Farm-to-Fork-Strategie: Tiergesundheitsverbände unterstützen eine auf Innovation basierende Transformation des EU-Lebensmittelsystems

Der europäische Verband der Tiergesundheitsindustrie, AnimalhealthEurope und der deutsche Bundesverband für Tiergesundheit (BfT) unterstützen das Bestreben der Europäischen Kommission, ein faires, gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem zu schaffen, dessen Transformation auf innovativen und die Ziele ermöglichenden Technologien fußt, ohne die biologische Vielfalt und die Umwelt zu vernachlässigen. Innovative digitale Instrumente und Krankheitsvorbeuge für gesunde Tierbestände können dazu beitragen, diesen Übergang zu beschleunigen. Landwirte und Tierärzte sollten dazu durch Zugang zu allen verfügbaren Instrumenten unterstützt werden, um die Gesundheit zu schützen, den Tierschutz zu gewährleisten und schnell auf Krankheitsausbrüche zu reagieren. Damit könnte ein wirksamer Weg zu einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion beschritten werden, bei dem die Lebensmittelversorgung und -sicherheit für die EU-Bürger weiterhin im Mittelpunkt steht.

Die aktuelle Krisensituation bei COVID-19 hat gezeigt, dass Gesundheit, Nahrungsmittelversorgung und finanzielle Stabilität nicht als selbstverständlich betrachtet werden können. Eine ausgewogene Transformation sollte ein robustes und belastbares System der Nahrungsmittelgewinnung und -versorgung unterstützen, das unter allen Umständen weiterhin funktioniert. Als solche ergänzt eine Politik, die im Sinne von One-Health die Faktoren Mensch, Tier und Umwelt berücksichtigt, die Strategie vom Hof auf den Tisch (Farm-to-Fork), die Hand in Hand mit dem Schutz der öffentlichen Gesundheit die Lebensmittelsicherheit und -versorgung für alle gewährleisten muss. Tiergesundheit ist in allen verschiedenen Produktionsformen von Bedeutung. Mit Blick darauf sollten Innovationen unterstützt werden, die zur Vorbeugung und Bekämpfung von Tierseuchen beitragen und so eine sichere Versorgung mit qualitativ hochwertigen und nahrhaften Produkten wie Fleisch, Milch, Fisch und Eier gewährleisten.

„Mit jeder Transformation ist eine notwendige Investition verbunden. Die Priorisierung der Finanzierung innovativer Tiergesundheitsforschung auf nationaler und europäischer Ebene durch Programme wie Horizon Europe kann dringend benötigte Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten unterstützen, um neue Generationen von Impfstoffen und andere vorbeugende Instrumente sowie Therapien zu entwickeln. Darüber hinaus kann die Unterstützung der Landwirte bei der Investition in digitale Überwachungsinstrumente eine Echtzeitüberwachung des physischen Zustands des Tieres ermöglichen. Hierdurch können die Landwirte ihre Tier besser vor Krankheiten schützen und gleichzeitig wird das Wohlbefinden von Nutztieren gefördert und eine nachhaltige Nutztierhaltung unterstützt“, sagte Roxane Feller, Generalsekretär von AnimalhealthEurope.

Quelle Bundesverband für Tiergesundheit e.V. (BfT)

Massentierhaltung à la 18. Jhd.

London hatte Mitte des 18. Jhd. 650.000 Einwohner, 1850 waren es bereits 2,3 Mio. Für die Versorgung der englischen Hauptstadt mit Fleisch wurden zu dieser Zeit 277.000 Rinder und 1,6 Mio. Schafe im Jahr benötigt, dazu Schweine und Geflügel aller Art.

Ab Mitte des 19. Jhd., als das Eisenbahnnetz ausreichend ausgebaut war, wurden zerlegte s Fleisch herangeschafft. In den Jahrhunderten zuvor musste das Schlachtvieh nach London getrieben werden. Rinder kamen aus weit entfernten Gegenden wie Schottland und Irland, aber auch aus Norfolk und Wales. Bei 2 Meilen pro Stunde und 12 Stunden Viehtrieb pro Tag, dauerte es 20 bis 25 Tage, walisische Rinder nach London zu treiben. Danach waren die Tiere so abgemagert, dass sie für zwei, drei Wochen auf Weiden vor den Toren der Stadt wieder aufgepäppelt werden mussten.

Um die Distanzen überhaupt bewältigen zu können, wurden die Rinder mit Klaueneisen beschlagen. Schweine, die ebenfalls über große Distanzen getrieben wurden, bekamen teilweise gestrickte Woll-Stiefel mit Ledersohle verpasst. Und Gänse (ja, auch die wurden in Herden geliefert) trieb man vor dem Marsch durch Teer, Sägespäne und Split, um ihre Füße zu „schonen“. Vor allem Mitte August machten sich Gänsehirten aus East Anglia mit ihren Herden auf den Weg. Stoppelfeldern dienten den Gänsen als Futterquelle und rechtzeitig am 29. September kamen sie in London an, um zu Michaelis geschlachtet zu werden (250.000 Tiere nur für diesen Feiertag).

Aber Viehtrieb allein reichte zur Versorgung nicht aus, auch in der Hauptstadt selbst wurde etliches Vieh gehalten. In zahllosen Hinterhöfen und Kellern wurden ein, zwei Schweine mit Essensresten und Abfällen gemästet. In großem Stil taten das aber die zahlreichen Brauereien und Molkereien. Im 18. Jhd. hielt Johnson’s Brennerei 3.000 Schweine, die Konkurrenten Benwell’s und Bush’s verfütterten ihre Koppelprodukte an 4.000 bzw. 2.000 Tiere.

