Bürgerrat Ernährung – Ratlosigkeit vorprogrammiert

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Noch vor dem Startschuss für die erste Sitzung des „Bürgerrats Ernährung“ im September produziert das Projekt einen Rohrkrepierer. Eine bemerkenswerte Leistung – aber der Reihe nach.

„Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages haben am Mittwoch, 10. Mai 2023, die Einsetzung eines Bürgerrates zum Schwerpunkt „Ernährung im Wandel: Zwischen Privatangelegenheit und staatlichen Aufgaben“ beschlossen“, heißt es auf der Internetseite des Bundestages

Und weiter: „160 ausgeloste Bürgerinnen und Bürger sollen (…) Fragen zur Umwelt- und Klimaverträglichkeit, Haltungsbedingungen von Nutztieren, Produktion von Produkten, transparente Lebensmittelkennzeichnung und Lebensmittelverschwendung diskutieren. (…) Außerdem stehen Fragen darüber an, welche Rolle der Staat im Hinblick auf Bildungsangebote in Schulen im Hinblick auf Ernährungsthemen spielen soll, ob er steuerliche Vorgaben machen oder bei der Preisbildung eingreifen soll.“

Ein externer Dienstleister soll bei den Sitzungen des Bürgerrates für neutrale Moderation sorgen. Er wird bei der Zusammensetzung eines Experten-Pools sowie bei der Gestaltung des Prozessdesigns beraten von einem „Wissenschaftliche Beirat aus zwölf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anerkannter Hochschulen und Forschungseinrichtungen“.

So weit so gut. Schaut man sich allerdings die elf (!) Mitglieder dieses wissenschaftlichen Beirats an, muss man konstatieren, dass den meisten Mitgliedern zu den meisten Themen jede Kompetenz für die Auswahl geeigneter Fachleute fehlt. Wenn das Gremium zur Hälfte aus Medizinern besteht, ist auch kaum etwas anderes zu erwarten.

Tabelle 1 listet Namen und Fachgebiete der Beiräte auf (Informationen und Links unten).

Tabelle 2 ordnet allen Personen Kompetenzen für die anstehenden Themen des Bürgerrats zu („x“ für sicher und „?“ für eventuell).

Tabelle 2: Kompetenzen der Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats

 

 

Was sofort ins Auge sticht: Die Grundlagen-Themen „Nutztierhaltung“ und „Urproduktion“ sind völlig unbesetzt! Wie aber soll – ohne jede fachliche Einführung in Pflanzenbau und Tierhaltung – eine sinnvolle Diskussion über Ernährungsfragen überhaupt zustande kommen? Schließlich ist ohne Urproduktion so gut wie gar keine Ernährung möglich – außer für Jäger und Sammler.

Auch zur industriellen Produktion von Lebensmittel besitzt niemand Expertise (in Zeiten von In-vitro-Fleisch und pflanzlicher Ersatzprodukte wäre auch das aber erwägenswert).

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, für jedes der neun Themenfelder (mindestes) zwei anerkannte Experten zu berufen? Geeignete Kandidaten sind jedenfalls nicht schwer zu finden, z. B.:

für die Tierhaltung
Prof. Dr. Nicole Kemper, Direktorin des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie (Verhaltensforschung) an der Tierärztlichen Hochschule Hannover
Prof. Dr. Steffen Hoy, Professor für Tierhaltung und Haltungsbiologie, Universität Gießen (bis 2017)

für ökonomische Fragen (auch mit Blick auf anderen Weltregionen)
Prof. Dr. Alfons Balmann, Direktor des Leibnitz Instituts für Agrarentwicklung und Transformationsökonomie
Prof. Dr. Matin Qaim, Leiter des Zentrums für Entwicklungsforschung, Universität Bonn

fürs Klima
Prof. Dr. Jochem Marotzke, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie
Prof. Dr. Hans von Storch, bis 2015 Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und Leiter des „Instituts für Küstenforschung“

für den Pflanzenbau
Prof. Dr. Henning Kage, Leiter der Abteilung Acker- und Pflanzenbau, Universität Kiel
Prof. Dr. Sonoko Dorothea Bellingrath-Kimura Fachgebiet Pflanzenbau, Bodenkunde Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF e.V.)

und wenn es spezieller sein soll;
für ökologischen Landbau
Prof. Dr. Kurt-Jürgen Hülsbergen Ökologischer Landbau und Pflanzenbausysteme, TU München

für Pflanzenzüchtung
Dr. Dr. Peter Doleschel, Leiter des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

für Pflanzenschutz
Prof. Dr. Verena Haberlah-Korr, Fachhochschule Südwestfalen, Wissenschaftliche Leitung am Versuchsgut Merklingsen

Schließlich gibt es an der Uni Lüneburg eine eigene „Fakultät Nachhaltigkeit“ mir 25 Professoren. Oder man schaut einfach mal nach „FONA – Forschung für Nachhaltigkeit“ auf der Internetseite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

„Der Bürgerrat soll dem Deutschen Bundestag bis zum 29. Februar 2024 seine Handlungsempfehlungen in Form eines Bürgergutachtens vorlegen“, ist auf der Bundestags-Website zu lesen. Wie sollen bei solch mangelhaften Startbedingungen die Bürgerräte aber zu Vorschlägen gelangen, wie zukünftige Nahrungsproduktion (und Ernährungssicherung) aussehen könnten?

