Klauengesundheit bei Sauen: Die entscheidenden Stellschrauben

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*AG Tiergesundheit und Tierverhalten „Netzwerk Fokus Tierwohl“

Die Klauengesundheit ist ein zentraler Aspekt für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von Sauen. Eine mangelhafte Klauengesundheit im Bestand gilt zudem als tierschutzrelevant und macht das Einleiten geeigneter, zielgerichteter Maßnahmen erforderlich. Sauenabgänge aufgrund von Fundamentproblemen bzw. Klauenerkrankungen stellen in der Praxis nach wie vor eine Herausforderung dar. Klauenerkrankungen können neben einem vorzeitigen Abgang der Sau auch zu Minderleistungen, höheren Ferkelverlusten und geringerer Fruchtbarkeit führen. Zahlreiche Faktoren aus den Bereichen Haltung, Züchtung, Management und Fütterung, sowie weitere tierbezogene Faktoren beeinflussen die Gesundheit und Belastbarkeit der Klauen. Eine systematische Betrachtung dieser Einflussgrößen stellt die Grundlage für das zügige Erkennen der Problembereiche und das Einleiten gezielter Präventionsmaßnahmen dar, sodass die Klauengesundheit im Sauenbestand langfristig verbessert werden kann.

1. Klauenaufbau
Um die Klauengesundheit im Stall zu verbessern, ist es wichtig, den Aufbau der Klauen zu verstehen. Schweine laufen auf Zehenspitzen, sodass sie im Vergleich zu uns Menschen eine sehr kleine Auftrittsfläche haben, die eine sehr große Druckbelastung tragen muss. Das Schwein gehört zu den Paarzehern: statt fünf Zehen wie beim Menschen haben sie zwei Hauptklauen und zwei Afterklauen. Die Afterklauen berühren den Boden auf festem Untergrund nicht, sondern übernehmen nur beim Einsinken in weichem Boden eine Stützfunktion.

Bildquelle: MuD Tierschutz, BLE

Die Schweineklaue hat eine sehr harte Hornwand, eine harte Sohle und einen weichen Ballen, der einen Großteil der Unterseite und die Seitenfläche der Klauen einnimmt. Die verschiedenen Hornsegmente der Klauen haben unterschiedliche Härtegerade, die unmittelbar aufeinanderstoßen und die Klaue an diesen Stellen empfindlicher für Risse und Verletzungen macht. So grenzt das harte Kronhorn an das weiche Saumsegment, das den Übergang zur behaarten Haut darstellt. Das härtere Sohlen- und Wandhorn stößt an das weichere Ballenhorn. Auch die weiße Linie, an der das Wandhorn an das Sohlenhorn grenzt, stellt einen solchen Übergangsbereich dar.

Je nach Alter der Schweine wächst das Horn unterschiedlich schnell nach. Ab einem Alter von einem Jahr liegt das Wachstum durchschnittlich bei 5-6 mm pro Monat.

Bildquelle: MuD Tierschutz, BLE

Der Winkel zwischen der vorderen Wand- und der Sohlenfläche ist entscheidend für die Gesunderhaltung der Klauen: Je länger die Klauen werden, umso spitzer wird auch der Winkel (sogenannte Stallklauen). Im Normalfall sollte er zwischen 50° und 60° liegen. Bei einem spitzeren Winkel verlagert sich der Druckpunkt der Fußungsfläche auf den Ballenbereich, dessen Hornhärte hierfür nicht ausgelegt ist.

2. Stallboden und Untergrund
Der Stallboden hat einen großen Einfluss auf den Abrieb der Klauen und die gesamte Klauengesundheit. Während eines Produktionszyklus durchlaufen Sauen oft verschiedene Bodenarten. Im Deck- und Wartestall gibt es häufig Betonspalten, während die Abferkelbuchten meistens mit Metall- oder Kunststoffspalten ausgestattet sind. Teilweise werden die Spalten im Abferkelabteil auch mit Gummimatten ausgelegt, um Druckverletzungen zu reduzieren. Besonders hier im Abferkelbereich, in dem verschiedene Materialien verwendet werden, ist auf eine hohe Standsicherheit zu achten. Materialübergänge sollten dabei ebenmäßig ausgeführt sein – ohne Risse oder Kanten und mit durchgehend gleichem Niveau. Im Deck- und Wartestall können Gummimatten unterschiedliche Auswirkungen haben und ihr Einfluss auf Afterklauenabrisse, Wandhornabschürfungen, Lederhautblutungen, Hornrisse und Sohlendefekte scheint je nach Zeitpunkt unterschiedlich zu sein.

Die Rutschfestigkeit und Trittsicherheit eines Bodens hängen von Material, Oberflächenprofil und Verschmutzungsgrad ab. Gummimatten, kunststoffummantelter Streckmetallboden (Polyethylen-beschichtete Roste) sowie Beton weisen hohe Gleitreibwerte auf und sind daher rutschfest. Glatte Materialien wie Polypropylen sind hingegen nicht empfehlenswert. Zu glatte Böden sorgen außerdem für einen unzureichenden Klauenabrieb und eine Fehlbelastung der Klauen. Zu raue Böden hingegen können zu einem übermäßigen Abrieb führen, wodurch Lederhautblutungen und Ballenhornwucherungen entstehen können.

Feuchtigkeit und Verschmutzungen senken die Rutschfestigkeit des Bodens je nach Material unterschiedlich stark, wodurch das Verletzungsrisiko vor allem bei glatten Böden steigt. Zudem quillt das Horn durch Feuchtigkeit wie Urin oder nasse Einstreu auf. Bei einem Wechsel zu trockenen Böden härtet das Horn wieder aus und wird porös, wodurch die Bildung von Rissen begünstigt wird. Durch diese Risse können unter Umständen Krankheitserreger eindringen und Infektionen verursachen. In diesem Zusammenhang sollten Temperatur und Luftfeuchtigkeit stets im Blick behalten und bei Bedarf angepasst werden.

Gemäß der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sind für Sauen, Jungsauen und Eber Spaltenböden mit Spaltenbreiten von maximal 20 mm zulässig. Empfohlen werden Auftrittsbreiten je nach Funktionsbereich zwischen 80 und 200 mm und Spaltenbreiten zwischen 17 und 20 mm.

Bei neuen Betonspaltenböden besteht die Gefahr, dass das Verletzungsrisiko infolge von scharfen Graten an den Kanten der Spalten steigt. Werden keine bereits entgrateten Spaltenböden verlegt, sollten diese daher entgratet werden bevor die ersten Tiere eingestallt werden, z.B. durch den Einsatz einer Flex. Außerdem können ätzende Betonsäuren das Klauenhorn schädigen. Vor der ersten Aufstallung können diese durch Ausbringen einer 10%igen Sodalösung abgepuffert werden.

Ein guter Zustand der Spaltenböden, insbesondere die Abwesenheit scharfer Kanten und ausgebrochener Spalten, ist Grundvoraussetzung für den Erhalt der Klauengesundheit.

Die Haltung auf trockenem Stroh führt zu einer tendenziell besseren Klauengesundheit als die Haltung auf Betonböden. Allerdings führt Stroh auch zu einem geringen Abrieb und begünstigt somit unter Umständen die Bildung von Stallklauen. Besonders bei ausschließlicher Haltung auf Tiefstreu über einen langen Zeitraum können die Klauen übermäßig wachsen, wodurch Fehlbelastungen an der Klaue bedingt werden. Die Kombination von Betonböden mit eingestreuten Flächen je nach Funktionsbereich kann die Klauengesundheit fördern.

Eine weitere Herausforderung stellt die Bodenbeschaffenheit im Abferkelbereich dar. Die Sau benötigt einen möglichst trittsicheren Boden, während die Ferkel einen nicht zu rauen Untergrund brauchen, damit beim Anrüsten am Gesäuge die Gelenke keine Schürfwunden erhalten.

Da der Grundstein für eine gute Klauengesundheit bereits im Ferkelalter gelegt wird, ist es insbesondere für Eigenremontierer, aber auch in der Jungsauenaufzucht wichtig auf eine dem Alter und Körpergewicht angepasste Bodenbeschaffenheit zu achten. Zuchtläufer, die mit mehr als 25 kg Körpergewicht noch auf Kunststoffrosten gehalten werden, neigen dazu, als ausgewachsene Sau schneller durchtrittig zu werden.

Weiterhin umfasst ein wirksames Hygienekonzept trockene, leicht zu reinigende Flächen mit ausreichendem Gefälle sowie regelmäßige Kotentfernung. Arbeitsgeräte sind regelmäßig zu reinigen, zu desinfizieren und klar einem Bereich zuzuordnen, um Infektionsketten zu unterbrechen. Nach Möglichkeit sollten die Ställe – besonders der Besamungsbereich – regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden.

Egal, ob es sich um Spaltenböden aus Kunststoff oder Beton oder planbefestigte Böden mit oder ohne Einstreu handelt, jeder Stallboden hat seine Vor- und Nachteile. Derzeit stellen alle Bodenmaterialien einen Kompromiss zwischen Klauengesundheit, Hygiene, Komfort, Thermoregulation und den unterschiedlichen Ansprüchen je nach Lebensabschnitt dar. Die Verwendung unterschiedlicher Materialien in einzelnen Funktionsbereichen kann daher sinnvoll sein. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Böden trocken und sauber sind.

3. Raum- und Buchtenstruktur
Eine klare Trennung der Funktionsbereiche (Liege-, Kot-, Fress- und Aktivitätsbereich) vermeidet Verunreinigungen und reduziert somit Verletzungen durch Ausrutschen und die Infektion von Klauenläsionen. Lange Laufwege zum Fressplatz bzw. das häufige Aufsuchen von diesem, wie es beispielsweise in Systemen mit einer ad libitum Abruffütterung stattfindet, belasten die Klauen vermehrt und führen vor allem zu Ballenveränderungen. In restriktiven Fütterungssystemen (z.B. Drippelfütterung) wird der Fressplatz weniger häufig aufgesucht, was die Laufwege verkürzt und in Untersuchungen zu 16-17 % weniger Sauen mit schweren Ballenveränderungen führte. Kommt es infolge instabiler Sauengruppen zu mehr Aggressionen am Fressplatz, ist ebenfalls mit schwereren Ballenveränderungen zu rechnen.

Breite Laufgänge von über 3 m geben rangniederen Sauen Ausweichmöglichkeiten und reduzieren so Klauenverletzungen, die im Rahmen von Rangkämpfen bei Rückwärts- und Drehbewegungen entstehen können. Getrennte Fressplätze mit Trennwänden verringern den Konkurrenzdruck und unterstützen die Klauengesundheit in ähnlicher Weise. Auch Selbstfangbuchten sind geeignet, da sie Schutz vor Angriffen von Artgenossen bieten und somit Stress und Klauentraumata reduzieren.

4. Management
Auch beim Management ist das Ziel, den Stress und das damit verbundene Verletzungsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren.

Feste Gruppen, in denen Rangordnungskämpfe auf ein Minimum beschränkt werden können, sind empfehlenswert.

Sind die Sauengruppen sehr homogen, haben alle Tiere die gleichen Zugangschancen zu Ressourcen. Allerdings können Rangordnungskämpfe länger andauern als in heterogenen Gruppen mit großen Gewichtsunterschieden. Hier laufen besonders Jungsauen Gefahr, sich gegenüber stark konditionierten Altsauen nicht durchsetzen zu können.

Insbesondere kleine Tiergruppen sollten konstant gehalten und ein Nachstallen von Einzeltieren vermieden werden. Schweine erkennen sich in Gruppen mit 20-30 Individuen sicher und eine feste Rangordnung kann sich einstellen. In Großgruppen mit über 60 Tieren kann die Zusammenstellung etwas dynamischer sein, da die Tiere größere räumliche Distanzen aufbauen und Konflikten besser aus dem Weg gehen können.

Bei Jungsauen ist eine sorgfältige Kontrolle bei und nach der Anlieferung entscheidend, da nur gesunde Tiere die Basis für eine erfolgreiche Ferkelproduktion bilden. Häufig entstehen Probleme durch unzureichend eingestreute Quarantäneställe in Altgebäuden, da feuchte Einstreu das Klauenhorn aufweicht, wodurch Hornrisse in der späteren Haltung auf Spaltenböden begünstigt werden. Eine ruhige Eingliederung, stabile Gruppen mit angepasster Belegdichte sowie gegebenenfalls die Integration erst nach dem ersten Abferkeln können Klauenprobleme und Verletzungen wirksam reduzieren.

