschiedensten Merkmalsausprägungen gezüchtet. Die Erfolge der Züchtung hängen allerdings davon ab, wie stark eine Merkmalsausprägung erblich bedingt ist. Beispielweise hat die Langlebigkeit eines Rindes im Gegensatz zur erbrachten Milchmenge eine geringe Erblichkeit, was eine Verbesserung der Nutzungsdauer durch traditionelle Züchtung langwierig macht.

Seit mehr als einem Jahrzehnt sind molekulare Marker aus der Tierzüchtung nun nicht mehr wegzudenken. Bei der modernen Tierzüchtung durch genomische Selektion werden die Elterntiere anhand ihrer Ausprägung an molekularen Markern für die Züchtung ausgewählt. Das hat Züchtungsstrategien beeinflusst und Zuchterfolge erheblich beschleunigt. Für die genomische Selektion ist es notwendig, den Zustand der molekularen Marker über das gesamte Genom und für so viele Tiere wie möglich zu erfassen. Das liefert etwa 50.000 Informationen pro Tier.

Im Laufe der Jahre haben sich somit enorme Datenmengen angesammelt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des FBN haben mit Unterstützung von Norddeutschlands Milchrindzüchtern, dem Förderverein Bioökonomieforschung e.V., Bonn und dem größten IT-Dienstleister für Tierhaltung und Tierzucht „Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (VIT)“ in Verden diese Daten einheitlich zusammengeführt und ausgewertet. Die Milchrindpopulation besteht aus großen, väterlichen Halbgeschwisterfamilien, was auf die intensive künstliche Besamung zurückgeht. Diese Familienstrukturen liefern wertvolle Informationen darüber, wie die standardmäßig erfassten Marker miteinander in Verbindung stehen. Diese Erkenntnisse haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom FBN-Institut für Genetik und Biometrie als genetische Karte zusammengefasst.

Der Zuchtwert eines Tieres ist Maßstab dafür, ob ein Tier für die Züchtung ausgewählt wird (grüner Bereich). Ziel neuartiger Methoden ist es, Spitzenkandidaten aus dem seltenen, orangefarbenen Bereich zu finden. Abbildung: FBN/Dörte Wittenburg
„Eine genetische Karte gibt an, wie weit molekulare Marker voneinander entfernt sind – nicht in einer physischen Maßeinheit wie bei einem Lineal, sondern in einer genetischen Einheit. Diese genetische Maßeinheit ist für Züchterinnen und Züchter wichtig, weil sie mit der Wahrscheinlichkeit zusammenhängt, dass molekulare Varianten gemeinsam vom Elternteil auf den Nachkommen übertragen werden“, erläuterte Studienleiterin Dr. Dörte Wittenburg.

„Mit unseren Ergebnissen kann nun die Entwicklung neuartiger Methoden für die genomische Selektion vorangetrieben werden“, so Dr. Dörte Wittenburg. „Nicht nur am FBN, sondern weltweit werden Methoden erforscht, um die ‚Spitzenvererber‘ identifizieren zu können. Wir suchen nach den Elterntieren, die eine außergewöhnlich hohe Chance haben, Nachkommen mit extrem guter Merkmalsausprägung hervorzubringen. Für die Berechnung braucht man die genetischen Abstände zwischen den molekularen Markern. Nur so können wir Merkmale wie die Langlebigkeit mit Erfolg vorantreiben.“

Die Studienergebnisse wurden in dem Online-Journal Genetics Selection Evolution veröffentlicht, das sich mit genetischen Fragestellungen von Haus- und Nutztieren beschäftigt. Das Forschungsprojekt mit einer Laufzeit von drei Jahren wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

In der Abteilung „Statistische Methoden in der Genomik“ werden mathematische Methoden zur Auswertung von Leistungs- oder Gesundheitsmerkmalen, bei denen der erbliche Einfluss nachweislich eine Rolle spielt, entwickelt. Genetische Marker, die über sämtliche Chromosomen verteilt sind, übernehmen dabei eine Schlüsselrolle. Sie sind einfach mit biotechnologischen Verfahren messbar und wirkungsvoll mit mathematischen Methoden einsetzbar.

Originalpublikation: Genetics Selection Evolution
Saber Qanbari & Dörte Wittenburg, Published: 14 December 2020: Male recombination map of the autosomal genome in German Holstein. Genet. Sel. Evol., 52, 73.

Quelle: Institut für Nutztierbiologie (FBN)

Hoffnung auf Impfstoff gegen verbreitete Schweineinfektion – zuckerbasierte Impfstoffe

Erstmals haben Forscher am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung Zuckerketten synthetisiert, die den Hüllen der vier Hauptvariationen des Bakteriums Streptococcus suis entsprechen. Dies ist ein wichtiger erster Schritt für die Entwicklung von Glykokonjugat-Impfstoffen gegen einen Erreger, der insbesondere bei Schweinen vorkommt.

