Kälber häufig vielen Erregern gleichzeitig ausgesetzt

0

Von Dr. Heike Engels

Kälberdurchfall und Rindergrippe sind die beiden häufigsten Erkrankungen bei Kälbern auf Milchviehbetrieben in Nordamerika, aber auch hier in Europa und Deutschland. In den USA und Kanada werden 17 % bzw. 24 % der Kälber wegen Kälberdurchfall behandelt sowie 10 % und 21 % aufgrund von Rindergrippe. Kälberdurchfall hat einen Anteil von etwa 57 % bei den Gründen, warum Kälber früh sterben, und Rindergrippe ist für etwa 24 % der Kälberangänge verantwortlich. Die Zahlen sind ähnlich zu europäischen Bedingungen.

Neugeborenen-Kälberdurchfall ist ein Komplex, das häufig durch eine Wechselwirkung zwischen schwacher Kälberimmunität und einer Infektion durch einzelne oder mehrere Krankheitserreger verursacht wird. Dazu zählen bovines Rotavirus Gruppe A, bovines Coronavirus (BCV), Salmonella enterica spp., Escherichia coli K99+ und Cryptosporidium parvum. Ebenso ist Rindergrippe bei Kälbern eine multifaktorielle Erkrankung, die durch mehrere Erreger verursacht wird, darunter Mannheimia haemolytica, Pasteurella multocida, Histophilus somni, Mycoplasma bovis, Bovine Virus Diarrhea Virus (BVDV), Respiratory Syncytial Virus (BRSV), Bovines Parainfluenzavirus Typ 3 (BPI3V), Rinderherpesvirus Typ 1 (BHV-1) und BCV.

Regionale Unterschiede Bei Erregern und Risikofaktoren
Es liegen nur begrenzte veröffentlichte Daten über die Häufigkeit der mit Kälberdurchfall und Rindergrippe assoziierten Krankheitserreger auf Herdenebene bei Milchkälbern vor. Unterschiede im Management von Kälbern und ihrer Umgebung können die Häufigkeit von Krankheitserregern innerhalb einer Herde beeinflussen. Beispielsweise war die Wahrscheinlichkeit, dass Milchviehbetriebe, die keinen separaten Abkalbestall hatten, positiv auf M. bovis waren, höher als bei Betrieben, die über einen separaten Abkalbestall verfügten. Außerdem wurde Rindergrippe in den Wintermonaten (Dezember bis März) im Vergleich zu anderen Jahreszeiten häufiger aus Mast- und Milchkälbern isoliert. Darüber hinaus haben Managementpraktiken möglicherweise nicht die gleichen Auswirkungen auf das regionale Vorkommen von Krankheitserregern. In Milchviehbetrieben in Süd-Ontario, Kanada, war die Fütterung von Milchaustauscher an Milchkälber mit einer erhöhten Ausscheidung von C. parvum verbunden, während sie in Milchviehbetrieben aus New York mit einem Rückgang der C. parvum-Infektion verbunden war. Daher ist eine genaue Dokumentation der mit Kälberdurchfall und Rindergrippe verbundenen Krankheitserreger und Risikofaktoren auf regionaler Ebene erforderlich.

Deshalb war das Ziel einer Querschnittsstudie*, das Auftreten von mit Kälberdurchfall und Rindergrippe assoziierten Durchfall- und Atemwegs-Krankheitserregern in einer Population von Milchkälbern innerhalb einer Stichprobe von Milchviehherden zu bestimmen und Risikofaktoren auf Herdenebene herauszufinden. Von April bis August 2022 wurde einmalig eine Stichprobe von 100 Milchviehbetrieben in Ontario besucht. Auf den Betrieben wurde ein Fragebogen zu den Themen Biosicherheit, Kalbe- und Kolostrummanagement, Fütterung vor dem Absetzen und Haltung ausgefüllt. Bei jedem Betriebsbesuch wurden etwa fünf Kälber im Alter zwischen 2 und 35 Tagen nach dem Zufallsprinzip für die Kotprobenahme ausgewählt. Darüber hinaus wurden etwa fünf Kälber im Alter zwischen 21 und 122 Tagen nach dem Zufallsprinzip für die Nasopharynx-Probenahme ausgewählt. Insgesamt wurden 363 Kotproben (von 83 Milchviehbetrieben) und 390 Nasopharyngealabstrichproben (von 80 Milchviehbetrieben) gesammelt. Kotproben wurden einzeln mithilfe einer Multiplex-PCR analysiert, um bakterielle und parasitäre Darmpathogene zu identifizieren. Nasopharyngealabstriche wurden als eine gepoolte Probe pro Betrieb mittels Bakterienkultur und Echtzeit-PCR analysiert.

Die 100 einbezogenen Milchviehbetriebe melkten im Durchschnitt 126 Milchkühe und hatten im Durchschnitt insgesamt 281 Tiere, darunter Kühe, Färsen und Ochsen und Bullen. Die durchschnittliche Anzahl Milchkälber (d.h. < 60 Tage) betrug 81,2. In 46 Milchviehbetrieben waren die Kälber einzeln aufgestallt, während 54 in Gruppenhaltungen lebten. In 80 Betrieben kam die manuelle Milchfütterung zum Einsatz, während in neun Betrieben ausschließlich die automatische Milchfütterung und in 11 Betrieben eine Kombination aus manueller und automatischer Milchfütterung zum Einsatz kam. 43 Betriebe verwendeten Milchaustauscher als häufigste Milchquelle, während 48 Betriebe hauptsächlich Vollmilch nutzten. In zwei Betrieben wurde die gleiche Verwendung von Milchaustauscher und Vollmilch praktiziert, und vier bzw. zwei der Betriebe verwendeten hauptsächlich Sperrmilch bzw. angesäuerte Milch. Einige Erreger besonders häufig
Die am häufigsten auf Herdenebene nachgewiesenen enterischen Krankheitserreger waren Cryptosporidium parvum (67,4 %) und Escherichia coli K99+ (13,2 %). Die am häufigsten auf Herdenebene nachgewiesenen Atemwegserreger waren Pasteurella multocida (62,5 %), bovines Coronavirus (42,5 %, BCV) und Mycoplasma bovis (21,2 %). Die Studie ergab im Vergleich zu Atemwegserkrankungen bei altersgemäßen Kälbern in einer Stichprobe von Milchviehbetrieben in Ontario eine viel höhere Prävalenz von Kälberdurchfall auf Herden- und Tierebene.