5. Fütterung und Nährstoffversorgung
Für die Bildung von qualitativ hochwertigem Horn ist eine ausreichende Versorgung mit Aminosäuren (z.B. Cystein, Methionin und Histidin), aber auch mit verschiedenen Mengen- und Spurenelementen (z.B. Kalzium, Zink, Kupfer, Mangan und Selen) sowie mit Vitaminen (z.B. Biotin, Vitamine A, D, C und E) und Fettsäuren (z.B. Linolsäure) essenziell. Wird über eine klauengesundheitsfördernde Ausgestaltung des Futters nachgedacht, hat bislang insbesondere die langfristige, parallele Supplementierung mehrerer Stoffe zu einer Verbesserung der Klauengesundheit geführt. Besonders Biotin, Cystein, Mangan, Zink und Kupfer konnten in unterschiedlichen Studien zur Stabilisierung der Klauengesundheit beitragen. Speziell für Biotin gilt jedoch, dass Effekte auf die Klauengesundheit teilweise erst nach einer Supplementierungsdauer von sechs Monaten erzielt wurden. Liegen die Spurenelemente organisch gebunden in der Ration vor, werden sie besser verstoffwechselt. Daher wird ab der Jungsauenaufzucht die Zugabe der Spurenelemente in organisch gebundener Form für mindestens 50% des Angebots empfohlen, um eine gute Aushärtung des Klauenhorns zu erreichen. Nach der Eingliederung sollte wenigstens das Futter der tragenden Sauen entsprechend ausgestaltet sein.

Von entscheidender Bedeutung für die spätere Klauengesundheit ist auch die Konditionierung der Jungsauen. Ab einem Körpergewicht der Jungsauen von 30 kg können Tageszunahmen über 900 g zu einer Verschlechterung der Stabilität der Fundamente führen.

In der Wissenschaft werden die Auswirkungen des Entzündungs- und Nekrose- Syndroms des Schweines (SINS) auf die Klauengesundheit von Sauen diskutiert.

Ist die Darmwand des Tieres, z.B. aufgrund von energiereicher Fütterung mit geringen Rohfasergehalten geschädigt, können Toxine aus qualitativ minderwertigem Futter, besonders aber auch Toxine bakteriellen Ursprungs (sogenannte Endotoxine) die Darmbarriere überwinden und in den Blutkreislauf des Schweins gelangen. Hier wirken sie auf das Immunsystem des Körpers ein und setzen Entzündungsprozesse in der Sau in Gang. Weitere begünstigende Faktoren sind Hitzestress, Wassermangel, schlechte Wasserqualität oder stoffwechselintensive Phasen wie die Laktation. Als Folge können Entzündungen an Ohren, Schwänzen, Zitzen, Vulven oder den Klauen von Schweinen auftreten.

Sauen können, vergleichbar mit Rindern und Pferden, eine Klauenrehe entwickeln. Äußerlich ist dies an aufgewölbten Reheringen am Hornschuh sichtbar. Ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen deutet die Anzahl der Reheringe auf die Häufigkeit entzündlicher Ereignisse in der Klaue hin. Bei schweren Verläufen kann das Gewebe so stark geschädigt werden, dass das Klauenbein rotiert und die Sauen behandlungsresistente Lahmheiten entwickeln.

Auch während der Aufzucht der Jungsauen sollte eine darmschonende Ration gefüttert werden, um SINS Symptome zu vermeiden und Klauenschäden vorzubeugen. Durch ausgewogene Rationen mit einer guten Ausstattung an faserreichem Getreide (Gerste) können Bildung und Aufnahme von Toxinen im Darm vermieden werden.

6. Tierbezogene Faktoren
Das Körpergewicht und das Alter von Sauen gelten als direkte Risikofaktoren für die Klauengesundheit. Beispielsweise erhöht gegen Ende der Trächtigkeit jedes Kilogramm mehr Körpergewicht das Risiko für Wandhornläsionen um drei Prozent. Ein höheres Körpergewicht führt zudem auch zu mehr Hornrissen. Die Außenklauen tragen dabei bis zu 78 % des Körpergewichtes der Sauen und sind daher häufiger von Klauenveränderungen betroffen.

Mit zunehmendem Alter, vor allem zwischen dem ersten und dritten Wurf, nimmt das Auftreten von Klauenveränderungen zu. Bei älteren Sauen kommen längere Klauen und Hornrisse häufiger vor.

Auch genetische Unterschiede zwischen den Rassen zeigen sich im unterschiedlich häufigen Auftreten von Klauenerkrankungen. Unterschiede zwischen Eigenremontierung und Zukauf konnten bislang nicht ausgemacht werden.

Umgang mit kranken und verletzten Tieren
Sauen, die Lahmheiten oder Verletzungen der Fundamente aufweisen, müssen sofort in eine Genesungsbucht separiert werden. Ein weicher, trockener Untergrund, z.B. eine Einstreu mit Stroh oder eine saubere Gummimatte fördern die Heilung. Auch die Gabe eines Schmerzmittels sollte erfolgen und sollte wie gegebenenfalls weitergehende Behandlungen mit dem Hoftierarzt abgestimmt werden.

Fazit
Die wesentlichen Einflussfaktoren auf die Klauengesundheit von Sauen sind Böden, Management, Fütterung, Alter und Körpergewicht. Bei Auffälligkeiten oder gesundheitlichen Problemen sollte der Hoftierarzt oder der Schweinegesundheitsdienst um Rat gefragt werden. In einer umfangreichen Beratung können alle diese Faktoren überprüft und bei Bedarf optimiert werden.

* Autoren AG Tiergesundheit und Tierverhalten „Netzwerk Fokus Tierwohl“:
Martin Dittmar, Impulsbetrieb Tierwohl
Prof. Dr. Isabel Henning-Pauka, Tierärztliche Hochschule Hannover
Prof. Dr. Johannes Kauffold, Universität Leipzig
Dr. Sandra Löbert, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Jochen Meyer, Impulsbetrieb Tierwohl
Dr. Hendrik Niehoff, LUFA Nord-West
Prof. Dr. Imke Traulsen, Universiät Kiel,
Dr. Dirk Bornhorn, Tierärztliche Hochschule Hannover
Dr. Maren Gerlach, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Imke Albers, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Marie Lamoth, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Arbeitsteilung im Bienenstaat

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Was bestimmt, welche Arbeiten Bienen in ihrem Staat ausführen? Biologinnen und Biologen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und der Universitäten in Köln und Frankfurt/Main haben untersucht, welche Rolle neuronale Aktivitäten dabei spielen. In der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erläutern sie, dass sie durch Manipulation eines bestimmten Gens gezielt neuronale Strukturen in der Biene hemmen und damit deren Arbeitsverhalten beeinflussen können.

Ob in der menschlichen oder in Bienengesellschaften: Damit eine Gemeinschaft funktioniert, müssen Arbeiten zuverlässig auf die Mitglieder verteilt werden. Während Menschen Aufgaben bewusst organisieren und verteilen, geschieht dies im Bienenstaat ohne zentrale Planung. Trotzdem funktioniert die Arbeitsteilung bei den Bienen (Apis mellifera) gut.

Je nach Alter übernehmen die Arbeiterinnen unterschiedliche Arbeiten: Junge Bienen versorgen die Königin und pflegen den Nachwuchs; danach übernehmen sie Bauarbeiten und bewachen den Stock; erst spät verlassen sie den Stock, um Nahrung zu sammeln. Gesteuert werden die unterschiedlichen Arbeiten durch das Zusammenspiel von rund einer Million Nervenzellen im Bienengehirn. Wie das Nervensystem diese altersabhängige Arbeitsteilung umsetzt, war bisher jedoch unbekannt.

Erste Hinweise, wie die Arbeitsteilung gesteuert wird, lieferte die HHU-Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Martin Beye vom Institut für Evolutionsgenetik bei Untersuchungen des sogenannten doublesex-Gens. Sie zeigten, dass sich ältere Arbeiterinnen, bei denen das Gen inaktiviert wurde, verstärkt um die Königin kümmerten und damit Tätigkeiten übernahmen, die sie normalerweise nur im jüngeren Alter tun.

Da das doublesex-Gen nur in ausgewählten neuronalen Schaltkreisen aktiv ist, bot sich so einem Forschungsteam um Prof. Beye sowie Forschenden der Universitäten in Köln und Frankfurt/Main ein Zugang, um die Verhaltenssteuerung der Bienen zu untersuchen. Indem die zugehörigen doublesex-Neuronen gehemmt wurden – ein Neuron-hemmendes Protein wurde zum Gen zusätzlich abgelesen und wird über die Fütterung einer Substanz gezielt aktiviert –, konnten die Forschenden gezielt die Aktivität der entsprechenden neuronalen Schaltkreise hemmen.

Dr. Jana Seiler, Erstautorin der PNAS-Studie: „Dann übernahmen die älteren Arbeiterinnen wieder Arbeiten rund um die Königin, die ansonsten nur die jüngeren Bienen ausführten. Wurden die Schaltkreise nicht gehemmt, zeigten die Bienen ihr natürliches, altersabhängiges Verhalten. Auf diese Weise steuerten wir also, welche Arbeiten die Arbeiterinnen übernahmen.“

Die Ergebnisse der Forschenden zeigen, dass ein neuronaler Mechanismus der Arbeitsteilung im Bienenstaat zugrunde liegt. Indem bestimmte Bereiche im Bienengehirn gehemmt werden, werden andere Schaltkreise aktiviert, die die Durchführung von anderen Arbeiten steuern. Damit liefern die Ergebnisse erstmals Hinweise darauf, dass der Informationsaustausch zwischen den neuronalen Schaltkreisen für die Festlegung der Tätigkeit der Bienen eine wichtige Rolle spielt.

Prof. Beye: „Indem wir nun das Sozialverhalten der Bienen kontrollieren können, eröffnet uns dies neue Möglichkeiten, die Grundlagen der angeborenen Verhaltensvielfalt und der sozialen Zusammenarbeit zu erforschen. Das Rätsel, wie Bienen und andere Tiere ohne Arbeitsplan dabei so prächtig zusammenarbeiten, dürfte sich in den Schaltkreisen des Gehirns verbergen.“

Quelle: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Aus drei mach eins: Aus BfR, MRI und BZfE wird das neue Bundesinstitut für Risikobewertung und Ernährung

Kompetenzen für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Ernährung werden gebündelt

Der Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer, stärkt den gesundheitlichen Verbraucherschutz und treibt die Staats- und Verwaltungsmodernisierung in seinem Ressort weiter voran.

Nach der Verschlankung von Strukturen im Bundeslandwirtschaftsministerium werden das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Max Rubner-Institut (MRI) und das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) im Geschäftsbereich des BMLEH zusammengeführt.

Mit dem neuen Bundesinstitut für Risikobewertung und Ernährung bündelt und stärkt das BMLEH die Kompetenzen im gesundheitlichen Verbraucherschutz. Zuständigkeiten werden klarer geordnet, wissenschaftliche Expertise enger vernetzt und Abstimmungsprozesse effizienter gestaltet. Ziel ist es, mit einer effizienten Behördenleitung Doppelstrukturen aufzulösen und Abstimmungsprozesse zu verkürzen.

Die Aufgaben der Bereiche Lebensmittelqualität, Lebensmittelsicherheit und Ernährungssicherung, Ernährungs- und Risikokommunikation sowie Ernährungsbildung werden vereint. Damit verfolgt das neue Institut einen ganzheitlichen Ansatz. Dieser umfasst neben der Chemikalien-, Produkt-, Futtermittel- und Lebensmittelsicherheit auch das Wissen über Produktionsformen sowie wichtige Aspekte der Ernährung für Bevölkerungsgruppen aller Altersklassen. Ernährungsbildung und Ernährungskompetenz werden gestärkt, Risikobewertungen wissenschaftlich unter Einbeziehung ernährungsphysiologischer und epidemiologischer Aspekte weiterentwickelt. Das BMLEH verbindet dadurch Ernährungssicherung und Lebensmittelsicherheit miteinander. Die geschätzte und wichtige Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Beratung und Kommunikation im Bereich Lebensmittelsicherheit wird um den Bereich der Ernährung erweitert.

Die Zusammenführung der Nationalen Referenzlaboratorien erhöht die Leistungsfähigkeit in Forschung und Analytik. Verbraucherkommunikation und wissenschaftliche Kommunikation werden zudem besser verknüpft mit dem Ziel, die Information der Öffentlichkeit und der Fachöffentlichkeit zu stärken.

Das neue Bundesinstitut soll 2029 an den Start gehen. Es bedarf eines Errichtungsgesetzes mit definierten gesetzlichen Aufgaben. Bereits zum 1. Januar 2028 werden in einem ersten Schritt die Nationalen Referenzlaboratorien des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in das BfR und wichtige Aufgaben des derzeit bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) angesiedelten Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) in das MRI integriert.

Quelle: BMLEH

Studie: Schwanzbeißen im Fokus (AdA)

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Aus dem Archiv (AdA 6/2025) und immer noch aktuell

Von Dr. Heike Engels

Schwanzbeißen ist ein anhaltendes Wohlstandsproblem bei Mastschweinen. Die Identifizierung von Schweinen, die mit dem Schwanzbeißen beginnen, und das Verständnis der auslösenden Faktoren bleiben eine Herausforderung. Diese Studie* hatte das Ziel, Schwanzbeißer zu identifizieren und zu charakterisieren sowie das Wachstum, Schwanzverletzungen und das Schwanzbeißen zwischen Schwanzbeißern und Nicht-Schwanzbeißern zu vergleichen.