Einmal im Schweinestall angekommen, verbreitet sich der Erreger rasant, was Betriebe regelmäßig vor große Probleme stellt. Das Bakterium kann Erkrankungen wie Hirnhaut-, Lungen- oder Herzbeutelentzündungen hervorrufen, die nicht selten zum Tod führen. Zudem begünstigt es die Ferkelsterblichkeit. Die Behandlung erfolgt ausschließlich durch Antibiotika, da es bisher keinen wirksamen kommerziellen Impfstoff für diesen Erreger gibt. Als Zoonoseerreger kann er auch auf den Menschen übergehen.

Während Glykokonjugat-Impfstoffe beim Menschen sehr erfolgreich gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ b zum Einsatz kommen, bleiben sie für Tiere eine weitgehend unerforschte Möglichkeit. Dies könnte sich nun ändern: Ein Forscherteam um Prof. Dr. Peter H. Seeberger hat eine Sammlung von 30 neuartigen Mehrfachzuckern (Oligosacchariden) hergestellt, die den Zuckeroberflächen der vier Hauptserotypen 2, 3, 9, 14 des Bakteriums Streptococcus suis ähneln. „Chemisch können wir relevante Zuckerstrukturen von Krankheitserregern wie Streptococcus suis in wenigen Stunden nachbauen und damit Impfstoffkandidaten herstellen. Diese zielen darauf ab, die Immunabwehr, die auf Mehrfachzucker von Krankheitserregern spezialisiert ist, anzuregen Antikörper zu produzieren“, sagt Peter H. Seeberger, Direktor der Abteilung Biomolekulare Systeme. Komplexe Zucker wie Glykane umhüllen die meisten Zellen und bilden die Grundlage für Impfstoffe gegen Bakterien, Parasiten und Viren.

„Derzeit bereiten wir Challenge-Studien an Schweinen vor, um wirksame Impfstoffe zu entwickeln, die in erster Linie Schweine, aber auch Menschen, die in der Schweineindustrie arbeiten, schützen und gleichzeitig den Einsatz von Antibiotika reduzieren“, sagt Shuo Zhang, Erstautor der Studie.

Funktionsweise:
Eine Sammlung von 30 Oligosacchariden wurde synthetisiert. Die synthetischen Glykane wurden auf Array-Oberflächen gedruckt, um Glykan-Microarrays zu erstellen. Anschließend wurden die Seren von Schweinen, die mit dem Bakterium infiziert waren, auf Antikörper gegen die Glykane untersucht. Dabei entdeckten die Forscher spezifische Mehrfachzucker (Glykan-Epitopen), die nun die Grundlage für die weitere Impfstoffentwicklung darstellen.

Quelle: Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung

Dem Bienensterben mit energieautarken Sensoren auf der Spur

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Bienen liefern uns Menschen nicht nur Honig, sondern sind dank der Bestäubung von Kräutern, Sträuchern und Bäumen maßgeblich für den Artenerhalt verantwortlich. Dadurch erwirtschaften sie in Deutschland circa 1,6 Milliarden Euro für die Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion*. Um Honigbienen unter die Flügel zu greifen und das Umwelt- und Landwirtschafts-Monitoring sowie die Forschung zur Bienengesundheit voranzutreiben, sollen sie im Rahmen eines Forschungsprojekts nun mit miniaturisierten, integrierten Sensorsystemen ausgestattet werden.

Imkern liegt im Trend und das nicht nur im dörflichen, sondern auch im städtischen Umfeld. Neben den Honig produzierenden Völkern sind vor allem die Wildbienen eine große Unterstützung bei der für die Landwirtschaft bedeutsamen Bestäubungsleistung durch Insekten. Aus diesem Grund haben die zuletzt steigenden Sterbezahlen von diversen Wildbienenarten weltweit in diversen Regionen für Aufregung gesorgt. Betrachtet man den großen Verbreitungsgrad von Bienen, ihre Bedeutung für die Agrarwirtschaft und den allgemeinen Wissensstand über dieses Insekt, ist es überraschend, dass die Ursachen für das Bienensterben noch weitestgehend unerforscht sind. Die Belastung durch Pathogene, aber auch Umweltgifte, die die Insekten aus der Luft, dem Wasser und von Pflanzen aufnehmen, wurde bislang nur für ganze Bienenvölker anhand der Volksdynamik und der Honigleistung bestimmt. Um besser zu verstehen, welche Umweltfaktoren für die Gesundheit von Bienenvölkern entscheidend sind, ist es notwendig, sowohl die Entwicklung ganzer Bienenvölker als auch die von Einzeltieren zu untersuchen.