Zwei Faktoren waren mit C. parvum verbunden: die Anzahl der Kälber vor dem Absetzen pro Jahr auf dem Betrieb und die Quelle der gefütterten Milch. C. parvum war positiv korreliert für Betriebe mit mehr als 61 noch nicht abgesetzten Kälbern pro Jahr und der überwiegenden Fütterung von Vollmilch an die Kälber. Das Vorkommen von M. bovis war positiv mit Herden korreliert, die manuelle und automatische Milchfütterungssysteme kombinierten, und das Vorkommen des bovinen Coronavirus korrelierte positiv mit mehr als 98 noch nicht abgesetzten Kälbern im Laufe des Jahres. Weiterhin wurde der Zusammenhang zwischen den häufigsten Krankheitserregern und der Kälbersterblichkeit vor dem Absetzen untersucht. Herden, die positiv auf C. parvum, M. bovis oder bovines Coronavirus waren, hatten ein höheres Risiko, dass die Kälber vor dem Absetzen starben. Diese Ergebnisse liefern Erkenntnisse für die zukünftige Forschung zu Krankheitserregern im Zusammenhang mit Durchfall bei neonatalen Kälbern und Atemwegserkrankungen bei Rindern und bieten Orientierung für Tierärzte und Milchbauern bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Krankheitsbekämpfung in Milchkälberherden, auf denen häufig Kälberdurchfall oder Rindergrippe vorkommen.

Kälberdurchfall häufiger als Grippe
Die Tatsache, dass etwa drei Viertel der Herden und ein Drittel der Kälber von Kälberdurchfall betroffen waren, zeigt, dass die aktuellen Ansätze zur Bekämpfung von Kälberdurchfall in dieser Herde verbessert werden könnten. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass in zwei Dritteln der Betriebe C. parvum bei Kälbern festgestellt wurde und dieser signifikant mit einer erhöhten Sterblichkeit vor dem Absetzen verbunden war, empfehlen die Wissenschaftler*innen, dass sich die Kontrollprogramme auf eine bessere Bekämpfung dieses Erregers konzentrieren sollten. Besorgniserregend war die hohe Prävalenz von BCV und M. bovis auf Herdenebene, da beide mit einer erhöhten Sterblichkeit vor dem Absetzen verbunden waren. Während P. multocida häufig nachgewiesen wurde und statistisch mit Rindergrippe assoziiert war, ist seine klinische Relevanz für die Wissenschaftler*innen unklar und war nicht mit der Mortalität vor dem Absetzen verbunden.

Je mehr Kälber sich im Betrieb befinden, desto größer ist das Risiko, bestimmte Darm- und Atemwegserreger zu entdecken. Die Zusammenhänge zwischen der Art der Milchfütterung und dem Nachweis von Krankheitserregern waren widersprüchlich, was darauf hindeutet, dass kontrollierte Studien erforderlich sind, um diesen potenziell wichtigen Übertragungsweg weiter aufzuklären. Darüber hinaus haben die Wissenschaftler*innen Lücken in der wissenschaftlichen Literatur zu Krankheitserregern im Zusammenhang mit Kälberdurchfall und Rindergrippe identifiziert, die für zukünftige Forschung berücksichtigt werden sollten.

*Studie:
S.G. Umaña Sedó et al.:∙ Herd-level occurrence and risk factors associated with respiratory and enteric pathogens from dairy calves in Ontario: A cross-sectional study. Journal of Dairy Science, Articles in Press, October 14, 2024.

Zuerst erschienen im E-Magazin „Der Hoftierarzt“ 6-2024

Lebensmittelsicherheit: Biofilme verbessern das Überleben von Listerien

0

Die Listeriose ist eine seltene, aber gefährliche bakterielle Erkrankung. Ursache dieser Krankheit sind durch Listerien verunreinigte Lebensmittel. Listerien sind weit verbreitet und kommen auch häufig in lebensmittelverarbeitenden Betrieben vor, wo Nahrungsmittel kontaminiert werden können. Eine aktuelle Studie unter Leitung des COMET-Zentrums FFoQSI (Austrian Competence Centre for Feed and Food Quality, Safety and Innovation; gefördert durch BMK, BMDW und den Bundesländern Niederösterreich, Oberösterreich und Wien) und der Vetmeduni zeigt nun, dass Listeria (L.) monocytogenes bestehende Biofilme besiedeln kann. Aber nicht nur das, L. monocytogenes versteckt und überlebt auch in Biofilmen.

Mikroorganismen in der natürlichen und vom Menschen gemachten Umwelt leben überwiegend in Gemeinschaften, die durch eine selbstproduzierte Matrix aus extrazellulären polymeren Substanzen (EPS) geschützt sind. Innerhalb dieser sogenannten Biofilme zeigen die mikrobiellen Zellen veränderte Phänotypen und Genexpressionsmuster. Darüber hinaus dient die selbst produzierte gemeinsame Matrix als Schutzschild, Nährstoffquelle und bietet Raum für den genetischen Austausch.

Erhöhte, langfristige Überlebensfähigkeit im Versteck der Biofilme
L. monocytogenes können über einen längeren Zeitraum in der Umgebung der Lebensmittelproduktion überleben. Hier bieten Biofilme möglicherweise eine Nische für langfristiges Überleben, da sie vor Umweltschwankungen und Desinfektionsmitteln schützen, wie Studienerstautorin Eva Voglauer vom FFoQSI (Austrian Competence Centre for Feed and Food Quality, Safety and Innovation) erklärt: „Unsere Daten deuten darauf hin, dass sich L. monocytogenes in Multispezies-Biofilmen ansiedeln kann, was die Überlebensfähigkeit gegenüber Reinigung und Desinfektion in lebensmittelverarbeitenden Betrieben erhöhen und die Persistenz unterstützen könnte.“

Demnach wird die bakterielle Zusammensetzung und Matrixkomposition der Biofilme durch die Anwesenheit von L. monocytogenes nicht signifikant beeinflusst, das heißt Listerien verstecken sich unbemerkt im Biofilm. Die Genexpressionsstudie zeigte laut Studien-Letztautorin Kathrin Kober-Rychli (Zentrum für Lebensmittelwissenschaften und Öffentliches Veterinärwesen/Vetmeduni) weiters, „…dass L. monocytogenes ein spezifisches Set an Genen benötigt, um sich in Biofilmen anzusiedeln.“

Analyse von Listerien in einem Biofilm aus einem Fleischverarbeitungsbetrieb
Für ihre Studie untersuchten die Wissenschafter:innen das Verhalten eines Isolats von L. monocytogenes in einem Multispezies-Biofilm. Dieser setzte sich aus Pseudomonas fragi, Brochothrix thermosphacta und Carnobacterium maltaromaticum zusammen. Diese Isolate wurden aus einem Biofilm eines Fleischverarbeitungsbetriebes entnommen. Analysiert wurden die Zusammensetzung der Biofilmgemeinschaft und der Matrix sowie die Transkriptionsaktivität. „L. monocytogenes besiedelte den Multispezies-Biofilm und machte nach sechs Stunden 6,4 % aller Biofilmzellen aus. Die transkriptomische Analyse ergab, dass 127 Gene von L. monocytogenes im Vergleich zum Inokulum signifikant hochreguliert waren, darunter Gene, die mit Motilität, Chemotaxis, Eisen- und Proteintransport zusammenhängen“, betonen die Studienautorinnen.

Listeriose bei Mensch und Tier: Seltene, aber gefährliche Erkrankung
Listerien finden sich auch in gekühlten, vakuumverpackten Lebensmitteln – und können sich unter diesen widrigen Umständen sogar vermehren. Grund sind zwei Fähigkeiten, die Listerien auszeichnen: Einerseits sind sie kältetolerant und andererseits können sie von einem aeroben in einen anaeroben Zustand wechseln. Darüber hinaus sind Listerien sehr säureresistent und auch gegenüber hohen Salzkonzentrationen unempfindlich. Vermutlich nicht zuletzt aufgrund dieser Eigenschaften sind sie in der Natur fast überall zu finden. Aufgrund hoher hygienischer Standards und dem Durcherhitzen von vielen gefährdeten Produkten ist die Zahl der Erkrankungen an einer Listeriose gering. In Österreich wurden im Jahr 2023 von der Nationalen Referenzzentrale (NRZ) 37 Fälle einer invasiven Listeriose beim Menschen gemeldet.

Dabei handelt es sich um schwere Verläufe, die fast ausschließlich Kleinkinder und Menschen mit geschwächter Immunabwehr betreffen und auch zum Tod führen können. In aller Regel wird der Erreger über die Nahrung aufgenommen. Betroffen sind neben dem Menschen auch andere Säugetiere, insbesondere Wiederkäuer, in seltenen Fällen jedoch auch Vögel und sogar Fische und Krebse.

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien

Erfolgreiche Zertifizierung für nachhaltiges Fütterungskonzept von Schweinen

0

Noch für das Jahr 2025 haben sich verschiedene Teilnehmer aus der Industrie mit der „Klimaplattform Fleisch“ zum Ziel gesetzt, eine deutschlandweite Branchenlösung für die Reduktion von Treibhausgasemissionen in der Fleischproduktion zu finden. Mit der erfolgreichen Zertifizierung des nachhaltigen Fütterungskonzeptes für Schweine hat KWS nun den ersten, wichtigen Schritt hin zu dieser Lösung gemacht.

Eine roggenbetonte Fütterung von Schweinen fördert die Tiergesundheit und führt zu einer deutlichen Senkung der CO2 Emissionen in der Tierhaltung. Vor diesem Hintergrund hat KWS gemeinsam mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover ein nachhaltiges Fütterungskonzept für Schweine entwickelt – basierend auf Ergebnissen des durch den Bund geförderten 6-R Projektes1. Mit dessen Umsetzung können rund 20 bis 30 Prozent der CO2 Emissionen bis zur Schlachtung eingespart werden. Der Grund: Roggen ist im Anbau ressourceneffizienter als andere Kulturarten. Für dieses zukunftsorientierte Fütterungskonzept hat KWS nun die offizielle Zertifizierung nach ISO 14064-2 erhalten.

„Die Klimaplattform dient dazu, die Hauptverursacher der CO2 Emissionen in der Landwirtschaft und Fleischindustrie zu identifizieren, die einzelnen Komponenten anzupassen und so die Bilanz zu verbessern“, sagt Dr. Andreas von Felde, der bei KWS den Bereich Tierfütterung international verantwortet. „KWS hat mit der erfolgreichen Zertifizierung des 6-R Konzeptes Verantwortung für einen wichtigen Part in dieser Wertschöpfungskette übernommen und alle Beteiligten näher an die angestrebte Branchenlösung für 2025 gebracht.“ Eine artgerechte, gesundheitsfördernde Tierhaltung und die nachhaltige Produktion von Lebensmitteln sind eine gesellschaftliche Forderung. Insbesondere der Lebensmitteleinzelhandel erwartet daher von der Industrie eine nachhaltige Fleischproduktion. Neben der Fütterung haben weitere Aspekte wie die Haltungsform, das Betriebsmanagement, der Energieverbrauch und vieles mehr großen Einfluss auf die CO2 Bilanz. Alle Komponenten kommen nun auf den Prüfstand, um Verbesserungspotenziale zu finden und die Klimabilanz zu verbessern.

Eine emissionsreduzierte Tierfütterung ist ein wichtiger Beitrag, um die Tierhaltung in Deutschland und Europa zu sichern und um den ökologischen Fußabdruck in der Lebensmittelproduktion zu verringern. Die Unterstützung einer nachhaltigen Ernährung ist Teil der KWS Nachhaltigkeitsinitiative 2030, mit der sich das Unternehmen ambitionierte und messbare Ziele setzt, um Lösungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu liefern. Mit einem breiten Produktportfolio an Kulturarten und digitalen Tools entwickelt KWS im Rahmen des Seed2FEED Programms Lösungen für eine nachhaltige, ressourcenschonende und ökonomische Tierfütterung.

1: 6-R: Regionale Renaissance von Roggen und Raps zur Reduktion von Problemen in Pflanzenbau und Tierproduktion durch Reevaluation der Inhaltsstoffe und deren gezielte Nutzung zur Förderung des Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutzes. Das 6-R Konzept wurde von Prof. Dr. Josef Kamphues (Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover) entwickelt und wird heute als Grundlage für eine roggenreiche Fütterung genutzt.

Quelle: KWS

Weiterer Fortschritt im Kampf gegen Maul- und Klauenseuche – EU legt Zeitplan für weitere Zonierung fest

Im Kampf gegen die Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche in Brandenburg hat die EU-Kommission mit einem Durchführungsbeschluss das weitere Vorgehen im Hinblick auf die tiergesundheitlichen Sperrzonen festgelegt. Der Beschluss wurde möglich, weil die Tierseuchenmaßnahmen zügig umgesetzt wurden und es zu keiner weiteren Ausbreitung des Seuchengeschehens kam. Die 3-Kilometer-Schutzzone wird ab sofort aufgehoben und in die Überwachungszone integriert. Diese gilt noch bis zum 24. Februar weiter. Im Anschluss gelten dann die Überwachungsmaßnahmen bis zum 11. April in einer kleineren Zone.

Dazu erklärt Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft: „Das konsequente Vorgehen gegen die Maul- und Klauenseuche zahlt sich aus. Nach wie vor beschränkt sich der Ausbruch auf einen Betrieb. Das zeigt, dass die getroffenen Maßnahmen richtig sind und wirken.

Wir haben als Land für unser konsequentes und transparentes Vorgehen international von vielen Seiten Anerkennung erhalten und Vertrauen aufgebaut. Das zahlt sich nun auch in den Verhandlungen mit unseren europäischen Partnern aus. Die jetzt durch die EU-Kommission festgelegte kleinere Zone, die es für die sogenannte Regionalisierung braucht, ist eine direkte Folge dieser guten Arbeit. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf dieser Basis auch bei den Verhandlungen mit Drittstaaten eine gute Ausgangsposition haben.

Mein Dank gilt allen, die gerade vor Ort, im Land, im Bund, in den Laboren gemeinsam von früh bis spät mithelfen, Tiere zu schützen und die Folgen auf unsere Land- und Lebensmittelwirtschaft so gering wie möglich zu halten. Kein Hof soll wegen der Maul- und Klauenseuche aufgeben müssen – daran arbeiten wir mit Hochdruck.“

Parallel dazu werden bereits die Vorbereitungen für die Beantragung der Wiedererlangung der MKS-Freiheit Deutschlands bei der WOAH getroffen. Der Durchführungsbeschluss der EU ist seit Dienstag rechtskräftig.

Quelle: BMEL

Aktuelles Interview: Federpicken bei der Legehenne – Hat die „inneren Uhr“ etwas damit zu tun?

0

Federpicken ist ein unerwünschtes Verhalten von Legehennen, das sich oft schon in den ersten Lebenswochen einstellt und unbehandelt zu schweren Verletzungen unter den Tieren führen kann. Die Wissenschaft ist sich nach wie vor uneins, welche Faktoren ursächlich Auslöser für dieses Verhalten sind. Prof. Dr. Werner Bessei, Institut für Nutztierwissenschaften der Universität Hohenheim, sowie Senior Vice-President der World Poultry Science Association (WPSA) und Präsident der deutschen Zweigstelle, hat in diesem Zusammenhang den circadianen Rhythmus einmal genauer betrachtet.

Herr Prof. Bessei, hat die Wissenschaft schon eine Erklärung für das Federpicken?
Die Forschung nach den Ursachen des Federpickens beim Geflügel hat bisher nicht zu einem entscheidenden Durchbruch geführt. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr Faktoren mit Federpicken in Zusammenhang gebracht, wie z. B. die Ernährung, Haltung (Einstreu, Besatzdichte, Gruppengröße), Genetik, Klima und Licht. Basierend auf diesen Kenntnissen wurden Management-Maßnahmen zur Verhinderung dieses schadensträchtigen Verhaltens entwickelt. Das Resultat war jedoch in den meisten Fällen nicht überzeugend. Von allen Maßnahmen hat sich das Absenken der Lichtintensität als wirksamste Methode zur Kontrolle des Federpickens herausgestellt. Da nach der Tierschutznutztierverordnung jedoch eine Lichtintensität von mindesten 20 Lux vorgeschrieben ist, kann diese Maßnahme nur bedingt eingesetzt werden.

Inwiefern beeinflusst Licht das Federpicken?
In der Praxis werden häufig Ausbrüche von Federpicken beobachtet, wenn im Frühjahr Sonnenlicht durch Fenster oder Lichtbänder in den Stall fällt. Die Lichtintensität steigt dann in den von der Sonne angestrahlten Bereichen von etwa 20 auf mehrere Tausend Lux an. Zur Verhinderung von Federpicken wurden deshalb früher die Fenster in Hühnerställen mit roter Farbe angestrichen. In einer fand man heraus, dass durch hohe Lichtintensität besonders das starke und schädigende Picken anstieg. Das leichte Federpicken, das keine oder nur unbedeutende Gefiederschäden erzeugt, stieg dagegen bei niedriger Lichtintensität an. Trotz der seit langer Zeit bekannten Wirkung des Lichts auf Federpicken wurden bisher nur wenige Versuche dazu durchgeführt. Die Wirkungsweise des Lichts auf Federpicken ist nicht bekannt. Es wurde spekuliert, dass die Hennen bei sehr niedriger Lichtintensität nicht in der Lage sind, zielgenau zu picken, um die Federn zu fassen und heraus zu ziehen. Diese Erklärung ist jedoch nicht zutreffend, denn Hennen können auch bei sehr geringer Lichtintensität noch kleine Unterschiede in der Größe von Futterpartikeln erkennen. Auch Untersuchungen zur Wirkung verschiedener Lichtquellen und -farben auf Federpicken haben bisher keine eindeutigen Ergebnisse erbracht.

Neuere genomische Studien an Legehennen, die auf hohes und niedriges Federpicken selektiert worden waren, zeigten, dass die Expression verschiedener Gene unterschiedlich auf die Lichtintensität reagiert. Unter anderen waren hiervon auch Gene betroffen, die mit der zentralen inneren Uhr und somit mit dem circadianen Rhythmus zusammenhängen. Dies ist insofern interessant, als dass Störungen des circadianen Rhythmus bei Menschen und Versuchstieren zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen wie Hyperaktivität, Hyperaggression, extremer Furcht und Schizophrenie führen können. Es stellte sich somit die Frage, ob nicht auch das Federpicken beim Huhn als Verhaltensstörung im Zusammenhang mit einer Störung des circadianen Rhythmus steht. Dieser Aspekt wurde bisher nicht in Betracht gezogen.

Was versteht man unter dem circadianen Rhythmus?
Die innere Uhr ist genetisch veranlagt und erzeugt einen autonomen unabhängigen Tagesrhythmus, der im Bereich von etwa 24 Stunden liegt. Er wird deshalb circadianer Rhythmus genannt.


Zuerst erschienen im zweimonatlichen Hoftierarzt E-Magazin. Zum kostenfreien Abo bitte einfach hier anmelden und dann den Link in der Bestätigungs-Mail anklicken. Anschließend den ganzen Artikel in der letzten Ausgabe weiterlesen:

 

29. Internationale Bioland-Geflügelfachtagung am 26./27. 2. 2025

0

Die Bioland-Geflügelfachtagung 2025 steht unter dem Motto „Das Huhn der Zukunft – welches Tier steht morgen in meinem Stall?“. Zu den Programm-Highlights gehören drei Fachexkursionen. Bitte geben Sie bei der Anmeldung an, zu welcher Exkursion Sie tendieren:

26. 2. 2025
Eierproduktion
natürlich-BIO-Ei GmbH, Konrad Halder
Schlachtmobilbesichtigung, Edgar Lutz
Geflügelhof Rothäusle, Renate von Sanden

Geflügelfleischproduktion
Achim Faller
Friedhelm Unterweger

Straußenexkursion und Bibliotheksführung im Kloster Bad Schussenried
Bibliotheksführung im Kloster Bad Schussenried: Die Führung durch den Bibliothekssaal im ehemaligen Prämonstratenserkloster Schussenried gibt Einblicke in einen der schönsten barocken Bibliothekssäle Süddeutschlands. Welche Bedeutung eine Bibliothek haben kann – das zeigt die grandiose Raumschöpfung des Schussenrieder Bibliothekssaals. Die Schussenrieder Mönche feierten damit die Welt des Wissens, die ihre große Büchersammlung im 18. Jahrhundert bot.

Straußenfarm Waldburg: Bei der Führung lernen Sie das Betriebskonzept der Straußenfarm Waldburg kennen und erfahren mehr über die Besonderheiten der Afrikanischen Strauße, über ihre Haltung und Fütterung, die Ställe und Gehege.

27. 2. 2025
Zuchtfortschritte bei Legehennen und Mastgeflügel im Bio-Bereich

Diskussion über das Huhn der Zukunft mit Referierenden, Expert:innen und Praktiker:innen

Faire Preise für eine nachhaltige Landwirtschaft, Jan Plagge, Präsident Bioland e. V.

Vollkostenrechnung als Orientierungserlös

Vorstellung eines vollkostendeckenden Eier-Preises, Michael Däuber, Bioland e. V.

Vorstellung eines vollkostendeckenden Hähnchen-Preises, Bernhard Grueb, Bioland e. V.
Die beiden Vorträg finden zeitgleich parallel statt.

Gemeinsam im Plenum: Diskussion über faire Preise mit Akteuren des Bio-Geflügelmarktes und den Tagungsteilnehmenden

Hier geht es direkt zur Anmeldung.

Mastitis: Schulung des Personals gut für Melkroutine, Eutergesundheit und Milchqualität

0

Neben den verschiedenen landwirtschaftlichen Verfahren ist eine durchdachte Melkroutine entscheidend, um Mastitis vorzubeugen und die Sicherheit und Qualität der Milch zu verbessern. Die unzureichende Einhaltung der Melkroutinen bleibt jedoch ein Hauptfaktor, der zur Variabilität der Milchqualität in Herden beiträgt. Die Schulung der Mitarbeiter ist unerlässlich, um die Einhaltung der Melkroutinen sicherzustellen, die sich direkt auf die Milchqualität und Eutergesundheit auswirken. Ziel dieser Studie* war es, die Auswirkungen einer Schulung auf das Verständnis der Mitarbeiter für die Melkroutine, Verhaltensänderungen während des Melkens und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Milchqualität und Eutergesundheit zu untersuchen.

An dem Projekt nahmen Mitarbeiter (n = 112) von 16 kommerziellen Milchviehbetrieben in Michigan und Ohio teil. Die Schulung wurde mit einem aktiven Lernansatz durchgeführt, bei dem Gruppendiskussionen im Vordergrund standen. Der Schwerpunkt lag auf der Pathogenese, Identifizierung und den Risikofaktoren für Mastitis sowie auf den Gründen und der Bedeutung jedes einzelnen Schritts im Melkablauf. Vor und nach der Schulung wurden Bewertungen durchgeführt, um Wissensveränderungen zu messen. Die Melkstände wurden bewertet, um Verhaltensveränderungen festzustellen. Daten aus klinischen Mastitisfällen und der somatischen Zellzahl im Milchtank wurden verwendet, um die Eutergesundheit und Milchqualität abzuschätzen.

Schulung sorgte für mehr Sorgfalt
Zur Beurteilung der Auswirkungen der Schulungsmaßnahme wurden segmentierte und lineare gemischte Regressionsanalysen verwendet. Die Teilnehmer waren überwiegend Melktechniker (61,1 %), wobei 70 % von ihnen weniger als ein Jahr Erfahrung hatten und im Durchschnitt seit 9 Monaten in ihrem Beruf tätig waren. Die Kenntnis der Melkroutine erhöhte sich nach der Schulung von 49,3 % auf 67,6 % der richtigen Antworten. Basierend auf Bewertungen im Melkstand erhöhte sich die Kontaktzeit des Desinfektionsmittels vor dem Melken um 9 s pro Kuh. Der Anteil der Melkvorgänge mit unzureichender Vorbereitungszeit sank von 69 % (vor der Schulung) auf 48 % (nach der Schulung).

Der Anteil unzureichender Zitzenbedeckung während der Desinfektion nach dem Melken sank von 9,8 % (77 von 782) vor dem Training auf 5,9 % (34 von 572) nach dem Training. In der Woche unmittelbar nach dem Training gab es einen deutlichen Anstieg klinischer Mastitisfälle. Die Wissenschaftler*innen vermuten, dass dies mit gesteigerter Aufmerksamkeit für das Entdecken von klinischer Mastitis zusammenhängt. Darüber hinaus wurde der Aufwärtstrend bei der somatischen Zellzahl im Sammeltank gestoppt. Die Ergebnisse deuten auf eine Verbesserung der allgemeinen Mastitiserkennung und der Milchqualität hin und unterstreichen die Bedeutung gezielter Schulungsprogramme für Mitarbeiter zur Verbesserung der Einhaltung der Melkroutine, der Verbesserung der Milchqualität und der Förderung einer besseren Eutergesundheit.

Mehr Zufriedenheit und Engagement
Die Schulung der Mitarbeiter hatte einen positiven Einfluss auf ihr Wissen und ihre Praktiken im Zusammenhang mit Melkroutinen und erzeugte Zufriedenheit und die Bereitschaft, Melkprotokolle einzuhalten. Darüber hinaus wirkte sie sich positiv auf die Praktiken zur Zitzendesinfektion nach dem Melken aus. Angesichts der Schlüsselrolle, die Mitarbeiter für die Milchqualität spielen, sollten regelmäßige Schulungen und Beurteilungen daher Teil ihrer Entwicklung in kommerziellen Milchviehbetrieben sein.

Studie*:
Zelmar Rodriguez et al.: Impact of training dairy farm personnel on milking routine compliance, udder health, and milk quality. Journal of Dairy Science, Articles in Press, November 07, 2024

Quelle: Der Hoftierarzt, Dr. Heike Engels

Zuerst erschienen im E-Magazin „Der Hoftierarzt“ 6-2024

Neue Einblicke in die Interaktion von Darm-Mikrobiom und Wirtstieren

0

Mikrobiome von Lebewesen sind ein Paradebeispiel für symbiotische Beziehungen, da Gast und Wirt gleichermaßen profitieren. Dem Mikrobiom bietet sich als Gast (Symbiont) eine geschützte Lebensumgebung, während dem Wirt gesundheitsförderliche Effekte zugutekommen – so sind beispielsweise bei Tieren wie auch dem Menschen viele Stoffwechselprozesse ohne Mikroorganismen nicht möglich. Eine aktuelle österreichisch-deutsche Studie unter Leitung der Veterinärmedizinischen Universität Wien sowie des Max-Delbrück-Centers for Molecular Medicine in the Helmholtz Association (MDC) untersuchte nun die ökoevolutionäre Dynamik der Wirt-Mikrobiom-Interaktionen anhand von Mäusen.

Nahe verwandte Wirtsarten haben ähnliche Symbionten, aber die Auswirkungen der genetischen Vermischung der Wirte (Hybridisierung) und der Umweltbedingungen auf diese Gemeinschaften sind noch weitgehend unbekannt. „Wir untersuchten deshalb den Einfluss der genetischen Vermischung des Wirts und der Umweltfaktoren auf die prokaryotischen und eukaryotischen Gemeinschaften – Pilze und Parasiten – im Darm der beiden Hausmaus-Unterarten Mus musculus domesticus und M. m. musculus und ihren Hybriden“, erklärt Studienautorin Susana C. M. Ferreira vom Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni.

Infektionen und ihre Wirkung auf das Darm-Mikrobiom
Die Forscher:innen verglichen dazu wild lebende, gefangene Mäuse mit gezüchteten Mäusen aus einer kontrollierten Laborumgebung vor und während einer Störung des Mikrobioms durch eine Infektion. Bei wild gefangenen Mäusen sagten Umweltfaktoren die Gesamtzusammensetzung des Mikrobioms sehr deutlich voraus. Der genetische Abstand zwischen den Unterarten beeinflusste die Gesamtzusammensetzung des Mikrobioms und die einzelnen Komponenten – Bakterien, Parasiten und Pilze – erheblich. Zwar hatte die Hybridisierung nur einen schwachen Effekt, sie wirkte sich aber signifikant auf die Zusammensetzung der Pilze aus. „Ähnliche Muster beobachteten wir bei wildlebenden Mäusen, bei denen der genetische Abstand und die Hybridisierung die Zusammensetzung des Mikrobioms beeinflussten, wobei Pilze gegenüber infektionsbedingten Störungen stabiler waren als andere Komponenten des Mikrobioms“, so Ferreira.

Genetische Unterschiede spiegeln sich in der Beziehung von Wirt und Mikrobiom wider
Der genetische Abstand zwischen den Unterarten hat laut Ferreira einen stärkeren und konsistenten Effekt auf die Mikrobiom-Komponenten als die Unterschiede in der erwarteten Heterozygotie – also der Mischerbigkeit in Bezug auf genetische Merkmale – zwischen den Hybriden. „Das deutet darauf hin, dass die Wirtsdivergenz und die Wirtsfilterung eine Schlüsselrolle bei der Mikrobiom-Divergenz spielen, die von Umweltfaktoren beeinflusst wird. Insgesamt lassen unsere Ergebnisse vermuten, dass sich genetische Unterschiede zwischen den Wirten auf die Symbionten-Gemeinschaften im Darm der beiden Hausmaus-Unterarten auswirken und in den Interaktionen zwischen Wirt und Symbionten widerspiegeln“, erklärt Ferreira.

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien

ShrimpWiz: Mehr Tierwohl in der heimischen Garnelenzucht durch KI

0

Garnelen in deutschen Supermärkten stammen fast ausschließlich aus Zuchtanlagen außerhalb der EU – ohne Nachweis darüber, ob sie artgerecht gehalten wurden. Unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts untersucht ein Konsortium gemeinsam mit dem Unternehmen Oceanloop im Projekt „ShrimpWiz“, wie eine landbasierte Garnelenzucht in Deutschland aufgebaut werden kann, die das Tierwohl garantiert und dabei wirtschaftlich für Unternehmen ist. Hierfür nutzen sie eine Bilderkennungssoftware, um die Tiere automatisiert zu untersuchen und zu versorgen.

In der modernen landbasierten Aquakultur müssen Anlagenbetreiber ihre Garnelen regelmäßig abfischen, messen und wiegen, um die Anzahl der Tiere und ihren Zustand zu erfassen. Dies führt jedoch zu Stress bei den Garnelen und vermindert so das Tierwohl. Auch ist es praktisch unmöglich, Stresssymptome oder sogar kranke Tiere selbst bei optimalen Lichtverhältnissen in den Zuchtanlagen zu erkennen. Genau hier setzt das Projekt „ShrimpWiz“ an: Unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) hat ein Team von Forschenden und Ingenieuren in Zusammenarbeit mit Oceanloop, einem Pionier in der europäischen Indoor-Garnelenzucht, ein System entwickelt, das mit Hilfe einer KI-unterstützten Bilderkennungssoftware Garnelen auf Fotos zählen kann. Unter realistischen Zuchtbedingungen und in Echtzeit kann das System auch die Länge der Tiere mit einer Genauigkeit von 95 Prozent bestimmen.

Mit KI mehr Bewusstsein schaffen für eine nachhaltige und artgerechte Garnelenzucht
Der erste Prototyp wurde in der Forschungs- und Entwicklungsfarm von Oceanloop in Kiel getestet. Ein modernes Smartphone, das über der Wasseroberfläche installiert ist, fotografiert die Garnelen automatisch einmal pro Minute und überträgt die Live-Daten an einen lokalen Server. Hier zählen die Algorithmen von Computer Vision jede einzelne Garnele auf jedem Bild und messen ihre Länge. Durch die Kombination aus hochauflösender Bildqualität, modernster Kamerahardware, leistungsstarken Rechnern und der neuesten Generation von KI-basierten Bildverarbeitungsmodellen konnte das Team sogar optische Anzeichen von Stress bei den Tieren erkennen.

Oceanloop Anlagen nutzen im Gegensatz zur Teichproduktion klares Wasser in der Zucht. Daher eignen sich diese Anlagen hervorragend für die KI-gestützte Überwachung der Garnelen, wie das Konsortium im Vorgängerprojekt „MonitorShrimp“ zeigen konnte. Aufgrund der starken Trübung des Wassers in den traditionellen Teichanlagen ist eine optische Erfassung des Tierwohls, sei es mit bloßem Auge oder automatisierter Bilderkennung, nahezu ausgeschlossen. Dr. Stephan Ende, der Koordinator des Projekts am AWI, ist überzeugt, dass die Klarwassertechnologie daher der Schlüssel zu Fragen des Tierschutzes in intensiven Aquakulturanlagen ist: „Der Einsatz von Bilderkennungssoftware zur Messung der Garnelen ermöglicht eine genaue und nicht-invasive Überwachung von Tierschutz und Produktivität in der Garnelenzucht – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Klarwassertechnologie in Kombination mit unserer Software ‚Early Welfare Alert‘ kann der Ausgangspunkt für jede Tierschutzkennzeichnung in der zukünftigen Garnelenindustrie sein.“ Das Ziel von „ShrimpWiz“ ist, eine marktreife Tierwohl-Software für die landbasierte Garnelenzucht zu entwickeln, die es ermöglicht, alle erforderlichen Informationen in einer einzigen Aufnahme zu erfassen, einschließlich Biomasse, Stress und – in einer späteren Phase auch – mögliche Krankheiten.

„Die nicht-invasive Echtzeit-Überwachung von wichtigen Produktionsparametern wie Wachstum, Futterverwertung, Überleben und Stress wird einen entscheidenden Beitrag zum besseren Verständnis der Garnelenzucht leisten. Wir können diese verwenden, um ein künstliches neuronales Netzwerk zu entwickeln, das alle verfügbaren Farmdaten berücksichtigt, die sich leicht auf mehr als hundert summieren können“, sagt Dr. Bert Wecker, CTO von Oceanloop. Tomasz Kowalczyk, Gründer und CEO von NeuroSYS, das an der Entwicklung des Algorithmus für das Projekt beteiligt war, erklärt: „Technologische Fortschritte können Unternehmen und ganze Branchen verändern. Wir sind bereit, Teil dieses Wandels zu sein und arbeiten daran, die Vorteile von Künstlicher Intelligenz und Deep Learning in der Garnelenzuchtbranche einzuführen.“

Das Konsortium sieht in der Entwicklung von KI-basierter Software eine Möglichkeit, nicht nur das Wohlergehen der Tiere zu verbessern, sondern auch die Produktionseffizienz zu steigern. Die Technologie kann helfen, die Digitalisierung der Indoor-Garnelenzucht voranzutreiben, was notwendig ist, um das heutige Preisniveau im Einzelhandel zu erreichen. „Der Nachweis der technischen Machbarkeit alternativer Lösungen ist von entscheidender Bedeutung, um dem wachsenden Bewusstsein von Kunden und Interessengruppen für eine nachhaltigere und artgerechtere Garnelenzucht gerecht zu werden“, schließt Stephan Ende.

Das Projekt wird gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Rahmen des Innovationsförderprogramms.

Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

PRRS-Bekämpfung in den USA: Einheitlicheres Vorgehen erforderlich

0

Das Porcine Reproductive and Respiratory Syndrome (PRRS) ist eine bedeutende Krankheit in den meisten Schweine produzierenden Regionen weltweit. Das PRRS-Virus (PRRSV) kann mehrere Monate lang in einzelnen Schweinen und Schweinepopulationen überleben. Akute Krankheitsausbrüche sind häufig und werden mit der Einschleppung neuer Viren und dem Fehlen einer angemessenen Herdenimmunität in Verbindung gebracht. Um die Auswirkungen von PRRSV auf die Produktion in Zuchtbeständen zu verringern, werden verschiedene immunologische Lösungen eingesetzt, darunter Lebendvirusimpfungen (LVI) und modifizierte Lebendvirusimpfstoffe (MLV) oder eine Kombination aus beiden.

Vergleich von PRRS-Bekämpfungsmaßnahmen
Mithilfe einer freiwilligen Umfrage* sammelten Wissenschaftler*innen Informationen zu den Maßnahmen, die als Reaktion auf PRRS-Ausbrüche in verschiedenen Zuchtbeständen von 2019 bis 2021 in den Vereinigten Staaten umgesetzt wurden. Sie erfragten Informationen zur Altersstruktur der Herde, Biomanagementpraktiken, diagnostischen Tests und Testergebnissen sowie Produktionsdaten und Ausbruchssymptome der Herden. An dieser Studie nahmen 86 Herden teil, in denen ein PRRS-Ausbruch auftrat. Jede Herde wurde beobachtet, bis der gewünschte PRRS-Herdenstatus erreicht war. Die durchschnittliche Herdengröße betrug 3902 Sauen (Bereich: 765–12.694 Sauen). Vierzig Prozent der Befragten (35 von 86) gaben an, Biomanagementstrategien zur Minimierung der PRRSV-Übertragung unter Sauen und Ferkeln empfohlen und umgesetzt zu haben. Dazu zählen Ammensauen, Rein-raus in der Aufzucht, Injektionsnadelwechsel zwischen Sauen, Ferkelversetzen innerhalb 24 Stunden, lebensschwache Ferkel merzen, Arbeitsablauf von jungen zu alten Tieren, Kleidungswechsel, Desinfektion, und vieles mehr.

Ein PRRS-Ausbruch wurde durch RNA-Nachweis mittels PCR und durch den Tierarzt beobachtete klinische Anzeichen von PRRS (z. B. Zunahme von Fehlgeburten, Zunahme der Sauensterblichkeit, Zunahme der Anzahl totgeborener Ferkel) charakterisiert. Die jeweiligen Herdentierärzte wurden gebeten, einen Fragebogen mit Informationen zur Altersstruktur der Herde und den als Reaktion auf den PRRS-Ausbruch durchgeführten Maßnahmen auszufüllen. Die Tierärzte überarbeiteten den Fragebogen vierteljährlich, bis die Herde den gewünschten Status gemäß den Empfehlungen der American Association of Swine Veterinarians (AASV) zur PRRSV-Herdenklassifizierung erreicht hatte: positiv instabil (I), positiv stabil (II-A), positiv stabil (II-B [wird eliminiert]), vorläufig negativ (III) und negativ (IV).

Zu den Ausschlusskriterien zählten Ereignisse, die sich auf die Ergebnisse der Studie auswirken würden, wie etwa Ausbrüche anderer Krankheiten (z. B. Ferkeldurchfall), ein zweiter PRRS-Ausbruch vor Erreichen der Stabilität oder eine Veränderung des Sauenbestands um ≥ 20 % aufgrund von Faktoren, die nichts mit dem PRRS-Ausbruch zu tun hatten. Die Daten wurden von Farmen in Iowa, Nebraska, Oklahoma, Minnesota, Illinois, Indiana, Texas, Ohio, Colorado und Kansas gesammelt.

Ergebnisse schlechter als noch vor 10 Jahren
Bei 86 Herdenausbrüchen wurden unterschiedliche Biomanagementpraktiken beobachtet. Die mediane Zeit bis zur Stabilität betrug 38,0 Wochen und die Zeit bis zum Erreichen der Basisproduktivität betrug 22,0 Wochen. Die medianen Gesamtproduktionsverluste betrugen 3675 Schweine pro 1000 Sauen; die Zeiten bis zur Stabilität und Basisproduktivität waren länger und die Verluste höher als in einer vor zehn Jahren durchgeführten Studie (26,6 Wochen, 16,5 Wochen bzw. 2217 Schweine/1000 Sauen). Die Strategie zur Herdenschließung, Herdeninterventionen wie Lebendvirusimpfung und abgeschwächter Lebendvirusimpfstoff sowie Biomanagementstrategien zur Verringerung der Virusübertragung zwischen Sauen und Schweinen waren in den untersuchten Herden inkonsistent. Die Vielfalt der in dieser Studie berichteten Biomanagementmaßnahmen zeigte, dass nach einem PRRS-Ausbruch mehr Konsistenz, also mehr einheitliches Vorgehen, zwischen den Herden erforderlich ist.

*Studie:
Rodrigo C. Paiva et al.: Description of practices adopted in response to porcine reproductive and respiratory syndrome outbreaks among breeding herds in the United States from 2019-2021. Journal of Swine Health and Production, September and October, 2024. Volume 32, Number 5 .

Quelle: Der Hoftierarzt, Dr. Heike Engels

Zuerst erschienen im E-Magazin „Der Hoftierarzt“ 6-24. Für ein kostenfries Abo kann man sich hier ganz einfach registrieren.