Wenn schon der Start eines angeblich zukunftsweisenden Projekts derart misslingt, stellt sich die Frage: Sind die versammelten Parlamentarier tatsächlich ahnungslos, was die einschlägige Wissenschaft betrifft – oder einfach nur lustlos? Nachhaltige Ernährung – und um die geht es – bedeutet mehr als nur gesundes Essen. Für grundstürzende Erkenntnisse wie „mehr Gemüse – weniger Fleisch“ brauchen wir wahrlich keinen Bürgerrat. Für drängende Zukunftsfragen wäre echte Expertise dagegen dringend gefragt.

Ein Kommentar von Thomas Wengenroth

Teil II der Kritik am Bürgerrat (an der Kandidatenauswahl) und Teil der III (am Grund-Konzept) finden Sie hier und hier.

Links:

Website des Bundestages zum Bürgerrat

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats

Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski
Ernährungsmedizin, Vitamine, Hidden Hunger

PD Dr. med. Thomas Ellrott
Hauptaufgabe des Instituts ist die interdisziplinäre Forschung über das menschliche Essverhalten zwischen Ernährungswissenschaft, Psychologie, Pädagogik und Medizin. Dabei werden insbesondere die Determinanten menschlicher Essentscheidungen untersucht. Die Frage „Warum essen Menschen anders als sie sich ernähren sollten?“ steht im Zentrum der Forschungsarbeiten.

Prof. Dr. med. Johannes Erdmann
ist Ernährungsmediziner, Internist, Endokrinologe und Diabetologe mit Schwerpunkt auf der Behandlung von Übergewicht und Diabetes Typ 2.

Prof. Dr. jur. Moritz Hagenmeyer
Lehrbeauftragter für Lebensmittelrecht, Mitglied im Rechtsausschuss des Lebensmittelverbandes Deutschland

Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen
Potsdam Institut, Hermann Lotze-Campen is an agricultural economist and Head of Research Department 2 „Climate Resilience“. He is also Professor of Sustainable Land Use and Climate Change at Humboldt-Universität zu Berlin.

Prof. Dr. Britta Renner
Our research focuses on two main thematic areas. First, we investigate motives for normal eating behavior and interventions targeting normal eating. Second, we investigate how risks for communicable and non-communicable diseases are perceived and can be communicated effectively.

Jun.-Prof. Dr. Antje Risius
Forschungsschwerpunkte: Behavior change communication (e. g. informative nudging/boosting)

Prof. Dr. Veronika Somoza
beschäftigt sich mit der Isolation und Charakterisierung sowie der Bioaktivität und Bioverfügbarkeit von Lebensmittelinhaltsstoffen

Prof. Dr. Melanie Eva-Maria Speck
Sozioökonomie in Haushalt und Betrieb

Prof. Dr. Achim Spiller
Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte
Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Konsumentenverhalten, Nachhaltigkeitsmanagement, Animal Welfare und Supply Chain Management im Agribusiness.

Prof. Dr. Dr. Wilhelm Windisch
Tierernährung
Wirkungsweise funktioneller Nahrungsinhaltsstoffe, der Nutzung biogener (Rest-) Stoffe neuer Technologien als tierische Nahrung, sowie den physiologischen Gesetzmäßigkeiten und Spielräumen der Nährstofftransformation im Stoffwechsel der Nutztiere bis hin zur den Umweltwirkungen der Nutztierfütterung.

Futterlaub aus Agroforstsystemen – Neues Projekt für eine nachhaltige Ernährung kleiner Wiederkäuer in Zeiten des Klimawandels

Im Rahmen des neuen Agroforst-Demonstrationsvorhabens „FuLaWi“ entwickelt ein multidisziplinäres Konsortium aus Wissenschaft, Praxis und Beratung Nutzungskonzepte für Laub aus Agroforstsystemen. Ziel des Projektes ist es, eine ganzjährige, artgerechte Ernährung für kleine Wiederkäuer zu ermöglichen, um die Verdaulichkeit und Mineralstoffversorgung zu verbessern sowie die Methanemissionen zu reduzieren.

Das Projekt mit dem vollen Titel „Nutzungs- und Konservierungsverfahren für Futterlaub aus Agroforstsystemen zur Verbesserung der Nährstoffversorgung und Reduktion von Methanemissionen bei kleinen Wiederkäuern“ (FuLaWi) verfolgt das Ziel, nachhaltige Tierernährung mit positiven Umwelt- und Klimaauswirkungen zu fördern. Die Agroforstwirtschaft bietet durch ihre multifunktionalen positiven Wirkungen auf die Agrarökosysteme dafür ein großes Potenzial. Sie trägt zur Steigerung der Biodiversität bei, ermöglicht eine Anpassung an den Klimawandel und leistet gleichzeitig aktiven Klimaschutz.

Praxisnahe Forschung in landwirtschaftlichen Betrieben
Das Projekt FuLaWi konzentriert sich nicht nur auf Weidehaltung in Agroforstsystemen, sondern entwickelt auch innovative Ernte- und Konservierungsverfahren für Laubfutter. Diese Verfahren zielen darauf ab, die Verdaulichkeit und Mineralstoffversorgung der Tiere zu verbessern sowie Methanemissionen zu reduzieren. Um diesen Zielen gerecht zu werden, werden neben Labor- und Fütterungsversuchen auch reale Agroforstsysteme auf landwirtschaftlichen Betrieben angelegt. Diese Herangehensweise gewährleistet eine praxisnahe Entwicklung der Konzepte.

Die Datengrundlage für das Projekt wird durch umfangreiche Fütterungs- und Konservierungsversuche im Feld und Labor geschaffen, ebenso wie durch die sorgfältige Erhebung und Analyse betriebswirtschaftlicher und empirischer Daten. Die Erkenntnisse werden für eine breit angelegten Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit genutzt und erweitern den nachhaltigen Mehrwert der Agroforstwirtschaft.