Aus diesem Grund ist das Ziel des Projektes Sens4Bee mithilfe verschiedener RFID-basierter Sensoren in Bienenstöcken und an Einzeltieren genügend Daten zu erheben, um das Bienenwohl in Verbindung mit Umweltereignissen und Umweltparametern analysieren zu können. Zu diesem Zweck entwickelt die Firma Micro-Sensys GmbH ein Sensorsystem zur Erfassung von Temperatur, Feuchtigkeit, Vibration und akustischen Signalen im Bienenstock. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ verarbeitet die gesammelten Daten und analysiert deren Bedeutung für den Gesundheitszustand der Bienenvölker.

Zudem entwickelt das Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM zusammen mit der Micro-Sensys GmbH Sensoren, die eine neue Mikrobatterie-Technologie und Micro Energy Harvesting in einem System verbinden. An Bienen angebracht dienen diese Sensoren der Bestimmung von Temperatur, Helligkeit und Flugbewegung. Die gesammelten Daten werden im Anschluss in einer intelligenten Cloud-Lösung mit Analysetools bearbeitet und dargestellt. Um die gewonnenen Daten für praktische Managementoptionen in der Imkerei zur Verfügung zu stellen, liegt ein weiterer Schwerpunkt des Projektes auf einer smarten Verarbeitung, welche die Imkernden mit konkreten Handlungsempfehlungen versorgt. Für die angewandte Forschung werden die individuell erfassten Einzeltier- und Bienenstockdaten mit Umweltereignissen verknüpft, um beispielsweise die Bewertung von Umweltchemikalien zu verbessern.

Des Weiteren entwickelt das Fraunhofer IZM mittels Silizium-Technologie eine extrem kleine Lithiumbatterie und ein Solarmodul. Diese werden von der Firma Micro-Sensys GmbH mit kleinsten Sensor-Transpondern und Sensor-Datenloggern mit RFID-Schnittstelle in ein so kleines und leichtes Modul integriert, dass es von Bienen auf dem Rücken getragen werden kann. Das Gesamtgewicht liegt zwischen zwei und zehn Milligramm und wird mittels eines biokompatiblen Klebers direkt in der ersten Entwicklungsphase der Bienen auf tierfreundliche Weise angebracht. Die Erfahrungen mit den bisher verwendeten passiven RFID-Chips haben gezeigt, dass Elektronikbauteile dieser Größenordnung das Verhalten der Bienen nicht beeinträchtigen oder verändern.

Mit der Silizium-Wafer-Level-Technologie können Hunderte von kleinsten Batterien gleichzeitig auf einem Substrat hergestellt werden. Im Gegensatz zu bisher üblichen Knopfzellen mit Metallgehäusen wird das sehr viel leichtere Silizium als Gehäusematerial verwendet. Das Ziel der Forschenden ist dabei, das System über die Flugdauer der Biene mit der Energie der Batterie zu versorgen. Die Aufladung erfolgt während der Flugphase durch Tageslicht. Im Bienenstock wird die Batterie mittels Infrarotlicht aufgeladen.

Seit dem Projektstart vor wenigen Monaten liegt der Fokus klar auf der technischen Entwicklung einer integrativen Lösung für Bienenstöcke, einer individuellen Sensorik sowie auf der automatisierten Auswertung, welche den Imkernden ein leicht zu bedienendes Werkzeug zur Verfügung stellen wird. Über diesen praktisch-orientierten Kundenkreis hinaus ist davon auszugehen, dass auch weitere Bienen- und Umweltinstitute sowie nationale und internationale Forschungsverbünde gewonnen werden können.

Neben dem Fraunhofer IZM und der Firma Micro-Sensys GmbH sind das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, das Institut für Bienenforschung am Julius Kühn-Institut, die Heinrich Holtermann KG und der Deutsche Imkerbund e. V. an dem Projekt beteiligt. Das Projekt Sens4Bee wird mit einer Laufzeit von drei Jahren mit einem Volumen von 1,1 Millionen Euro gefördert. Aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestages erfolgt die Förderung des Vorhabens aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hält die Projektträgerschaft im Rahmen des Programms zur Innovationsförderung. Der Projektantrag wurde im Rahmen der „Richtlinie über die Förderung von Forschungsvorhaben zum Schutz von Bienen und weiteren Bestäuberinsekten in der Agrarlandschaft“ des BMLE eingereicht.

