Eine Arbeitsgruppe der TVT (Tierärztliche Vereinigung Tierschutz e. V.) hat sich Gedanken gemacht, zum tierschutzgerechten Einsatz von Herdenschutzhunden (HSH). Anlässlich der Tierschutztagung 2026 fasste Dr. Peter Blanché die zentralen Aspekte zusammen.
Alle Rassen, wie z. B. Kangal, Ovchanka, Pyrenäenberghund, Maremmano, Mastin oder Castro Laboreiro, haben eine genetische Disposition gemein, in der Territorialverhalten, Wachsamkeit, Abwehr, Drohverhalten und Teamarbeit angelegt sind. Deswegen (und aufgrund ihrer Größe) sind diese Hunde geeignet Wölfe erfolgreich abzuwehren.
Haltung
Wer Herdenschutzhunde hält muss einige Punkte stets beachten:
• es müssen immer mindestens zwei Hunde gehalten werden,
• eine tägliche Kontrolle ist Pflicht,
• mindestens tägliche Fütterung,
• ständiger Zugang zu Wasser,
• geeigneter Witterungsschutz (aber nicht unbedingt eine Hütte),
• auch im Winter ausreichender Auslauf
• und ganzjähriger Kontakt zu Nutztieren.
Sozialisation
Herdenschutzhunde brauchen nicht unbedingt den Menschen als ständigen Sozialpartner, sondern mindestens einen weiteren Herdenschutzhund. Bei Sozialisation und Entwicklung der HSH ist es wichtig, dass die Geburt bereits im Herdenumfeld erfolgt (Wurfkiste im Stall). Auch Kontakt zu Mutter, Geschwistern und Menschen muss von Anfang an gewährleistet sein.
Ab der 4. Lebenswoche sollte der Erstkontakt mit anderen Hunden und – in einem abgetrennten Raum – auch mit einigen sehr verträglichen Nutztieren stattfinden. Dabei sollte ein geeigneter Rückzugsort vorhanden sein: ein Welpenschlupf, dessen Eingang zu klein für Nutztiere ist.
Ab der 8. Woche können die Welpen in eine kleinere Herde umziehen. Eine schrittweise Einführung fördert hier den Aufbau einer Bindung. Die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Tierarten muss erlernt werden, die Hunde müssen Respekt vor den Nutztieren haben, z. B. auch mal zur Seite gehen und sie als Sozialpartner annehmen. Zu intensives Spielen und Jagen sollte sofort unterbunden werden. Wichtig in der frühen Phase ist, die Hunde nicht zu überfordern, sie etwa sofort in eine große Herde zu schicken.
Ausbildung
Ziel der Ausbildung ist, dass HSH ihre Herde ohne Anweisungen des Menschen eigenständig bewachen. Die Herausforderung liegt darin, dass auch die Ausbildung nicht unter ständiger Aufsicht des Menschen erfolgt. Einige Grund Kommandos müssen sie jedoch kennen, etwa ein Abbruchssignal zur Unterbindung von Fehlverhalten wie Jagen und z. B. auch mal an der Leine gehen, ins Auto einsteigen, zum Tierarzt gehen.
In erster Linie jedoch müssen sie ihre angeborenen Fähigkeiten, während einer langsamen und schonenden Sozialisation mit den Weidetieren, in der Zusammenarbeit mir erfahrenen Hunden durch Nachahmen lernen.
Gewöhnung an den Elektrozaun
„Ein Elektrozaun ist nicht unbedingt, was man sich im Sinne des Tierschutzes wünscht, aber er hält die Wölfe am besten ab“ sagte Dr. Blanché. Der eingezäunte Bereich muss groß genug sein, darf aber keine Ecken haben, in denen sich Tiere verfangen können. Außerdem dürfen die Maschen des Zaunes nicht so eng sein, dass ein Hund versehentlich hängen bleiben kann. Gerade ein kleiner Welpenkopf passt manchmal hindurch, aber ein Geflügelnetz schafft hier Sicherheit.
Vor dem Zauntraining muss der Welpe erfahren haben, dass er angstfrei durch Zaunöffnungen und Tore gehen kann; auch das Übungsgelände muss im bekannt sein. Niemals darf ein Welpe aktiv an einen Elektrozaun gelockt oder geführt werden, weil dann Vertrauensverlust zur Bezugsperson droht. Zauntraining sollte frühestens ab der 8. Lebenswoche beginnen. Allerdings kann dies mit dem Zeitpunkt des Verkaufs kollidieren. Direkt nach Abgabe des Hundes sollte das Training mit fremden Menschen und in fremder Umgebung jedoch nicht stattfinden.
Verhalten
• HSH sollen eine vertrauensvolle Bindung an den Betreuer haben,
• Grundgehorsam zeigen,
• unbefangen und neutral gegenüber nicht-bedrohlich auftretenden Fremde sein
• und Passanten nicht gefährden,
• Weidetiere respektieren,
• sie nicht beunruhigen und nicht verletzen,
• eine Bindung zu den Weidetieren aufbauen
• und Herdentreue zeigen,
• HSH sollen Territorialverhalten zeigen, also
• das Weidegebiet sicher annahmen,
• den Zaun zügig ablaufen
• und ihr Territorium markieren (um Wölfen zu signalisieren, dass es besetzt ist).
Zauntreue ist wichtig! HSA sollen zuverlässig innerhalb der eingezäunten Weide bleiben und den Zaun weder untergraben, noch überspringen, um eine Gefährdung von Passanten zu verhindern.
• HSH sollen wachsam sein und Schutz garantieren,
• Droh- und Imponierverhalten zeigen,
• aber den Hund eines Spaziergängers nur am Zaun „begleiten“.
Das Schutzverhalten soll nur in Verbindung mit der Herdentreue gezeigt werden. HSH sind keine „Kampfhunde“.
Eingliederung in die Weidetier-Herde
Auch wenn man gut ausgebildete, erwachsene Hunde kauft, muss man sie schrittweise eingliedern und mit wenigen, ruhigen Herdentieren beginnen. Ist die Herde Hunde bereits gewöhnt, ist dies unproblematisch. Sind die Weidetiere jedoch bereits durch Wölfe traumatisiert, wird die Eingliederung schwierig. In diesem Fall kann man einen zweiten Zaun aufstellen, der Hunde und Weidetiere trennt und letzteren Zeit gibt, sich an die Hunde zu gewöhnen. Auch kann der Betreuer HSH zunächst angeleint durch die Herde führen. Arbeiten bereits HSH in der Herde, müssen neu hinzukommende HSH zunächst an die „alten“ Artgenossen – außerhalb der Nutztierherde – gewöhnt werden.
Althunde
Entsprechend ihrer Körpergröße beginnt das Seniorenalter bei HSH mit 7-8 Jahren. Zeigen sich altersbedingte Einschränkungen, können Althunde in der Herde verbleiben, wenn jüngere Hunde den Schutz gewährleisten. Sie können auch bei einer kleinen Nutztiergruppe – auf einer separaten Fläche – bleiben und eventuell auch als „Welpen-Lehrer“ fungieren.
Abschließend mahnte Dr. Blanché: Wenn ein HSH seine Aufgaben trotz intensiven Trainings nicht erfüllen kann, muss eine andere Aufgabe für das Tier gefunden werden, z. B. die Bewachung des Betriebsgeländes. Einen HSH ohne vernünftigen Grund zu töten, verstößt gegen das Tierschutzgesetz (§17) und ist strafbar!

