Vier Partner im Netzwerk, Förderung durch das BLE
Das Verbundprojekt FuLaWi wird von vier maßgeblichen Akteuren durchgeführt: dem Forschungsinstitut für Nutztierbiologie Dummerstorf, der Georg-August-Universität Göttingen, Lignovis Hamburg und Triebwerk aus Meißner. Die Projektlaufzeit erstreckt sich von Juni 2023 bis Mai 2026. Das Projekt wird im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsvorhabens zur Sicherung einer nachhaltigen Ernährung landwirtschaftlicher Nutztiere unter sich wandelnden klimatischen Bedingungen im Modul A „Verbesserung der Umwelt- und Klimawirkung der Nutztierhaltung durch eine nachhaltige Tierernährung“ durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in Höhe von 970.000 Euro gefördert.

Das Forschungsinstitut für Nutztierbiologie Dummerstorf (FBN) trägt wesentlich zur Projektumsetzung bei. In Fütterungsversuchen mit verschiedenen Pappel- und Weidearten wird die Verdaulichkeit, das Minderungspotenzial für Methanemissionen und der Mineralstoffhaushalt untersucht. Die Nahrungszusammensetzung für Schafe und Ziegen wird variiert, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Diese Versuche inkludieren umfassende Analysen der Trockenmasse, Energie- und Nährstoffgehalte sowie der Mengen- und Spurenelemente. Besondere Aufmerksamkeit gilt den tragenden und laktierenden Tieren, bei denen Calcium- und Selenversorgung sowie antioxidativer Stress untersucht werden. Mittels respiratorischer Messungen werden die individuelle Methanemission und die Stoffwechselwärme erfasst.

FuLaWi Logo

Das FuLaWi-Projekt stellt einen wichtigen Schritt in Richtung nachhaltiger Tierernährung und Agroforstwirtschaft dar. Es verdeutlicht die Chancen einer ausgewogenen Symbiose zwischen Landwirtschaft und Klimaschutz.

Weitere Informationen unter www.futterlaub.de

Quelle: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)

Wie halte ich mein Kalb gesund?

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Von Prof. Dr. Norbert Kanswohl, Universität Rostock/ Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei M-V und Dr. Solveig March, Dr. Denny Wiedow, Dr. Jörg Burgstaler Universität Rostock

Die Grundlagen für eine hohe Leistungsfähigkeit und Nutzungsdauer der Milchkühe sowie eine hohe Fruchtbarkeit werden schon in der Kälberaufzucht gelegt. In der Praxis gibt es aber noch eine Vielzahl von Problemen. Die Kälberverluste sind in vielen Milchviehbetrieben zu hoch. In nicht wenigen Betrieben liegen sie weit über 15 %. Atemwegserkrankungen und Darminfektionen zählen zu den Hauptursachen. Wie gelingt eine optimale Kälberaufzucht?

Die Kälberaufzucht ist an sich sehr arbeitsintensiv. Deshalb sollte das Haltungsver-fahren so aufgebaut und die Arbeitsorganisation so gestaltet werden, dass auf der einen Seite eine intensive Tierkontrolle möglich ist, die Gesundheitsgefährdung der Kälber auf ein Minimum reduziert wird und auf der anderen Seite die Fütterung bzw. das Tränken, das Entmisten und die Reinigung mit relativ geringem Arbeits-zeitaufwand effektiv durchgeführt werden können. Eine hohe Mechanisierbarkeit des Verfahrens und gute Kenntnisse der Arbeitsabläufe sind die Grundlage für die Einsparung von Arbeitszeit, denn der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist ein Problem. Wer z.B. beim Entmisten und Einstreuen Arbeitszeit einspart, hat mehr Zeit für Tierkontrolle und -betreuung als Grundlage für eine gesunde Aufzucht. Durch intensive Tierkontrolle können auch schon kleinste gesundheitliche Veränderun-gen erkannt und rechtzeitig eine Behandlung angesetzt werden. Damit sinken die Behandlungskosten und die Verlustrate, das Wachstum der Kälber ist intensiver und es ergeben sich daraus auch arbeitswirtschaftliche Vorteile.

Außenklima ist besser
Aus Gründen der besseren Tiergesundheit sollte in der Kälberhaltung die Außen-klimahaltung gegenüber der konventionellen Stallhaltung bevorzugt werden. Unter dem gesundheitsfördernden Außenklima kann das Kalb seine verschiedenen Be-dürfnisse an die Umwelt eher befriedigen als im Stall. Untersuchungen der Sächsi-schen Landesanstalt für Landwirtschaft ergaben …


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Aktuelles Interview: Neuer PRRS-Virustyp Rosalia – Eine große Herausforderung für Spaniens Schweineindustrie

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Seit über 30 Jahren steht die Schweineindustrie vor den Herausforderungen von PRRS. Das Virus ist dafür bekannt, verschiedene Stämme und Varietäten zu haben, da immer wieder Mutationen und Rekombinationen auftreten. Die neue PRRS-Variante Rosalia, die in Spanien vorkommt, ist hochpathogen und führt zu höheren Mortalitäts- und Fertilitätsproblemen bei Sauen, totgeborenen Ferkeln und Mortalität bei Ferkeln sowie Mastschweinen. Dr. Hendrik Nienhoff, Dipl. ECPHM Fachtierarzt für Schweine beim Schweinegesundheitsdienst Niedersachsen, schätzt die Situation für die deutschen Schweinehalter ein.