Geflügel gab es in zigtausend Haushalten. Hühner, Gänse und Enten, meist in Käfigen oder Kellern in kompletter Dunkelheit gehalten (einem Zustand, dem sich englische Hühnerhalter teils heute wieder annähern).

Aber auch Milch kauften die Londoner gerne regional und auch lokal: 1794 gab es etwa 8.500 Milchkühe in der City, 1850 waren es 20.000. Meist waren die Bestände in und um die Stadt zwar klein, aber 1810 hielt Richard Laycock schon 500-600 Kühe auf 225 ha Weidefläche.

„Er fütterte seinen Kühen eine gesunde Ration aus Biertreber, Rüben, Kohl, Kartoffeln und Heu; über Nacht wurden die Tiere auf die Weide gelassen. Die Kühe waren jung, nicht älter als drei oder vier Jahre, und wenn ihre Milchleistung abnahm, wurden zur Schlachtung gemästet.“

Und weil noch keine Kühlung zur Verfügung stand, gab es täglich Frischmilch für die Londoner. Am Straßenrand angeboten aus der Kanne und noch euterwarm oder etwas kühler, wenn die Kanne zuerst mit einem Teil Wasser befüllt worden war.

Aus: Hannah Velten, Beastly London – A History of Animals in the City,
Reaktion Books, € 16,95 zzgl. Versandkosten

Leicoma Schwein vor dem Aussterben gerettet

Die am meisten gefährdete, einheimische Schweinerasse erholt sich. Über 60 Schweinezucht-Interessierte folgten einem Aufruf der BLE. Inzwischen gibt es Förderung in mehreren Bundesländern und Zuchtbücher in zwei Schweinezuchtverbänden.

Zum Internationalen Tag der Biologischen Vielfalt am 22. Mai 2020 gibt es eine Erfolgsmeldung aus der Schweinezucht: Von der nach wie vor gefährdetsten einheimischen Schweinerasse existieren heute wieder 83 im Herdbuch eingetragene Sauen und 21 Eber. Ein Erfolg, an dem sowohl Züchter als auch Politik beteiligt sind. Das Fleisch des Leicoma Schweins ist bekannt für seine hohe Qualität – Probieren könnte bald häufiger möglich sein.

Öffentlicher Aufruf erfolgreich
Im Jahr 2012 züchtete nur noch ein Betrieb Leicomas. Damals gab es weniger als 30 Zuchttiere der robusten Schweinerasse. Daraufhin startete das Informations- und Koordinationszentrum Biologische Vielfalt (IBV) einen Aufruf in der Presse nach interessierten Züchtern, um das Aussterben des Leicomas zu verhindern. Über 60 Interessenten konnte das IBV daraufhin an den verbleibenden Leicoma-Zuchtbetrieb vermitteln. Es folgten zahlreiche Aktivitäten in den Bundesländern.

Zum Beispiel wurden in Sachsen-Anhalt Leicoma Sauen erfolgreich mit tiefgefrorenen Spermareserven früherer Leicoma Eber besamt, um die Vielfalt innerhalb der Rasse zu erhalten. Auch half das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt bei der Verteilung der letzten Leicoma Schweine an interessierte Betriebe. Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt bieten inzwischen eine Förderung für die Zucht von Leicoma Schwei-nen an. Nun zeigt sich der Erfolg mit einem dynamischen Anstieg der Tierzahlen und Zuchtbetriebe, schwerpunktmäßig in Mitteldeutschland. Inzwischen führen zwei Schweinezuchtverbände ein Zuchtbuch für Leicomas.

Hohe Fleischqualität, robuste Tiere
Auf den ersten Blick sieht das Leicoma aus wie ein gewöhnliches Schwein. Das herausragende Merkmal der Rasse ist die hohe Fleischqualität. Weitere Vorzüge sind seine Robustheit und seine ausgeprägte Mütterlichkeit. Derzeit können Erzeugnisse vom Leicoma Schwein meist direkt bei den Zuchtbetrieben gekauft werden. Verbraucherinnen und Verbraucher können mit ihrer Nachfrage den Erhalt des Leicomas in der Landwirtschaft unterstützen.

Weitere Informationen zu gefährdeten Nutztierrassen sind in der Roten Liste einheimischer Nutztierrassen in Deutschland verfügbar. Das IBV in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gibt diese Broschüre heraus. Sie kann kostenlos bei ibv@ble.de bestellt oder heruntergeladen werden.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

Studie untersucht natürliches Abwehrverhalten gegen Varroamilben bei Honigbienen

0

Die Varroamilbe ist weltweit der bedeutendste Parasit der Westlichen Honigbiene. Die Fähigkeit einiger Bienenpopulationen, die Milbenvermehrung bereits in den Brutzellen aktiv zu unterdrücken, wird derzeit in einem Verbundprojekt untersucht, das vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert und von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) betreut wird. Im ersten Projektjahr wurden bereits über 100 Züchter auf Untersuchungen der Brutproben geschult und mehr als 860 Bienenvölker auf das natürliche Abwehrverhalten hin geprüft.

Mit dem Weltbienentag am 20. Mai unterstreichen die Vereinten Nationen die Bedeutung der Bienen für die Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität. Die Selektion varroaresistenter und leistungsfähiger Honigbienen ist dabei eine bedeutende Strategie zum Bienenschutz. In der Zuchtauslese werden neben den gängigen Kriterien wie Honigertrag, Sanftmut und Wabenfestigkeit deshalb auch zunehmend Resistenzmerkmale der Bienen berücksichtigt, die ein aktives Abwehrverhalten gegen den Parasiten anzeigen.