Quelle: Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM

„Preis der Tiergesundheit 2020/21“: Die Gewinner stehen fest

• Eine unabhängige Expertenjury hat unter allen Bewerbern die Gewinner des „Preis der Tiergesundheit“ gewählt
• Die Siegerbetriebe kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bayern und Nordrhein-Westfalen
• Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt bei der virtuellen Preisverleihung am 29. Mai

Haar bei München, 20. Mai 2021 – Die Gewinner des diesjährigen “Preis der Tiergesundheit” stehen fest. Nach sorgfältiger Prüfung der 88 Bewerbungen über alle drei Kategorien hinweg sowie Vor-Ort-Besichtigungen der Betriebe, hat die unabhängige Fach-Jury ihre Entscheidung getroffen. Ausschlaggebend für die Chance auf einen der drei Spitzenplätze waren dabei ein überdurchschnittliches Engagement der Landwirte für ihre Tiere und innovative Tiergesundheitskonzepte gekoppelt mit umfangreicher Fortbildung und Mitarbeiterschulung. Alle Spitzenbetriebe, welche in die engere Auswahl gekommen waren und von einem Jurymitglied besucht wurden, zeichneten sich durch ein exzellentes Niveau aus. Letztendlich entschieden nur Nuancen über die Platzierungen. Dieses Mal gab es erstmals die Möglichkeit, Ideen und Konzepte in den drei Kategorien „Innovatives Saugferkelmanagement“, „Eutergesundheit“ und „Rindermast“ einzureichen.

Welche Gewinnerbetriebe sich in diesem Jahr über die Auszeichnung freuen können, ist noch streng geheim. Die insgesamt neun Betriebe aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Alle Betriebe zeigen mit ihren Maßnahmen, wie sich schon mit kleinen Innovationen im Umgang mit den Tieren oder in den Bereichen Stallbau, Hygiene und Gesundheitsvorsorge ein Mehr an Tierwohl und Tiergesundheit erreichen lässt. „Bei den Siegerbetrieben beeindruckt das hohe persönliche Engagement der Menschen, die hinter den einzelnen Innovationen stehen. Die stetige Suche nach den bestmöglichen Optimierungen in Haltung und Management zugunsten der Tiere charakterisiert alle Siegerbetriebe.“, so Jurymitglied Prof. Dr. Nicole Kemper von der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Die offizielle Bekanntgabe der Gewinner erfolgt bei der feierlichen Preisverleihung am 29. Mai 2021, welche virtuell stattfinden wird. Die drei ersten Plätze dürfen sich dann neben der Auszeichnung auch über ein zweckgebundenes Preisgeld in Höhe von bis zu 12.000,00 Euro für ihre nächsten Tiergesundheitsprojekte freuen.

Bereits zum zweiten Mal werden mit dem “Preis der Tiergesundheit” Landwirtschaftsbetriebe geehrt, die sich mit innovativen Haltungs- und Gesundheitskonzepten nachhaltig für den Bereich Tiergesundheit engagieren. Mit der Auszeichnung will MSD Tiergesundheit langfristig eine höhere Aufmerksamkeit für das Thema Tiergesundheit in der Landwirtschaft erreichen, den Erfahrungsaustausch unter Landwirten in Deutschland und Österreich fördern und gleichzeitig dem Verbraucher die Landwirtschaft wieder näherbringen.

Mehr Informationen zum „Preis der Tiergesundheit“ erhalten Sie unter www.preisdertiergesundheit.com.

Ohne Tiergesundheit keine nachhaltige Lebensmittelproduktion

Gesunde Tiere sind unerlässlich für eine nachhaltige, ressourcenschonende und zukunftsorientierte Nutztierhaltung und Lebensmittelgewinnung. Wie man dies erreichen und dabei alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales – zu einem ausgewogenen Ansatz zusammenführen kann, um eine vitale und wettbewerbsfähige Tierproduktion zu realisieren, das diskutierte der Bundesverband für Tiergesundheit (BfT) mit Wissenschaft und Politik auf seiner Frühjahrstagung. Konsens bestand, dass die Prävention ein Schlüsselfaktor für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion ist. Die Politik steht vor der Herausforderung, mit innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen die weitere Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit jetzt auf den Weg zu bringen. Die Leistungen von Landwirten und Tierärzten im Tiergesundheitsmanagement seien sowohl monetär als auch durch gesellschaftliche Anerkennung zu honorieren. Staat und Gesellschaft müssten die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung durch Förderprogramme für notwendige langfristige Investitionen unterstützen.