Dr. Hendrik Nienhoff, Dipl. ECPHM Fachtierarzt für Schweine beim Schweinegesundheitsdienst Niedersachsen

Herr Dr. Nienhoff, bereits seit 2 Jahren gibt es in Spanien eine neue Variante des porcinen reproduktiven und respiratorischen Syndroms (PRRS). Wie stellt sich die Lage aktuell dar?
Nach jahrzehntelanger Erfahrung hat die Branche gelernt, dass das PRRS-Virus schwer zu kontrollieren ist. Abgesehen davon, dass es leicht übertragbar ist, weiß das Virus, wie man das Immunsystem manipuliert. Dadurch dauert es lange, bis das Immunsystem eines Tiers mit dem Virus fertig wird. Darüber hinaus erschweren die hohe Schweinedichte und die große Ausbreitung innerhalb der Schweinepopulation die Bekämpfung des Virus zusätzlich. Deshalb sind verschiedene Arten und Sorten von PRRSv auf der ganzen Welt in vielen Schweinebetrieben zu finden.

Spanien ist nicht das einzige Land, das eine relativ neue PRRS-Sorte meldet. In den USA verursacht der Stamm 1-4-4 auf Farmen viel größere Probleme als frühere Subtypen des Virus. Genauer gesagt wurde festgestellt, dass der 1-4-4-Stamm der Linie 1C der Hauptschuldige war. In Österreich und Deutschland machte vor ein paar Jahren der sogenannte ACRO-Stamm von sich reden. Darüber hinaus tauchte vor etwa zehn Jahren in Weißrussland die Lena-Variante auf, und in China wurden auch hochpathogene Varianten beschrieben.

Sind also alle PRRS-Virusvarianten ähnlich gefährlich?
In der PRRS-Familie gibt es 2 Typen: den europäischen Subtyp (Typ 1) und den amerikanischen Subtyp (Typ 2). Der europäische Subtyp ist milder für die Lungen von Ferkeln und Mastschweinen als sein amerikanisches Gegenstück. Probleme mit Sauen, zum Beispiel vorzeitiges Abferkeln oder schwache Ferkel, sind bei beiden Arten ähnlich.
Innerhalb dieser Typen gibt es viele Varianten, da das Virus weiter mutiert und rekombiniert.


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Hummel-Challenge per App: Hummel-Fotos für die Wissenschaft gesucht

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Nach dem Erfolg der Hummel-Challenge im letzten Jahr heißt es auch 2023 wieder: Wer fotografiert die meisten Hummeln? Naturbegeisterte in ganz Deutschland können vom 24. Juli bis 6. August 2023 mit der Bestimmungs-App ObsIdentify mitmachen.

Das Wildbienen-Team am Thünen-Institut für Biodiversität in Braunschweig ruft gemeinsam mit der Naturbeobachtungsplattform http://Observation.org und dem LWL-Museum für Naturkunde in Münster zu dem Citizen-Science-Wettbewerb auf. Ziel ist es, so viele verschiedene Hummeln auf so vielen verschiedenen Wildpflanzen wie möglich zu fotografieren.

Das Motto der Hummel-Challenge 2023 lautet „Ab in die Natur“, denn in diesem Jahr geht es vor allem darum, Hummeln auf Wildpflanzen außerhalb des eigenen Gartens zu fotografieren. An der Challenge können alle Interessierten teilnehmen, unabhängig von Artenkenntnissen. Benötigt werden lediglich ein Smartphone und die kostenlose Bestimmungs-App „ObsIdentify“. Die Fotos von den Hummeln können dann direkt in die App geladen werden. Diese ermittelt, um welche Art es sich handelt. Wie viele Hummeln und Arten bereits beobachtet wurden und welchen Platz die Teilnehmenden in der Rangliste haben, zeigt die App ebenfalls an. Alternativ können die Hummel-Fotos auch über die Website Observation.org hochgeladen werden.

Gemeinsam für die Wissenschaft
Neben dem Spaß-Faktor hat der Fotowettbewerb auch einen handfesten wissenschaftlichen Hintergrund: Die Wildbienen-Forschenden vom Thünen-Institut testen damit, ob und wie Bestimmungsergebnisse von Gelegenheitsbeobachtungen in ein bundesweites Wildbienen-Monitoring integriert werden können.

Hummeln zählen zu den wichtigsten Bestäubergruppen sowohl für die Landwirtschaft als auch für viele Wildpflanzen. Durch das Fotografieren können Citizen Scientists zum Wissenszuwachs über die Verbreitung der Insekten beitragen. Vergleichbare Wettbewerbe waren bereits sehr erfolgreich: Unter vielen tausend Meldungen gab es auch sogenannte Erstnachweise von Arten außerhalb ihres bisher bekannten Verbreitungsgebietes.

Ehrenamtliche für ein strukturiertes Monitoring gesucht
Wer über die Challenge hinaus Interesse an Wildbienen hat, sich ehrenamtlich in der Wissenschaft engagieren und damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten will, kann sich für das Wildbienen-Monitoring 2024 am Thünen-Institut unverbindlich voranmelden. Innerhalb des Forschungsprojekts können sich Freiwillige auch ohne Artenkenntnisse auf verschiedene Weise einbringen: Sie können zum Beispiel die Patenschaft für eine Wildbienen-Nisthilfe übernehmen oder in den Sommermonaten regelmäßig an bestimmten Orten für das Zählen und Bestimmen von Hummeln verantwortlich sein.

Das dafür nötige Handwerkszeug und grundlegendes Wissen über die Arten erhalten Interessierte in Bestimmungskursen, die das Thünen-Institut für Teilnehmende regelmäßig und kostenlos anbietet.