Untersuchungen zeigen: Bienen räumen milbenbefallene Brutzellen gezielt aus
Einige Bienenpopulationen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, die Milbenvermehrung in den Brutzellen aktiv zu unterdrücken (SMR, suppressed mite reproduction). Diese genetisch bedingte Eigenschaft äußert sich insbesondere in dem gezielten Ausräumen, also dem Öffnen und Wiederverschließen von Varroamilben-befallenen Brutzellen (REC, recapping). Eine umfangreiche Prüfung von Bienenvölkern auf die SMR- sowie REC-Ausprägungen wird im Verbundprojekt „SMR-Selektion“ realisiert mit dem Ziel, varroaresistente Honigbienen zu züchten.

Ziel: Effektive Selektion des Verhaltens – schnelle Verbreitung erwünscht
Im Gegensatz zur normalerweise zufälligen Begattung der Königin durch mehrere Drohnen sollen Bienenköniginnen hier gezielt mit dem Sperma eines einzelnen Drohns besamt werden. So soll eine effektive Selektion der spezifischen Verhaltensanlagen erreicht werden. Darüber hinaus haben die Züchter künftig an mehreren Belegstellen die Möglichkeit, ihre Bienenköniginnen mit SMR-selektierten Völkern, die nur aus Drohnen bestehen, zu verpaaren, um so die gewünschten Verhaltensmerkmale schnell zu verbreiten.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

DGfZ stellt Positionspapier zur Zukunft einer gesunden Milchkuh vor

0

Wie sieht unsere aktuelle Milchviehzucht und -haltung aus? Wo brauchen wir zukunftsweisende Veränderungen? Welche Vorteile und welche Nachteile entstehen bei unterschiedlichen Strategien? Viele Fragen auf die die DGfZ-Projektgruppe Zukunft gesunde Milchkuh in ihrem Positionspapier Antworten liefert.

Die Projektgruppe der Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) Zukunft gesunde Milchkuh hat ihr Positionspapier Zukunftsfähige Konzepte für die Zucht und Haltung von Milchvieh im Sinne von Tierschutz, Ökologie und Ökonomie veröffentlicht, an dem Landwirte, Wissenschaftler, Züchter und Tierärzte mitgewirkt haben. Das Papier zeigt Strategien für die Zucht, Haltung und Fütterung sowie das dazugehörige Management für eine zukunftsfähige Milchviehhaltung auf. Dabei wurden Möglichkeiten und Grenzen von Maßnahmen wissenschaftlich fundiert erörtert, denn nicht jeder Wunsch der Gesellschaft ist unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen der Produktion umsetzbar. Bestehende Zielkonflikte haben darüber hinaus einen entscheidenden Einfluss darauf, welche betriebsindividuellen Entscheidungen der Landwirt treffen muss. Dies deutlich zu kommunizieren, ist ein Grundbaustein für die Akzeptanz der zukünftigen Milchviehhaltung in Deutschland.

Die Nutztierhaltung spielt zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie der Ernährungssicherung und des Klimawandels eine große Rolle. Die Leistung der Nutztiere, Wechselwirkungen zwischen Leistung und Tiergesundheit sowie die Nutzungsdauer der Tiere sorgen immer wieder für gesellschaftliche Diskussionen und leider auch viel zu oft für negative Schlagzeilen, die eine ganze Berufsgruppe diskreditieren und die Verbraucher verunsichern. Die derzeitige große Herausforderung für Wissenschaft, Praxis und Beratung besteht darin, die aktuellen Tierhaltungssysteme so weiterzuentwickeln, dass die Aspekte der Tiergesundheit, der Leistungsfähigkeit, der Ökologie, der Ökonomie und der in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen mit dem Ziel der gesellschaftlichen Akzeptanz bestmöglich in Einklang gebracht werden. Dabei müssen die Aspekte interdisziplinär betrachtet und bewertet werden.

Was kann die Zucht leisten?
Genetik, Zucht und Selektion haben seit jeher einen großen Einfluss auf Menge und Qualität tierischer Produkte. Zuchtziele haben sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert und sich oftmals den Bedürfnissen der Gesellschaft angepasst. Neben der Bewältigung globaler Herausforderungen hat die Tierzucht das Ziel, die Genetik stets zu verbessern, um die Wettbewerbsfähigkeit der Milchviehhalter zu sichern. Ziel sollte daher sein, eine gesunde, robuste, thermotolerante Kuh mit einer langen Nutzungsdauer zu züchten. Dafür stehen dem Landwirt verschiedene Instrumente wie zum Beispiel die genomische Zuchtwertschätzung zur Verfügung, die in den letzten Jahrzehnten stets verbessert wurden.

Mit diesen neuen Selektionsinstrumenten sowie der Anwendung neuer Zuchtwerte lassen sich auch betriebsindividuelle Zuchtziele leichter erreichen. Da schon zur Geburt des Kalbes deutlich genauere genomische Zuchtwerte vorliegen, haben Landwirte jetzt die Möglichkeit, bereits frühzeitig Selektionsentscheidungen zu treffen. Idealerweise können die genetisch wertvollsten Tiere mit gesextem Sperma von hochwertigen Bullen belegt werden und die genetisch schwächeren mit Gebrauchskreuzungsbullen. Alternativ können genetisch schwächere Tiere auch als Trägertiere für wertvolle Embryonen von genomisch selektierten Toptieren genutzt werden.

Folglich kann die Anzahl an Rindern für die Remontierung gesenkt und damit die durchschnittliche Nutzungsdauer der Kühe gesteigert werden. Kreuzungskälber erzielen zudem einen besseren Preis, allerdings könnte die Geburt schwieriger verlaufen.