Einen ausgewogenen, alle Dimensionen der Nachhaltigkeit berücksichtigenden Ansatz für die gesamte Lebensmittelkette habe die Europäische Union mit dem Green Deal und der Farm-to-Fork Strategie vorgelegt, betonte der CDU-Europaabgeordnete Norbert Lins. Für den Vorsitzenden des Agrarausschusses im Europaparlament steht dabei ein weiter reduzierter und zielgenauer Antibiotikaeinsatz ebenso im Fokus, wie bessere Haltungsbedingungen, lokalere Transportketten und transparente Verbraucherinformationen. Mehr Tiergesundheit und mehr Tierschutz/- wohl greifen ineinander und wirken auf die Qualität der Lebensmittel.

Ökonomie und Ökologie sind kein Gegensatz
Ökonomie und Ökologie sind in der Nutztierhaltung keineswegs ein Gegensatz. Das arbeitete Professorin Dr. Nicole Kemper vom Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) heraus. Sie legte den Fokus auf eine Kombination verschiedenster präventiver Maßnahmen: Auf medizinische Interventionen – Stichwort Impfungen und Alternativen zum Antibiotikaeinsatz. Auf veränderte, an natürliche Verhaltensweisen der Tiere ausgerichtete, tiergerechte Haltungsumgebungen. Und auf Fütterung, Zucht sowie den Ausbau der Fachkompetenz der Tierhalter im Management. Mit Studien belegte sie, dass derart gesund gehaltene Nutztiere sowohl umweltschonender als auch produktiver sind.

Digitale Transformation in das Agrarsystem der Zukunft
Einen Blick auf Agrarsysteme der Zukunft zwischen „Alternative Meat“ und „Digital Farming“ warf Professorin Dr. Stefanie Bröring. An der Universität Bonn hat sie den Lehrstuhl für Technologie-, Innovationsmanagement und Entrepreneurship inne. Die mit Verweis auf Klimaschutz und veränderte gesellschaftliche Erwartungen oft vertretene These, dass Cultured Meat (Laborfleisch) und pflanzliche Alternativen die Nutztierhaltung verdrängen, mochte sie nicht teilen. Bei weltweit stark wachsender Proteinnachfrage verliere die konventionelle Fleischerzeugung zwar deutliche Marktanteile – Prognosen sehen sie bis 2040 unter 50 Prozent –, sie behalte aber ihre ‚Licence to Produce‘, auch weil sie sich wandele. Weit größeres Veränderungspotential sieht Bröring auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit in der Digitalisierung. Weltweit würden Milliardenbeträge in datengetriebene, autonome landwirtschaftliche Systeme investiert. Neue Plattformmodelle, ‚Smart Animalfarming‘ und ‚Predictive Analytics‘ hätten disruptives Potential für bestehende Strukturen und Geschäftsbeziehungen. Die Nutzung solcher Systeme verlange jedenfalls ganz neues Wissen und Veränderungsbereitschaft von allen Beteiligten.

Neue Rolle für Tierärzte
„Tierärzte haben die Aufgabe, hier neue Kompetenzen zu erwerben“, stimmte Dr. Joachim Lübbo Kleen zu. Der Tierarzt mit einem Schwerpunkt auf der Bestandsbetreuung von Milchviehhaltungen, sieht sich und seine Berufskollegen in verschiedensten Rollen, etwa als technischer Dienstleister, Lieferant und Berater. Um Ansprechpartner für die Landwirte zu bleiben, müssten Veterinäre ein Verständnis von Daten, von Kommunikation und ökonomischen Betriebsabläufen haben.

Schlüsselfaktor Prävention
Konsens in der Podiumsdiskussion war: Ein nachhaltiges Lebensmittelsystem – fair, gesund und umweltfreundlich – ist nur mit gesunden Tieren möglich. Prävention wird dabei zum Schlüsselfaktor. Der BfT-Vorsitzende Jörg Hannemann betonte, dazu müsste Forschung und Entwicklung im Sektor gefördert werden. Und es gelte, eine Akzeptanz für neue Technologien – auch der digitalen Optionen – zu schaffen. Alle Beteiligten sahen die Politik vor der Herausforderung, mit innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen und langfristigen Investitionen die weitere Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit jetzt auf den Weg zu bringen – und dabei auch eine gewisse Geschwindigkeit an den Tag zu legen. Staat und Gesellschaft müssten die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung durch Förderprogramme für notwendige langfristige Investitionen unterstützen. Die Leistungen von Landwirten und Tierärzten für ein umfassendes Tiergesundheitsmanagement seien aber nicht nur finanziell, sondern auch durchgesellschaftliche Anerkennung zu honorieren.

