Übertragung von Carbapenem- und colistinresistenten Bakterien in deutschen Putenhaltungen

Der TiHo-Professor Manfred Kietzmann hat 2019 zur Situation in der Geflügelhaltung geschrieben: „Da Carbapeneme bis dato der Goldstandard zur systemischen Therapie schwerer Infektionen gramnegativer Keime waren, stellen Carbapenem-Resistenzen eine große Herausforderung dar und schränken die Therapieoptionen enorm ein.“ (1)

Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) hat nun, gemeinsam mit anderen Institutionen, untersucht ob eine durch Genveränderung hervorgerufene Resistenz bei Enterobakterien in Putenställen und bei den Tierhaltern nachweisbar und eine direkte Übertragung durch den Kontakt zwischen Menschen und Tieren möglich ist. Wir sprachen mit der Tierärztin und Hauptautorin der Studie Katja Nordhoff vom LAVES.

1) Methoden:

Katja Nordhoff, LAVES

Frau Nordhoff: Puten sind am wahrscheinlichsten Träger von mcr-positiven Colistin-resistenten Enterobacterales (mcr-Col-E). Sie haben untersucht, wie oft diese und Carbapenemase-produzierende Enterobacterales (CPE) vorkommen. Erklären Sie uns zunächst, was diese komplizierten Fachbegriffe bedeuten?

Colistin-Resistenz gibt es schon lange, und bei einigen Bakterien ist sie einfach mit eingebaut. Eine neue Komponente gibt es seit 2016, als die mcr-vermittelte Colistin-Resistenz entdeckt wurde. Das Kürzel „mcr“ steht für „mobile Colistin Resistenz“ und die befindet sich auf einem Plasmid, einem kleinen, runden Erbgutabschnitt, den Bakterien untereinander austauschen können. Und genau das ist das Problem.

Die Colistin-Resistenzen, die vorher bekannt waren, sind fest im Erbgut der jeweiligen Bakterien eingebaut, aber diese plasmid-vermittelte Resistenz können Bakterien nun austauschen – und das tun sie auch. Darum haben, als das entdeckt worden war, viele in ihren Gefrierschränken nachgeschaut, ob die Bakterien, die sie als Colistin-resistent eingefroren hatten, vielleicht diese Colistin-Resistenz auch aufgrund dieses Plasmids aufwiesen, und sehr viele Bakterien enthielten dieses Plasmid. Das macht es natürlich gefährlicher, weil sie die Resistenz auf andere Bakterien übertragen können, und zwar nicht nur der eigenen Sorte, sondern auch auf andere Bakterienarten.

Die Carbapenemasen wiederum stellen eine andere Form der Antibiotika-Resistenz dar. Die Colistin-Resistenz über das mcr-Gen z. B. vermittelt eine Methode, wie das Bakterium sich vor dem Antibiotikum schützen kann, nämlich indem das Antibiotikum an der entsprechenden Bindungsstelle nicht mehr andocken kann.

Bei den Carbapenemasen wird das Carbapenem aufgeknackt und ist dann komplett wirkungslos. Was ein echtes Problem darstellt, weil Carbapeneme auch beim Menschen eingesetzt werden, wenn nichts anderes mehr hilft.

In der Humanmedizin wird Colistin wegen seiner starken Nebenwirkungen nicht gerne eingesetzt. Es ist nephrotoxisch und neurotoxisch, und viele Menschen sind nach einer Colistingabe zumindest vorübergehend dialysepflichtig. Weil die Carbapenemasebildner aber so zunahmen, hat die Humanmedizin in manchen Fällen trotzdem wieder auf Colistin zurückgegriffen.

Die Zunahme Carbapenem-resistenter Erreger war vor allem ein Problem südlicher Länder, in Indien angefangen, richtig?

Wir sehen bei Resistenzen häufig einen solchen Nord-Süd-Shift. In Deutschland ist die Situation noch günstiger als etwa in Südeuropa. Die Carbapenemasebildner sind ein klassisches One-Health-Problem. In der Veterinärmedizin allein stören die uns gar nicht. Sie kommen bei uns quasi nicht vor, Carbapeneme sind nicht zugelassen und werden nicht eingesetzt.

Sie haben Menschen und Tiere – Stichwort „One-Health“ – untersucht: wie lief das genau ab?

Wir haben lange überlegt, wie wir das insgesamt organisieren, und am Ende wurden diese Untersuchungen an das Zoonosen-Monitoring angehängt. Im Rahmen dieses Monitorings besuchen die kommunalen Veterinärbehörden ohnehin Putenhaltungen, und sie haben sich bereit erklärt, noch zusätzliche Proben zu nehmen. Auch die NGW und das Landvolk haben uns freundlicherweise unterstützt.

Also wurden Sockentupferproben genommen – man zieht dafür eine Art Socken über die Stiefel und läuft damit mehrmals durch den Stall. Was daran hängenbleibt, wird im Labor untersucht.

Während die Amtsveterinär:innen auf dem Betrieb waren, haben sie die Betriebsmitarbeitenden und ihre Familienmitglieder gefragt, ob sie sich nicht selbst auch untersuchen lassen wollen. Dafür haben wir, gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA), Kits mit einem sehr ausführlichen Aufklärungsbogen und einem Röhrchen für Stuhlabstriche zusammengestellt. Wir durften über 200 Kits abgeben, und 46 Leute waren bereit mitzumachen. Natürlich hätten wir gerne noch mehr Proben untersucht, aber ein Rücklauf von 22 % ist für Stuhlproben schon ganz gut.

Beim LAVES wurden dann die Sockentupfer und beim NLGA die Stuhlproben mit denselben Methodenuntersucht und in eine Anreicherungs-Bouillon gegeben, die bereits Colistin enthielt. Und das ist der große Unterschied unserer Untersuchung zu bisher vorliegenden Daten, nicht besser oder schlechter, aber anders:

Die bisher vorliegenden Zahlen waren klassische Monitoringwerte, das heißt, man nimmt eine Grundgesamtheit kommensaler Colis und untersucht sie auf Resistenzen. Die Grundgesamtheit ist dann alles, was eben in diesem Stall vorkommt und wie viele Keime davon Colistin-resistent sind, ist letztendlich Zufall.

Wir haben nun quasi mit dem Metalldetektor nach der Nadel im Heuhaufen gesucht, um herauszufinden, wie groß das Problem denn potentiell sein könnte, wenn wir auch nach Keimen suchen, die sich in der hintersten Ecke verstecken. Darum lassen sich unsere Zahlen auch nicht so gut mit Zahlen aus früheren Studien vergleichen.

Für die Puten haben wir uns entschieden, weil das BfR bei denen ungefähr 17% mcr-vermittelte Colistin-Resistenzen berichtet hatte. Nun sind unsere Zahlen ja sehr viel höher, weil wir mit dieser Anreicherung gearbeitet haben und wir überhaupt nur die Keime bearbeitet haben, die diese Bouillon überlebt haben. Die kamen dann in eine PCR, um nach den mcr-Genen zu suchen.

In einem weiteren Arbeitsschritt wurde bestimmt, welche mcr-Gene genau vorkamen – es gibt ja mittlerweile zehn verschiedene davon. Dann wurden noch mal einige ausgewählt und sequenziert, um zu sehen, ob Menschen und Tiere genau die gleichen Keime haben und die untereinander austauschen. Schließlich wurden am Uniklinikum Münster noch die Plasmide sequenziert, um zu schauen, ob die Keime ein identisches Plasmid ausgetauscht haben.

Das klingt ja richtig nach Arbeit?