Auch die Anwendung neuer Zuchtwerte kann erheblich zum Tierwohl, zur Ressourcenschonung und zur ökonomischen Stabilität beitragen. Im April 2019 wurde die Zuchtwertschätzung für insgesamt 13 Gesundheitsmerkmale eingeführt (RZGesund), und ab August 2020 soll ein neuer ökonomischer Gesamtzuchtwert etabliert werden. Ab 2021 ist dann geplant, Gesundheitszuchtwerte im Gesamtzuchtwert RZG zu berücksichtigen. Neben diesen Entwicklungen steht in nächster Zukunft die Entwicklung von Zuchtwertschätzsystemen für die Merkmale Futteraufnahmevermögen und Futtereffizienz im Vordergrund.

Führt eine geringere Milchleistung wirklich zu einer Verbesserung der Gesundheit und einer Verlängerung der Nutzungsdauer? Dieses häufig vorgebrachte Argument wurde von der Projektgruppe genauer unter die Lupe genommen. Auswertungen relevanter Kennziffern zeigen für praktische Milchviehbetriebe mit höheren Milchleistungen eine vergleichsweise bessere Gesundheit und Nutzungsdauer bei guter Managementqualität. Diese ist allerdings eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Herde. Die Projektgruppe hält daher die Einführung von neuen gesundheitsbezogenen Merkmalen sowie die Nutzung genomischer Informationen für einen effektiven Weg, die Nachhaltigkeit der Milchproduktion zu verbessern.

Vorschläge für Verbesserungen des Haltungssystems
Um auch in Zukunft nachhaltig Milch zu produzieren, bedarf es einer intensiveren Kälberaufzucht, einem geringeren Ausscheiden von Jungkühen und somit einer deutlichen Erhöhung der Nutzungsdauer und Verringerung der Reproduktionsraten. Ein Aspekt, der in Zukunft möglicherweise verstärkt in einigen Betrieben der Milchviehhaltung Umsetzung finden wird, ist eine längere Freiwillige Wartezeit von der Kalbung bis zur erneuten Besamung. Untersuchungen der LFA MV ergaben eine deutlich bessere Persistenz der Laktation bei spät besamten Kühen. Die Kühe mit einer Freiwilligen Wartezeit von 180 Tagen hatten wie in den Untersuchungen des LFA MV 1.000 kg mehr Milch in der 305-Tage-Leistung. Zudem wiesen sie mit 50 % den höchsten Erstbesamungserfolg auf. Aufpassen muss man, dass die Kühe zu Laktationsende nicht verfetten. Man muss sie aber wahrscheinlich auch nicht mit 30 kg Milch und mehr trockenstellen und spart ggf. Antibiotikum.

Die technischen Entwicklungen schreiten auch in der Tierhaltung immer weiter voran. Zunehmende Automatisierung und Nutzung von Sensortechniken bieten Vorteile, die sich sowohl positiv auf die Tiergesundheit als auch auf das betriebswirtschaftliche Ergebnis auswirken können. Weitere Aspekte wie das Fütterungsmanagement und die Rationsgestaltung, Besonderheiten in der Transitphase, Emissionsminderung und Klimawandel werden in dem Positionspapier ausführlich behandelt.

Mitglieder der Projektgruppe: Prof. Gerhard Breves (Tierärztliche Hochschule Hannover, Leiter), Thomas Engelhard (LLG Sachsen-Anhalt), Ulrich Westrup (Westrup-Koch GbR Bissendorf, Landwirt), Dr. Otto-Werner Marquardt (DGfZ Bonn), Dr. Johannes Heise (vit Verden), Dr. Bettina Bongartz (DGfZ Bonn), Dr. Jan Hendrik Schneider (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft), Dr. Anke Römer (LFA MV Dummerstorf), Hans-Willi Warder (Osnabrücker Herdbuch eG), Dr. Reinhard Reents (vit Verden)

Download des Positionspapiers

Quelle: DGfZ

Hitze verlangt Kontrolle – Die Eutergesundheit sichern, bevor es warm wird!

0

Von Dr. Joachim Lübbo Kleen, Fachtierarzt für Rinder, CowConsult

Mit dem Euter der Kuh wird das Geld verdient – dementsprechend ist die Bedeutung der Eutergesundheit kaum zu überschätzen. Euterprobleme sind neben Lahmheit und Fruchtbarkeitsproblemen der Hauptabgangsgrund für Milchkühe. Von einer chronisch euterkranken Kuh ist weniger Leistung zu erwarten, und damit sinkt auch der Wert des Tiers. Besonders im Sommer steigt die Anfälligkeit für Euterprobleme. Doch warum eigentlich ist das so?

Akute Mastitiden beeinträchtigen deutlich die aktuelle und zukünftige Milchproduktion, und so wird nach einer schweren Euterentzündung nur mehr 80-95 % der theoretisch möglichen Milchleistung erreicht. Die Kosten eines einzigen Falles von Euterentzündung gehen also über die eigentlichen Behandlungskosten hinaus: Remontierungskosten, Produktionsverluste und zusätzlicher Arbeitsaufwand addieren sich zu einer beträchtlichen Summe.

Gerade im Sommer ist die Eutergesundheit eine Herausforderung für den gesamten Betrieb: Zellzahlen steigen in den warmen Monaten erfahrungsgemäß an und klinische Mastitiden nehmen zu, bzw. haben einen schwereren Verlauf. In den Sommermonaten sind viele Bereiche schwerer unter Kontrolle zu halten. Es gilt also, sich auf möglicherweise entstehende Probleme in den Sommermonaten vorzubereiten und Risiken zu kontrollieren, bevor sich die Eutergesundheit verschlechtert. Sehen wir uns die Kontrollbereiche und ihre mögliche Kontrolle also einmal genauer an.

Bereich 1: Eutergesundheit kontrollieren: Zellzahlberichte nutzen!
Ein zentraler Punkt für die Beurteilung der Eutergesundheit in einer Herde ist nach wie vor die Tankmilchzellzahl. Hierbei ist zu beachten, dass die Zellzahl der abgelieferten Milch sich nicht selten von der tatsächlichen Herdenzellzahl unterscheidet: Je nachdem, wie viele Tiere durch akute oder chronische Eutererkrankungen aus der Tankmilch herausfallen, kann es zu z.T. deutlichen Unterschieden zwischen den Werten kommen. Entscheidend ist also nicht die Zellzahl in der abgelieferten Milch, sondern die Zellzahl in der MLP. Da die Gesamt-Zellzahl nur wenig Auskunft über Veränderungen in der Herde gibt und von wenigen Tieren stark beeinflusst werden kann, sollte …


Zum Weiterlesen, melden Sie sich hier einfach für den kostenfreien Empfang des zweimonatlichen Hoftierarzt E-Magazin an. Sie erhalten den Download Link zum E-Magazin mit diesem Artikel direkt nach Ihrer Anmeldung:

 

Mäuseherzen als Schlüssel für bessere Heilungschancen in der Humanmedizin

Forscherteam aus MV kann erstmals Zellstrukturen des Herzens vollständig darstellen

Einem interdisziplinären Forscherteam, bestehend aus Wissenschaftlern des Leibniz-Institutes für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf und der Universität Rostock, ist es gelungen, die Zellpopulationen und insbesondere die Subpopulationen im Herzen erwachsener Mäuse vollständig zu entschlüsseln und auch die Dynamiken der einzelnen Zellgruppen aufzuzeigen.

„Dabei wurde auch eine Gruppe von Gefäßwandzellen entdeckt, die Eigenschaften von Herzmuskelzellen aufweisen. Da Herzmuskelzellen sich im Allgemeinen nicht mehr teilen können, weshalb es nach einem Infarkt zu bleibenden Schäden kommt, wäre die Entdeckung einer Quelle zur Bildung neuer Herzmuskelzellen vor allem für die regernative Herzmedizin von besonderer Bedeutung“, betonte Dr. Anne-Marie Galow vom Institut für Genombiologie am FBN. Um die zelluläre Zusammensetzung eines kompletten Organs zu erfassen, wurden erstmalig tausende Zellkerne aus dem Herzen ausgewachsener Mäuse sequenziert, bioinformatisch analysiert und so bestimmten Zellpopulationen zugeordnet.

Der Forschungserfolg wurde im Rahmen des Verbundforschungsvorhabens „Programmierte Herzschrittmacherzellen zur in vitro Medikamententestung (iRhythmics)“ erzielt und Anfang des Jahres in „Cells“, einer internationalen Open-Access-Zeitschrift für Zellbiologie, Molekularbiologie und Biophysik veröffentlicht*. Erstautoren sind Dr. Anne-Marie Galow (FBN) sowie Paula Müller (Klinik für Herzmedizin, Universitätsmedizin Rostock) und Markus Wolfien (Lehrstuhl für Systembiologie und Informatik, Universität Rostock).

Das Projekt, das von der EU und der Landesregierung MV mit rund zwei Millionen Euro gefördert wird, läuft seit Oktober 2018. Beteiligt ist unter Federführung der Universitätsmedizin und Universität Rostock (Prof. Dr. Robert David) neben dem Institut für Genombiologie am FBN in Dummerstorf die Universitätsmedizin Greifswald. Ziel des Projektes der Landesexzellenzforschung ist es, aus unreifen Herzmuskel-Vorläuferzellen schlagende Herzmuskelzellen, sogenannte „programmierte Herzschrittmacherzellen“ herzustellen. Diese bieten die Möglichkeit, neuartige Medikamententests für Herz- und Kreislauferkrankungen in der Petrischale und ohne Tierversuche durchzuführen. Das FBN ist in dem Gemeinschaftsprojekt für die umfassenden Genexpressionsanalysen der programmierten Schrittmacherzellen und die Auswertung der Daten zuständig.

Neue Erkenntnisse über die Dynamik und Vernetzung von Herzzellen
Die zelluläre Zusammensetzung einiger anderer Organe konnte bereits zuvor erfasst werden. „Das Herz stellte jedoch eine besondere Herausforderung dar, weil die Herzmuskelzellen aufgrund ihrer Größe, Länge und Form nicht mit den Standard-Systemen bearbeitet werden konnten“, erläuterte Dr. Anne-Marie Galow. „Aus diesem Grund haben wir einen alternativen Ansatz gewählt, der zuvor nur in der Neurologie beschrieben wurde. Nervenzellen können ebenfalls sehr groß werden und sind dazu noch verzweigt. Mit der noch sehr neuen Methodik der Einzelkernsequenzierung haben wir ganze erwachsene Säugetierherzen untersucht und 24 verschiedene Zellcluster identifiziert. Analysen auf zellulärer Ebene sind unabdingbar, um unser Verständnis komplexer Gewebe wie des Säugetierherzens zu erweitern“, so die Humanbiologin.

Die Aufklärung der zellulären Zusammensetzung der einzelnen Organe und das Anlegen von Zellmarkerprofilen der einzelnen Zelltypen ist aufwändige Pionierarbeit in der Grundlagenforschung. Die gewonnenen Daten liefern der Wissenschaft jedoch wertvolle neue Erkenntnisse über die Dynamik und Vernetzung von Herzzellen und helfen, bestimmte molekularbiologische Prozesse besser zu verstehen.

Insbesondere die Ergebnisse zu den erstmals spezifizierten Gefäßwandzellen sind vielversprechend für eine künftige Anwendung in der regenerativen Herzmedizin, zur Wiederherstellung von durch Krankheit oder Unfall geschädigten kardiologischen Zellen, Geweben und Organen. „Auf lange Sicht kann die Sequenzierung auf Einzelzellebene genutzt werden, um krankhafte Veränderungen in Organen bestimmten Zellpopulationen zuzuordnen und so in Zukunft gezieltere Therapieansätze zu ermöglichen“, so die Wissenschaftlerin.

In einem weiteren Schritt sind nun entsprechende Analysen mit Schweineherzen geplant. Diese ähneln dem menschlichen Herzen weitaus stärker. Zudem haben sie als potenzielle Quelle für Xenotransplantate in den letzten Jahrzehnten in der Herz-Kreislauf-Forschung zunehmend an Bedeutung gewonnen.

*Originalpublikation
Single-Nucleus Sequencing of an Entire Mammalian Heart: Cell Type Composition and Velocity
Cells 2020, 9(2), 318; https://doi.org/10.3390/cells9020318, Published: 28 January 2020
www.mdpi.com/2073-4409/9/2/318

Quelle: Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) Bummersdorf

Bienen und Landwirtschaft: Synergien erforschen, Lösungen entwickeln

0

Die Forschungsstrategie der Deutschen Agrarforschungsallianz zeigt, wie die Bedingungen für Honig- und Wildbienen und das Zusammenwirken von Bienen, Imkerei und Landwirtschaft verbessert werden können. Damit soll zum Erhalt der biologischen Vielfalt, zur Verbesserung der Erträge durch optimierte Bestäubungsleistung und zur Resilienz von Agrarökosystemen und landwirtschaftlichen Produktionssystemen beigetragen werden. Die Strategie formuliert drei Forschungsfelder: 1. Förderung der Bienen-Vitalität (Gesundheit, Leistung, Fitness), 2. Agrarlandschaften und Anbausysteme entwickeln, 3. Wechselwirkungen zwischen landwirtschaftlichen Praktiken und Bienen verstehen, um Synergien zu erreichen.

Die Empfehlungen beruhen unter anderem auf den Ergebnissen zweier Workshops, an denen insgesamt rund 150 Personen aus Landwirtschaft, Imkerei, Naturschutz, Verwaltung, Wissenschaft und Politik teilgenommen haben. In diesen Veranstaltungen wurden Ist- und Zielzustände verglichen sowie Wege und Forschungsbedarfe für ein synergistisches Zusammenwirken von Bienen und Landwirtschaft diskutiert.

Die Strategie formuliert drei zentrale Forschungsfelder. Dabei steht die Vitalität der Wild- und Honigbienen an erster Stelle, weil diese ihre Rolle im Agrarökosystem bzw. in der Imkerei nur ausfüllen können, wenn sie gesund und leistungsfähig sind. Das zweite Forschungsfeld widmet sich der Frage, wie die Landschaftsstrukturen sowie die Nutzungs- und Bewirtschaftungsformen der Landschaft die Häufigkeit, Diversität und Vitalität der Bienen beeinflussen. Das dritte Forschungsfeld nimmt die Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft, Kulturlandschaft und Bienen in den Blick.

Die Forschung, so eine weitere Forderung, muss flankiert werden durch geeignete Forschungs- und Förderungsstrukturen und eine bessere Kommunikationsstruktur zwischen Forschung, Landwirtschaft, Berufs- und Hobbyimkerei, Amtstierärzten, Beratung und Kommunen. Da neue Erkenntnisse zu Bienengesundheit gegenwärtig über viele verschiedene Einrichtungen, Verbände und Einzelpersonen verbreitet werden müssen, sollte eine zentrale Plattform für Daten-, Wissens- und Kommunikationsmanagement eingerichtet werden.

Ohne eine passende politische Gestaltung kann das Zusammenwirken von Bienen und Landwirtschaft jedoch nicht längerfristig erfolgreich sein. Im marktwirtschaftlichen Wettbewerb können es sich Landwirte in der Regel nicht leisten, ihre Produktionssysteme „betriebswirtschaftlich suboptimal“ auszurichten, indem sie unentgeltlich öffentliche Leistungen erbringen. Die Politik steht somit vor der Herausforderung, den agrar- und ordnungspolitischen Rahmen so zu entwickeln, dass bienenförderndes Handeln für die Landwirte im betriebswirtschaftlichen Interesse liegt oder zumindest keinen Wettbewerbsnachteil darstellt. Dazu müssen geeignete Maßnahmen entwickelt werden, die mit vertretbarem Aufwand rechtssicher kontrollierbar, regional steuerbar und kulturspezifisch ausgearbeitet sind und mögliche Zielkonflikte mit anderen agrarpolitischen Zielen minimieren.

Die 44-seitige Forschungsstrategie kann als gedruckte Broschüre über die Geschäftsstelle der DAFA bestellt oder als PDF vom Internetauftritt der DAFA heruntergeladen werden. Eine englische Übersetzung ist ebenfalls verfügbar.

Die DAFA ist eine Gemeinschaftsinitiative der deutschen Agrar- und Ernährungsforschung. Ihr gehören über 60 deutsche Universitäten, Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sowie Bundes- und Landesforschungsinstitute an. Das Netzwerk verfolgt das Ziel, die Leistungsfähigkeit sowie die nationale und internationale Sichtbarkeit der deutschen Agrar- und Ernährungsforschung zu verbessern und für die Praxis wirksam zu machen.