Gitta Connemann, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion warnte vor nationalen Alleingängen mit überzogener Regulierung. Deutschland könne Impulsgeber sein, „aber in Absprache mit denen, die es dann leisten müssen“. Sie mahnte dabei mehr Fairness und Ehrlichkeit im Umgang mit Zielkonflikten an. „Die nachhaltigste Lebensmittelproduktion findet in Deutschland statt. Es ist am Ende kein nachhaltiges Ergebnis, wenn der Tierbestand hierzulande sinkt und andernorts steige – und das bei niedrigeren Standards!“, betonte Connemann.

Für Dr. Ophelia Nick, Tierärztin und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Landwirtschaft von Bündnis 90/Die Grünen, sei Tierhaltung für eine Kreislaufwirtschaft zwar nicht wegzudenken, aber mit Blick auf den Klimaschutz nicht mehr in der jetzigen Größenordnung vertretbar. Sie sehe eine Aufgabe der Politik darin, den Strukturwandel ein Stück weit einzudämmen und bäuerliche Betriebe zu erhalten. „Wir müssen schnell Geld in die Hand nehmen, um in der Transformation der Haltungsbedingungen in großen Schritten voranzukommen.“ Um eine nachhaltige Landwirtschaft von der auch Landwirte profitieren, zu entwickeln, sei es wichtig nicht im Schwarz/Weiß Denken zu verharren, sondern einen gemeinsamen Weg zu finden.

Mit den Vorschlägen des Kompetenznetzwerkes Nutztierhaltungsstrategie gebe es einen konsensfähigen Weg zum Umbau der landwirtschaftlichen Tierhaltung, sagte Prof. Dr. Dr. Markus Schick. Er leitet im Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) die Abteilung Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit. Ob man den durch Machbarkeitsstudie und Folgenabschätzung untermauerten notwendigen Finanzbedarf von jährlich rund drei Milliarden Euro über eine Mehrwertsteuererhöhung, eine Verbrauchsteuer oder eine Abgabe decke, sei jetzt eine Entscheidung der Politik.

Philipp Schulze Esking, Vizepräsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, selbst Halter von 7.000 Schweinen, sieht sich und seine Berufskollegen in einem Dilemma. Wenn eine wohlhabende Gesellschaft Veränderungen von den Tierhaltern einfordere, es aber nicht schaffe, diese an der Ladentheke auch zu bezahlen, dann müsse sie über Transferleistung sicherstellen, dass die Produktion im Land aufrechterhalten werden könne. Diese könne dann auch deutlich nachhaltiger sein. Und das wäre im Gegensatz zu Importware auch deutlich besser zu gewährleisten und zu kontrollieren. Man dürfe sich aber keine Illusionen machen, wenn die Zahl der Nutztierhalter und der Nutztiere zurückgehe, veränderten sich auch die Strukturen.

Quelle: BfT

Weltbienentag erinnert an Bedeutung von Bestäuberinsekten

Am 20. Mai ist Weltbienentag. Zwar vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über die Bedeutung von Bienen für eine intakte Umwelt und für uns Menschen in den Medien berichtet wird. Dennoch sind mittlerweile viele Bienenarten, insbesondere Wildbienen, bedroht. Aktionstage wie der Weltbienentag können deshalb dabei helfen, noch stärker auf die Gefährdungen, denen diese wichtigen Insekten ausgesetzt sind, hinzuweisen und Wege zu zeigen, wie jeder einzelne von uns etwas dagegen tun kann.

Bienen bestäuben Wild- und Kulturpflanzen. Sie sichern dadurch nicht nur einen Großteil unserer Nahrungsmittel, sondern erhalten als wichtiger Teil des Ökosystems die Naturvielfalt und sind sensibler Umweltindikator. Nach dem Prinzip des Gebens und Nehmens bedeutet das: Wenn Bienen auch weiterhin die wichtigen Bestäubungsdienste erfüllen sollen, so muss der Mensch ihnen helfen.

Weit verbreitet ist die Annahme, dass vom sogenannten Bienensterben die Honigbiene betroffen ist. „Das ist nur bedingt richtig,“ betont der Geschäftsführer des Deutschen Imkerbundes e.V. (D.I.B.), Olaf Lück. „Die fachgerechte Betreuung durch Imkerinnen und Imker macht es möglich, Gefahren für unsere Bienenvölker frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das heißt jedoch nicht, dass die Situation einfach ist. Denn die Gesundheit von Honigbienen ist gefährdet. Gründe dafür sind: Parasiten, wie die Varroamilbe, Viren, ein unzureichendes oder einseitiges Nahrungsangebot, der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln und weitere Umweltgifte. Diese negativen Einflussfaktoren werden durch die zunehmenden klimatischen Veränderungen noch weiter verstärkt.“

Insbesondere auf das Problem Klimawandel weist der D.I.B. in einem neuen Informationsflyer hin. Dieses Thema soll auch am Weltbienentag sowie dem Tag der deutschen Imkerei, der am ersten Juli-Wochenende 2021 bundesweit unter dem Motto „Wir imkern bienenfreundlich für Natur und Klima“ stattfinden wird, im Mittelpunkt stehen.