Informationen zur Hummel-Challenge 2023
Informationen zum Wildbienen-Monitoring

Quelle: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

Mehr Transparenz beim Tierwohl: Informationen helfen, Label zu verstehen

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Die intensive Nutztierhaltung steht in der Kritik. Viele Menschen fordern eine tiergerechtere Haltung und mehr Transparenz beim Thema Tierwohl. Label auf den Verpackungen tierischer Lebensmittel sollen über die Haltungsbedingungen informieren. Im Handel verbreitet ist zum Beispiel das Haltungsform-Label für Fleisch- und Milchprodukte. Es ordnet die Tierhaltung nach bestimmten Kriterien in vier Stufen ein, von Stallhaltung bis Premium. Doch ohne begleitende Informationen verstehen viele Menschen solche Kennzeichnungen nur unzureichend. Forschende der Universität Göttingen haben nun untersucht, inwieweit Informationen helfen können, das Potenzial solcher Label zu steigern.

Vom einfachen Text bis zum 360 Grad-Video vom Stall via Virtual-Reality-Brille (VR-Brille) – alle untersuchten Informationsformen steigern das Verständnis, die Akzeptanz sowie die Kauf- und Zahlungsbereitschaft. Die VR-Brille überzeugt beim Nutzungserlebnis, Text und Bilder eignen sich etwas besser für den Einsatz im Supermarkt. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Journal of Agriculture and Food Research erschienen.

Das Forschungsteam der Abteilung Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte befragte 200 Personen zum Haltungsform-Label der Stufe 3 am Beispiel der Schweinehaltung. Dieses gibt unter anderem vor, dass die Tiere Kontakt mit dem Außenklima haben, etwa durch eine offene Stallseite. Die Forschenden präsentierten in vier Versuchsgruppen mit je 50 Teilnehmenden Informationen zum Label in jeweils einer Form: Text, Text mit Bildern, Text mit 360 Grad-Video via Tablet oder Text mit 360 Grad-Video via VR-Brille. Sie untersuchten, wie sich die Informationsform auf die Verständlichkeit und Bewertung des Labels sowie auf die Kauf- und Zahlungsbereitschaft von damit gekennzeichnetem Schweinehackfleisch auswirkt. Die Befragten bewerteten außerdem Informationswert, Nutzungserlebnis und Nutzungspotenzial der Informationsform.

Die Ergebnisse zeigen, dass alle vier Informationsformen bei den Teilnehmenden nicht nur die zuvor schlechte Verständlichkeit des Labels, sondern auch die Bewertung des Tierwohls und die Akzeptanz der Haltungsform deutlich verbesserten. Darüber hinaus steigerte die Information in allen Versuchsgruppen die Kauf- und Zahlungsbereitschaft. Alle Informationsformen wurden als geeignet empfunden, um über die Haltungsbedingungen der Schweine zu informieren. Im Hinblick auf das Nutzungserlebnis wurde das Video mit VR-Brille besonders positiv bewertet, Text und Bilder wurden hingegen als vorteilhafter für den Einsatz am Verkaufsort eingeschätzt.

„Die anfangs schlechte Verständlichkeit des Labels und der deutliche Effekt aller vier Informationsformen zeigen, dass die Kommunikation des Labels stark verbesserungswürdig ist“, sagt Aurelia Schütz, die Erstautorin der Studie. „Dafür kommt ein breites Spektrum an Informationsformen in Frage. Eine denkbare Option für die Umsetzung im Supermarkt wäre zum Beispiel ein Informationsmix aus Text, Bild und Video, ergänzt um einen QR-Code zum Video für zu Hause.“ So können Menschen individuell entscheiden, wie sie sich informieren. „In einem nächsten Schritt wäre es sinnvoll zu prüfen, inwieweit sich die Ergebnisse auf eine reale Einkaufssituation übertragen lassen und ob in der Praxis bestimmte Informationsformen mehr genutzt werden und sich daher besser eignen als andere“, so Schütz weiter.

Quelle: Georg-August-Universität Göttingen

Entwicklung von Viren zur Bekämpfung bakterieller Infektionen

Multiresistente bakterielle Infektionen sind eines der gravierendsten Probleme in der Medizin, eine Situation, die sich in den kommenden Jahrzehnten nur noch verschlimmern dürfte. Das Problem wird nicht nur durch die Entwicklung neuer Antibiotika angegangen, sondern auch durch die Erforschung von Antibiotika-Alternativen, wie zum Beispiel Phagen. Dazu gehört auch die Forschungsgruppe Mikrobielle Molekulare Evolution am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön.

Es hat sich gezeigt, dass Phagen – das sind Viren, die nur Bakterien infizieren können – einige bakterielle Infektionen sehr wirksam bekämpfen. Über den langfristigen Erfolg der meisten Phagentherapien ist jedoch nur wenig bekannt. Eine erfolgreiche Phagentherapie muss vor allem garantieren, dass die Bakterien gegen eine Phagenbehandlung nicht resistent werden können, oder, dass die Phagen eine solche Resistenz überwinden können. In ihrer kürzlich veröffentlichten Arbeit zeigen Forscher des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, dass eine bestimmte E. coli-Art leicht gegen den Phagen ΦX174 resistent werden kann. Die Forscher zeigen, dass diese Resistenz durch ΦX174 in bestimmten Evolutionsexperimenten überwunden werden kann. Die Forschungsergebnisse können also dabei helfen, die Entwicklung der bakteriellen Resistenz gegen Phageninfektionen besser zu verstehen, und Phagen zu entwickeln die diese Resistenz überwinden können. Damit sollte es einfacher sein in der Zukunft effizientere Phagentherapien zu entwickeln.