Quelle: Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA)

Noch zu viele Verluste bei freier Abferkelung (mit Video)

Von Prof. Steffen Hoy, Universität Gießen

Der Kastenstand und die dauerhafte Fixierung der Sauen soll aufhören. Doch die Freie Abferkelung ist mit der aktuellen Sauengenetik noch nicht zu empfehlen, wie eine Studie der Universität Gießen zeigt.

Neben den drei K (Kastration, Kastenstand, Kupierverzicht), der Düngeverordnung und dem Insektensterben wird aktuell auch über Alternativen zur fixierten Haltung der Sauen im Abferkelstall debattiert. Dabei muss zwischen der Freien Abferkelbucht und der Bewegungsbucht unterschieden werden. Bewegungsbuchten besitzen einen Ferkelschutzstand für die zeitweilige Fixierung der Sau (z.B. während der ersten drei bis fünf Tage nach der Abferkelung). Freie Abferkelbuchten haben dagegen keine Möglichkeit einer Fixation der Sau. In mehreren Freien Abferkelbuchten wurden die Ferkelverluste und eine Vielzahl an weiteren Parametern untersucht (siehe Doktorarbeit von Edina Hickl).

Untersuchungen auf dem Eichhof
Die Untersuchungen fanden im Landwirtschaftszentrum Eichhof (Hessen) statt. Von insgesamt 48 Abferkelplätzen wurden vier als Freie Abferkelbuchten (FAB) umgebaut, die anderen blieben als Buchten mit Ferkelschutzkorb (FSK) bestehen. Insgesamt wurden 350 Sauen mit fast 5.400 gesamt geborenen Ferkeln in 36 Durchgängen untersucht. Die Buchten waren 5,9 bis 6,6 m2 groß und besaßen eine Bewegungsfläche für die Sau von 3,3 bis 4,2 m2 (Abb. 1). Alle Buchten waren mit einem Arretiergitter ausgestattet, um bei Bedarf (z.B. bei Behandlungen von Sau oder Ferkeln) die Sau kurzzeitig zu fixieren. Dieses Gitter ist nicht für eine längere Vereinzelung der Sau geeignet. Sämtliche Ferkelverluste wurden registriert. Die Sauen wurden bei Ein- und Ausstallung gewogen. Außerdem erfolgten Bonituren zu möglichen Aufliegeschäden. Die Ferkel wurden ebenso einzeln gewogen (Geburt, am durchschnittlich 24. Lebenstag). Darüber hinaus wurden alle Einzeltierbehandlungen der Sauen und Ferkel sowie die Verschmutzung der Sauen erfasst. Verhaltensuntersuchungen fanden zu den Ursachen von Erdrückungsverlusten statt. Im Projekt wurden darüber hinaus arbeits- und betriebswirtschaftliche Untersuchungen zur Bewirtschaftung von Freien Abferkelbuchten durchgeführt.

Arbeitsschutz ist wichtig
Die Unfallverhütungsvorschrift Tierhaltung (VSG 4.1) der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau vom 11. Januar 2017 fordert eine kurzzeitige Fixierung der Sau z.B. während der Behandlung von Ferkeln oder der Sau selbst. Diese Vorgabe ist berechtigt, denn insgesamt 6% der Sauen in den Freien Abferkelbuchten griffen zum „Schutz der Ferkel“ den Tierbetreuer an. Kein Tierbetreuer wurde verletzt. Die Sauen wurden fixiert, und die Arbeiten konnten durchgeführt werden. Mehrere Sauen gingen aggressiv gegen die eigenen Ferkel vor, was im Extremfall zum Tod durch Beißen von 11 Ferkeln eines Wurfes führte.

Ferkelverluste in den Freien Abferkelbuchten sind viel zu hoch
In den Freien Abferkelbuchten traten bei den über 900 lebend geborenen Ferkeln mit 21,9% fast doppelt so viele Ferkelverluste auf wie in den Buchten mit Ferkelschutzkorb (11,2%, statistisch gesichert). Der Großteil der Verluste resultierte aus Erdrückungsverlusten. Diese betrugen in den FAB 12,9%, in den Buchten mit FSK nur 5,2% (p < 0,01) (Abb. 2). Derartig hohe Ferkelverluste in den Freien Abferkelbuchten sind ethisch und tierschutzrechtlich nicht hinnehmbar und für Betriebsleiter und Mitarbeiter frustrierend und demotivierend.


Zum Weiterlesen, melden Sie sich hier einfach für den kostenfreien Empfang des zweimonatlichen Hoftierarzt E-Magazin an. Sie erhalten den Download Link zum E-Magazin mit diesem Artikel direkt nach Ihrer Anmeldung:

 

Das Mikrobiom reguliert die Fitness des Immunsystems

Sicherlich auch auf Tiere übertragbar: Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Berlin Institute of Health (BIH) und des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums (DRFZ) Berlin konnten in Zusammenarbeit mit Kollegen in Mainz, Bern, Hannover und Bonn aufzeigen, wie das Mikrobiom dazu beiträgt, das Immunsystem in einen Zustand zu versetzen, der es ihm ermöglicht, schnell auf Krankheitserreger zu reagieren. Ist es abwesend, bleibt eine Freisetzung entscheidender Botenstoffe aus und der Stoffwechsel in bestimmten Zellen des Immunsystems wird nicht angeworfen. Wie das Team in der Fachzeitschrift Cell* beschreibt, fehlt dann sozusagen der Treibstoff für eine Immunantwort in den zuständigen Zellen.

Grenzflächen des Körpers zu seiner Umwelt sind Einfallstore für Krankheitserreger. Gleichzeitig sind solche Epithelien von Natur aus dicht besiedelt durch eine komplexe Ansammlung von Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten – das sogenannte Mikrobiom. Die permanente Interaktion mit diesen Mikroorganismen hat vermutlich im Laufe der Evolution zur Ausbildung robuster Signalnetzwerke geführt, die den Organismus schützen. Welche Rolle das Mikrobiom beim Auslösen einer Immunantwort auf schädliche Erreger einnimmt und auf welche Weise es dabei Signalwege beeinflusst, damit haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Diefenbach, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie der Charité, jetzt eingehend beschäftigt.

Wird bei einer Infektion eine Immunantwort ausgelöst, spielen sogenannte konventionelle dendritische Zellen (cDC) eine Schlüsselrolle. Sie gehören dem angeborenen Immunsystem an und sind mit einer Reihe von Mustererkennungs-Rezeptoren ausgestattet, die es ihnen ermöglichen, eindringende Erreger schnell zu erkennen. Die Zellen reagieren zunächst mit der Ausschüttung von Zytokinen – diese Botenstoffe sorgen dafür, weitere Immunzellen an die Stelle der Infektion zu locken. Gleichzeitig phagozytieren sie Krankheitserreger, das heißt, sie nehmen diese auf, zerlegen sie und präsentieren anschließend einzelne Bruchstücke als Antigene an der Zelloberfläche. Das wiederum führt zur Aktivierung von T-Zellen des adaptiven Immunsystems und somit einer gezielten Immunantwort. Eine Aktivierung von T-Zellen durch cDC, die körpereigene Antigene präsentieren, führt dagegen zu einer fehlgeleiteten, unerwünschten Immunantwort, mit der Folge von Autoimmunerkrankungen.

Das Team um Prof. Diefenbach hat jetzt herausgefunden, dass cDC unter keimfreien Bedingungen nicht in der Lage sind, Immunantworten zu starten. Die Forschenden folgern daraus, dass sie Signale im Basiszustand, also einem Zustand, in dem keine Infektion vorliegt, erhalten, die vom Mikrobiom ausgehen. Diese Signale versetzen cDC in einen Zustand der Antwortbereitschaft. „Wir wollten verstehen, welchen Einfluss das Mikrobiom kontinuierlich auf die cDC-Funktion nimmt“, sagt Prof. Diefenbach, der auch Einstein-Professor für Mikrobiologie ist sowie Leiter der Arbeitsgruppe Mukosale Immunologie am DRFZ. „In der aktuellen Untersuchung konnten wir nun nachweisen, dass diese speziellen Immunzellen im Basiszustand ein permanentes Typ-I-Interferon-Signal (IFN-I) erhalten, das von der Mikrobiota reguliert wird.“ Interferone sind Zytokine, also spezielle Botenstoffe, von denen bekannt ist, dass sie vor allem in der antiviralen Abwehr eine Rolle spielen. „Über die Rolle von IFN-I im Basiszustand wusste man bisher wenig. cDC, die ein solches IFN-I-Signal im Basiszustand nicht erhalten, können ihre physiologischen Funktionen in der Abwehr von Krankheitserregern nicht wahrnehmen“, erklärt der Mikrobiologe. Die Studienergebnisse legen nahe, dass das Mikrobiom die Fitness unseres Immunsystems reguliert, indem es dieses in einem „bereiten“ Zustand hält, um schnellstmöglich auf Krankheitserreger reagieren zu können.

Um der Frage näher zu kommen, auf welche Weise das vom Mikrobiom kontrollierte IFN-I im Basiszustand für die Bereitschaft von cCD sorgt, haben die Forschenden verschiedene Tiermodelle eingesetzt. Mittels RNA-Sequenzierung konnten sie das Transkriptom und Epigenom von cDC aus keimfreien Tieren, Kontrolltieren und solchen, die genetisch kein IFN-I Signal wahrnehmen konnten, vergleichen. Was also passiert auf molekularer Ebene in cDC, wenn sie dem IFN-I entzogen werden? „Interessanterweise konnten wir in den cDC von keimfreien Tieren und solchen ohne IFN-I-Signal eine geringere Expression von Genen feststellen, die an der mitochondrialen Atmungskette beteiligt sind“, beschreibt Laura Schaupp, Charité-Wissenschaftlerin und Erstautorin der Studie, die Beobachtungen. „Weitere Analysen zeigten, dass die cDC von keimfreien Tieren einen gestörten Zellstoffwechsel aufweisen und somit nicht in der Lage sind, Immunantworten zu initiieren. Den Zellen fehlte gewissermaßen der Treibstoff für eine Reaktion auf Krankheitserreger.“ Das Mikrobiom ist demnach für das Funktionieren von cDC essentiell notwendig und zwar für eine wirksame Reaktion auf bakterielle oder virale Infektionen, einschließlich der Aktivierung von T-Zell-Antworten.

Die gewonnen Erkenntnisse können Denkanstöße für die Entwicklung neuer Therapieansätze liefern. Viele Autoimmunerkrankungen, beispielsweise der Systemische Lupus Erythematosus, resultieren aus einer verstärkten IFN-I-Produktion. Andere Studien zeigten, dass die Effektivität von Checkpoint-Inhibitoren bei Krebs-Immuntherapien durch das Mikrobiom beeinflusst wird. „Diese Phänomene werden uns weiter interessieren“, sagt Prof. Diefenbach. „Lässt sich beispielsweise die Zusammensetzung des Mikrobioms so verändern, dass wir die Verfügbarkeit von IFN-I reduzieren und damit Autoimmunerkrankungen günstig beeinflussen können? Oder könnte eine positive Beeinflussung der grundlegenden IFN-I-Produktion zu einem besseren Ansprechen auf Immuntherapien gegen Krebs führen?“ Diese Fragen wird das Team in anschließenden Arbeiten beschäftigen.

Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin