Rohprotein senken in der Fütterung von Öko-Masthühnern?

Score für Fußballenveränderungen (v.l.n.r.): Score 0-4 (Butterworth 2013) - Bildquelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Felicitas Ahrens1, Reinhard Puntigam2, Philipp Hofmann1
1Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierhaltung, Tierernährung und Futterwirtschaft 2FH Soest, Fachbereich Agrarwirtschaft, Ernährung / Qualität tierischer Produkte

Abbildung 1 Langsam wachsende Masthühner (JA57 x ColorYield) an Lebenstag 33 – . Bildquelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Die Reduktion des Gehaltes an Rohprotein (CP) stellt seit Jahren ein zentrales Thema in der Geflügelfütterung dar. Ganz nach dem Motto „weniger ist am Ende mehr“, denn geringere Stickstoffausscheidungen und folglich Ammoniakemissionen sowie geringere Futterkosten sprechen dafür. Der gezielte Einsatz freier Aminosäuren in der konventionellen Fütterung macht dies möglich. Unter ökologischen Fütterungsbedingungen sind die Spielräume jedoch deutlich geringer. Der Grund ist bekannt: Freie Aminosäuren sind futtermittelrechtliches Tabu in den Futtertrögen ökologisch gehaltenen Geflügels.

Warum Rohprotein senken?

Abbildung 2: Score für Fußballenveränderungen (v.l.n.r.) Score 0-4 (0: intakt bis 4: hochgradige Pododermatitis) – . Bildquelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Ein Überschuss an CP im Futter verlässt über die Exkremente ungenutzt das Tier. Erhöhte Stickstoffausscheidungen und Ammoniakemissionen sind die Folge. Diese Ausscheidungen belasten Stall- und Umweltklima und können sich auf Grund verminderter Einstreu- und Luftqualität negativ auf die Tiergesundheit auswirken. In der Rationsgestaltung für konventionell gehaltenes Geflügel lassen sich diese negativen Effekte gezielt und ohne Leistungseinbußen vermindern, indem der CP-Gehalt abgesenkt und der Bedarf an limitierenden Aminosäuren (z. B. Methionin, Lysin) über die Zugabe freier Aminosäuren gedeckt wird. Denn schlussendlich benötigt das Tier Aminosäuren und nicht Protein. Im Ökolandbau ist diese Strategie der Fütterung jedoch nicht möglich.

Öko-Fütterung: Aminosäuren im Futter ausschließlich vom Acker

Abbildung 3 Langsam wachsende Masthühner der Herkunft JA57 x ColorYield an Lebenstag 5 – . Bildquelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Ökologisch wirtschaftende Geflügelhalter müssen den erforderlichen Bedarf an Aminosäuren ihrer Tiere ausschließlich über den Einsatz der Einzelfuttermittel decken. Die Folge: Der CP-Gehalt im Futter liegt oftmals deutlich höher als bei konventionellen Rationen, um mögliche Versorgungslücken durch Limitierungen von Aminosäuren zu vermeiden. Je höher die Leistung, desto höher die erforderlichen Nährstoffkonzentrationen in den Rationen. Auch aus diesem Grund werden in der ökologischen Hühnermast für gewöhnlich langsam wachsende Herkünfte eingesetzt. Während für schnell wachsende Herkünfte umfangreiche Erkenntnisse und Empfehlungen zur energie- und nährstoffangepassten Rationsgestaltung vorliegen, bestehen für langsam wachsende Herkünfte weiterhin Wissenslücken darüber, wie stark sich der CP-Gehalt absenken lässt, ohne Leistungseinbußen in Kauf nehmen zum müssen (Rezaei et al., 2018).

Eine Untersuchung am Versuchs- und Bildungszentrum Geflügel, Staatsgut Kitzingen, ging infolgedessen der Frage nach, ob und in welchem Umfang eine CP-Absenkung in ökokonformen Alleinfuttermischungen möglich ist, ohne die Mast- und Schlachtleistung langsam wachsender Masthühner negativ zu beeinflussen. Neben dem Effekt der CP-Reduktion auf die Leistung wurden ebenfalls die Auswirkungen auf die Stickstoffausscheidungen sowie Stickstoffnutzungseffizienz kalkuliert.

Zur Untersuchung

Tabelle 1

In einer 56-tägigen Fütterungsstudie wurden etwas mehr als 1.000 langsam wachsende Masthühner der Herkunft Hubbard JA57 × ColorYield gemischtgeschlechtlich in 24 identischen Abteilen (je 44 Tiere) gehalten. Dabei wurde die im Ökolandbau maximal zulässige Besatzdichte von 21 kg/m2 eingehalten. Zur Anwendung kamen drei Futtervarianten mit je acht Abteilen als Wiederholungen:
• K (Kontrolle): Starter 19,7 % CP; Mast 19,1 % CP
• CP- (CP-reduziert): Starter 19,3 % CP; Mast 18,1 % CP
• CP– (stärker CP-reduziert): Starter 18,1 % CP; Mast 17,4 % CP

Tabelle 2

Die Fütterung erfolgte zweiphasig (Starter: Tag 1–21, Mast: Tag 22–56). Durch den Verzicht freier Aminosäuren gingen die sinkenden CP-Gehalte mit einer Reduktion der Gehalte an Aminosäuren in den Rationen einher (Tabelle 1). Neben den wichtigsten Mast- und Schlachtleistungsmerkmalen wurden die Wasseraufnahme, die Mortalität sowie die Fußballengesundheit der Tiere erfasst.

Mastleistung: Weniger Protein = weniger Aminosäuren = weniger Leistung
Die Ergebnisse zeigen: Mit sinkendem CP-Gehalt sanken auch die tierischen Leistungen (Tabelle 2). Bis zum Futterwechsel am 21. Lebenstag unterschieden sich die Körpermassen bereits signifikant entsprechend der CP-Reduktion (K > CP- > CP–). Am Mastende (Tag 56) lagen die Varianten CP- und CP– auf vergleichbarem Niveau, blieben jedoch hinter jenen der Gruppe K. Dies deckt sich mit weiteren Ergebnissen: Die höchsten täglichen Lebendmassezunahmen und Futteraufnahmen wurden über die gesamte Mastdauer bei den Tieren der Gruppe K erzielt. Daraus resultierte der signifikant beste Futteraufwand bei K im Vergleich zu den CP-reduzierten Fütterungsvarianten (2,29 vs. 2,35 und 2,33 kg/kg).

Das verringerte Wachstum bei Tieren der CP-reduzierten Futtervarianten deutet darauf hin, dass mindestens eine Aminosäure das Wachstum der Tiere limitierte. Da keine freien Aminosäuren diese Lücke füllten, sank mit reduziertem CP-Gehalt zwangsläufig die Aminosäurenversorgung und damit die Leistung. Zusätzlich wurde im Zuge der CP-Reduktion der Anteil höher verdaulicher Eiweißkomponenten reduziert (Sonnenblumenkuchen aus geschälter Saat, konventioneller Maiskleber, konventionelles Kartoffeleiweiß), was die Aminosäurenverfügbarkeit in puncto Verdaulichkeit weiter eingeschränkt haben dürfte.

Schlachtleistung und Tierwohl

Tabelle 3

Analog zur Mastleistung sanken mit zunehmender CP-Reduktion ebenfalls die Schlachtkörpergewichte sowie folgend die absoluten Gewichte der Teilstücke (Tabelle 3). Die prozentualen Anteile am Schlachtkörper blieben hingegen weitgehend unverändert. Auch die Ausschlachtung lag bei Tieren der Gruppe K höher im Vergleich zu den CP-reduzierten Varianten.

Neben den Mast- und Schlachtleistungen schnitt die Gruppe K auch bei der Fußballengesundheit am besten ab (Tabelle 4). Die beiden CP-reduzierten Varianten wiesen signifikant schlechtere (höhere) Scores auf.

Tabelle 4

Stickstoffnutzungseffizienz: Vorteil mit Einschränkungen
Mit sinkendem CP-Gehalt stieg die kalkulatorische Stickstoffnutzungseffizienz signifikant an (K < CP- < CP–). Als Grund hierfür kann die geringere Stickstoffaufnahme der Tiere bei gleichzeitig moderatem Rückgang des Stickstoffansatzes (Muskelzuwachs) genannt werden (Tabelle 2). Damit zeigt sich ein Für und ein Wider: Eine CP-Reduktion erhöhte auf der einen Seite die Stickstoffnutzungseffizienz, jedoch geht diese auf der anderen Seite mit geringeren Leistungen einher.

Ökonomie: Kontrollration im Vorteil
Sowohl der kalkulierte Erlös über Futterkosten (IOFC) als auch der Europäische Produktionsindex (EPI) lag bei den Tieren der Gruppe K signifikant über jenen der beiden CP-reduzierten Varianten. Die geringeren Futterkosten auf Grund der Proteinreduktion konnten die Leistungseinbußen somit nicht kompensieren (Tabelle 2).

Schlussfolgerungen
Eine Reduktion des CP-Gehalts ohne die Möglichkeit des Einsatzes freier Aminosäuren in ökologischen Futtermischungen resultierte in Leistungseinbußen bei langsam wachsenden Masthühnern. Bereits moderate Absenkungen von 0,4 %-Punkten im Starter und 1 %-Punkt (19,7 vs. 19,3 % und 19,1 vs. 18,1%) in der Mastphase hatten negative Auswirkungen auf die Mast- und Schlachtleistung sowie folglich die Ökonomie. Vorteilig erhöhte sich durch die CP-Reduktion die Stickstoffnutzungseffizienz, was sich jedoch nachteilig auf die Kosten der Produktionsleistung ausübte. Ob diese Effekte der Leistungsminderung durch gezieltere Strategien vermieden werden können– z.B. durch eine spätere CP-Absenkung in der Mastphase oder zusätzliche Fütterungsphasen, wird aktuell im Projekt „MastOpti(M)Um“ untersucht

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