Es wurden 432 Schweine mit intakten Schwänzen im Alter von 9 Wochen in kleine (9 Schweine/Abteil) oder große (18 Schweine/Abteil) Gruppen eingeteilt. Sie blieben dort bis zum Schlachtgewicht mit 23 Wochen im selben Abteil. Die Wachstumsleistung wurde über einen Zeitraum von 14 Wochen gemessen. Schwanzverletzungen wurden wöchentlich bei allen Schweinen mit einer Skala von 0-4 bewertet (0 = keine Verletzung; 1 = verheilte Verletzung; 2 = sichtbares Blut; 3 = Wunden oder Abszesse; und 4 = Schwanzverlust). Die höchste Bewertung, die jedes Schwein während des Studienzeitraums erhielt, wurde als „Maximale Schwanzbewertung“ (Maximal Tail Score, MTS) definiert. Ein „Schwanzbeißausbruch“ (Tail-Biting Outbreak, TBO) wurde bestätigt, wenn ein Schwein in einem kleinen Abteil oder zwei Schweine in einem großen Abteil eine Bewertung von ≥ 2 erreichten.

Das Verhalten der Schweine wurde über 14 Wochen hinweg kontinuierlich mit dem NUtrack Livestock Monitoring System aufgezeichnet. Das NUtrack-System wurde an der University of Nebraska – Lincoln durch die Zusammenarbeit von Forschern des Fachbereichs Tierwissenschaften und des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik entwickelt. Es ist eine computergestützte Form der Präzisions-Tierhaltungstechnologie, die in der Lage ist, in Gruppen gehaltene Nutztiere genau zu identifizieren, die Identifizierung aufrechtzuerhalten und deren Verhalten kontinuierlich zu verfolgen.

Videos von 08:00 bis 15:00 Uhr am Tag vor dem ersten TBO in jedem Abteil wurden manuell angesehen, um die Identität und das Geschlecht der Schwanzbeißer sowie der von ihnen gebissenen Schweine zu erfassen. Die Schwanzbisse pro Schwein, die Gesamtzahl der Schwanzbisse pro Abteil und die Schwanzbisse pro Schwein als Prozentsatz der Gesamtzahl der Schwanzbisse im Abteil wurden mittels ANOVA (Varianzanalyse) zusammengefasst.

Die 25 % der Schweine mit den meisten Schwanzbissen (# TB) und dem höchsten Anteil an Schwanzbissen (% Gesamt TB) wurden in jeder Gruppengröße als Schwanzbeißer klassifiziert. In kleinen Buchten führten Schwanzbeißer mindestens sechs Schwanzbisse aus und trugen zu mindestens 20,0 % aller Schwanzbisse in der Bucht bei, während Schwanzbeißer in großen Buchten für mindestens vier Schwanzbisse verantwortlich waren und mindestens 10,6 % aller Schwanzbisse in der Bucht ausmachten.

Die Anfangsgewichte unterschieden sich nicht zwischen Beißern und Nicht-Beißern; Beißer hatten jedoch ein geringeres Endgewicht (P = 0,03) und eine niedrigere durchschnittliche tägliche Zunahme (P = 0,02) als Nicht-Beißer. Bei den Beißern handelte es sich überwiegend um Jungsauen, die 70 % der Gruppe ausmachten. Im Durchschnitt wurden Beißer seltener in den Schwanz gebissen als Nicht-Beißer (P = 0,0001). Es wurde kein Unterschied in der maximalen Schwanzbewertung (MTS) zwischen Beißern und Nicht-Beißern festgestellt.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Schwanzbeißer überwiegend Jungsauen waren, eine geringere tägliche Zunahme und ein niedrigeres Endgewicht aufwiesen und seltener Schwanzbisse erlitten als Nicht-Beißer.

*Studie:
Archer, C. A., Forster, S. L., Mote, B. E., Schmidt, T. B., Johnston, L. J., & Li, Y. Z. (2025). Identifying tail-biting pigs in small and large groups of growing-finishing pigs with intact tails. Journal of Animal Science, 103, Supplement 1, Abstract 40. Doi: 10.1093/jas/skaf102.005.

Link zur Studie

Auf Anforderung schicken wir Ihne auch gerne die komplette Ausgabe des E-Magazins 6/2025 (PDF, 6,0 MB). Senden Sie einfach eine E-Mail an wengenroth@der-hoftierarzt.de

Folge des Klimawandels: Moderate Hitze reicht aus, um bei Milchkühen Entzündungs- und Gerinnungssignale auszulösen

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Der Klimawandel verändert die Tierhaltung und das schneller, als viele erwarten. Häufigere und intensivere Hitzewellen belasten Milchkühe physiologisch stark. Wissenschaftler:innen des Forschungsinstituts für Nutztierbiologie (FBN) konnten nun nachweisen, dass bereits moderater Hitzestress messbare Veränderungen im Blut von Holstein-Kühen bewirkt. Dazu zählen Anzeichen für Entzündungsprozesse sowie eine Aktivierung der Blutgerinnung. Gleichzeitig werden bestimmte Abwehrwege in peripheren mononukleären Blutzellen (PBMC) gedämpft. Diese Effekte traten bereits nach sieben Tagen Wärmebelastung auf und liefern Tierärzt:innen sowie Milchviehbetrieben konkrete Ansatzpunkte, um Hitzestress frühzeitig zu erkennen und ihm entgegenzuwirken.

„Wenn Kühe unter Hitze leiden, reagiert der gesamte Organismus“, erklärt Dr. Franziska Koch vom FBN. „Veränderungen im Blut, eine geschwächte Immunabwehr und frühe Gerinnungssignale können die Leistungsfähigkeit der Tiere mindern und ihre Anfälligkeit für Erkrankungen erhöhen. Dass diese Prozesse bereits bei moderaten Temperaturen beginnen, unterstreicht, wie wichtig ein konsequentes Hitzemanagement im Stall ist.“

Unter diesen Bedingungen fanden die Forschenden bakterielle Bestandteile (Endo-toxine gramnegativer Bakterien) im Blut, deren Konzentration mit zunehmender Wärmebelastung anstieg. Gleichzeitig reagierte die körpereigene Immunabwehr, indem sie Entzündungsprozesse in Gang setzte, um die fremden Bestandteile aus dem Blut zu entfernen. Parallel dazu waren bestimmte Abwehrwege gedämpft, die üblicherweise für eine gezielte adaptive Immunantwort wichtig sind. Zudem wiesen die Blutplättchen auf eine aktivierte Gerinnungskaskade hin – ein Befund, der bisher vor allem bei schwerem Hitzestress mit tödlichem Ausgang bekannt ist.

Warum das wichtig ist
Milchkühe produzieren von Natur aus viel Wärme. Wenn es draußen warm ist, kann der Körper diese Wärme nur schwer abgeben und aktiviert Kühlprozesse. Dabei kann die Darmbarriere vorübergehend durchlässiger werden, sodass Endotoxine in den Kreislauf gelangen und Entzündungsprozesse auslösen. Die neuen Daten zeigen, dass dieser Prozess bereits bei moderater Hitze beginnt. Für den Alltag auf Milchviehbetrieben bedeutet das: früher gegensteuern, das Stallklima verbessern, Wasser- und Fütterungszeiten in kühlere Tageszeiten verlegen und die Wasser- und Futteraufnahme im Blick behalten. Für tierärztliche Eingriffe kann es wichtig sein, die Blutgerinnung im Einzelfall im Labor zu überprüfen, um den physiologischen Zustand des Tieres besser einschätzen zu können.

Über die Studie
Untersucht wurden Holstein-Milchkühe unter kontrollierten Bedingungen mit moderatem Hitzestress (THI 76, etwa 28 °C) über einen Zeitraum von sieben Tagen. Aus den Blutproben wurden die Abwehrreaktionen und Gerinnungssignale im Zeitverlauf erfasst. Die Ergebnisse liefern konkrete Ansatzpunkte für ein wirksames Hitzemanagement in Ställen sowie für die tierärztliche Praxis.

Was bedeutet THI?
Der Temperatur-Luftfeuchtigkeits-Index (THI) ist ein Kennwert, der Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit kombiniert. Er wird bei Milchkühen benutzt, um die Schwelle zur Hitzebelastung abzuschätzen.

-Für laktierende Milchkühe gilt bereits ein THI von etwa 68 als Schwellenwert mit ersten negativen Anzeichen.
-Ein THI von 76 entspricht ungefähr 28 °C bei mittlerer Luftfeuchtigkeit und bedeutet moderaten Hitzestress.
-Ein THI >78 führt zu einer Steigerung der Hitzebelastung mit negativen Auswirkungen auf die Tiergesundheit und Milchleistung.

Originalpublikation:
Koch, F., Viergutz, T., Kühn, C., Kuhla, B. (2025): Dynamic immune and molecular responses to chronic heat stress in blood and peripheral blood mononuclear cells of dairy cows. Frontiers in Comparative Immunology. Link

Quelle: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)

Erster Kombinationsimpfstoff zur Erhöhung des Schutzes gegen Krankheiten kleiner Wiederkäuer

Farmers Review Africa berichtet über einen neue Kombinationsimpfstoff, der im Rahmen einer Initiative der „Global Alliance for Livestock Veterinary Medicines (GALVmed)“ entwickelt und jetzt in Kenia eingeführt wurde. Das Kombinationspräparat schützt Schafe und Ziegen gleichzeitig vor ansteckender Capriner Pleuropneumonie (CCPP), Schaf- und Ziegenpocken (SGP) und Peste des Petits Ruminants (PPR). Kombinationsimpfstoffe reduzieren die Notwendigkeit mehrerer Injektionen und sparen Zeit, Geld und Ressourcen für Tierärzte und Viehhalter – ein wichtiger Vorteil für ohnehin schon ressourcenbeschränkte Landwirtschaftssysteme.

Link zur Original-Meldung

Honigbienen: Wildpopulationen erstmals in der EU auf Roter Liste

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Wildlebende Populationen der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) stehen in Europa unter massivem Druck: Neue wissenschaftliche Untersuchungen von Forschenden der Universität Hohenheim in Stuttgart und von Agroscope in Zürich zeigen zwar, dass wildlebende Honigbienen in Europa häufig vorkommen. Doch die Forschenden schätzen, dass die Bestände dieser Bienenvölker in der Europäischen Union (EU) ohne den Zuflug von Schwärmen aus der Imkerei innerhalb von zehn Jahren um rund 56 Prozent zurückgehen. Auf der „Roten Liste“ der International Union for Conservation of Nature (IUCN) werden deshalb wilde Honigbienen EU-weit nun offiziell als „stark gefährdet“ eingestuft.

Viele Menschen sehen in Honigbienen ausschließlich Nutztiere in der Imkerei, die Blüten bestäuben und Honig produzieren. Tatsächlich existieren jedoch zahlreiche freilebende Populationen, die zum Beispiel in natürlichen Baumhöhlen, Felsspalten und in hohlen Gemäuern nisten und sich unabhängig vom Menschen selbst erhalten. Sie machen rund ein Sechstel der europäischen Gesamtpopulation an Honigbienen aus. Bislang weiß man allerdings nur wenig über diese wilden Honigbienen und ihre ökologische, wirtschaftliche und evolutionäre Bedeutung.

„Dabei ist eine klare biologische Trennung zwischen wildlebenden und sogenannten gemanagten Honigbienen laut aktuellem Kenntnisstand nicht haltbar“, so Dr. Patrick Kohl vom Fachgebiet Populationsgenomik bei Nutztieren an der Universität Hohenheim. „Wilde Bienenvölker dienen seit Jahrtausenden als Quelle für die Imkerei. Beide Gruppen vermischen sich auch heute noch, zum Beispiel wenn sich junge Bienenköniginnen aus der Imkerei auf ihren Hochzeitsflügen mit den Drohnen wilder Bienenvölker paaren. Oder wenn ein ganzer Bienenschwarm aus der Bienenkiste zieht, sich in einer alten Spechthöhle im Wald ansiedelt und somit wieder Teil der wilden Subpopulation wird.“

Schlüsselrolle für genetische Vielfalt
Doch warum sind wilde Honigbienen interessant, wenn es sich bei der Art um dieselbe handelt, die von ImkerInnen gepflegt wird? „Die wilden Honigbienen verfügen über eine große genetische Vielfalt“, so Kohl. „Beispielsweise finden wir in Amerika Populationen wildlebender Völker, die gut mit der gefürchteten Varroa-Milbe klarkommen. Dieser ursprünglich aus Asien stammende, blutsaugende Parasit kann ganze Bienenvölker auslöschen. Die fehlende chemische Behandlung gegen die Milbe in der Wildpopulation hat zur Selektion von Kolonien geführt, die gegen diese Parasiten weitgehend resistent sind.“

„In ihrem natürlichen europäischen Verbreitungsgebiet bilden verbleibende Wildpopulationen der Honigbiene Reservoirs für selten gewordene Unterarten. So entsprechen manche Wildpopulationen in Großbritannien weitgehend der Dunklen Europäischen Honigbiene Apis mellifera mellifera, die in der Imkerei lange stiefmütterlich behandelt wurde.“ Auch hierzulande könnte seiner Ansicht nach die Imkerei von der genetischen Anpassungsfähigkeit einer wilden Honigbienenpopulation an Krankheiten oder Umweltbedingungen profitieren.

Große regionale Unterschiede in Europa
Doch das Leben der Honigbiene als Wildtier ist in Europa zunehmend bedroht. Zwar konnten im Rahmen internationaler Forschungskooperationen mehr als 1.600 Nistplätze in 15 Ländern dokumentiert werden, doch fehlen weiterhin umfassende Daten zu ihrer Verbreitung, Bestandsgröße und Entwicklung.

Für ihre Schätzungen des Populationstrends analysierten die Forschenden die Überlebensdaten wilder Bienenvölker, die durch gezieltes Monitoring bekannter Nistplätze in mehreren europäischen Ländern gesammelt wurden. Mithilfe von Modellen berechneten sie, wie sich Populationen freilebender Bienenvölker ohne Zuwanderung aus der Imkerei entwickeln würden.

Das Ergebnis ist eindeutig: Im Durchschnitt schrumpfen die Bestände innerhalb eines Jahrzehnts um rund 56 Prozent. „Weltweit weist Europa die geringste Dichte wildlebender Honigbienenkolonien auf“, sagt Dr. Benjamin Rutschmann vom Agroscope in Zürich, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung in der Schweiz.

Auffällig seien zudem starke regionale Unterschiede: Während Populationen in Mitteleuropa teils stark gefährdet sind, existieren etwa in Teilen Englands stabile Bestände. „Insgesamt zeigt sich jedoch, dass viele wildlebende Populationen zurzeit nicht aus eigener Kraft bestehen können und auf Zuwanderung aus der Imkerei angewiesen sind“, so Rutschmann.

Wildlebende Honigbiene in der EU erstmals als „stark gefährdet“ eingestuft
Aufgrund der Untersuchungen des Forschungsteams wurde die wildlebende Honigbiene nun von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) auf die internationale Rote Liste der bedrohten Arten aufgenommen und als „endangered“ bzw. „stark gefährdet“ eingestuft.

„Obwohl es sich um dieselbe Art handelt, die als Nutztier in Imkereien gehalten wird, sind wilde Honigbienen nach den Kriterien der IUCN als eigenständige Wildpopulation anzusehen“, erklärt Kohl. Danach gilt bei Arten mit gemanagten und freilebenden Individuen eine Population freilebender Individuen als „wild“, wenn diese innerhalb eines Zeitraums von mindestens zehn Jahren ohne Zutun des Menschen nicht ausstirbt.

Während die Situation innerhalb der Europäischen Union als kritisch eingestuft wird, fehlt es auf gesamteuropäischer Ebene weiterhin an ausreichenden Daten. Ihr Status wird dort deshalb aktuell mit „Daten unzureichend“ geführt. Dennoch gehen die Fachleute davon aus, dass in vielen Regionen Europas freilebende Honigbienenkolonien selten geworden oder bereits lokal ausgestorben sind.

Ursachen: Lebensraumverlust, menschliche Einflüsse und Parasiten
Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig und Gegenstand aktueller Forschung. Ein Hauptfaktor ist der fortschreitende Verlust geeigneter Lebensräume durch intensive Landnutzung und Bebauung. Zudem reduziert das Verschwinden alter Bäume mit natürlichen Höhlen die verfügbaren Nistmöglichkeiten erheblich.

Gleichzeitig führt der Rückgang naturnaher Landschaften zu einem Mangel an Nahrungsressourcen wie Pollen und Nektar, was insbesondere im Winter das Überleben der Völker erschwert. Von diesen Problemen sind Bienenvölker in der Imkerei mindestens teilweise verschont. Ihnen werden nahezu ideale künstliche Höhlen angeboten (Bienenbeuten) und sie werden bei akuter Nahrungsknappheit zugefüttert.

Außerdem belasten Krankheitserreger und invasive Arten wie beispielsweise die Varroa-Milbe die Gesundheit der Bienenvölker. Auch chemische Belastungen durch Pestizide können sich negativ auf die Überlebensfähigkeit der Völker auswirken. Darüber hinaus können moderne Imkereipraktiken, etwa durch globalen Handel und Zucht, die genetische Anpassungsfähigkeit wildlebender Populationen schwächen.

Dringender Appell für mehr Schutzmaßnahmen
Die Forschenden betonen, dass der Rückgang wilder Honigbienen nicht nur ein Problem für den Erhalt der genetischen Vielfalt innerhalb der Art ist. „Wilde Honigbienen ergänzen gemangte Bienenvölker räumlich. In ihrem angestammten Lebensraum, den lichten Wäldern und Waldrändern, beobachten wir zahlreiche Wechselbeziehungen mit anderen Arten“, so Kohl. Er denkt dabei beispielsweise an die Bestäubung von Waldpflanzen und an Arten wie die Bienenlaus und verschiedene Kleinschmetterlinge, die auf die Nester der Honigbienen angewiesen sind.

Daher fordern die Forschenden, wilde Honigbienen künftig ausdrücklich als schützenswerten Teil der Biodiversität anzuerkennen und systematisch zu überwachen. Gleichzeitig sind gezielte Schutzmaßnahmen notwendig. Laut Rutschmann sind stabile Populationen wildlebender Honigbienen ein starkes Zeichen für die Qualität eines Lebensraums. „Diese Völker brauchen alte Bäume mit geeigneten Höhlen, ein vielfältiges Nahrungsangebot und naturnahe Strukturen. Ihr Schutz hilft deshalb nicht nur der Honigbiene selbst, sondern auch vielen anderen Arten, die auf strukturreiche und blütenreiche Lebensräume angewiesen sind.“

HINTERGRUND: Rote Liste der IUCN
Seit 1963 erstellt die International Union for Conservation of Nature (IUCN) Rote Listen weltweit gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Dazu werden die Arten anhand festgelegter Kriterien in verschiedene Gefährdungskategorien eingeteilt. Die Roten Listen der IUCN basieren auf der Schätzung der Aussterbewahrscheinlichkeit eines Taxons (meist einer Art) innerhalb eines festgelegten Zeitraums, dabei wird nur das natürliche Verbreitungsgebiet berücksichtigt.

Zusätzlich bringen auch Staaten oder Bundesländer für ihr Gebiet Rote Listen heraus. Durch den regionalen Bezug können sie auf Besonderheiten eingehen und den Artenschutz vor Ort fördern.

Quelle: Universität Hohenheim

In England startet ein Versuch mit Vogelgrippe-Impfstoff gegen potenzielle pandemische Erreger

Als Vorsichtsmaßnahme gegen eine mögliche Pandemie wurde in Großbritannien damit begonnen, Freiwillige mit einem neuen H5N1-Vogelgrippe-Impfstoff zu impfen. Der Impfstoff zielt auf den Grippestamm H5N1 ab, der bei Vögeln zu weit verbreiteten Ausbrüchen geführt hat und auch bei einigen Säugetieren nachgewiesen wurde.

Auch wenn bisher fast alle Fälle beim Menschen mit engem Kontakt mit infizierten Tieren zusammenhängen besteht für die Zukunft durchaus ein solches Risiko. Weil sich Influenzaviren ständig weiterentwickeln, sind kontinuierliche Überwachung und Impfstoffentwicklung für die Pandemievorsorge von entscheidender Bedeutung.

Ziel der Studie ist es, Menschen aus den beiden am stärksten gefährdeten Gruppen zu rekrutieren, Personen die in der Geflügelindustrie arbeiten oder über solche die 65 Jahre alt sind. An dem Versuch werden insgesamt 4.000 Personen beteiligt sein.

Die ersten Freiwilligen in England, Schottland und den USA wurden jetzt mit einem Impfstoff geimpft. der auf der gleichen mRNA-Technologie basiert, wie aktuelle Covid-Impfstoffe. Dies könnte eine schnelle und groß angelegte Entwicklung des Impfstoffs im Falle einer Pandemie ermöglichen.

Blauzungenkrankheit: Rind im Landkreis Göttingen nicht infiziert

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Untersuchung einer amtlichen Nachbeprobung ist negativ – Restriktionszone wieder aufgehoben

Ein zunächst positiv auf eine Infektion mit dem Blauzungenvirus des Serotyps 8 (BTV-8) getestetes Rind im Landkreis Göttingen stellte sich jetzt bei der Untersuchung einer amtlichen Nachbeprobung als nicht mit dem Blauzungenvirus infiziert heraus. Die zunächst eingerichtete Restriktionszone konnte somit wieder aufgehoben werden. Darauf macht das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aufmerksam.

Die Infektion mit dem Blauzungenvirus des Serotyps 8 (BTV-8) war am 17. Juli in einer Blutprobe, die im Rahmen einer Handelsuntersuchung bei einem – gemäß vorgelegten Informationen nicht gegen BTV-8 geimpften – Rind im Landkreis Göttingen entnommen war, nachgewiesen. Daraufhin wurde eine Restriktionszone mit einem Radius von 150 Kilometern um den betreffenden Betrieb eingerichtet, in der für Verbringungen BTV-empfänglicher Tiere in BTV-8 freie Zonen bestimmte Vorgaben galten.

Aufgrund von Untersuchungsergebnissen des Friedrich-Loeffler-Instituts ergaben sich jedoch Hinweise (Nachweis von BTV-8-Impfvirus in der Blutprobe), die eine amtliche Nachbeprobung des betreffenden Tieres erforderlich machten. Im Zuge der eingeleiteten Laboruntersuchungen wurde nunmehr festgestellt, dass das Tier nicht mit BTV-8 infiziert war. Nach aktuellem Kenntnisstand handelte es sich entweder entgegen der vorgelegten Informationen doch um ein geimpftes Tier oder es lag eine Kontamination der zu Handelszwecken entnommenen Blutprobe vor.

Die Restriktionszone konnte daher auf den Stand vom 17. Juli zurückgeführt werden. Das bedeutet: Aktuell sind in Niedersachsen nur der Landkreis Göttingen und Teile der Landkreise Goslar, Holzminden und Northeim von der BTV-8-Restriktionszone betroffen.

Eine interaktive Karte der Restriktionszone wird zur Verfügung gestellt unter Blauzungenkrankheit Tierseucheninfo.

Quelle: Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Studie: Hat Nabeldesinfektion Auswirkungen auf die Gesundheit neugeborener Kälber? (AdA)

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Aus dem Archiv (AdA 6/2025) und immer noch aktuell

Von Dr. Heike Engels

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die fehlende Desinfektion der Nabelschnur neugeborener Kälber zu Nabelinfektionen beitragen und potenziell zu Folgeerkrankungen wie Atemwegserkrankungen und Durchfall führen kann.

Diese Pilotstudie* hatte zum Ziel: 1) die Verbreitung der Nabeldesinfektionspraktiken bei neugeborenen Fleischrindkälbern in Kanada zu untersuchen und 2) die Auswirkungen von zwei Nabelbehandlungsmethoden auf Morbidität und sichtbare klinische Ergebnisse zu bewerten, bei denen entweder der Nabel in eine 7%-Jodtinktur getaucht oder mit dieser besprüht wurde. Die Morbidität bezeichnet die Krankheitshäufigkeit in einer Gruppe innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Eine Online-Umfrage wurde über soziale Medien und bei einer Veranstaltung der Fleischrinderindustrie in Alberta im März 2025 verbreitet. Die Morbiditätsdaten von 85 männlichen und weiblichen Angus-Kreuzungskälbern (n = 42–43 pro Behandlung) aus einer Herde in Olds, Alberta, Kanada, wurden bis zum Alter von 40 Tagen erfasst. Eine Teilstichprobe (n = 26 pro Behandlung) wurde innerhalb der ersten 15 Stunden nach der Geburt (Baseline) und anschließend wöchentlich bis zum 28. Lebenstag anhand visueller klinischer Parameter untersucht.

Nach dem Kalben wurden die Mutterkühe mit ihren Kälbern in Außenboxen mit Unterstand, Stroheinstreu und freiem Zugang zu Wasser und Futter untergebracht. Folgende klinische Parameter wurden anhand einer vierstufigen Skala in aufsteigender Reihenfolge des Schweregrades bewertet: Nasen- und Augenausfluss, Husten, Kotkonsistenz und Nabelvergrößerung. Der Zustand der Nabelschnur wurde anhand einer dreistufigen Skala beurteilt, wobei 0 bedeutete, dass die Nabelschnur abgefallen war, 1 Anzeichen von Austrocknung und 2 feuchtes Gewebe anzeigte.

Von den insgesamt 39 Befragten der Umfrage stammten die meisten aus Alberta (36 %) und Ontario (36 %), gefolgt von Manitoba (26 %) und Saskatchewan (3 %). Die Mehrheit (79 %) waren kommerzielle Erzeuger, 8 % hielten reinrassige Tiere und 13 % hielten beide Rassen. Die Kalbeorte variierten: 36 % nutzten Ställe, 36 % Weidehaltung und 23 % Außenboxen oder Mastbetriebe, während die restlichen 5 % der Erzeuger zwischen Stallhaltung und Freilandhaltung wechselten.

Insgesamt behandelten 36 % der Landwirte die Nabel ihrer Kühe, 41 % nicht und 23 % nur gelegentlich. Von denjenigen, die behandelten (23 von 39), verwendeten 52 % 10%ige Jodtinktur, 26 % 7%iges Jod, während die übrigen Jodophor-haltige Produkte (8 %), Povidon-Jod (4 %) oder gar keine Behandlung (8 %) anwendeten. Der Behandlungszeitpunkt variierte: 32 % behandelten innerhalb einer Stunde nach dem Kalben, weitere 32 % zwischen 1 und 6 Stunden, 27 % zwischen 6 und 24 Stunden und die übrigen Landwirte erst mehr als zwei Tage nach dem Kalben. 51 % der Landwirte berichteten von Nabelinfektionen in ihren Herden, während 49 % keinen Fall beobachtet hatten. Insgesamt wurden 40 Krankheitsfälle festgestellt, davon 14 % Lungenentzündung, 18 % Nabelinfektion und 1 % Durchfall. Es wurden jedoch keine Unterschiede hinsichtlich Morbidität oder visueller klinischer Parameter beobachtet. Es zeigte sich eine Variabilität in den Nabeldesinfektionspraktiken kanadischer Rinderzüchter, jedoch ist weitere Forschung erforderlich, um die Wirksamkeit verschiedener Desinfektionsmethoden auf die Gesundheitsergebnisse zu bewerten.

Studie*:
Abbey Kramer et al. (2025): Evaluating navel disinfection practices and health outcomes in newborn beef calves in Canada: A pilot-study. Journal of Animal Science, Volume 103, Issue Supplement_3, October 2025, Pages 332–333
Link

Auf Anforderung schicken wir Ihne auch gerne die komplette Ausgabe des E-Magazins 6/2025 (PDF, 6,0 MB). Senden Sie einfach eine E-Mail an wengenroth@der-hoftierarzt.de

smaXtec und Lely intensivieren ihre Zusammenarbeit

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smaXtec und Lely intensivieren ihre Zusammenarbeit und schaffen mit einer neuen direkten Systemintegration eine noch engere Verbindung zwischen Gesundheitsmanagementsystem und Melktechnologie.

Mit der neuen direkten Anbindung stärken smaXtec und Lely die digitale Vernetzung auf Milchviehbetrieben. Die neue Schnittstelle ermöglicht es smaXtec, nach Freigabe durch den Landwirt, relevante Daten direkt aus dem Lely-System abzurufen und für das erweiterte Gesundheitsmanagement zu nutzen. Der automatisierte Datenaustausch erleichtert so die tägliche Arbeit im Herdenmanagement und reduziert den Verwaltungsaufwand.

Gleichzeitig bauen smaXtec und Lely mit der Bereitstellung einer standardisierten Schnittstelle ihr offenes Ökosystem konsequent weiter aus und erleichtern Milchviehbetrieben die Vernetzung verschiedener digitaler Anwendungen. Die Schnittstelle steht sowohl bestehenden als auch neuen smaXtec-Kunden mit einem Lely Astronaut Melkroboter zur Verfügung und bildet die Basis für eine noch engere Zusammenarbeit der beiden Systeme in Zukunft.

Offene Schnittstellen für ein vernetztes Herdenmanagement
Für Milchviehbetriebe bedeutet die neue Schnittstelle auch einen noch einfacheren Zugang zu wichtigen Betriebsinformationen: „Diese Integration bringt zwei starke Lösungen noch enger zusammen und schafft einen spürbaren Mehrwert für unsere gemeinsamen Kunden“, unterstreicht auch Stefan Rosenkranz, Chief Product Officer und Chief Innovation Officer bei smaXtec.

Für beide Unternehmen ist die neue Integration ein wichtiger Baustein, um den Mehrwert für gemeinsame Kunden kontinuierlich weiter auszubauen:

„Unsere Kundinnen und Kunden erwarten heute, dass digitale Lösungen einfach und zuverlässig zusammenarbeiten. Mit der Bereitstellung einer offenen Schnittstelle schaffen wir die Grundlage dafür, dass Partnerlösungen wie smaXtec einfach in das Lely Ökosystem eingebunden werden können. So ermöglichen wir Milchviehbetrieben einen effizienteren Informationsfluss und vereinfachen digitale Arbeitsabläufe im Herdenmanagement“, sagt Winfried Perner, Manager Proposition Digital Farming bei Lely.

Auch für smaXtec ist die direkte Anbindung ein wichtiger Schritt hin zu einer noch engeren Vernetzung der beiden Systeme: „Durch den automatisierten Datenaustausch reduzieren wir den Verwaltungsaufwand und legen gleichzeitig die Basis für eine noch nahtlosere Nutzung von smaXtec im Lely Ökosystem“, so Rosenkranz.

Bildquelle: Lely

Automatisierter Datenabruf reduziert Verwaltungsaufwand
Ein besonderer Vorteil der neuen Integration ist der automatisierte Datenaustausch zwischen beiden Systemen. Nach der Freigabe durch den Landwirt übernimmt smaXtec die relevanten Informationen über die von Lely bereitgestellte Schnittstelle direkt aus dem Lely-System und integriert sie in das Gesundheitsmanagement. Dadurch entfallen manuelle Doppeleingaben, während gleichzeitig eine konsistente Datengrundlage geschaffen wird. Mit der neuen Anbindung unterstreichen smaXtec und Lely ihr gemeinsames Ziel, Milchviehbetrieben den Zugang zu relevanten Betriebsdaten zu erleichtern und digitale Arbeitsabläufe im Herdenmanagement kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Über smaXtec
smaXtec ist der weltweit führende Anbieter im Bereich Gesundheitsüberwachung für Milchkühe. Das Unternehmen liefert Landwirten präzise, kontinuierliche Daten aus dem Inneren der Kuh, um Tiergesundheit, Profitabilität und Nachhaltigkeit zu verbessern. Mit seiner patentierten Sensortechnologie und KI-basierten Analysen ermöglicht smaXtec die frühzeitige Erkennung von Gesundheitsproblemen, eine bessere Fruchtbarkeitssteuerung und datenbasierte Entscheidungen – für moderne Milchviehbetriebe weltweit. Mehr Informationen unter www.smaXtec.com.

Über Lely
Lely wurde 1948 gegründet und engagiert sich für eine nachhaltige, profitable und lebenswerte Zukunft der Landwirtschaft. Mit dem Fokus auf das Wohl von Mensch und Tier entwickelt das Unternehmen innovative Roboter- und Datensysteme, die das Tierwohl fördern, die Effizienz von Milchviehbetrieben steigern und zu einer nachhaltigen Milchproduktion beitragen. Das Unternehmen bietet Systeme für automatisches Melken, Füttern, Stallreinigung und Herdenmanagement an und gilt als Wegbereiter der Automatisierung in der Milchviehhaltung. Mit Hauptsitz in Maassluis (Niederlande), rund 2.500 Mitarbeitenden und Aktivitäten in mehr als 50 Ländern begleitet Lely Landwirtinnen und Landwirte weltweit mit Technologie, Beratung und Service auf ihrem Weg in die Zukunft. Mehr Informationen unter www.lely.com/de

Quelle: smaXtec

Tierschutzrechtliche Mindestanforderungen an die Haltung von Nutzfischen

Die folgende Zusammenfassung beruht auf dem Vortrag von Dr. Julia Bauer vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, anlässlich des diesjährigen Niedersächsischen Tierschutzsymposiums.

Das EU und nationales Recht regeln die Haltung, Hälterung und Tötung von Nutzfischen, wobei Tierschutz und artgerechte Bedingungen im Fokus stehen.

Die Vorgaben nach EU-Recht sind bewusst allgemein gehalten, da es eine Vielzahl an Fischarten mit unterschiedlichen Bedürfnissen gibt.

Fischhaltungen müssen so geplant und betrieben werden, dass die artspezifischen Bedürfnisse der Fische berücksichtigt werden. Die Anlage muss z. B. ausreichend Platz, geeignetes Wasservolumen und Wasserqualität (Sauerstoff, pH, Nitrit, Ammonium) sind entscheidend. Ebenso eine artgerechte Beleuchtung, die einen Tag-Nacht-Rhythmus gewährleistet, wobei die artspezifischen Anforderungen zu berücksichtigen sind. Für nachtaktive Arten kann eine gedimmte Beleuchtung in der Nacht erforderlich sein.

Fischhalter müssen über ausreichende Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Fische sicherzustellen. Fischhalter sollten Krankheiten erkennen und wissen, wie im Krankheitsfall zu handeln ist. Der Gesundheitszustand der Fische muss regelmäßig kontrolliert werden. Sichtkontrolle auf Verletzungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Krankheitsanzeichen.

Gemäß Artikel 3 der Richtlinie 98/58/EG müssen Maßnahmen getroffen werden, um Schmerzen, Leiden und Schäden bei Fischen zu vermeiden. Regelmäßige Kontrolle des Gesundheitszustands und Anpassung der Haltungsbedingungen bei Auffälligkeiten.

Die Wasserqualität muss den Bedürfnissen der jeweiligen Fischart entsprechen (z.B. Temperatur, Sauerstoff, pH-Wert, Nitrit, Ammonium). Plötzliche pH-Wert-Schwankungen sind zu vermeiden, da sie tödlich sein können.

Die Besatzdichte ist an die Fischart, das Alter, die Jahreszeit und die Haltungsform anzupassen. Sie sollte so hoch wie nötig und so gering wie möglich sein. Für Speisekarpfen sind z. B. 200 Tiere je Hektar vorgesehen, für Forellen in Rechteckbecken 2-3 kg/m³.

In Teichen, Durchflussanlagen und Kreislaufanlagen variieren die Dichten. Fachliche Einschätzung ist notwendig, um artgerechte Bedingungen zu gewährleisten. Parameter wie Wasserqualität, Sauerstoff und Beckenform sind individuell zu beurteilen.

Die optimalen Werte der Haltungsparameter für Regenbogenforellen (F) und Karpfen (K) sind z. B.:

Temperatur in Grad Celsius 10-18 (F) und 20-28 (K)
pH-Wert 6-8 (F) und 7,8,3 (K)
Sauerstoff (ml/L) 6-30 (F) und 5-30 (K)

Nützliche, weiterführende Informationen (Downloads) sind u. a. hier zu finden:

Europaratsempfehlungen für die Haltung von Fischen in Aquakultur

Gute fachliche Praxis der Forellenaquakultur in NRW, Leitfaden LANUV-Arbeitsblatt 54

LfL: Vermeidung von Flossenschäden bei Forellen: Informationen für Fischzüchter und Fischhalter

Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft: Karpfenteichwirtschaft – Bewirtschaftung von Karpfenteichen, Gute fachliche Praxis

Blauzungenkrankheit in Niedersachsen: Auswirkungen auf Verbringungen

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Erster Nachweis vom Virus der Blauzungenkrankheit vom Serotyp 8 (BTV-8) in Niedersachsen – Ausweitung des Restriktionsgebiets

Nach dem ersten Nachweis des Virus der Blauzungenkrankheit des Serotyps 8 (BTV-8) in einem Rinderbestand in Niedersachsen (Landkreis Göttingen) am 17. Juli 2026 erstreckt sich die im Juni 2026 aufgrund der Feststellung im Landkreis Fulda eingerichtete Handelsrestriktionszone nun auf weitere Teile Niedersachsens. Das teilt das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (ML) mit. Betroffen sind neben dem Landkreis Göttingen nun auch die Landkreise Braunschweig, Celle, Gifhorn, Goslar, Hameln-Pyrmont, Helmstedt, Hildesheim, Holzminden, Northeim, Peine, Salzgitter, Schaumburg, Wolfenbüttel, Wolfsburg, die Region Hannover und die Stadt Hannover sowie Teile der Landkreise Diepholz, Heidekreis, Lüchow-Dannenberg, Nienburg, Osnabrück, Uelzen und Verden. Hier gelten besondere Vorgaben beim Handel mit empfänglichen Tieren wie Rinder, Schafe, Ziegen, Lamas, Alpakas und weiteren Wiederkäuerarten.

Für das Blauzungenvirus empfängliche Tiere dürfen nur unter bestimmten Bedingungen aus der Restriktionszone in BTV-8-freie Regionen innerhalb von Deutschland und der EU transportiert werden. Transporte von Zucht- und Nutztieren sind innerhalb der nicht BTV-8-freien Regionen Deutschlands ohne Einschränkungen möglich, sofern die Tiere keine klinischen Auffälligkeiten zeigen. In Bezug auf den BTV-Serotyp 3 bestehen keine Einschränkungen für Verbringungen innerhalb Deutschlands.

Vor dem Hintergrund dieses ersten Nachweises von BTV-8 in Niedersachsen erinnert das ML die Tierhalterinnen und Tierhalter daran, die empfänglichen Tiere in den Beständen zu impfen beziehungsweise die Impfung rechtzeitig aufzufrischen zu lassen, da durch die Impfung der beste Schutz für die Tiere erzielt wird. Eine Impfung gegen den Serotyp 3 bietet keinen Schutz gegen den Serotyp 8. Hier ist eine eigene Impfung notwendig. Zur Behandlung erkrankter Tiere muss mit der Tierärztin beziehungsweise dem Tierarzt zur Reduktion von Tierleid zum Beispiel mit Schmerzmitteln Kontakt aufgenommen werden.

Hinweis:
Weitere Informationen zur Verbringung können Tierhalterinnen und Tierhalter vom jeweils zuständigen Veterinäramt erfahren. Außerdem finden Sie weitere Informationen und eine interaktive Karte mit einer Darstellung der niedersächsischen Anteile der Restriktionszone unter: https://tierseucheninfo.niedersachsen.de/startseite/tierseuchen_tierkrankheiten/wiederkauer/blauzungenkrankheit/blauzungenkrankheit-21712.html

Hintergrund:
Die Blauzungenkrankheit wird durch das Bluetongue-Virus (BTV) hervorgerufen und ist eine zu meldende Tierseuche, die zumeist Rinder und Schafe betrifft. Daneben sind auch Ziegen, Neuweltkameliden und Wildwiederkäuer für die Erkrankung empfänglich. Das Virus wird nicht direkt von Tier zu Tier, sondern durch infizierte Gnitzen (blutsaugende Stechmückenart) übertragen. Erkrankte Tiere zeigen zum Beispiel Fieber, Lahmheiten, Apathie und teilweise Schleimhautläsionen. Für den Menschen ist der Erreger nicht gefährlich. Fleisch, Milch und Milchprodukte von Rindern, Schafen und Ziegen können bedenkenlos verzehrt werden.

Quelle: Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Nutztiermedizin sichtbar machen: LAND.SCHAFFT.WERTE. e. V. und WFG rücken Tiergesundheit als Fundament der Lebensmittelsicherheit in den Fokus

Mit Interviews, Fachbeiträgen und Social-Media-Formaten machen LAND.SCHAFFT.WERTE. e. V. und der WFG – Wirtschaftsverband Freier Großtierärzte GmbH (WFG) die Arbeit von Nutztierärztinnen und Nutztierärzten für eine breite Öffentlichkeit sichtbar. Der WFG verbindet die Kampagne mit einer klaren berufspolitischen Botschaft: Ohne ausreichenden Nachwuchs und ohne verlässliche Verfügbarkeit von Tierarzneimitteln lässt sich die flächendeckende tierärztliche Betreuung der Bestände – und damit ein Grundpfeiler der Lebensmittelsicherheit – nicht dauerhaft sichern.

Seit Juni 2026 sind im Rahmen der Kooperation mehrere Inhalte erschienen: ein Grundlagenbeitrag zum Zusammenhang von Tiermedizin, Biosicherheit und Lebensmittelsicherheit, zwei Interviews mit WFG-Vertretern sowie Bewegtbild- und Social-Media-Formate, die den Weg vom Stall bis ins Supermarktregal nachzeichnen. Adressiert sind damit bewusst Verbraucherinnen und Verbraucher. „Innerhalb der Agrar- und Ernährungsbranche werden wir Nutztierärzte als kompetente Partner wahrgenommen. Beim Endverbraucher ist unsere Schlüsselrolle zwischen Stall und Supermarkt dagegen kaum bekannt“, sagt PD Dr. Andreas Palzer, Präsident des WFG. „Wer einen Berufsstand gesellschaftlich nicht sieht, dem fehlt am Ende auch der Nachwuchs. Kommunikation ist für uns deshalb keine Kür, sondern Berufspolitik.“

Im Mittelpunkt steht der Alltag der Bestandsbetreuung, und der heißt Prävention statt Therapie. Impfkonzepte, Biosicherheit, Stallklima- und Fütterungsberatung, kontinuierliches Monitoring und eine lückenlose Dokumentation von Behandlungen und Wartezeiten. Wie wirksam das ist, belegen die Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Die Abgabemenge an Antibiotika in der deutschen Tiermedizin ist seit 2011 um rund 70 Prozent zurückgegangen. Für den Verbraucher bedeutet das ein geringeres Risiko für die Selektion resistenter Keime. Das ist One Health in der Praxis.

WFG-Geschäftsführer Dr. Stefan von Rüden

Strukturelle Risiken werden zu selten diskutiert
Gleichzeitig weist der WFG auf Entwicklungen hin, die diese Struktur unter Druck setzen. Der
Nachwuchsmangel ist aus Sicht des Verbands das drängendste Thema der Nutztiermedizin: In einzelnen Regionen praktizieren kaum noch Nutztierärzte, was insbesondere die kontinuierliche, präventive Bestandsbetreuung schwächt. Hinzu kommt die Verfügbarkeit von Tierarzneimitteln. Immer mehr Wirk- und Impfstoffe werden außerhalb Europas produziert, zugleich erschweren lange Zulassungsverfahren den europäischen Marktzugang. Beides führt zu Lieferengpässen. Fällt ein Impfstoff ersatzlos weg, nehmen Erkrankungen im Bestand zu, und es muss wieder mehr antibiotisch behandelt werden. Bei viralen Erregern verschärft sich das Problem. Gegen sie gibt es keine ursächliche Therapie, die Impfung ist das entscheidende Instrument. Fehlt sie, leidet das Tierwohl unmittelbar. Der WFG fordert deshalb, die Versorgungssicherheit mit Tierarzneimitteln als Teil der staatlichen Krisenvorsorge zu begreifen und die Nutztiermedizin verlässlich der kritischen Infrastruktur zuzuordnen.

„Sichere Lebensmittel sind in Deutschland für viele eine Selbstverständlichkeit, aber sie sind kein Zufall“, betont Dr. Stefan von Rüden, Geschäftsführer des WFG. „Hinter jedem Stück Fleisch und jeder Packung Milch steht die tägliche Arbeit von Nutztierärztinnen und Nutztierärzten. Wir wollen, dass diese Leistung sichtbar wird – bei Verbrauchern, in der Politik und vor allem bei den jungen Kolleginnen und Kollegen, die gerade über ihren Berufsweg entscheiden.“

Materialien der Kampagne

Interview mit WFG-Präsident PD Dr. Andreas Palzer: One Health und Antibiotikareduktion

Interview mit Sebastian Mascher (WFG): Nachwuchsmangel und Berufsalltag

Grundlagenbeitrag: Gesunde Tiere, sichere Lebensmittel

Quelle: WFG

Zoonose Q-Fieber: Leitfaden gibt Empfehlungen (AdA)

Aus dem Archiv (AdA 1/2025) und immer noch aktuell

Von Dr. Heike Engels

Erreger mit zoonotischem Potential stehen unter besonderer Beobachtung, weil sie für Tier und Mensch eine Gefahr darstellen. Das Bakterium Coxiella (C.) burnetii, Erreger des Q-Fiebers, gehört in diese Kategorie. Um die Überwachung dieses Erregers besser durchführen und koordinieren zu können, haben Experten einen neuen Leitfaden entwickelt.

Q-Fieber, auch Coxiellose genannt, ist eine Krankheit vor allem der Wiederkäuer, die durch das Bakterium Coxiella (C.) burnetii ausgelöst wird. Bis auf Neuseeland und die Antarktis ist das Bakterium weltweit verbreitet. Der Erreger kann aufgrund seiner Widerstandsfähigkeit jahrelang außerhalb eines Wirts in Staub, Wolle bzw. in Rohmilch überdauern. Auch eine gründliche Reinigung und Desinfektion führt aufgrund von Resistenzen nicht immer zu völliger Erregerfreiheit. Zusätzlich kann C. burnetii mit dem Wind weit verbreitet werden und zwar bis zu 18 km, allerdings ist eine erhöhte Ansteckungsgefahr nur im Umkreis von 5 km gegeben.

Ansteckung über Aerosole
Die Tiere stecken sich meistens über das Einatmen von Bakterien an. Das Bakterium kommt meistens über den Zukauf von Tieren in den eigenen Betrieb, aber auch Haustiere wie Katzen können den Erreger ausscheiden und damit für eine Infektion sorgen. Die Übertragung durch Zecken ist noch nicht eindeutig geklärt. Jedoch dürfte der Zeckenkot eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung von C. burnetii spielen. Infizierte Zecken scheiden große Erregermengen mit dem Kot aus. Infizierte Hauswiederkäuer können den Erreger über mehrere Wochen über Vaginalsekret, Milch, Kot und Urin ausscheiden. Beim Tier sind die Symptome eher unspezifisch. Die Infektion kann ganz ohne Symptome ablaufen (Schafe und Rinder) oder zum Abort führen, wie es bei Ziegen häufiger ist. Generell können Aborte, Totgeburten, Geburten lebensschwacher Lämmer, Kitze bzw. Kälber und der verzögerte Abgang der Nachgeburt mit einer C. burnetii-Infektion zusammenhängen, weshalb bei diesen Symptomen immer auch an Q-Fieber gedacht werden sollte. Die Behandlung von Tieren mit dem Ziel die Erreger-Ausscheidung entscheidend zu reduzieren oder gar zu unterbinden, ist nach aktuellem Wissensstand nicht möglich. Eine Behandlung mit Oxytetrazyklin führt nicht zu einer signifikanten Reduzierung der Erreger- Ausscheidung. Allerdings reduziert eine Impfung gegen C. burnetii langfristig die Ausscheidung des Erregers bei infizierten Tieren. Damit es nicht zu einem akuten Q-Fieber-Geschehen in Beständen mit Wiederkäuern wie Schafen, Ziegen und Rindern kommt, sollten die Tiere prophylaktisch geimpft werden. Es gibt in Deutschland einen Impfstoff gegen Q-Fieber für Rinder und Ziegen, der auch via Umwidmung für Schafe verwendet werden kann. Die Impfkosten werden von den Tierseuchenkassen einiger Bundesländer übernommen, dies ist aber jeweils im Einzelfall abzuklären.

Q-Fieber ist eine Zoonose
Was die Erkrankung in einen besonderen Fokus rückt: Q-Fieber ist eine Zoonose und damit auch für den Menschen gefährlich, hier besonders für Personen mit entsprechendem Tierkontakt. Zoonosen sind Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Sie sind weltweit ein wichtiges Thema in der öffentlichen Gesundheit. Die Ansteckung mit C. burnetii erfolgt auch beim Menschen vor allem durch das Einatmen von mit Bakterien kontaminierter Aerosole oder Stäube. Die häufigste Quelle eines Q-Fieber-Ausbruchs in der deutschen Bevölkerung sind infizierte kleine Wiederkäuer wie Schafe und Ziegen, die den Erreger während der Geburt oder eines Aborts über Geburtsflüssigkeiten und Nachgeburtsmaterialausscheiden. Des Weiteren scheiden die Tiere den Erreger in geringerem Maße über Körperflüssigkeiten wie Milch, Urin und Kot aus. Es gibt akutes und chronisches Q-Fieber. Das akute Q-Fieber äußert sich mit Fieber, Gliederschmerzen und Schüttelfrost, starkem Kopfschmerz hinter den Augen, Schweißausbrüchen, Husten, Gliederschmerzen sowie allgemeiner Mattigkeit. In der Regel heilt die grippeähnliche Erkrankung von selbst wieder aus. Das chronische Q-Fieber kann aus einem akuten Q-Fieber entstehen und zu weiteren Komplikationen führen, u.a. zum Q-Fieber-Müdigkeitssyndrom. Eine akute Q-Fieber-Erkrankung wird mit Antibiotika behandelt.

Monitoring und Meldepflicht
Da Q-Fieber eine Zoonose ist, ist die Erkrankung in Deutschland bzw. der Nachweis von C. burnetii insbesondere bei Rindern, Schafen und Ziegen meldepflichtig. Außerdem wurde Q-Fieber von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Jahr 2023 in die Liste der 10 priorisierten Pathogene aufgenommen. Dazu zählen neben C. burnetii auch das Krim-Kongo-hämorrhagisches Fieber, Echinokokkose (sowohl E. granulosus als auch E. multilocularis), Hepatitis E, Influenza (aviär), Schweinegrippe, Lyme-Borreliose, Q-Fieber, Rift-Valley Fieber, durch Zecken übertragene Enzephalitis und West-Nil-Fieber. Die Überwachungsbehörden führen für diese Erkrankung ein Monitoring durch und ermitteln bei Infektionen zurück bis zum Infektionsherd, um eine weitere Ausbreitung des Erregers zu verhindern. Dafür ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsamt und Veterinäramt nötig (One Health). Um für diese Zusammenarbeit besser gerüstet zu sein und um Handlungsempfehlungen bei Infektionsszenarien geben zu können, haben Experten im Rahmen des Deutschen Interdisziplinären Q-Fieber Forschungsprogramms (Q-GAPS) nun einen Q-Fieber-Leitfaden entwickelt. Er basiert auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und besteht aus Checklisten, Fragebögen und Informationen rund um die Erkrankung. Alle Personen, die mit Wiederkäuern zu tun haben, sollten mit dem Leitfaden vertraut sein, um aktiv der Erkrankung vorzubeugen und um schnell agieren zu können, sollte es zu einer Infektion bei

Links:
Der neue Q-Fieber-Leitfaden ist hier zu finden.
Nationales Referenzlabor für Q-Fieber des FLI

Auf Anforderung schicken wir Ihne auch gerne die komplette Ausgabe des E-Magazins 1/2025 (PDF, 9,5 MB). Schicken Sie einfach eine E-Mail an wengenroth@der-hoftierarzt.de

Land Niedersachsen lässt Sauenhalter im Stich

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Landvolk kritisiert zusätzliche Auflagen bei der Agrarinvestitionsförderung

Niedersachsen verschärft die Anforderungen für Investitionen in tierhaltende Betriebe erneut über die bundesweiten Vorgaben hinaus. Mit den jetzt veröffentlichten Hinweisen zum Agrarinvestitionsförderungsprogramm (AFP) für die Antragsphase 2027 sollen insbesondere Schweinehalter deutlich höhere Anforderungen erfüllen als in anderen Bundesländern. Das Landvolk Niedersachsen sieht darin einen weiteren Wettbewerbsnachteil für die tierhaltenden Betriebe in Niedersachsen.

Nach dem Auslaufen des Bundesprogramms zum Umbau der Tierhaltung wird die Förderung von Investitionen in die Schweinehaltung zwar wieder in das AFP aufgenommen, gleichzeitig steigen jedoch die Voraussetzungen für eine Förderung. Bereits für die Grundförderung müssen Sauen- und Mastschweineställe künftig immer über Außenklima verfügen. Für eine höhere Förderung ist zusätzlich Auslauf erforderlich. Lediglich der Abferkelbereich bleibt von diesen Vorgaben ausgenommen.

„Niedersachsen wählt mal wieder die Goldrandlösung und schießt dabei weit über die bundesweiten Vorgaben hinaus“, kritisiert Landvolkpräsident Dr. Holger Hennies. „Statt den Betrieben wieder Planungssicherheit zu geben, werden zusätzliche Hürden aufgebaut. Das macht Investitionen schwieriger und schwächt erneut die Wettbewerbsfähigkeit unserer Tierhalter.“ Es sei nicht zielführend, ausschließlich die höheren Haltungsformstufen zu fördern, die die Verbraucher angesichts der Inflation weniger nachfragen. „Insbesondere in der Sauenhaltung besteht großer gesetzlich induzierter Umbaudruck – vor allem konventionelle Betriebe können angesichts der hohen Anforderungen in Zukunft kaum noch von der Agrarinvestitionsförderung profitieren“, beschreibt Hennies die Situation. So gerate auch das Ziel einer stärkeren 5D-Erzeugung (geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet in Deutschland) in weite Ferne, wenn immer mehr Sauenhalter aufgeben und Ferkel verstärkt aus dem Ausland bezogen werden müssten.

Nach Auffassung des Landvolks orientieren sich die neuen Anforderungen nicht am GAK-Rahmenplan, der als bundesweite Grundlage der Agrarinvestitionsförderung dient. Dort gelten für die entsprechenden Förderstufen deutlich geringere Anforderungen, die zudem kein verpflichtendes Außenklima vorsehen. Hinzu komme, dass Außenklimaställe in einigen Landkreisen aus immissionsschutzrechtlichen Gründen gar nicht genehmigt würden. Investitionsbereite Betriebe könnten die Fördervoraussetzungen damit vielerorts nicht erfüllen.

Darüber hinaus legt Niedersachsen auch allgemeine Vorgaben strenger aus. Während andere Bundesländer bei der zwei Großvieheinheiten je Hektar-Grenze (2 GVE/ha) Abnahmeverträge für Wirtschaftsdünger anerkennen, um eine ausgeglichene Nährstoffbilanz zu erreichen, bleibt Niedersachsen restriktiv und nutzt diese Möglichkeit nicht. Stattdessen wird zusätzlich eine kollektive Grenze auf Gemeindeebene eingeführt. Betriebe, die selbst unter der Grenze liegen und den Bestand aufstocken wollen, dürfen das nicht, solange sie in einer Gemeinde liegen, die mehr als 2 GVE/ha hat. „Förderprogramme sollen Investitionen ermöglichen und nicht verhindern, sonst geraten unsere Betriebe gegenüber anderen Bundesländern weiter ins Hintertreffen“, gibt Hennies zu bedenken. (LPD 55/2026)

Quelle: Landvolk

20,7 Millionen Euro zusätzlich: Landesregierung Niedersachsen fördert ab 2027 Investitionen in tierfreundliche Ställe

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Mehr Tierwohl in Ställen – die Bereitschaft für den Umbau ist in der Landwirtschaft vorhanden, meist jedoch mit hohen Investitionen verbunden. Daher wird die Niedersächsische Landesregierung noch stärker als bisher den tierfreundlichen Umbau voranbringen und zusätzliche Finanzmittel in Höhe von 20,7 Millionen Euro im Doppelhaushalt 2027/2028 bereitstellen. Damit sollen landwirtschaftliche Betriebe, die in tierfreundliche Ställe investieren, gefördert werden – sei es als Neubau oder als Umbau. Im Fokus steht dabei insbesondere die Unterstützung von Landwirtinnen und Landwirten beim Ausstieg aus der Anbindehaltung von Rindern und beim Umbau in der Schweinehaltung.

Hierzu Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte: „Durch das Aus des Bundesumbauprogramms in der Schweinehaltung stehen viele Landwirtinnen und Landwirte vor großen finanziellen Herausforderungen. Auch wenn der große finanzielle Bedarf nicht allein durch unser Bundesland geschultert werden kann, wollen wir einen Teil zur Zukunftssicherung der Betriebe beitragen. Darüber hinaus beenden wir als erstes Bundesland stufenweise die Anbindehaltung für Rinder. Und dabei wollen wir die Betriebe unterstützen und Stallneubauten und -umbauten über das AFP unterstützen, indem wir a) mehr Mittel zur Verfügung stellen und sie b) im Ranking der Mittelvergabe besonders berücksichtigen.“

Mit den Mitteln wird das bestehende Agrarinvestitionsförderungsprogramm (AFP) verstärkt, mit dem bereits jetzt Investitionen in eine wettbewerbsfähige, nachhaltige, besonders umweltschonende und besonders tiergerechte Landwirtschaft gefördert werden. Investitionen im Bereich Schweinehaltung mit dem Schwerpunkt auf mehr Tierwohl werden nach Wegfall des Bundesprogramms wieder in das AFP aufgenommen. 2027 können im AFP, neben den regulär eingestellten 17 Millionen Euro, zusätzliche Fördermittel in Höhe von rund 15,5 Millionen Euro bewilligt werden, 2028 weitere rund 5,2 Millionen Euro. Um größeren Vorhaben mit Investitionsschwerpunkt in der Tierhaltung gerechter zu werden, wird die Höchstförderung für diese auf 600.000 Euro angehoben werden.

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte: „Mit den zusätzlichen Landesmitteln können wir die Transformation der Tierhaltung deutlich voranbringen, indem die gesellschaftlich gewollten Haltungsformen gefördert werden.“

Die Aufstockung der Mittel steht unter dem Vorbehalt der Genehmigung des Haushalts durch den Landtag.

Serviceinformation für Betriebe
Bewilligungsbehörde ist die Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Sie wird demnächst Einzelheiten zur AFP-Förderung 2027 auf ihrer Homepage bereitstellen.

Quelle: Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

CEVASCREEN Mückenprojekt: Start des Frühwarnsystems zur Überwachung der Epizootischen Hämorrhagischen Krankheit (EHD) in der Region BeNeDACH

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Mit dem CEVASCREEN Mückenprojekt hat die CEVA Tiergesundheit GmbH, Abteilung Ruminants, in BENEDACH eine Initiative ins Leben gerufen, die eine frühzeitige Erkennung der Epizootischen Hämorrhagischen Krankheit (EHD) ermöglicht. Durch eine 2-wöchentliche Untersuchung von Gnitzen der Gattung Culicoides auf das EHD-Virus liefert das Projekt wichtige epidemiologische Informationen über die regionale Viruszirkulation. Ziel ist es, Tierärztinnen und Tierärzten, Landwirtinnen und Landwirten sowie Tiergesundheitsbehörden ein wissenschaftlich fundiertes Frühwarnsystem zur Verfügung zu stellen und dadurch präventive Maßnahmen zum Schutz von Rinderbeständen zu unterstützen.

Sammlung von Gnitzen für CEVASCREEN Mückenprojekt ((c) Ceva Tiergesundheit)

EHD zählt zu den vektorübertragenen Erkrankungen von Wiederkäuern. Da das Virus bereits in Gnitzen zirkulieren kann, bevor erste klinische Fälle in Rinderbeständen auftreten, bietet die Untersuchung der Vektoren die Möglichkeit, eine beginnende Virusverbreitung frühzeitig zu erkennen. Der Nachweis viraler RNA in Gnitzen kann somit als regionales Frühwarnsignal dienen und dazu beitragen, Tierärztinnen und Tierärzten sowie landwirtschaftlichen Betrieben wertvolle Zeit für präventive Maßnahmen zu verschaffen.

EHD verursacht bei Tieren ähnliche Symptome wie die Blauzungenkrankheit, ist jedoch nur serologisch nachweisbar. Folgende klinische Anzeichen bei Rindern weisen auf EHD hin:

• Fieber
• verminderter Appetit
• Nasenausfluss mit Krusten
• Übermäßiger Speichelfluss
• Erosionen am Zahnfleischrand mit weißlichem Belag
• Lahmheit

Europaweites Monitoring von Juni bis November
Das CEVASCREEN Mückenprojekt startete im Juni und läuft bis Oktober 2026. Während dieses Zeitraums werden im Abstand von jeweils zwei Wochen Gnitzenproben von teilnehmenden Tierärztinnen und Tierärzten, sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Ceva gesammelt und anschließend von einem Labor molekularbiologisch auf das EHD-Virus untersucht.

Der Schwerpunkt des Monitorings mit 74 Mückenfallen liegt in den Regionen entlang der französischen Grenze. Darüber hinaus wurden weitere Fallen in anderen Teilen Deutschlands sowie in Belgien, den Niederlanden und Österreich installiert. Insgesamt ermöglichen 134 Mückenfallen ein umfassendes Monitoring in der gesamten BeNeDACH-Region.

Gnitzenfalle im Kuhstall, CEVASCREEN Mückenprojekt ((c) Ceva Tiergesundheit)

Ziel des Projekts ist die frühzeitige Detektion des Virus sowie der Aufbau einer Risikokartierung für Mitteleuropa. Die gewonnenen Daten liefern CEVA, praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzten, landwirtschaftlichen Betrieben sowie Tiergesundheitsbehörden eine fundierte und zeitnahe Grundlage zur Bewertung der epidemiologischen Situation. Auf dieser Basis können Impfstrategien gezielt angepasst und optimiert werden, um Rinderbestände noch wirksamer vor einer Erkrankung zu schützen.

Datenschutz und Vertraulichkeit stehen im Mittelpunkt
Ein wesentliches Merkmal des Projekts ist der vertrauliche Umgang mit den erhobenen Daten. Sämtliche Proben werden ausschließlich mit einem eindeutigen Code versehen und vollständig anonymisiert untersucht. Es werden keine betriebsbezogenen Daten erhoben oder veröffentlicht, sodass weder Rückschlüsse auf einzelne landwirtschaftliche Betriebe noch auf teilnehmende Tierarztpraxen möglich sind.

Mit diesem länderübergreifenden Monitoring trägt das Projekt dazu bei, einen Ausbruch und die Ausbreitung des EHD-Virus frühzeitig zu erkennen und wertvolle Informationen für die Tiergesundheit in der Region BeNeDACH bereitzustellen

Quelle: Ceva Tiergesundheit GmbH

Sanfte Schubser für mehr Tierwohl

Sanfte Kaufanreize können bewirken, dass öfter zu Lebensmitteln mit höheren Tierhaltungsstandards gegriffen wird. Darauf deutet eine aktuelle Studie an der Universität Bonn hin. Die Forscherinnen nutzten als „Nudges“ zwei unterschiedliche Plakate zum Tierwohl-Label. Schon jedes Plakat für sich veränderte das Konsumverhalten von Testpersonen, die in einem virtuellen Supermarkt einkauften. Wurden beide Plakate kombiniert, war der Anteil der Produkte mit höheren Tierwohlstandards im Einkaufskorb am höchsten. Es muss sich noch zeigen, inwieweit sich die Ergebnisse auf reale Einkaufssituationen übertragen lassen. Die Studie ist im Journal of Behavioral and Experimental Economics erschienen.

„Nudges“ sind Maßnahmen, die Menschen bei Entscheidungen unterstützen – und zwar auf sanfte Weise, ohne ihre Wahlfreiheit einzuschränken. So können beispielsweise gesunde oder nachhaltige Optionen hervorgehoben werden, damit sie bei einer Kaufentscheidung stärker berücksichtigt werden.

In der aktuellen Studie haben drei Wissenschaftlerinnen der Universität Bonn untersucht, wie Nudging den Kauf von Lebensmitteln beeinflussen kann, bei deren Erzeugung das Tierwohl berücksichtigt wird. In Deutschland gibt es verschiedene Kennzeichnungen, die über die Haltungsbedingungen von Nutztieren informieren, etwa das Haltungsform-Label für Fleisch- und Milchprodukte und die Eierkennzeichnung. Sie machen sichtbar, wie tierfreundlich die Haltung ist.

850 Testpersonen auf virtueller Shoppingtour
„Wir haben nun zwei unterschiedliche Plakate gestaltet“, erklärt Leonie Bach vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik (ILR) der Universität Bonn. „Das erste Plakat sahen die Teilnehmenden, bevor sie den virtuellen Supermarkt betraten: Mit dem Slogan ‚Immer mehr Menschen in Deutschland entscheiden sich für mehr Tierwohl‘ wiesen wir damit auf eine soziale Norm hin. Das zweite Plakat hing über den Regalen im Supermarkt und erklärte mit anschaulichen Grafiken, für welche Bedingungen die verschiedenen Haltungsstufen stehen. Bei diesem Plakat ging es also vor allem um Informationen zum Tierwohl-Label.“

Die ILR-Wissenschaftlerinnen rekrutierten über eine Marktforschungs-Agentur mehr als 850 Versuchspersonen für ein Online-Experiment. Diese konnten am heimischen Rechner in einem virtuellen Supermarkt einkaufen. Dabei standen ihnen neben Tierwohl-Produkten auch solche aus konventioneller Haltung zur Auswahl – zu handelsüblichen Preisen. Die Teilnehmenden wurden zufällig einer von vier Gruppen zugeteilt: Eine sah keines der beiden Plakate, eine zweite ausschließlich das Plakat zur sozialen Norm, eine dritte nur das Informationsplakat über den Regalen und eine vierte beide Plakate.

Nudging scheint zu wirken – und zwar am besten in Kombination
Das Resultat: „In unserer experimentellen Studie hatten sowohl Informations- als auch Social-Norm-Nudges einen positiven Einfluss auf die Wahl von Produkten mit höheren Tierwohlstandards“, erklärt Prof. Dr. Monika Hartmann. Die Wissenschaftlerin leitet an der Universität Bonn die Abteilung Marktforschung der Agrar- und Ernährungswirtschaft und ist Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Sustainable Futures“.

Durch Nudging könnte sich demnach der Kauf von Tierwohl-Lebensmitteln signifikant erhöhen lassen. Besonders vielversprechend scheint dabei die Kombination verschiedener Botschaften zu sein. „Entscheidend ist: Die beiden Maßnahmen beeinflussen sich nicht gegenseitig, sondern ihre Effekte addieren sich unabhängig voneinander“, sagt Leonie Bach. Für die Praxis bedeutet das: Jede Maßnahme wirkt für sich und kann unabhängig eingesetzt oder weggelassen werden, ohne dass sich die Wirkung der anderen verändert.

Allerdings trafen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine hypothetische Entscheidung. Sie mussten den Einkauf nicht tatsächlich bezahlen und erhielten am Ende auch keine echten Produkte. Inwieweit sich die Ergebnisse auf reale Supermarkt-Besuche übertragen lassen, bleibt offen. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Nudges Kaufentscheidungen in Richtung höherer Tierwohlstandards beeinflussen und als ein Baustein eines breiteren Maßnahmenpakets dienen können.

Förderung:
Das Projekt wurde durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMELH) gefördert; Projektträger: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE); Förderkennzeichen: 28N1800025

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Rohprotein senken in der Fütterung von Öko-Masthühnern?

Felicitas Ahrens1, Reinhard Puntigam2, Philipp Hofmann1
1Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierhaltung, Tierernährung und Futterwirtschaft 2FH Soest, Fachbereich Agrarwirtschaft, Ernährung / Qualität tierischer Produkte

Abbildung 1 Langsam wachsende Masthühner (JA57 x ColorYield) an Lebenstag 33 – . Bildquelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Die Reduktion des Gehaltes an Rohprotein (CP) stellt seit Jahren ein zentrales Thema in der Geflügelfütterung dar. Ganz nach dem Motto „weniger ist am Ende mehr“, denn geringere Stickstoffausscheidungen und folglich Ammoniakemissionen sowie geringere Futterkosten sprechen dafür. Der gezielte Einsatz freier Aminosäuren in der konventionellen Fütterung macht dies möglich. Unter ökologischen Fütterungsbedingungen sind die Spielräume jedoch deutlich geringer. Der Grund ist bekannt: Freie Aminosäuren sind futtermittelrechtliches Tabu in den Futtertrögen ökologisch gehaltenen Geflügels.

Warum Rohprotein senken?

Abbildung 2: Score für Fußballenveränderungen (v.l.n.r.) Score 0-4 (0: intakt bis 4: hochgradige Pododermatitis) – . Bildquelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Ein Überschuss an CP im Futter verlässt über die Exkremente ungenutzt das Tier. Erhöhte Stickstoffausscheidungen und Ammoniakemissionen sind die Folge. Diese Ausscheidungen belasten Stall- und Umweltklima und können sich auf Grund verminderter Einstreu- und Luftqualität negativ auf die Tiergesundheit auswirken. In der Rationsgestaltung für konventionell gehaltenes Geflügel lassen sich diese negativen Effekte gezielt und ohne Leistungseinbußen vermindern, indem der CP-Gehalt abgesenkt und der Bedarf an limitierenden Aminosäuren (z. B. Methionin, Lysin) über die Zugabe freier Aminosäuren gedeckt wird. Denn schlussendlich benötigt das Tier Aminosäuren und nicht Protein. Im Ökolandbau ist diese Strategie der Fütterung jedoch nicht möglich.

Öko-Fütterung: Aminosäuren im Futter ausschließlich vom Acker

Abbildung 3 Langsam wachsende Masthühner der Herkunft JA57 x ColorYield an Lebenstag 5 – . Bildquelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Ökologisch wirtschaftende Geflügelhalter müssen den erforderlichen Bedarf an Aminosäuren ihrer Tiere ausschließlich über den Einsatz der Einzelfuttermittel decken. Die Folge: Der CP-Gehalt im Futter liegt oftmals deutlich höher als bei konventionellen Rationen, um mögliche Versorgungslücken durch Limitierungen von Aminosäuren zu vermeiden. Je höher die Leistung, desto höher die erforderlichen Nährstoffkonzentrationen in den Rationen. Auch aus diesem Grund werden in der ökologischen Hühnermast für gewöhnlich langsam wachsende Herkünfte eingesetzt. Während für schnell wachsende Herkünfte umfangreiche Erkenntnisse und Empfehlungen zur energie- und nährstoffangepassten Rationsgestaltung vorliegen, bestehen für langsam wachsende Herkünfte weiterhin Wissenslücken darüber, wie stark sich der CP-Gehalt absenken lässt, ohne Leistungseinbußen in Kauf nehmen zum müssen (Rezaei et al., 2018).

Eine Untersuchung am Versuchs- und Bildungszentrum Geflügel, Staatsgut Kitzingen, ging infolgedessen der Frage nach, ob und in welchem Umfang eine CP-Absenkung in ökokonformen Alleinfuttermischungen möglich ist, ohne die Mast- und Schlachtleistung langsam wachsender Masthühner negativ zu beeinflussen. Neben dem Effekt der CP-Reduktion auf die Leistung wurden ebenfalls die Auswirkungen auf die Stickstoffausscheidungen sowie Stickstoffnutzungseffizienz kalkuliert.

Zur Untersuchung

Tabelle 1

In einer 56-tägigen Fütterungsstudie wurden etwas mehr als 1.000 langsam wachsende Masthühner der Herkunft Hubbard JA57 × ColorYield gemischtgeschlechtlich in 24 identischen Abteilen (je 44 Tiere) gehalten. Dabei wurde die im Ökolandbau maximal zulässige Besatzdichte von 21 kg/m2 eingehalten. Zur Anwendung kamen drei Futtervarianten mit je acht Abteilen als Wiederholungen:
• K (Kontrolle): Starter 19,7 % CP; Mast 19,1 % CP
• CP- (CP-reduziert): Starter 19,3 % CP; Mast 18,1 % CP
• CP– (stärker CP-reduziert): Starter 18,1 % CP; Mast 17,4 % CP

Tabelle 2

Die Fütterung erfolgte zweiphasig (Starter: Tag 1–21, Mast: Tag 22–56). Durch den Verzicht freier Aminosäuren gingen die sinkenden CP-Gehalte mit einer Reduktion der Gehalte an Aminosäuren in den Rationen einher (Tabelle 1). Neben den wichtigsten Mast- und Schlachtleistungsmerkmalen wurden die Wasseraufnahme, die Mortalität sowie die Fußballengesundheit der Tiere erfasst.

Mastleistung: Weniger Protein = weniger Aminosäuren = weniger Leistung
Die Ergebnisse zeigen: Mit sinkendem CP-Gehalt sanken auch die tierischen Leistungen (Tabelle 2). Bis zum Futterwechsel am 21. Lebenstag unterschieden sich die Körpermassen bereits signifikant entsprechend der CP-Reduktion (K > CP- > CP–). Am Mastende (Tag 56) lagen die Varianten CP- und CP– auf vergleichbarem Niveau, blieben jedoch hinter jenen der Gruppe K. Dies deckt sich mit weiteren Ergebnissen: Die höchsten täglichen Lebendmassezunahmen und Futteraufnahmen wurden über die gesamte Mastdauer bei den Tieren der Gruppe K erzielt. Daraus resultierte der signifikant beste Futteraufwand bei K im Vergleich zu den CP-reduzierten Fütterungsvarianten (2,29 vs. 2,35 und 2,33 kg/kg).

Das verringerte Wachstum bei Tieren der CP-reduzierten Futtervarianten deutet darauf hin, dass mindestens eine Aminosäure das Wachstum der Tiere limitierte. Da keine freien Aminosäuren diese Lücke füllten, sank mit reduziertem CP-Gehalt zwangsläufig die Aminosäurenversorgung und damit die Leistung. Zusätzlich wurde im Zuge der CP-Reduktion der Anteil höher verdaulicher Eiweißkomponenten reduziert (Sonnenblumenkuchen aus geschälter Saat, konventioneller Maiskleber, konventionelles Kartoffeleiweiß), was die Aminosäurenverfügbarkeit in puncto Verdaulichkeit weiter eingeschränkt haben dürfte.

Schlachtleistung und Tierwohl

Tabelle 3

Analog zur Mastleistung sanken mit zunehmender CP-Reduktion ebenfalls die Schlachtkörpergewichte sowie folgend die absoluten Gewichte der Teilstücke (Tabelle 3). Die prozentualen Anteile am Schlachtkörper blieben hingegen weitgehend unverändert. Auch die Ausschlachtung lag bei Tieren der Gruppe K höher im Vergleich zu den CP-reduzierten Varianten.

Neben den Mast- und Schlachtleistungen schnitt die Gruppe K auch bei der Fußballengesundheit am besten ab (Tabelle 4). Die beiden CP-reduzierten Varianten wiesen signifikant schlechtere (höhere) Scores auf.

Tabelle 4

Stickstoffnutzungseffizienz: Vorteil mit Einschränkungen
Mit sinkendem CP-Gehalt stieg die kalkulatorische Stickstoffnutzungseffizienz signifikant an (K < CP- < CP–). Als Grund hierfür kann die geringere Stickstoffaufnahme der Tiere bei gleichzeitig moderatem Rückgang des Stickstoffansatzes (Muskelzuwachs) genannt werden (Tabelle 2). Damit zeigt sich ein Für und ein Wider: Eine CP-Reduktion erhöhte auf der einen Seite die Stickstoffnutzungseffizienz, jedoch geht diese auf der anderen Seite mit geringeren Leistungen einher.

Ökonomie: Kontrollration im Vorteil
Sowohl der kalkulierte Erlös über Futterkosten (IOFC) als auch der Europäische Produktionsindex (EPI) lag bei den Tieren der Gruppe K signifikant über jenen der beiden CP-reduzierten Varianten. Die geringeren Futterkosten auf Grund der Proteinreduktion konnten die Leistungseinbußen somit nicht kompensieren (Tabelle 2).

Schlussfolgerungen
Eine Reduktion des CP-Gehalts ohne die Möglichkeit des Einsatzes freier Aminosäuren in ökologischen Futtermischungen resultierte in Leistungseinbußen bei langsam wachsenden Masthühnern. Bereits moderate Absenkungen von 0,4 %-Punkten im Starter und 1 %-Punkt (19,7 vs. 19,3 % und 19,1 vs. 18,1%) in der Mastphase hatten negative Auswirkungen auf die Mast- und Schlachtleistung sowie folglich die Ökonomie. Vorteilig erhöhte sich durch die CP-Reduktion die Stickstoffnutzungseffizienz, was sich jedoch nachteilig auf die Kosten der Produktionsleistung ausübte. Ob diese Effekte der Leistungsminderung durch gezieltere Strategien vermieden werden können– z.B. durch eine spätere CP-Absenkung in der Mastphase oder zusätzliche Fütterungsphasen, wird aktuell im Projekt „MastOpti(M)Um“ untersucht

Link: https://www.lfl.bayern.de/ite/gefluegel/389303/index.php