Die stetige Temperaturzunahme, Hitze-Kälte-Extreme, die Abnahme der Jahresniederschlagsmenge und die Gefahr von großflächigen Stürmen und Starkregen beeinflussen das Leben von Honig- und Wildbienen beträchtlich. Die Verlängerung der Vegetationsperiode führt zum Beispiel zu deutlichen Veränderungen in der zeitlichen Entwicklung von Pflanzen.

Das spüren insbesondere die auf bestimmte Pflanzenarten angewiesenen Wildbienenspezies, die durch die fehlende zeitliche Synchronisation von Biene und Pflanze existenziell bedroht sind. Zudem ist die Nektarproduktion von Pflanzen auf Feuchtigkeit angewiesen. Die fortschreitenden Trockenperioden führen zum Ausbleiben von Nahrungsquellen für Blüten besuchende Insekten. Umgekehrt ermöglichen ausbleibende Frostphasen es den Bienen, sehr lange Nektar und Pollen zu sammeln. Dies führt aber zur Schwächung der sogenannten Winterbienen.

Und bei einem sehr zeitigen Vegetationsbeginn im Frühjahr ist die Volksentwicklung noch nicht genug vorangeschritten, dass die Bienen Nektar und Pollen ausreichend nutzen können. Und letztendlich führt die Temperaturerhöhung auch zur Einwanderung neuer Bienenfeinde, wie dem Kleinen Beutenkäfer oder der Asiatischen Hornisse.

„Honigbienen sind zwar wahre Anpassungskünstler, aber im schlimmsten Fall können Völker zusammenbrechen,“ mahnt Lück. Das haben die Ergebnisse einer Online-Umfrage zu den Verlusten an Bienenvölkern im Winter 2020/2021 wieder bestätigt, die vom Fachzentrum Bienen und Imkerei in Mayen Anfang Mai veröffentlicht wurden.

An der Umfrage beteiligten sich fast 14.000 Imkereien. Danach starben im letzten Winter rund 14 Prozent aller Bienenvölker in Deutschland. Etwas mehr als die Hälfte aller meldenden Imker mussten Verluste in unterschiedlichem Umfang verkraften. Auf der Basis der vorliegenden Informationen waren die Verluste in Sachsen-Anhalt mit 21 Prozent am höchsten, während die Imker aus Niedersachen die geringste Verlustquote mit 8,1 Prozent übermittelten. Auf die Gesamtpopulation in Deutschland hochgerechnet, starben rund 170.000 Bienenvölker, neben dem wirtschaftlichen Schaden für die betreffenden Imkereien insbesondere auch ein Umweltschaden. Denn die Völker müssen im Frühjahr durch Vermehrung mühsam neu aufgebaut werden und fehlen für die Bestäubung an Kultur- und Wildpflanzen. Die Ergebnisse der einzelnen Regionen wurden hier veröffentlicht. Detailauswertungen zu möglichen Einflüssen laufen derzeit noch.

Umso wichtiger ist es dem D.I.B., immer wieder darauf hinzuweisen, dass Bienenhaltung, die seit nunmehr 14 Jahren immer mehr Menschen begeistert, nur mit fundierten Kenntnissen betrieben werden sollte. Das benötigte Fachwissen erhalten Interessierte nur in Schulungen, die neben der Theorie vor allem die Praxis vermitteln. Das ist in Zeiten der Corona-Pandemie eine Herausforderung für den Verband, merkt Olaf Lück an: „Auf die Bienen hat die Pandemie weder positive noch negative Auswirkungen. Sorgen bereiten eher die durch Corona fehlenden Präsenzschulungs-Angebote. Nach wie vor möchten viele Menschen Imker werden und nutzen diverse, wie Pilze aus dem Boden schießende Online-Angebote im Internet, die keinesfalls eine Praxisschulung in Präsenz ersetzen können. Auch die Arbeit der Imkervereine ist derzeit schwierig. Vielen bricht das finanzielle Fundament weg, dass durch Schulungen erwirtschaftet wurde. Außerdem fehlt der regelmäßige fachliche und soziale Austausch zwischen den Vereinsmitgliedern.“

Den Weltbienentag will der Deutsche Imkerbund auch dafür nutzen, um darauf hinzuweisen, dass insbesondere Wildbienenarten stark gefährdet sind. Nahrungs- und Habitatmangel, Flächenversiegelung, Lichtverschmutzung und der Verlust der floralen Artenvielfalt gefährden Blüten besuchende Insekten im erheblichen Maß. In Deutschland stehen bereits 300 Wildbienenarten auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.
Um diesen zu helfen, muss man allerdings kein Imker werden.

Lück sagt: „Seit kurzem nimmt, angeheizt insbesondere durch Naturschutzorganisationen, die Diskussion um die Nahrungskonkurrenz von Honig- und Wildbienen zu. Diese gäbe es nicht, wenn die Lebens- und Nahrungsbedingungen für alle Blüten besuchende Insekten stimmen würden. Solche Diskussionen sind wenig konstruktiv. Deshalb setzen wir uns in erster Linie für eine Verbesserung der Situation ein. Es müssen vielfältige Lebensräume geschaffen werden. Die ständige Zunahme von Trendbienenhaltern ist nicht zielführend.“

Zur Verbesserung der Lebens- und Nahrungsbedingungen gibt es mittlerweile viele konkrete Vorschläge und beispielgebende Initiativen, sowohl für Landwirte als auch für Kommunen und die Bevölkerung. „Hier ist ein Umdenken sowohl in der Landwirtschaft, aber auch in der Bevölkerung wichtig und langsam spürbar“, bilanziert Lück.

Helfen würde meist bereits ein kritischer Blick ins eigene Lebensumfeld und die Frage: Ist dieses bienenfreundlich gestaltet? Denn immer mehr Gärten verwandeln sich in Stein- oder grüne Wüsten, in welchen Insekten weder Nistmöglichkeiten noch Futter finden. Mit einem blütenreichen, bienenfreundlichen Angebot im Garten oder auf dem Balkon vom zeitigen Frühjahr bis zum Herbst kann jeder zur Verbesserung der Lebens- und Nahrungsbedingungen von Blütenbestäubern beitragen. Auch der Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und das Schaffen von Nisthilfen für Wildbienen sind wichtig. Das Anlegen einer regional angepassten Blühwiese anstatt eines englischen Rasens und das Aufstellen einer Wassertränke unterstützen ebenfalls die wichtigen kleinen Tiere.

Die Entscheidung verschiedener Kommunen, private Steingärten zu verbieten und öffentliche Flächen bienenfreundlich umzugestalten sowie die kommunale Grünflächenbewirtschaftung im ökologischen Sinne zu verbessern, findet der Verband beispielgebend.

Viele meinen noch immer, ein bienenfreundlicher Garten sei mit großem Aufwand verbunden, reflektiert Lück: „Am Weltbienentag sollten wir mit diesem Vorurteil aufräumen. Der D.I.B. hat auf seiner Homepage umfangreiches Informationsmaterial und nützliche Links veröffentlicht, um hier mit guten Ideen und Praxisempfehlungen zu unterstützen.“

Auch in diesem Jahr unterstützt der Verband wieder die Aktion „Bienen füttern“, zu der das Bundeslandwirtschaftsministerium jährlich aufruft. Teil der Aktion ist ein Pflanzenlexikon, in dem Bürgerinnen und Bürger erfahren, welche Pflanzen besonders für Bienen geeignet sind.

Hintergrund
Der Deutsche Imkerbund e.V. vertritt als Dachorganisation die Interessen von über 130.000 Imkern seiner 19 Mitgliedsverbände und ist damit der größte europäische Zusammenschluss. Zweck des Deutschen Imkerbundes e.V. ist es, die Bienenhaltung zu fördern und zu verbreiten, damit durch die Bestäubungstätigkeit der Honigbiene an Wild- und Kulturpflanzen eine artenreiche Natur erhalten bleibt. Zum Schutz aller Blüten besuchenden Insekten wirkt der Deutsche Imkerbund e.V. im Naturschutz und in der Landschaftspflege mit.

Gemeinsam leisten unsere Imkereien, die ganz überwiegend in der Freizeit rund 900.000 Bienenvölker betreuen, einen unverzichtbaren Beitrag für eine reichhaltige und intakte Umwelt durch die Sicherung der Bestäubung mit einem volkswirtschaftlichen Nutzen von rd. 3 Mrd. Euro jährlich.

Die enge Verflechtung von Naturschutz und der Wahrung imkerlicher Interessen schafft zugleich die Voraussetzungen für unverfälschte und hochwertige Bienenerzeugnisse. Der Deutsche Imkerbund e.V. wahrt für seine Mitglieder als Markeninhaber die Schutzrechte und besonderen Qualitätsanforderungen der seit 1925 patentierten Kollektivmarke *Echter Deutscher Honig* als Warenzeichen für Honig aus heimischen Regionen.

Quelle: Deutsche Imkerbund