Vorhersage der Resistenzentwicklung durch Experimente
Bakterien entwickeln schnell Resistenzen, wenn sie mit einer Bedrohung konfrontiert werden, sei es durch ein Antibiotikum oder eine Phagenbehandlung. Die Art der Bedrohung bestimmt die Art der Resistenz, die die Bakterien entwickeln. In einer Reihe von Experimenten zeigte die Gruppe unter der Leitung von Dr. Frederic Bertels, dass das E. coli Bakterium gegen eine ΦX174-Infektion resistent wird, indem es seine äußeren Membranmoleküle – Lipopolysaccharide (LPS) – verändert. Sobald sich die äußere Membran von E. coli verändert, können sich die Phagen nicht mehr an die Membran anlagern und somit das Bakterium nicht mehr infizieren. Die Sequenzierung des Genoms und die Phänotypisierung der evolvierten Bakterien zeigten, dass es eine große Vielfalt an LPS-Varianten gibt, die eine Infektion durch Wildtyp-Phagen verhindern.

Überwindung der Phagenresistenz
Damit Phagentherapeutika wirksam sein können, muss die bakterielle Phagenresistenz überwunden werden. Im Gegensatz zu Antibiotika, bei denen die Resistenz in der Regel durch eine Erhöhung der Antibiotikadosis oder einen Wechsel des Antibiotikums überwunden wird, können sich Phagen selbst so entwickeln, dass sie resistente Bakterien infizieren. Die Forschenden zeigen, dass einige Arten von Resistenzen im Laufe von nur wenigen Phagengenerationen überwunden werden können („leichte“ resistente Bakterienstämme). Andere „schwere“ resistente Stämme können nur durch die Rekombination von Phagen infiziert werden, die sich zur Infektion von leicht resistenten Bakterien entwickelt haben.

Evolutionäre Perspektiven der Phagentherapie
Derartige Evolutionsexperimente helfen in Zukunft evolutionssichere Therapien zu entwickeln: Therapien, gegen die Bakterien nicht resistent werden können. Anstatt immer wieder neue und unbekannte Phagen zu isolieren, sollten auch gut untersuchte Phagenmodellsysteme weiterentwickelt werden, um gefährliche bakterielle Krankheitserreger zu infizieren. Modelsysteme sind wesentlich zeit- und kosteneffizienter, da für diese nicht zusätzliche Sicherheitsstudien durchgeführt werden müssen.

Quelle: Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Tiermedizin: Antibiotikaabgabe 2022 erneut reduziert

Gesamtmenge der an Tierärztinnen und Tierärzte abgegebenen Antibiotika ist im Vergleich zum Vorjahr um 61 Tonnen gesunken

Die Menge der in der Tiermedizin abgegebenen Antibiotika in Deutschland ist im Jahr 2022 ähnlich wie in den Vorjahren erneut zurückgegangen. Das meldet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in seiner jährlichen Auswertung. Die Abgabemenge sank im Vergleich zum Vorjahr um 61 Tonnen auf 540 Tonnen (minus 10,1 Prozent). Betrachtet man den Zeitraum seit Beginn der Erfassung, im Jahr 2011, ist die abgegebene Antibiotikamenge um rund 68 Prozent gesunken.

Besonders erfreulich ist, dass die abgegebenen Mengen der für die Therapie beim Menschen kritisch wichtigen Fluorchinolone, Cephalosporine der 3. und 4. Generation und für Colistin erneut gesunken sind. In Zahlen:

• Die Abgabemenge der Fluorchinolone ist im Vergleich zum Vorjahr um ca. 0,6 Tonnen auf 5,0 Tonnen gesunken, das entspricht einer Reduktion von 10,1 Prozent;
• die der Cephalosporine der 3. und 4. Generation auf 1,1 Tonnen (minus 0,1 Tonnen bzw. minus 10,8 Prozent).
• Für Polypeptid-Antibiotika (hierbei handelt es sich überwiegend um Colistin) ist die Abgabemenge ebenfalls gesunken (Gesamtmenge im Jahr 2022 rund 44 Tonnen, minus 6,8 Tonnen bzw. minus 13,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr).

Dazu erklärt die Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Silvia Bender: „Der Rückgang der abgegebenen Antibiotika in der Tiermedizin ist zuerst einmal eine gute Nachricht! Der Trend zur Abnahme der Antibiotikaabgabemengen in der Tierhaltung ist stabil. Die Gesamtabgabemenge im letzten Jahr hat sich im Vergleich zum Beginn der Erfassung im Jahr 2011 auf ein Drittel der damaligen Menge reduziert. Das ist ein beachtlicher Erfolg unserer nationalen Reduktionsmaßnahmen. Als ein weiterer möglicher Einflussfaktor für den Rückgang der abgegebenen Menge Antibiotika ist jedoch auch der zeitgleiche Rückgang der Tierzahlen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung, vor allem bei Schweinen, zu berücksichtigen. Der tatsächliche Rückgang kann mit Blick auf die Tierzahlen dementsprechend kleiner ausfallen, als die Gesamtabgabemenge vermuten lässt. Es braucht daher auch weiterhin gemeinsame Anstrengungen, um den Einsatz von Antibiotika tatsächlich dauerhaft zu senken. Ich bin zuversichtlich, dass uns das auch mit Hilfe des von Bundesminister Cem Özdemir vorgelegten und seit dem 1. Januar 2023 in Kraft getretenen Gesetz zur Änderung des Tierarzneimittelgesetzes gelingt. Damit haben wir für Tiermedizin und Tierhaltende das Signal gesetzt, die Anwendung von Antibiotika mit kritischer Bedeutung auf das unvermeidbare Minimum zu reduzieren.“

Wie in den Vorjahren stellen Penicilline und Tetrazykline den Hauptanteil der abgegebenen Antibiotika dar. Bei diesen Wirkstoffklassen ist im Vergleich zum Vorjahr eine Reduktion um rund 7 Tonnen (Penicilline) bzw. um rund 35 Tonnen (Tetrazykline) im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Bei den Sulfonamiden beträgt der Rückgang im Vergleich zum Vorjahr 9 Tonnen.