Ja! Zum Glück wurde die Arbeit auf mehrere Labore und Schultern verteilt.

2) Ergebnisse

Jetzt wird’s spannend: Zu welchen Ergebnissen sind Sie denn gekommen?

Wir haben 175 Putenherden beprobt, und die erwähnten 46 Human-Proben. Die Putenherden können wir noch genauer beschreiben: 153 konventionelle Betriebe, 14 Bio-Betriebe, und bei 8 hatten wir leider keine Angaben zur Haltungsform. Die allermeisten Betriebe hatten im aktuellen Mastdurchgang kein Colistin angewandt: 130 Herden oder 74,3 % waren unbehandelt. 45 hatten Colistin eingesetzt, davon 35 einmal, 8 zweimal, 1 dreimal und 1 mehr als dreimal.

Carbapenem-Resistenzen haben wir weder bei Menschen noch Tieren gefunden – das ist schon mal die erste gute Nachricht. Bei den Menschen wurden in 4 von 46 Proben Colistin-resistente Colis nachgewiesen. Das ist auf jeden Fall ein deutlich höherer Wert, als man ihn für die Durchschnittsbevölkerung erwarten würde.

Zusätzlich haben wir Risikofaktoren abgefragt, weil bekannt ist, dass Menschen eher mit colistinresistenten Keimen besiedelt sind, wenn sie beispielsweise Kontakt mit Tieren oder Antibiotika genommen haben, wenn sie im Krankenhaus arbeiten und – ein ganz typischer Risikofaktor – wenn sie in bestimmte Länder gereist waren. Und tatsächlich hatte eine Person eine Reise unternommen, für die restlichen drei besiedelten Personen lagen aber keine Risikofaktoren vor.

Von den Putenherden waren 123 positiv, das heißt, sie hatten irgendeinen Nachweis von mcr-positiven Enterobacterales. In 121 Fällen waren es E. coli und zweimal Klebsiellen. Wenn wir dann behandelte und unbehandelte Herden vergleichen, kommen wir auf eine Prävalenz von 82,2 % in den 45 mit Colistin behandelten Herden und 66,2 % in den 130 nicht-behandelten Herden. Vor allem letzterer ist schon ein sehr hoher Wert, mit dem wir nicht gerechnet hatten.

Und dann gibt es noch mal einen großen Unterschied zwischen konventionellen und Bio-Herden. Auch wenn es mit 14 nur wenige Bio-Herden gab, hatten wir dort eine Prävalenz von 7,1 % verglichen mit 74,5 % bei den konventionellen Herden.

Warum gibt es aber überhaupt positive Fälle in der Bio-Haltung?

Na ja, auch Bio-Betriebe arbeiten nicht im luftleeren Raum oder im sterilen Stall. Entwicklung und Weiterverbreitung von Resistenzen ist zunächst ein natürlich vorkommendes Phänomen und – trotz der Einschränkungen bei Bio – dürfen Antibiotika dort eingesetzt werden, was für das Tierwohl auch wichtig ist. Aber irgendetwas machen die Bio-Betriebe anders und auf jeden Fall richtig. Das Nichtbehandeln allein kann es nicht sein, wenn unbehandelte konventionelle Herden trotzdem noch zu 71,6 % positiv sind.

3) Ausblick

Noch ein Kietzmann-Zitat: „CPE besitzen die Fähigkeit bestimmte Antibiotika zu spalten und somit unwirksam zu machen. Diese Fähigkeit verdanken sie dem Enzym Carbapenemase. Dieses ist in der Lage eine Vielzahl gut wirksamer Antibiotika zu spalten.“ Die gute Nachricht ist, dass bei Ihren Untersuchungen weder bei Menschen noch Puten CPE (Carbapenemase-produzierende Enterobacterales) gefunden wurden. Aber eine echte Entwarnung ist das trotzdem nicht oder?

Was Antibiotika-Resistenzen angeht, gibt es die nie. Aber bei den Carbapenem-resistenzen sehe ich durch meine tierärztliche Brille nicht so schwarz. In Deutschland sehen wir bei Nutztieren wirklich selten CPE, sporadisch mal in einzelnen Schweine- oder Geflügelbetrieben. Und sogar die Humanmedizin geht davon aus, dass die zoonotische Übertragung in Deutschland kein relevanter Auslöser für das Auftreten von CPE in der Bevölkerung darstellt.

Außerdem werden neue antibiotische Wirkstoffe als Alternativen zum Colistin entwickelt wie Ceftazidim oder Avibactam. Aber wir sind schon recht froh, dass wir auch nach dieser Anreicherung festgestellt haben: sie sind nicht überall, auch wenn man ganz genau hinschaut.

Das BfR ist im Bereich der Carbapenemresistenzen sehr engagiert und hat die wenigen Betriebe, in denen CPE gefunden wurden, nochmal nachuntersucht, denn umgekehrt können antibiotika-resistente Keime natürlich auch vom Menschen aufs Tier übertragen werden. Bei der Tuberkulose etwa müssen wir heute häufig die Kühe vor den Menschen schützen.

Ist nach den Ergebnisse Ihrer Studie jetzt ein regelmäßiges Monitoring geplant?

Das gibt es ja bereits: im Zoonosen-Monitoring wird jedes Jahr auch auf Colistin-Resistenz untersucht. Aber wir sollten weiterhin genau hinschauen, woher die hohe Prävalenz in den unbehandelten konventionellen Herden kommt und was wir von den Bio-Herden lernen können.

Das Colistin wird uns sicher noch eine Weile beschäftigen, weil es ein gewisses Alleinstellungsmerkmal besitzt, wie es ja auch Prof. Kietzmann beschreibt. Natürlich könnten wir Colistin in der Veterinärmedizin verbieten, aber: auch Tiere müssen weiter behandelt werden können!

Und Colistin wirkt beim Geflügel ja tatsächlich super.

Veterinärmedizinisch ist das ein tolles Mittel: es wird nicht resorbiert, wirkt lokal im Darm, aber dass es so „durchrutscht“, ist einer der möglichen Gründe für das häufige Vorkommen von Resistenzen. Colistin, das im Stall liegenbleibt, ist sehr stabil, und auch die Plasmide halten sich lange.

Für Schweinehaltungen in Thailand wurde z. B. untersucht, wie lange mcr-vermittelt colistinresistente Bakterien nach dem Absetzen von Colistin nachgewiesen werden können: bei den Beschäftigten waren sie ein halbes Jahr später noch auffindbar, bei den Schweinen und im Abwasser auch nach dreieinhalb Jahren noch. Im Sinne des One-Health-Ansatzes müssen wir also weiter am Ball bleiben.

Frau Nordhoff: herzlichen Dank für das Gespräch!

(1) „Goldstandard“ in der Humanmedizin

Link zur Original-Studie

FBN stellt eine App zur Visualisierung der physisch-genetischen Karte bei Rindern vor

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Das Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) präsentiert eine neue App namens „CLARITY“, die eine interaktive Darstellung der bovinen physisch-genetischen Karte ermöglicht. Das Tool steht ab sofort zur Verfügung.

Um zu verdeutlichen, wie die Erbinformationen auf einzelnen Chromosomen angeordnet sind, werden in der Genomforschung physische Karten erstellt. Darüber hinaus zeigen genetische Karten, mit welcher Wahrscheinlichkeit genetische Varianten gemeinsam von einem Elternteil auf einen Nachkommen übertragen werden können.

Hochauflösende genetische Karten haben in der Wissenschaft vielzählige Anwendungsmöglichkeiten: Sie helfen bei statistischen Auswertungen, genetische Varianten zu finden, die mit bestimmten Leistungs- oder Gesundheitsmerkmalen zusammenhängen. Außerdem kann man berechnen, wie eng Tiere miteinander verwandt sind und wie groß die fortpflanzungsfähige Population ist. Gerade deswegen sind genetische Karten nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Tierzüchtung und das Management von Nutztierpopulationen relevant. Um moderne Züchtungsstrategien zu entwickeln und eine Tierressource zur Sicherung der genetischen Diversität vorzuhalten, sind genetische Karten unverzichtbar. Basierend auf umfangreichen Daten von deutschen Holstein-Rindern und deutschen/österreichischen Fleckvieh-Rindern hat das Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) eine Plattform entwickelt, die es den Benutzern ermöglicht, die kombinierte physisch-genetische Karte von diesen Rinderrassen interaktiv zu erkunden.

Interaktive CLARITY-App wertvolles Werkzeug für Bildung und Forschung
Durch die fortlaufende Integration von Daten verschiedener Rinderrassen ermöglicht die App auch deren Vergleich und verbildlicht die genetische Diversität. CLARITY ist somit ein wertvolles Werkzeug für Bildung und Forschung an Rindergenomen und offen für Erweiterungen um weitere Tierarten. Durch eine intuitiv gestaltete Benutzeroberfläche können Anwender mit einfachen Klicks individuelle Features auswählen und anpassen. Die Ergebnisse können in gängigen Formaten heruntergeladen und kostenfrei genutzt werden (Lizenz CC-BY 4.0).

„Die App ist kein statischer Katalog an Informationen. Sie bietet dem Anwender einzigartige Möglichkeiten, sich nach eigenen Vorstellungen in die genetischen Karten hineinzudenken. Beispielsweise können Genombereiche ausgewählt oder interessante Regionen mit höherer Chance auf eine Neukombination von genetischen Varianten vergrößert werden“, erläutert PD Dr. Dörte Wittenburg, welche die App in Zusammenarbeit mit einem internationalen Team aus Wissenschaftlern am FBN entwickelt hat.

„Die Rinderzuchtverbände waren sofort von diesem Projekt überzeugt und haben genetische Daten von hunderttausenden Tieren zur Verfügung gestellt. Dadurch haben die Ergebnisse eine hohe Genauigkeit“, führt PD Dr. Dörte Wittenburg aus. Die zahlreichen Features der App sind in einer Veröffentlichung beschrieben, die in dem Journal Frontiers in Genetics* erschienen ist.

*Originalpublikation
CLARITY: a Shiny app for interactive visualisation of the bovine physical-genetic map
Front. Genet., 30 May 2023
https://doi.org/10.3389/fgene.2023.1082782
Kooperationspartner: vit w.V. Verden und FBF Bonn, Zuchtdata Wien
Finanzierung: BMBF FKZ 031L0166

Quelle: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)

Genforschung: Neue Erkenntnisse zum Schweinevirus PRRS

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Eine soeben erschienene Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien liefert neues Wissen zur Genexpression nach einer PRRS-Infektion. Ein besseres Verständnis der Immunantworten kann zu einer gezielten Entwicklung wirksamer Impfstoffe und damit zum Schutz vor der gefährlichen Viruserkrankung beitragen.

Das RNA-Virus PRRS (Porcine Reproductive and Respiratory Syndrome) verursacht bei Schweinen leichte bis schwere klinische Symptome der Atemwege und der Fortpflanzung. Das Problem: Eine Veränderung der Immunantwort des Wirts durch PRRS ist mit einer erhöhten Anfälligkeit für sekundäre virale und bakterielle Infektionen verbunden, was zu noch schwerwiegenderen Erkrankungen führt. Allerdings sind die Expressionsprofile, die den angeborenen und adaptiven Immunantworten auf eine PRRS-Infektion zugrunde liegen, bisher noch weitgehend unbekannt.

Wichtiger Beitrag zur Entwicklung von Impfstoffen
In ihrer Studie untersuchte das Wissenschaftsteam der Vetmeduni um Studien-Erstautor Emil Lagumdzic vom Institut für Immunologie und Studien-Letztautor Armin Saalmüller, Leiter des Instituts für Immunologie, deshalb die Genexpressionsprofile von PBMC-Blutzellen und CD8+-T-Zellen nach einer PRRS-Infektion. „Die umfangreichen Transkriptomdaten helfen, die Gensignaturen der Immunantwort von PBMCs und CD8+-T-Zellen nach einer PRRS-Infektion zu erklären. Darüber hinaus liefert unsere Studie potenzielle Biomarker-Ziele, die für die Entwicklung von Impfstoffen und Therapeutika nützlich sind“, erklärt Emil Lagumdzic. Bereits vor Veröffentlichung der Studie holte sich Emil Lagumdzic für seine Arbeit den renommierten PRRS-Forschungspreis 2022 von Boehringer-Ingelheim. Das Pharmaunternehmen vergibt jährlich drei Awards, um praktische Methoden zur Kontrolle des PRRSV zu unterstützen und die wissenschaftliche Expertise zu stärken. Die Gewinner:innen werden von einer unabhängigen Jury aus Mitgliedern der gesamten Schweinepraxis und Wissenschaft gewählt.

PRRS – gefährliche Viruserkrankung von Schweinen mit hohem wirtschaftlichem Schaden
PRRS trat in Europa und den USA erstmals in den späten 1980er Jahren auf. Mit der Krankheit sind für die Schweinezucht hohen Kosten in Milliardenhöhe verbunden. Zur Eindämmung des Virus sollen neben Impfungen neuartige, praxisnahe Methoden zum Schutz vor PRRS beitragen.

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien

Quo vadis Anbindehaltung? Zielkonflikt: Tierwohl, Agro-Tourismus und Landschaftspflege

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Wenn es nach der EU-Lebensmittelbehörde EFSA geht, soll die ganzjährige Anbindehaltung von Milchkühen in der EU verboten werden. Laut Referentenentwurf zum Tierschutzgesetz ist in Deutschland ab 2028 damit Schluss. In Österreich gibt es sogar schon ab dem 1. Januar 2024 kein AMA-Gütesiegel mehr für Milch von dauerhaft angebundenen Kühen. Anbindehaltung ist ein Auslaufmodell, auch als sogenannte Kombi-Haltung, denn NGOs fordern schon heute auch deren Abschaffung. Prof. Dr. Dr. Matthias Gauly von der Freien Universität Bozen informiert zum aktuellen Sachstand.

Herr Prof. Gauly, allein in Bayern halten noch 50 % der 25.000 Milchviehbetriebe ihre Tiere in Anbindehaltung – das entspricht etwa 30 % der Kühe und 25 % der produzierten Milchmenge. Wie viele Anbinde-Betriebe gibt es denn in Südtirol und wie schaut der typische Betrieb bei Ihnen aus?

Wir haben knapp 5.000 Milcherzeuger und schätzen, dass etwa 70 % der Betriebe Anbinde- oder Kombihaltung betreiben. Das entspricht vermutlich etwa der Hälfte der Kühe.

Sind das eher die kleinen Betriebe?

Wir haben ohnehin fast nur kleine Betriebe, mit Durchschnittsgrößen von 14 bis 15 Kühen. Es gibt sehr wenige, große Laufställe und groß heißt hier jenseits von 50 Kühen. Was die Situation bei uns prekär macht ist, dass diese vielen Betriebe klassische Berglandwirtschafts-Betriebe sind und wir, wenn die aus der Bewirtschaftung fallen, nachteilige Effekte auf das Landschaftsbild haben werden und damit auch auf den Erholungswert, der bei uns natürlich eine hohe Bedeutung für den Tourismus und die Bevölkerung hat.

Wie es der Zufall will, habe ich heute Morgen gelesen, dass die Südtiroler Bergbauern – auch wegen der unzureichenden Milchauszahlungspreise – Hoteliers und Gastwirte über einen „Grünen Euro“ an ihren Kosten beteiligen wollen. So ganz abwegig ist die Idee ja nicht.

Vielleicht eine kurze Bemerkung vorweg: es sollen keineswegs Hoteliers und Gastwirte etwas zahlen! Es geht um die Touristen. Das ist ein Unterschied, der häufig gerne übersehen wird. Ich halte solche Zahlungen keineswegs für abwegig, sondern sogar für dringend erforderlich und berechtigt. Ich halte das für eine sehr gute Idee, wahrscheinlich auch für andere Räume mal überlegenswert. Ich hoffe, dass wir auch die politische Unterstützung finden.

In Österreich sagt sogar der Bauernverband, dass man sich von der Anbindehaltung verabschieden müsse und im Land ist die Rede von € 30 Mio. Förderung pro Jahr für den Umstieg auf mindestens Kombi-Haltung. Aber auch in Südtirol gibt es vermutlich Betriebe die argen Probleme hätten um- oder ganz neu zu bauen.

Prof. Dr. Dr. Matthias Gauly © Freie Universität Bozen

Genau! Vielleicht sogar noch mehr als im Nachbarland, weil sie noch häufiger Lagen haben, in denen der Bau eines Laufstalls schwer möglich wäre, weil dort u.a. die Kosten explodieren. Man kann für 14 Kühe oder weniger keinen Laufstall bauen, der sich wirtschaftlich nur annähernd tragen kann. So viel können Sie gar nicht fördern, um alle in eine reine Laufstallhaltung zu bewegen.

Deswegen wird es ja auch schwierig, denn ohne Zweifel gehen Anbindestall und auch Kombi-Haltung, unter Gesichtspunkten der Ethologie und des Wohlbefindens der Kühe mit erheblichen Problemen einher. Das heißt wir gehen gegenwärtig unbestritten einen gewaltigen Kompromiss ein, was das Tier angeht. Wir rechtfertigen das dadurch, und das würde ich auch unterstützen, dass wir sagen: wir schränken das Wohl der Tiere ein, weil wir gegenwärtig keine Alternative sehen, aber die Tierhaltung hat einen großen Mehrwert, der es noch rechtfertigt. Da geht es u.a. um regionale Lebensmittelerzeugung, den Erhalt von Biodiversität und den Erhalt von sozialen Strukturen auf Gemeindeebene. Aber ich bin schon der Meinung, und da stimme ich auch der EFSA zu, dass eine ganzjährige Anbindehaltung nicht mehr lange vertretbar ist. Wir werden also auch bei uns hier von der ganzjährigen Anbindehaltung weg und mindestens mal zur Kombi-Haltung kommen müssen. Und in diesem Fall müssen alle Bedingungen im Stall optimiert sein. Dazu gehört z.B. auch, dass wir keine großrahmigen HF-Kühe im Kurzstand halten können.

Dann gibt es aber noch eine ganze Reihe von künftigen Kompromissen auch für den Winter. Wir haben hier beispielsweise auch schon Betriebe mit Laufhöfen, in die die Tiere zumindest stundenweise kommen. Und ich denke, dass wir an solchen Optimierungen mittel- bis langfristig nicht vorbeikommen. Und das ist auch gut so, weil uns ja das Wohl der Tiere am Herzen liegen muss.

Ob diese Kompromisse dann vom Handel akzeptiert werden bleibt zu hoffen. Der Handel ist für uns viel wichtiger als das was z.B. die EFSA oder der Gesetzgeber sagen. Der Handel bestimmt ja heute viel mehr, als es der Gesetzgeber tut. Hier machen wir uns schon Sorgen, wenn die Handelsketten in Kürze verkünden, sie würden zunächst die Milch und später auch die verarbeiteten Produkte aus der Anbindehaltung auslisten. Da müssen wir sehen, wo wir bleiben.

In Deutschland gibt es nach dem erwähnten Referentenentwurf die Vorstellung, dass Kühe im Sommer Zugang zur Weide und ganzjährig mindestens zweimal pro Woche auf eine Freifläche kommen. Innerorts stelle ich mir auch das schwierig vor, wobei die Fläche für 15 Kühe auch nicht so wahnsinnig groß sein muss. Ist die praktische Umsetzung denn wenigstens theoretisch denkbar?

Ich halte es für denkbar, aber natürlich nicht für alle Betriebe, das muss man ehrlicherweise sagen. Es gibt hier tatsächlich Betriebe, die keinen Quadratmeter Auslauffläche anbieten können und die zum Teil auch Schwierigkeiten hätten Weide anzubieten. Es ist nur die Frage, ob ich ein ganzes System kippen lasse, um ein paar wenige Betriebe mitzunehmen. Ich fürchte, dass diese wenigen entweder sich mit anderen zu Betriebsgemeinschaften zusammenschließen und dann z.B. neu bauen oder wir tatsächlich den einen oder anderen verlieren.

Wir haben ja jetzt schon Betriebsaufgaben im Milchbereich wie andernorts auch. Ich fürchte, wir werden nicht alle mitnehmen können, aber es muss der Mehrheit gelingen, denn ansonsten haben wir den Akzeptanzverlust und dann ist bei uns die gesamte Milchwirtschaft gefährdet. Das bedeutet aber nicht, dass solche Betriebe, die nicht umstellen können, keine Alternativen zur Grünlandnutzung hätten, wie z.B. Jungviehaufzucht, Schafhaltung oder die Mast.

Sie haben den Zusammenschluss mit anderen angesprochen. Ich hatte mir die Frage notiert: Gemeinschaftsherden – Klammer auf „LPG“ Klammer zu – lässt sich der Südtiroler Bauer darauf ein, mit anderen eine große Herde aufzubauen?

(Lacht) Wenn wir beide von großen Herden reden, reden wir von unterschiedlichen Dingen. Bei uns sind große Herden ja schon solche jenseits der 50 Kühe. Wenn sich also z. B. drei Bauern zusammentun, um einen Gemeinschaftsstall zu betreiben – die arbeiten ja alle im Nebenerwerb muss man sagen – kann das ein sinnvolles Model sein. Dann sind wir ja noch weit von der LPG entfernt.

Aber Sie haben natürlich recht: man muss sich auf der menschlichen Ebene verstehen. Vor allem, und das ist im Moment das große Handicap, es müssten viele gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Sie können z.B. einen Stallbau nur einmal fördern und das auch nur von einem Landwirt beantragen lassen und hier fängt die Problematik bereits an: was passiert bei einer Auflösung der Betriebsgemeinschaft, wenn nur einer den Antrag stellt? Wem gehört der Stall letztendlich? Im Detail sind da unter unseren Bedingungen noch viele Fragen offen.

Wir haben drei Jahre lang solche Vertragsentwürfe entwickelt und es gibt durchaus Lösungen, aber es ist unheimlich wichtig, dass die Bauern bevor sie zusammengehen klären, was bei einer möglichen Trennung passiert, so ähnlich wie beim Ehevertrag. Es ist ja nicht unbedingt ein Streit, der dazu führt, es kann ja auch das Ableben eines Mitglieds sein. Da braucht es ganz klare Lösungen. Aber ich glaube auch, dass Landwirte davon zu überzeugen sind, dass es nicht so schlecht ist mal ein Wochenende frei zu haben oder mal in Urlaub zu fahren.

Sie sagten, die meisten Bauern in Südtirol führen ihre Betriebe im Nebenerwerb. In Bayern z. B. verdienen die kleinsten Betriebe oft ihr Geld mit „Ferien auf dem Bauernhof“ und haben noch fünf Kühe im Stall stehen und vor allem drei Kälber zum Streicheln. Bei dem Geschäftsmodell mache ich mir die größten Sorgen.

Das ist bei uns ein wenig anders geregelt, denn hier spielt der Agro-Tourismus ja eine noch größere Rolle als in vielen Regionen Bayerns. Der Tourismus ist hier stark gefördert worden, es wurden wunderbare Qualitätsprodukte entwickelt, wie der „Rote Hahn“, das Konzept des Bauernbundes, das sehr gut funktioniert.

Hier wurden die Rahmenbedingungen so gesetzt, dass immer noch ein großer Teil des Einkommens aus der Landwirtschaft stammen muss und es nur dann entsprechende finanzielle Anreize gibt: der Betrieb wird z.B. anders besteuert und/oder erhält Unterstützung bei Infrastrukturmaßnahmen. In der Verbindung von Agrotourismus und Produktion kann das finanziell attraktiv sein. Meistens sind diese Betriebe sogar die gesündesten, weil sie auf verschiedenen Beinen stehen. Das kann sehr vorteilhaft sein, wenn etwa die Milchpreise mal in den Keller gehen. Wir haben hier doch eine andere Ausgangssituation als die Nachbarländer und werden auch von einigen darum beneidet, dass die Politik die Weichen in diese Richtung schon relativ früh gestellt hat. Es wird aber auf diesen Betrieben aber auch sehr, sehr viel gearbeitet.

Wir haben in Deutschland in den vergangenen zwei, drei Jahren ja eine ganze Menge tierhaltende Betriebe verloren, vor allem bei den Schweinen, aber auch in der Milchviehhaltung, vor allem wegen der Marktlage, aber auch aufgrund der unsicheren Zukunft. Wie sieht es denn mit der Generationen-Sicherheit in Südtirol aus? Gibt es genug Hofnachfolger?

Im Großen und Ganzen schon. Wir verlieren auch nur (prozentual gesehen) die Hälfte der Betriebe wie Deutschland. Bei Ihnen sind es ja zwischen drei und sechs Prozent und wir liegen bei einer Aufgabe-Rate von 1,5 bis 2 %. Und das hat auch Gründe in der Förderung, vor allem der indirekten Förderung. Darüber hinaus gibt es, glaube ich, bei allen Landwirten eine hohe Motivation, das zu erhalten, was Generationen zuvor geschaffen haben, aber das gilt vielleicht für andere Selbständige.

Auch die jungen Leute schließen nicht einfach die Stalltür ab und es gibt eine hohe Motivation, den Betrieb weiter zu führen. Ob unbedingt in der Milcherzeugung, die ja extrem arbeitsintensiv ist, darf man mehr und mehr bezweifeln, aber die Suche nach Alternativen nimmt zu. Das kann z.B. die Mast sein, das kann der kleine Wiederkäuer sein. Aber wir werden sicher auch einige der jungen Leute verlieren.

Die Planung des BMEL sieht ja einen Ausstieg aus der Anbindehaltung bis 2028 – also in nur vier Jahren – vor: halten Sie den Zeitrahmen für realistisch?

Das ist eine gute Frage. Ich gehe mal davon aus, dass in den letzten 10 oder 15 Jahren in Deutschland niemand mehr Anbindeställe gebaut hat, d.h. diese meist abgeschrieben sein müssten. Insofern finde ich 2028 nicht überambitioniert. Aber einzelne Betriebe wird es sicher vor erhebliche Probleme stellen, etwa all jene, die bis zu dem Zeitpunkt nicht in Rente gegangen sind. Hier braucht es intelligente Anreizsysteme inklusive Subventionen für einen Stallneubau.

Bei uns in Südtirol sieht es ein bisschen anders aus, weil hier tatsächlich noch vor einigen Jahren in Anbindeställe investiert wurde und wir bisher nicht unbedingt die Alternative sehen. Wir haben das erklärte Ziel berglandwirtschaftliche Betriebe zu erhalten, weil sie einfach einen Mehrfachnutzen bieten: sie erzeugen nicht nur Lebensmittel, sondern erhalten unsere Landschaft, dienen der Biodiversität und steigern die Attraktivität für die Gemeinden und das ist für uns auch von einem hohen ökonomischen Wert. Es ist zwar immer schwer zu beziffern, welchen Wert Landwirte in bestimmten Bereichen, wie z.B. im Ehrenamt haben oder welchen Wert die Organisation des Almabtriebs hat. In jedem Fall hat unsere Politik erkannt, dass sie hier massiv unterstützen muss, und das tut sie auch. Aus meiner Sicht zu Recht und nicht alleine zum Nutzen der Bezieher der Mittel.

Wenn man allein an die Pflege der Almwiesen denkt und die Alternative, alle 14 Tage eine Rasenmäher-Brigade dort hoch zu schicken.

Das ist eine Illusion. Es würde z.B. unseren Klimazielen komplett widersprechen. Eine mechanische Offenhaltung der Almen wäre überhaupt nicht zu leisten und ökonomisch unmöglich, ganz abgesehen von negativen Effekten auf verschiedene Bereiche der Biodiversität. Der Landwirt kostet nur einen Bruchteil dessen, was etwa Gemeindearbeiter kosten würden. Und was wir nie vergessen sollten: es werden auf Flächen Lebensmittel erzeugt, die anders nicht zu nutzen sind!

Herr Prof. Gauly, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Ein weiteres Interview zum „Grünen Euro“ finden Sie hier!

Kieler Forschungsteam ermittelt Status quo des Tierwohls in der Milchviehhaltung und Interessen der Beteiligten

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Wie unterscheiden sich die verschiedenen Tierwohlstandards im Bereich der Milchproduktion? Was plant die Bundesregierung, um das Tierwohl auf deutschen Milchviehbetrieben weiter zu fördern? Und welche Interessen bestehen auf Seiten der Verbraucher, des Lebensmitteleinzelhandels und der Milchviehhalter? Diese Fragen haben Forscher der Fachhochschule Kiel und des ife Instituts Kiel untersucht. Mit ihrer Studie wollen sie einen Beitrag für eine langfristig tragfähige Konzeption einer Tierwohlkennzeichnung leisten.

Verbraucher interessieren sich zunehmend für die Haltungsbedingungen von Nutztieren, auch im Bereich der Milchwirtschaft. Dabei priorisieren sie mehr Platz für die Tiere, einen Weidezugang sowie die Möglichkeit für die Tiere, ihr natürliches Verhalten auszuleben. Auch auf Seiten der Politik ist das Interesse an den Haltungsbedingungen gestiegen. Die Bundesregierung plant die Einführung eines staatlichen Tierwohllabels.

Tatsächlich gibt es bereits zahlreiche Labels, aber was sich hinter Namen wie „PRO WEIDELAND“, „Für mehr Tierschutz“ oder „Naturplus“ konkret verbirgt, sei für Verbraucher*innen nicht auf den ersten Blick erkennbar, erklärt Prof. Dr. Holger Schulze von der FH Kiel. „Unser Vergleich der relevantesten Tierwohlstandards in der Milchviehhaltung hat gezeigt, dass der Standard ‚Für mehr Tierschutz‘ in der Premium-Stufe des Deutschen Tierschutzbundes e. V. insgesamt die meisten und höchsten Anforderungen aufweist. Für Verbraucher*innen ist es aber schwierig, die verschiedenen Labels und Stufen zu unterscheiden, die jeweiligen Anforderungen zu kennen und zum Teil auch zu verstehen.“

Store Checks zeigen wachsende Verbreitung von Tierwohllabels bei Milchprodukten
Ein Schritt zu mehr Transparenz, so Schulze, sei die Kennzeichnung der Haltungsformen, die der Lebensmitteleinzelhandel seit Anfang 2022 verwendet. Dieser hat die bestehenden Tierwohlstandards in vier Stufen eingeteilt, von 1 „Stallhaltung“ bis 4 „Premium“. Um zu erfassen, wie verbreitet diese Kennzeichnung und andere Tierwohllabels sind, führte das ife Institut sogenannte Store Checks durch. Das Ergebnis: Lebensmittelhandel und insbesondere die Discounter bieten immer häufiger Milch mit ihren eigenen Labels an; bislang ohne einen stabilen Preisaufschlag zu erheben. „Ursächlich hierfür könnte neben der allgemeinen Preisentwicklung auch der geringe Bekanntheitsgrad der Tierwohllabel unter den Verbraucher sein“, erklärt Prof. Dr. Silke Thiele vom ife Institut für Ernährung und Ernährungswirtschaft. Ein höherer Bekanntheitsgrad, so Thiele, könnte in Zukunft Preisaufschläge nach sich ziehen.

Doch wie ist es um die Bereitschaft der Milchproduzenten bestellt, höhere Tierwohlstandards umzusetzen? Um dies herauszufinden haben die Kieler Agrarwissenschaftler untersucht, welche Vor- und Nachteile die Produzenten hiervon erwarten. Das größte Risiko, erklärt Doktorandin Henrike Grotsch von der FH Kiel, sähen diese in den Investitionskosten für den Umbau von Ställen, einem höheren Flächenbedarf und steigendem Arbeitsaufwand: „Die Teilnahme an einem Tierwohlprogramm muss sich für Landwirte lohnen. Sie müssen für zertifizierte Milch einen höheren Preis erhalten.“

„Insgesamt konnten wir feststellen, dass das Potenzial im Bereich des Tierwohls und der Tierwohl-Standards in Deutschland hoch ist“, stellt Prof. Dr. Holger Thiele klar. „Verbraucher, Lebensmitteleinzelhandel und Milchviehhalter haben ein hohes Interesse daran. Wobei der Lebensmitteleinzelhandel bei der Kennzeichnung weiter ist, als die Politik.“

Autoren empfehlen Ausgleich von Mehrkosten und Orientierung an bestehenden Labeln
Um das Potenzial voll ausschöpfen zu können, so der Agrarwissenschaftler der FH Kiel, sei es zwingend erforderlich, die Interessen und Restriktionen aller beteiligten Akteure zu kennen. Die Bundesregierung hat gerade einen Gesetzentwurf für eine Tierhaltungskennzeichnung mit einer 5-stufigen Haltungsformenskala vorgelegt. Diese soll die Gastronomie einbeziehen, aber nicht Milchprodukte aus dem Ausland. Ihre Analyse, so die Experten der FH Kiel und des ife Instituts, habe gezeigt, dass die Politik gut beraten sei, sich bei der Konzeption einer weiteren Tierwohlkennzeichnung an bereits bestehenden Haltungsstufen zu orientieren. Außerdem empfiehlt das Forschungsteam die entstehenden Mehrkosten für die milcherzeugenden Betriebe durch eine verlässliche Finanzierung mit stabilen Preisaufschlägen auszugleichen.

Quelle: Fachhochschule Kiel

Forscher kartieren erstmals das österreichische Schweinehandelsnetz

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Die Verbringung von Schweinen stellt ein Risiko bei der Ausbreitung von Infektionskrankheiten dar. Es ist daher von entscheidender Bedeutung zu wissen, wie Betriebsstätten (z.B. Bauernhöfe, Märkte, etc.) miteinander verbunden sind. In einer Studie des Complexity Science Hub, der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zeichnen Forscher nun erstmals eine Landkarte des Schweinehandels in Österreich.

Pro Jahr finden in Österreich rund 250.000 Verbringungen von Schweinen statt. Jede davon birgt ein gewisses Risiko etwaige Infektionskrankheiten zu verbreiten. Um mögliche Gefahrenquellen zu erkennen und gezielte Präventionsmaßnahmen zu entwickeln, ist es notwendig zu wissen, wie die einzelnen Betriebe miteinander vernetzt sind. „Wir haben anonymisierte Bewegungsdaten von Schweinen analysiert, die zwischen 2015 und 2021 in Österreich gehandelt wurden. Diese Daten umfassen alle Verbringungen von der Geburt bis zum Schlachthof“, erklärt Gavrila A. Puspitarani, Forscherin am Complexity Science Hub und an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darauf aufbauend erstellten die Wissenschaftler ein Netzwerk, das den innerstaatlichen Handel zwischen den Betriebsstätten in Österreich abbildet. „Mit diesen Einblicken in den Schweinehandel können wir Tierärzte und anderen Stakeholdern wertvolle Unterstützung bei der Entwicklung von datenbasierten Ansätzen zur Kontrolle von Krankheiten und zur Erleichterung von Präventionsmaßnahmen bieten“, erklärt Amélie Desvars-Larrive vom Complexity Science Hub und der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Die Ergebnisse dieser Studie können außerdem als nützlicher Input für die Entwicklung von prädiktiven epidemiologischen Modellen dienen, welche die Übertragung von Krankheiten zwischen Betrieben simulieren.

Unterschiede zwischen den Bundesländern
Durch die Analyse der Netzwerkstruktur konnten die Wissenschaftler ermitteln, wo die größten Risiken liegen. Typischerweise ist das in Gebieten mit hoher Tierdichte und häufigen Verbringungen. In Österreich gibt es hier große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Der Studie zufolge besteht das größte Risiko in Oberösterreich und der Steiermark, da in diesen Regionen fast die Hälfte (46 Prozent) aller Betriebe mit erheblicher Handelsaktivität angesiedelt ist. „Wenn dort eine Infektionskrankheit ausbricht, könnte sie sich schneller ausbreiten als beispielsweise in Vorarlberg, wo die Schweine- und Betriebsdichte viel geringer ist“, so Desvars-Larrive.

Spärlich vernetzt
Die Studie zeigt auch, dass die überwiegende Mehrheit der Verbringungen von Schweinen innerhalb der einzelnen Bundesländer und nur selten zwischen den Bundesländern stattfindet. Dies erhöht die Chance, Infektionskrankheiten schnell und regional bekämpfen zu können, bevor sie sich landesweit ausbreiten. Darüber hinaus ist das Schweinehandelsnetz in Österreich nicht stark vernetzt, was bedeutet, dass die Handelshäufigkeit zwischen den Betrieben relativ gering ist, ähnlich wie beispielsweise in Georgien oder Nordmazedonien. Im Gegensatz dazu bestehen zwischen den Schweinehaltungsbetrieben in Deutschland oder Frankreich engere Verbindungen. Einige Handelswege führen zudem über große Entfernungen, was eine großflächige und weiträumige Ausbreitung der Krankheit begünstigen könnte. Importe und Exporte spielen in Österreich eine untergeordnete Rolle: Im Jahr 2021 lag der Selbstversorgungsgrad in der Schweinefleischproduktion bei 103 Prozent und weniger als zwei Prozent der Schweine kamen aus dem Ausland oder wurden ins Ausland exportiert.

Kleine Betriebe und Stabilität
Das Netzwerk in Österreich besteht vorwiegend aus sehr kleinen Betrieben. Rund 60 Prozent halten weniger als fünf Schweine. Am anderen Ende des Spektrums gibt es eine geringe Anzahl von besonders großen Betrieben. So zählte der größte Betrieb mehr als 15.000 Schweine. Insgesamt zeigt die Analyse, dass das Netzwerk in Österreich sehr stabil ist. Gleichzeitig unterstreicht sie die wichtige Rolle von besonders vernetzten Betrieben, also von „Super-Empfängern“ (die viele Schweine aufnehmen) und „Super-Verbreitern“ (die viele Schweine abgeben). Sie könnten z.B. als „Wächter“ für die Seuchenerkennung genutzt werden. „Österreich bietet gute Voraussetzungen für die Etablierung von konsequenten und langfristig nutzbaren Überwachungs- und Präventionsstrategien“, erklärt Puspitarani. Und dazu kann diese Studie einen wichtigen Beitrag leisten. „Darüber hinaus zeigt diese Forschung den Wert einer interdisziplinären Zusammenarbeit, bei der Wissen aus verschiedenen Disziplinen – wie der Komplexitätsforschung und der Veterinärmedizin – kombiniert wird, um praktische Probleme zu lösen“, so Puspitarani weiter.

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien

Bundesrat macht Weg frei für Tierhaltungs- und Herkunftskennzeichnung

Auch Stallumbauerleichterungen beschlossen

„Fleisch muss künftig die Haltung der Tiere ausweisen, von denen es stammen. Damit werden die Leistungen der Landwirtinnen und Landwirte für den Tierschutz sichtbar, andererseits bekommen Verbraucherinnen und Verbraucher erstmals flächendeckend die Möglichkeit, sich beim Einkauf aktiv für mehr Tierschutz zu entscheiden“ schreibt das BMEL in seiner neuesten Presse-Mitteilung.

Grundlage dafür sei das vom Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir, initiierte Tierhaltungskennzeichnungsgesetz. Zudem habe der Bundesrat entscheidende Änderungen im Baurecht passieren lassen, die Stallumbauten hin zu tiergerechteren Haltungsformen ermöglichten. Beschlossen wurde auch die Ausweitung der Herkunftskennzeichnung von Fleisch.

Dazu erklärt Bundesminister Cem Özdemir: „Der zukunftsfeste Umbau der Tierhaltung kommt! Nach Jahren des Stillstands geben wir unseren Bäuerinnen und Bauern eine Perspektive, indem sie mit mehr Tierschutz gutes Geld verdienen können sollen. Ich will, dass auch künftig gutes Fleisch aus Deutschland kommt. Unsere Haltungskennzeichnung ist dafür die Voraussetzung – und gleichzeitig ein gewaltiger Schritt für mehr Transparenz beim Einkauf, denn Verbraucherinnen und Verbraucher können dem Markt eine entscheidende Richtung zu einer tiergerechteren Haltung geben. Was andere immer nur angekündigt haben, setzen wir hier um – genauso wie eine langjährige Forderung der Landwirtschaft, indem wir die Herkunftskennzeichnung bei Fleisch ausweiten. Verbraucherinnen und Verbraucher können so aktiv regionale Wertschöpfung und hohe Umwelt- und Tierschutzstandards unterstützen.

Obwohl wir so viel geschafft haben, ist es doch erst der Anfang: Wir arbeiten bereits intensiv an der zügigen Erweiterung der Tierhaltungskennzeichnung, zunächst auf die Gastronomie und verarbeitete Produkte. Danach beziehen wir weitere Nutztierarten, Lebensphasen und Vertriebswege ein. Auch bei der Herkunftskennzeichnung wollen wir noch weitergehen.

Mein Dank gilt zuvorderst den regierungstragenden Fraktionen im Bundestag für die intensiven Beratungen sowie meinen Kabinettskolleginnen Klara Geywitz und Steffi Lemke, die das bei Ihnen verantwortete Bau- bzw. Immissionsschutzrecht tierwohlfreundlich gestalten. Mein Dank gilt auch den vielen Akteuren im außerparlamentarischen Raum, die immer wieder auf die Notwendigkeit der jetzt getroffenen politischen Entscheidung gedrungen haben – allen voran Jochen Borchert und dem Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, die uns mit ihren Empfehlungen eine wertvolle Grundlage geliefert haben.“

Weitere Informationen zum Tierhaltungskennzeichnungsgesetz finden Sie auf der Webseite des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

Nicht verabschiedet im Bundesrat wurden Änderungen in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, die die Rechtsauslegung in den Bundesländern vereinheitlichen sollen, um einheitliche Vorgaben für tierhaltende Betriebe bezüglich der Haltungsformen zu gewährleisten. Dies hat jedoch keine Auswirkungen auf die Einführung der Tierhaltungskennzeichnung.

Dazu sagt Bundesminister Özdemir: „Einen Wermutstropfen hatte diese Bundesratssitzung jedoch, denn einige Bundesländer haben sich lieber für unnötige Parteipolitik entschieden. Mit diesem durchsichtigen politischen Manöver werden letztlich die Bäuerinnen und Bauern bestraft. Ich bedauere sehr, dass ein Beschluss hier heute nicht möglich war – anders als bei der Einigung zum Immissionsschutz, die wir im Frühjahr einstimmig auf der AMK getroffen haben und die auch dazu diente, die Rechtsauslegung bundesweit zu vereinheitlichen. Jetzt ist eine zersplitterte Rechtsauslegung zu befürchten. Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder auf einen konstruktiven Kurs einschwenken können und die Vernunft siegt.“

Quelle: BMEL

KI zur Verbesserung des Tierwohls in der Nutztierhaltung

Innovatives Projekt „VerZi“ zur Verhaltensüberwachung von Milchziegen gestartet

Ein neues Projekt zur Verbesserung des Tierwohls und der Tiergesundheit in der Nutztierhaltung hat begonnen: Das Projekt „VerZi – Automatische Verhaltensbewertung bei Milchziegen“ zielt darauf ab, das Tierwohl und die Tiergesundheit in der Nutztierhaltung durch automatisierte Herdenbeobachtung mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) zu verbessern.

Landwirten wird dadurch ein effektives Werkzeug zur Verfügung gestellt, um Veränderungen des Tierverhaltens in Folge von Managementmaßnahmen objektiv zu bewerten. Die Entwicklung der Technologie erfolgt unter der Koordination von Dr. Christian Manteuffel vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen, der Justus-Liebig-Universität Gießen, der ACARiS GmbH Hamburg und der vit w.V. Verden.

Foto: FBN/Isabel Haberkorn
Bei den Ziegen geht es häufig kraftvoll zur Sache. Was ist normal, wo muss gehandelt werden? Das wollen Wissenschaftler mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erforschen und künftig besser erkennen.

Mehr Sicherheit im Stall für Tiere und Menschen
In der Landwirtschaft ist die Haltung von Nutztieren in Gruppen mit verschiedenen Herausforderungen verbunden. „Besonders behornte Ziegen haben ein erhöhtes Verletzungsrisiko“, erläutert Dr. Christian Manteuffel, Leiter der Servicegruppe „Smart Lifestock Farming“ am FBN. „Das betrifft sowohl die Tiere als auch die Menschen, die mit ihnen arbeiten. Um dieses Risiko zu verringern und das Tierwohl zu verbessern, wird im Projekt „VerZi“ ein innovatives Verfahren zur Herdenbeobachtung entwickelt.“ Diese automatisierte Lösung nutzt KI-Technologien, um mit Hilfe von Kameras im Stall auffälliges Tierverhalten zu erkennen. Dafür wird die bestehende Herdenmanagement-Software serv.it OVICAP erweitert und mit der KI-Lösung STABLE GUARD der ACARiS GmbH verbunden. Das Verhalten der Tiere wird den verschiedenen Bereichen im Stall zugeordnet, um Aussagen über die Häufigkeit bestimmter Verhaltensweisen in verschiedenen Bereichen zu machen und Veränderungen festzustellen. Insbesondere aggressive Interaktionen wie Kopfstöße oder das Verfolgen unterlegener Tiere werden erfasst. Auch Drohverhalten und Veränderungen der Aktivität werden berücksichtigt.

Verhaltensweisen leichter erkennen und schneller intervenieren – für bessere Haltungsbedingungen in der Praxis
Die erkannten Verhaltensauffälligkeiten werden durch Kameras im Stall dokumentiert, damit Landwirte bei problematischem Verhalten Ursachen leichter identifizieren können. „Das geplante System bietet Landwirten erstmals die Möglichkeit, die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen zur Verbesserung der Tiergerechtheit zu messen und die Haltungsbedingungen vergleichbar zu machen,“ erklärt Dr. Christian Manteuffel. Um die Praxistauglichkeit der KI-Lösung sicherzustellen, wird bereits während der Projektlaufzeit der Kontakt zu Landwirten und Ziegenhaltern gesucht. Drei Jahre lang wird das System in Kooperation mit Tierhaltern erprobt und im Anschluss von den beteiligten Firmen zu einem Produkt weiterentwickelt.

Die Förderung des Vorhabens in Höhe von insgesamt 1,3 Mio. Euro erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Rahmen des Programms zur Innovationsförderung.

Verbundpartner
Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. Verden
Dr. Jens Wilkens

ACARiS GmbH Hamburg
Dr. Arne-Rasmus Dräger

Universität Bremen
Prof. Dr. Anna Förster
David Wewetzer

Justus-Liebig-Universität Gießen
Prof. Dr. Uta König v. Borstel

Kooperationspartner
Mehrere Haltungsbetriebe in Thüringen
Bundesverband deutscher Ziegenzüchter e.V.
Rudolf Hörmann GmbH & Co.KG Buchloe

Quelle: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)

Projekt soll Prüfkonzept für Tierwohlkontrolle in der ökologischen Landwirtschaft entwickeln

Die Umsetzung der Ziele der EU-Öko-Verordnung hinsichtlich Tierwohl und tiergerechter Tierhaltung wird gegenwärtig vor allem über haltungs- oder managementbezogene Kriterien überprüft, also z.B. Platzangebot oder Weidegang und Einstreu. Tierbezogene Indikatoren kommen kaum zum Einsatz. Dadurch können Defizite beim Tierwohl nicht immer adäquat identifiziert und in den Betrieben behoben werden. Die Vorgaben zur Haltung und zum Management schaffen zwar gute Voraussetzungen, führen aber nicht notwendigerweise zu mehr Tierwohl. Deshalb ist es wichtig, auch tierbezogene Aspekte in die Kontrolle und die rechtlichen Produktionsbestimmungen mit einzubeziehen. Hier setzt das Verbundvorhaben „Tierwohl in der ökologischen Landwirtschaft – Tiergerechtheit weiterentwickeln und transparent machen (BioTiGer)“ an.

In dem zum 1. Juli 2023 gestarteten Projekt soll ein transparentes und praktikables Prüfkonzept für die Tierwohlkontrolle in der ökologischen Landwirtschaft entwickelt bzw. weiterentwickelt werden, das im Rahmen der Bio-Kontrolle erprobte, vorrangig tierbezogene Indikatoren nutzt. Ausgangspunkt hierfür sind Prüfkonzepte zur Tierwohlkontrolle, die bereits von verschiedenen Öko-Kontrollstellen und Bioverbänden angewendet werden. Große Herausforderungen sind dabei – neben der großen standörtlichen und strukturellen Vielfalt der Betriebe – der Aufwand für die Schulung der Kontrolleur*innen und für die Durchführung der Tierwohlkontrolle auf den Betrieben, da die Erfassung tierbezogener Indikatoren mehr Zeit erfordert als ressourcen- und managementbezogener Indikatoren.

Auf Basis bestehender Systeme und in Abstimmung mit der deutschen Biobranche entwickeln die Projektbeteiligten die Methodik für ein risikoorientiertes, abgestuftes Prüfkonzept, das vorhandene Betriebsdaten sowie in den Betrieben selbst erhobene tierbezogene Daten einbezieht. Dadurch wird der Zeitaufwand der externen Kontrolle begrenzt. Diese Eigenerhebung kann von den Betrieben zusätzlich für die betriebliche Eigenkontrolle nach dem Tierschutzgesetz verwendet werden.

Ziel der Tierwohlkontrolle im Rahmen der Bio-Kontrolle ist es, Problembetriebe zu identifizieren, dort eine Verbesserung des Tierwohls zu veranlassen und – bei nicht erfolgter Verbesserung – Maßnahmen und Sanktionen abzuleiten. Die Praktikabilität und die Verlässlichkeit des Prüfkonzepts wird anschließend auf Praxisbetrieben überprüft. Für die Kompetenzausbildung der Kontrolleur*innen werden Online- sowie Stallschulungskonzepte (weiter-) entwickelt.

Forschungsinstitute, Bioverbände und Kontrollstellen beteiligt
An dem interdisziplinären Projekt beteiligen sich neben dem Thünen-Institut für Ökologischen Landbau (Gesamtkoordination, Teilprojekte Rind und Schaf/Ziege) das Institut für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts (Teilprojekte Schwein und Datenmanagement), die Universität Kassel Witzenhausen (Teilprojekt Geflügel), die Bioverbände Biokreis, Bioland, Gäa und Naturland sowie die Öko-Kontrollstellen ABCert, GfRS und Kontrollgesellschaft.

Die Förderung erfolgt aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau (BÖL).

Quelle: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

E-Magazin „Der Hoftierarzt“ 3/2023 mit Kälber-Schwerpunkt steht zum kostenfreien Abruf bereit

Liebe Leserinnen und Leser!

„Der Hoftierarzt“ Ausgabe 3/2023 steht für Sie zum Abruf bereit und bietet neben einem Kälber-Schwerpunkt weitere interessante Themen:

• Wie halte ich mein Kalb gesund?
• Euterinfektionen in Milchviehherden Norditaliens
• Nutzen Mastochsen Beschäftigungsmaterial auf einer reizarmen Weide?
• Langes Heu in Futterautomaten oder Eimer reduziert abnormales orales Verhalten bei milchgetränkten Kälbern
• Pflanzliche bioaktive Lipidverbindungen beeinflussen Blutkalziumkonzentration und Leistung bei Milchkühen
• 10 Tipps zur Vorbeugung von Kälberdurchfall
• Darm gesund, Kälber gesund?
• Kälber haben andere Ansprüche als Jungrinder
• Interview: Quo vadis Anbindehaltung?
• Precision Livestock Farming in der Milchviehhaltung
• Fruchtbarkeitsmanagement moderner Milchviehbetriebe
• Aktuelles Interview: Neuer PRRS-Virustyp Rosalia
• Auch Hühner aus Hobbyhaltung können krank werden
• Imkertipp: Varroamilbe im Fokus behalten

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