Die Entwicklung und Verbreitung von Antibiotikaresistenzen ist eine globale Bedrohung, in der Human- und in der Veterinärmedizin. Um der Verbreitung von Antibiotikaresistenzen („Stille Pandemie“) entgegenzuwirken, sind angesichts der grenzüberschreitenden Problematik neben nationalen auch europäische Vorschriften dringend notwendig. Das BMEL setzt sich deshalb auch weiterhin auf EU-Ebene dafür ein, dass im europäischen Tierarzneimittelrecht noch ausstehende Regelungen schnellstmöglich auf den Weg gebracht werden, die weitere europaweite Restriktionen für die Antibiotika-Anwendung bei Tieren vorsehen.

Weitergehende Informationen
Seit dem Jahr 2011 sind pharmazeutische Unternehmen und Großhändler gesetzlich dazu verpflichtet, die Mengen an Antibiotika, die jährlich an Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland abgeben werden an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zu melden. Die Gesamtabgabemenge lässt sich nicht einzelnen Tierarten zuordnen, da die Mehrzahl der betreffenden Tierarzneimittel für mehrere Tierarten zugelassen ist. Inwieweit die Reduktion der Abgabemenge im Jahr 2022 auch auf dem erneuten Rückgang der landwirtschaftlichen Tierhaltung insbesondere bei Schweinen beruht, kann daher nicht sicher eingeschätzt werden. Die Zahl der Schweinehaltungen hat im vergangenen Jahr um 10,1 Prozent abgenommen und sank um 1.910 auf 16.940 Betriebe mit Schweinehaltungen.

Quelle: BMEL

Holt mich hier raus! – Neues Projekt am FBN untersucht das helfende Verhalten bei Schweinen

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Schweine sind bekannt für ihre Intelligenz und soziale Natur. Können sie erkennen, wann ein Artgenosse Hilfe benötigt, und einander aktiv unterstützen? Diesen Fragen wird ein wegweisendes Projekt am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf nachgehen.

Das Projekt mit dem Titel „Lass mich raus! Proximative Faktoren, die helfendes Verhalten bei Schweinen vermitteln“, wird mithilfe eines innovativen Verfahrens untersuchen, ob Schweine einander aus Empathie oder aus egoistischen Gründen helfen. Es wird in enger Zusammenarbeit mit Forschern der Veterinärmedizinischen Universität Wien durchgeführt und mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am FBN und des Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) an der Veterinärmedizinischen Universität Wien finanziert. Die Gesamtfinanzierung beläuft sich auf 736.089 Euro für drei Jahre.

Leibniz-Institut für Nutztierbiologie, Projekt Prosoziale Schweine: Verhaltens- und hormonelle Indikatoren für soziale Beziehungen und Kooperation bei Hausschweinen.
Foto: Frank Hormann / nordlicht
www.fotoagenturnordlicht.de

Dr. Liza R. Moscovice vom FBN und ihr Kollege Prof. Jean-Loup Rault von der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben eine neuartige Methode entwickelt, um das Hilfsverhalten der Schweine zu analysieren. Dabei werden Schweine in ihren normalen sozialen Gruppen innerhalb ihrer üblichen Stallumgebung einer für sie neuen Situation ausgesetzt: In ihrem Stall befinden sich zwei identische Abteile. Jedes Abteil hat ein Fenster und eine Tür, die nur von außen geöffnet werden können. Dafür muss ein Griff hoch genug angehoben werden, um einen Riegel zu lösen. Ein Schwein wird kurz aus seiner Bucht genommen und dann in eines der beiden Abteile gesetzt. Die anderen Schweine können dann frei und ohne jegliche Anleitung entscheiden, ob sie eine Tür öffnen wollen, und wenn ja, ob sie die Tür öffnen, um das gefangene Schwein zu befreien, oder ob sie die Tür zum leeren Abteil öffnen.

„Im ersten Teil des Projekts untersuchen wir den Einfluss von Verwandtschaftsbeziehungen, Dominanzverhältnissen und persönlichen Erfahrungen, eingeschlossen zu sein, auf die Entscheidung, zu helfen“, erklärt Dr. Liza R. Moscovice. „So können wir erste Erkenntnisse darüber gewinnen, inwieweit diese Faktoren die Entscheidungen der Schweine beeinflussen. Im zweiten Teil werden wir mit nicht-invasiven Methoden messen, wie sich das Verhalten auf körperlicher Ebene bei den helfenden und nicht-helfenden Schweinen auswirkt. Mittels Speichelproben wird getestet, ob das Stresshormon Cortisol steigt oder sinkt, zudem wird die Herzfrequenz überwacht. So werden Rückschlüsse gezogen, um zu verstehen, wie Entscheidungen über das Helfen die Physiologie der Schweine beeinflussen.“

Leibniz-Institut für Nutztierbiologie, Projekt Prosoziale Schweine: Verhaltens- und hormonelle Indikatoren für soziale Beziehungen und Kooperation bei Hausschweinen. Foto: Frank Hormann / nordlicht www.fotoagenturnordlicht.de

Sind Schweine in ihrem helfenden Verhalten ähnlich wie Menschen?
Bei der Erforschung des Hilfsverhaltens von Tieren werden generell häufig Nagetiere als Modelltiere herangezogen, aber Schweine sind in ihrer Physiologie und ihrer Gehirnstruktur dem Menschen sehr viel ähnlicher. „Unsere Ergebnisse werden uns helfen zu verstehen, ob Schweine empathisch auf den emotionalen Zustand anderer reagieren und ob ihr Hilfsverhalten auf ähnlichen Mechanismen beruht wie beim Menschen“, führt Dr. Liza R. Moscovice aus.

Erste Ergebnisse, die in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B* veröffentlicht wurden, zeigen, dass Schweine Türen häufiger und schneller öffnen, um gefangenen Gruppenmitgliedern zu helfen, als sie Türen zu leeren Abteilen öffnen. Darüber hinaus wurde gefangenen Schweinen, die mehr Notsignale gaben, schneller geholfen. Dennoch sind weitere Untersuchungen erforderlich, um die Beweggründe für dieses Verhalten zu ermitteln.

Ein tieferes Verständnis des prosozialen Verhaltens von Schweinen sowie ihrer emotionalen Verfassung und Gruppendynamik kann einen bedeutenden Beitrag zum Tierschutz leisten. Schweinehalterinnen und -halter können mithilfe dieser Erkenntnisse ein positives Gruppenverhalten fördern, indem sie den Schweinen beispielsweise mehr Kontrolle über ihre Umgebung geben.

*Originalpublikation
Spontaneous helping in pigs is mediated by helper’s social attention and distress signals of individuals in need
Proceedings of the Royal Society B
Published:02 August 2023https://doi.org/10.1098/rspb.2023.0665

Quelle: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)

Geflügelpest: Impfstrategie mit flankierender Überwachung kann den Schutz von Geflügel unterstützen

Eine Gruppe internationaler Wissenschaftler skizziert die Möglichkeiten

Infektionen mit dem hochpathogenen aviären Influenzavirus (HPAIV) des Subtyps H5 haben sich von einem sporadischen saisonalen Geschehen zu einer kontinuierlichen und nahezu weltweiten Panzootie bei Wildvögeln ausgeweitet. Dies erhöht den Druck einer Einschleppung in Geflügelbestände, sowie das Risiko einer sekundären Ausbreitung zwischen Haltungen und der Exposition an der Schnittstelle zwischen Mensch und Geflügel. Die Impfung als zusätzlicher Schutz für Geflügelbestände zielt darauf ab, die klinischen Folgen einer HPAIV-Infektion zu reduzieren, die Übertragung von HPAIV zu unterbinden, wirtschaftliche Verluste und Tierschutzprobleme zu begrenzen sowie das Risiko einer Exposition des Menschen gegenüber zoonotischen HPAIV zu verringern. Eine Gruppe internationaler Wissenschaftler skizziert, wie eine Impfung mit Nulltoleranz für Infektionen erreicht werden kann, indem mehrere Ebenen geeigneter Überwachungsmethoden sinnvoll kombiniert werden.

Jüngste Entwicklungen, die einen massiven Anstieg der HPAIV-Verbreitung bei Wildvögeln und in der Geflügelindustrie in vielen Regionen der Welt zeigen, lassen die Impfung in vielen betroffenen Ländern als ergänzendes Präventionsinstrument in den Mittelpunkt neuer Schutzkonzepte rücken. Die Impfung der Tiere allein hat sich bei der Bekämpfung von Geflügelpest allerdings nie als erfolgreich erwiesen. Biosicherheitsmaßnahmen, eine kontinuierliche Bewertung der Impfschutzes sowie eine angemessene Überwachung geimpfter Bestände, um sicherzustellen, dass keine Feldinfektionen auftreten, und die Typisierung nachgewiesener Feldvirusstämme zur Verbesserung der Impfstoffentwicklung sind gleichermaßen erforderlich.

Überwachungsstrategien, die auf die epidemiologische Situation eines Landes und die Art des verwendeten Impfstoffs zugeschnitten sind, müssen sorgfältig geplant und durchgeführt werden. Beim großflächigen Einsatz von Impfungen spielen aktive Überwachungskomponenten (z. B. serologische Untersuchungen geimpfter Bestände zur Überwachung der Herdenimmunität oder zur Bewertung des Impfschutzes, Umweltprobenahmen auf Lebendmärkten) eine wichtige Rolle für den wirksamen Nachweis von HPAI-Virus oder die Bestätigung der Freiheit der Bestände von Infektionen. Die passive Überwachung (d. h. virologische Analysen von erkranktem oder verendetem Geflügel) bleibt zur Früherkennung eines Impfversagens von Bedeutung, da unzureichend geschützte, infizierte Impfbestände klinische Anzeichen einer Infektion zeigen.

Wissenschaftler aus Deutschland, den Niederlanden, Italien, Indonesien und Hongkong stellen ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe von „Biologicals“ vor.

Publikation:
Harder, T., de Wit, S., Gonzales, J.L., Ho, J.H.P., Mulatti, P., Prajitno, T.Y., Stegeman, A. (2023). Epidemiology-driven approaches to surveillance in HPAI-vaccinated poultry flocks aiming to demonstrate freedom from circulating HPAIV aiming to demonstrate freedom from circulating HPAIV

Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut