Jedes Ei hat seinen Preis

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Deutschland hat bald keine Eierproduzenten mehr. Preistreiber sind die gestiegenen Futter- und Energiekosten sowie die Kosten für mehr Tierwohl

Für 100 Eier bekommt ein Legehennenhalter in Deutschland rund zehn Euro. Die Produktion kostet ihn zurzeit etwa 10,50 Euro. Damit macht er Verlust. Wie konnte das geschehen? Die Futtermittelpreise sind in diesem Jahr deutlich gestiegen. Laut Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AIM) liegt der Mischfutterpreis für Legehennen auf einem Achtjahreshoch. Zudem steigen aktuell die Energie- und Transportkosten. Investitionen ins Tierwohl schlagen ebenfalls zu Buche. Der Bundesverband Ei e.V. (BVEi) rechnet hier mit 1,5 bis 2 Cent pro Ei.

Mit Sorge blicken die deutschen Legehennenhalter auch auf die neue Gesetzgebung. Ab 1. Januar 2022 ist das Töten männlicher Eintagsküken verboten. Die Zusatzkosten für moderne Geschlechtsbestimmungsverfahren im Ei oder die Co-Finanzierung der Bruderhahn-Aufzucht beziffert der BVEi-Vorsitzende Henner Schönecke mit etwa 2 Cent pro Ei: „Wenn Einzelhandel und Verbraucher nicht bereit sind, mehr Geld für das wertvolle Lebensmittel Ei auszugeben, dann droht der heimischen Eierproduktion das Aus.“

Hennen im Wintergarten Foto © ZDG

Weihnachten verschärft Kostendruck
Die steigenden Kosten bei den Legehennenhaltern treffen auf eine steigende Nachfrage bei den Verbrauchern. Insbesondere mit Blick auf die Weihnachtszeit wird sich diese Situation nochmals verschärfen:

„Die Adventszeit ist Backzeit und damit die Zeit mit dem höchsten Eierverbrauch in Deutschland“, sagt Henner Schönecke. „Der Kostendruck setzt der Eierwirtschaft massiv zu. Seit Monaten zeichnet sich eine dramatische Situation für die Betriebe ab“, so der BVEi-Vorsitzende. Er hält auf seinem Hof selbst rund 55.000 Hennen „Wir brauchen jetzt faire Preisverhandlungen mit dem Einzelhandel“, mahnt Schönecke: „Der Verbraucher hat es mit seinem Einkaufsverhalten in der Hand, die Zukunft der deutschen Legehennenhalter zu sichern. Sonst gibt es bald keine deutschen Eier mehr in den Supermarktregalen.“

Aktuell rechnen Experten damit, dass die Kosten für Futtermittel, Transport und Verpackung in den kommenden Wochen weiter steigen. Hauptgrund ist der Ausstieg aus dem Kükentöten. Damit nimmt der Kostendruck für die Eierproduzenten deutlich zu – allerdings nur in Deutschland. Denn das Gesetz zum Ausstieg aus dem Kükentöten ist eine rein nationale Verordnung. Es fehlt eine EU-weite Regelung, damit die deutschen Legehennenhalter durch diesen massiven Wettbewerbsnachteil nicht noch stärker in Existenznot geraten.

Informationen zum Eier-Markt in Deutschland (Bundesinformationszentrum Landwirtschaft)
2020: 239 Eier pro Person (+ 4 Eier zum Vorjahr)
Selbstversorgungsgrad: 72 Prozent
2020: 49,2 Millionen Legehennen in Deutschland (+ 2,5 Prozent zum Vorjahr)
2020: Erzeugung Deutschland:14,4 Milliarden Eier (+ 3 Prozent zum Vorjahr)
2020: Verbrauch: fast 20 Milliarden Eier

Weitere Informationen unter: www.legehennenhalter.de

Bühler baut industrielle Insektenanlage für Agronutris in Frankreich

Der französische Insektenproduzent Agronutris hat sich für die Prozesslösungen der Bühler Group entschieden, um seine erste kommerzielle Großanlage für Schwarze Soldatenfliegen zu realisieren. Bühler wird eine Komplettlösung für die Anlage im französischen Rethel liefern. Die Zusammenarbeit ist ein wichtiger Meilenstein für beide Unternehmen. Sie unterstreicht die ehrgeizigen Ziele von Bühler, zur Eindämmung des Klimawandels und zum Aufbau eines nachhaltigeren Lebensmittelsystems beizutragen. Mit der Anlage verfolgt Agronutris das Ziel, sich als weltweit führendes Unternehmen für nachhaltige Ernährung zu etablieren. Die Anlage soll im Jahr 2023 in Betrieb gehen.

Die 16’000 Quadratmeter große Insektenanlage im französischen Rethel wird bei voller Auslastung jährlich bis zu 70’000 Tonnen organische Reststoffe verarbeiten. Damit produziert die Fabrik hochwertiges Protein für die Aquakultur- und Heimtiernahrungsmärkte. «Mit der Inbetriebnahme dieser neuen Produktionsstätte tritt Agronutris in die industrielle Phase ein. Die Anlage in Rethel ist unser Sprungbrett für die weitere industrielle Entwicklung unserer Tätigkeit», sagt Mehdi Berrada, CEO von Agronutris. «Bühler ist ein weltweit führendes Unternehmen mit enormer Erfahrung im Lebens- und Futtermittelsektor. Wir vertrauen auf ihre Fähigkeiten, uns in der Insektenindustrie zu unterstützen. So können sich unsere Teams auf unsere Kernaktivitäten konzentrieren: die Insektenbiologie und das operative Management unserer Produktionsabläufe. Unsere Forschung und Entwicklung sind unser Wettbewerbsvorteil.»

Die Lösungen von Bühler für Agronutris werden die gesamte Produktionskette abdecken. Dazu gehören die Aufbereitung des Rohmaterials, um den Larven sicheres, schmackhaftes und nahrhaftes Futter zu bieten, sowie ein vollautomatisches Larvenaufzuchtsystem mit ausgefeilter Klimakontrolle. Weiter liefert Bühler die Verarbeitungslinie zur effizienten Umwandlung der gezüchteten Larven in Proteinmehl und Lipide mit gleichbleibender Qualität. Auch das Fraß-Handhabungssystem für eine sichere Abführung der Aufzuchtrückstände kommt vom Uzwiler Konzern.

Darüber hinaus ist Bühler für die gesamte Automatisierung und die termingerechte Projektabwicklung verantwortlich. Letztere umfasst das Engineering, die Beschaffung, die Fertigung, die Lieferung, die Montage und die Inbetriebnahme. «Das neue Projekt mit Agronutris ist für uns ein Meilenstein. Wir unterstreichen damit unser Ziel, uns als wichtiger Lösungsanbieter für die Insektenindustrie zu etablieren und den Anteil von Insektenproteinen im Tierfutter zu erhöhen. Unsere Lösungen tragen zu nachhaltigeren Futtermittelversorgungsketten bei», sagt Andreas Baumann, Head of Market Segment Insect Technology bei Bühler.

Wachsende Nachfrage
Die Ernährung der zehn Milliarden Menschen, die voraussichtlich bis 2050 auf unserem Planeten leben werden, erfordern jährlich rund 250 Millionen Tonnen zusätzliches Protein. Das ist 50% mehr als heute. Gesellschaft und Industrie müssen diese Herausforderung angehen, und zwar mit einer nachhaltigeren Produktion bestehender Proteinquellen sowie mit alternativen Quellen für den direkten menschlichen und tierischen Verzehr. Essbare Insekten können eine einzigartige Rolle beim Upcycling von Lebensmittelabfällen zu hochwertigen Proteinen spielen. Das macht sie zu einer immer wichtigeren Proteinquelle, die gleichzeitig umweltfreundlich ist.

Prognosen zeigen, dass der Markt für Insektenproteine als Futtermittel in den nächsten zehn Jahren stark wachsen wird. Es wird erwartet, dass der Gesamtumsatz der Insektenfuttermittelhersteller bis zum Ende des Jahrzehnts 2,2 Milliarden Euro pro Jahr erreichen wird. Zwei Hauptsektoren beflügeln dieses Wachstum: Der Aquakultursektor wird bis 2030 rund 30% des Verkaufsvolumens der Insektenproduzenten ausmachen. Und der Heimtierfuttersektor wird bis 2030 einen Anteil von 40% des Verkaufsvolumens von Insektenproteinen haben.

Das Ziel von Agronutris ist, zum Aufschwung dieser Branche beizutragen und zu einem weltweit führenden Unternehmen in diesem Bereich zu werden. Das Team hat sich mit Entomologinnen und Agrarindustrie-Experten weiter verstärkt. Auch die kürzliche Kapitalbeschaffung in Höhe von 100 Millionen Euro und die Zusammenarbeit mit großen Unternehmen wie Bühler sind Faktoren, die Agronutris diesem Ziel näherbringen.

Bühler hat sich verpflichtet, 50% Wasser, 50% Energie und 50% Abfall in den Wertschöpfungsketten seiner Kunden zu reduzieren, und das bis 2025. Damit trägt Bühler zur Eindämmung des Klimawandels bei und schafft die Grundlagen für ein nachhaltigeres Lebensmittelsystem. Insekten bieten eine einzigartige Gelegenheit. Sie sind eine gesunde Eiweißquelle für Lebens- und Futtermittel. Und sie können mit Abfällen gefüttert werden und so Lebensmittelabfälle in Eiweiß umwandeln. Weiter kann ihr Kot als Düngemittel verwendet werden. Deshalb sind sie ein wichtiger Pfeiler in der Strategie von Bühler, die Führung bei nachhaltigen Proteinen für Lebens- und Futtermittel zu übernehmen.

Quelle: Bühler AG

Aktuelles Interview: Klauenpflege neu gedacht: Mit Strategie, Konsequenz und Klauenpflaster zu gesunden Klauen

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Die regelmäßige Klauenpflege ist unentbehrlich für die Gesunderhaltung der Rinderklaue. Trotzdem läuft sie bei vielen Betrieben aus Zeitgründen oft nur nebenbei ab. Mit mehr Organisation und Konsequenz ließe sich viel mehr erreichen, meint Klaus Hermann Haß. Der Klauenpfleger aus Süderhastedt, Schleswig-Holstein, hat für sich ein Modell der Klauenpflege gefunden, wie er Quantität und Qualität besser vereinen kann. Ein wichtiges Hilfsmittel ist für ihn dabei das Klauenpflaster Mortella Heal.

Herr Haß, Sie arbeiten als selbständiger Klauenpfleger und haben sich vor einigen Jahren für einen neuen Weg entschieden. Warum und wie sieht Ihre Arbeit heute aus?
Statt der akkordbasierten Klauenpflege wollte ich mein Angebot ganzheitlicher gestalten. Ich wollte auch Nachsorge mit anbieten wie z.B. die Erfolgskontrolle meiner Behandlung oder Verbände abnehmen bzw. ersetzen. Früher habe ich regelmäßig den gesamten Bestand eines Betriebes während eines Klauenpflegetermins bearbeitet, heute arbeite ich hauptsächlich nach Dokumentation. Ich lade mir beim Start auf einem Betrieb die aktuellen Tiere vorher über HIT oder LKV ins Programm und dokumentiere jedes Tier. Nach Rücksprache mit dem Landwirt wird ein Zeitintervall festgelegt, wie oft jedes Tier prophylaktisch gepflegt werden soll. Im Nachgang der Klauenpflege erstelle ich dann für den Landwirt Listen zur Wiedervorstellung und zur Nachbehandlung, welche Kühe ich zum Termin sehen muss und der Landwirt kann dann die Kühe entsprechend sortieren und mir vorstellen. Während der Nachsorge rufe ich mir dieses Tier in der Dokumentation auf. Dazu habe ich immer einen Outdoor-PC mit, in welchem die gesamte Kuhhistorie gespeichert ist. Darauf aufbauend treffe ich meine Entscheidung: Wann muss die Wiedervorstellung sein, muss der Tierarzt dazukommen oder ein Medikament, ist es gar ein immer wiederkehrender Defekt? Sollte das so sein, müsste man darüber nachdenken, die Kuh nicht mehr weiter zu besamen.

Welche Klauenerkrankungen finden Sie häufig vor?
Grundsätzlich sehe ich viel Dermatitis digitalis, also Mortellaro, aber auch den Rehekomplex mit z.B. Sohlengeschwüren oder Wanddefekten. In letzter Zeit mehr geworden sind die Sohlengeschwüre, bei denen sich Mortellaro draufgesetzt hat, diese Kombination hat sich in den letzten 10 Jahren deutlich vermehrt und ist leider auch sehr viel schwieriger zu behandeln.

Warum arbeiten Sie so gerne mit dem Klauenpflaster Mortella Heal?
Es sind die Ergebnisse, die ich sehe. Mortella Heal kenne ich schon lange. Schon 2012 habe ich erste Versuche mit dem Pflaster zur Behandlung von Mortellaro gemacht. Das war ungewohnt für mich, denn in meiner Ausbildung hieß es immer, Verbände an Klauen funktionieren nicht, denn darunter sei es warm und feucht, also allzu gute Bedingungen für Bakterien. Durch viele Workshops und Ausprobieren von verschiedenen Verbandstechniken habe ich mich dann aber eines Besseren belehren lassen. Die Ergebnisse unter Mortella Heal sind fast immer hervorragend. Waren zu Beginn durch falsche Verbandstechnik noch ab und an Einschnürungen zu sehen, ist das heute vorbei. Weil aber die richtige Verbandstechnik so wichtig ist, bekommt man die Pflaster nur mit einer Einweisung. Bei manchen Betrieben wird das Pflaster nur bei den ganz schweren Fällen eingesetzt, auf anderen auch schon bei ganz kleinen Mortellaro-Stellen. Letzteres ist eigentlich das richtige Vorgehen, um die schwierigen Fälle erst gar nicht zu bekommen. Wenn ich allerdings jemanden von der Wirkung des Pflasters überzeugen möchte, dann frage ich ihn nach seiner am schlimmsten von Mortellaro betroffenen Kuh und wir machen Vorher-Nachher-Fotos. Nach 14 bis 20 Tagen sieht die Klaue deutlich besser aus und der Landwirt ist überzeugt.

Wie läuft die Heilung unter dem Pflaster ab?


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Dem Stress im Stall auf der Spur

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Dummerstorfer Forschende testen Biomarker für Langzeitstress

Verbessertes Tierwohl und optimale Haltungsbedingungen unserer Nutztiere haben eine immer größere gesellschaftliche Bedeutung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Forschungsinstitutes für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf waren auf der Suche nach schonenderen, minimal-invasiven Methoden zum Nachweis von Langzeitstress bei Nutztieren erfolgreich.

In einem von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) geförderten Verbundprojekt, zusammen mit dem Friedrich-Loeffler-Institut für Tierschutz und Tierhaltung (FLI-ITT) Celle (Niedersachsen), konnten die Forschenden die Bestimmung von Glukokortikoid-Biomarkern zum retrospektiven Nachweis von Langzeitbelastungen weiterentwickeln. Grundlage ist die Bestimmung der Stresshormone Cortisol in Haarproben von Rindern und Schweinen sowie Corticosteron in Federn von Hühnern und Puten.

„Stressreaktionen des Organismus sind überlebenswichtig; anhaltend erhöhte Stresshormonspiegel weisen bei Nutztieren jedoch auf Probleme in der Haltung hin“, erklärte Projektleiter Dr. Winfried Otten vom Institut für Verhaltensphysiologie am FBN. Zu große Hitze, zu wenig Platz, sozialer Stress oder die Isolation von Artgenossen und Langeweile – Stress im Stall kann viele Ursachen haben. Darunter leidet nicht nur das Wohlbefinden der Tiere. Chronisch gestresste Tiere verursachen auch zusätzliche Kosten, sie können schneller krank werden oder wachsen langsamer.

Stresshormone können bei Tieren zur Bewertung von Belastungszuständen in Blut-, Speichel-, Urin- oder Kotproben gemessen werden. „Die Probenentnahme selbst kann dabei für die Tiere stressig sein und der Hormongehalt in diesen Proben spiegelt nur die Belastung kurz vor dem Zeitpunkt der Entnahme wider. Langzeitaussagen sind schwierig und nur anhand vieler Proben möglich“, beschrieb Dr. Winfried Otten die grundsätzliche Problemlage. „Unser Ziel war es, den Stresshormonnachweis in Haaren und Federn in ein einfaches und präzises Verfahren zur Bestimmung von Langzeitstress bei Nutztieren weiterzuentwickeln, ähnlich wie es in der Stressforschung beim Menschen schon Anwendung findet. Während des Haar- und Federwachstums erfolgt nämlich eine kontinuierliche und stabile Einlagerung der Hormone und anhand einer Probe könnte die Stressbelastung der vorangegangenen Wochen und Monate ermittelt werden.“

Leibnitz-Insitut für Nutztierbiologie Dummerstorf (FBN)
Foto: Thomas Häntzschel / nordlicht
www.fotoagenturnordlicht.de

Erstmalig wurden daher am FBN bei Nutztieren der zeitliche Verlauf der Cortisoleinlagerung ins Haar durch Stress sowie stressunabhängige Einflussfaktoren systematisch erforscht. Die Tierärztin Dr. Susen Heimbürge hat im Rahmen dieses Projekts promoviert und dazu in den vergangenen Jahren bei Rindern und Schweinen nicht nur den Einfluss verschiedener Stressoren, sondern auch von Faktoren wie Haarfarbe, Haartyp und -alter auf Haarcortisolkonzentrationen untersucht. „Anhand eines experimentellen Stressmodells beim Rind konnten wir erstmals zeigen, dass eine mehrwöchige Stressbelastung der Tiere durch erhöhte Cortisolkonzentrationen in verschiedenen Haartypen, nämlich in nativen und nachgewachsenen Körperhaaren sowie in Segmenten von Schwanzhaaren nachweisbar ist“, erläuterte Dr. Otten die Befunde. „Je nach Haarlänge lässt sich so in einer Probe die Stressgeschichte von mehreren Wochen bis zu einigen Monaten ablesen.“ Als neues Ergebnis konnten die Wissenschaftler erstmalig aufzeigen, dass beim Nutztier einzelne Haarsegmente retrospektiv als eine Art Kalender der Stressbelastung verwendet werden können.

Während sich die Eignung des Verfahrens beim Rind als Stressindikator bereits bestätigt hat, sind beim Schwein und Geflügel noch weiterführende Studien notwendig, da Störeinflüsse durch Verschmutzungen der Haare die Messungen beeinflussen können. Grundsätzlich kann mit der Bestimmung von Glucocorticoiden in Haaren und Federn die Messung von Langzeitstress auch in der Nutztierhaltung in Zukunft erheblich vereinfacht werden und diese physiologischen Biomarker könnten sich daher auch für den Einsatz in einem Tierwohl-Monitoring-System eignen.

„Zur Verbesserung des Tierwohls soll auch in Zukunft am FBN die Forschung nach innovativen minimal-invasiven Indikatoren unter Verwendung von Haaren, Federn bis hin zu Fischschuppen fortgeführt werden“, kündigte der Wissenschaftler an.

Quelle: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie

Aktuelles Interview: Besucherverkehr kein Problem für Biosicherheit

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Besonders tierfreundliche Haltungssysteme gibt es bereits viele, doch das Aktivstall-Konzept von Gabriele Mörixmann aus Hilter am Teutoburger Wald ist etwas Besonderes. Es ist weder bio noch konventionell, sondern irgendwo dazwischen. Außenklima gehört in jedem Fall dazu, Kundenbesuche und Stallführungen ebenso. Doch wie regelt Gabriele Mörixmann die Biosicherheit und Tiergesundheit?

Frau Mörixmann, wie würden Sie Ihr Haltungskonzept beschreiben?
Wir praktizieren den „Aktivstall für Schweine“, ein Konzept, dass wir 2012 ins Leben riefen und es seitdem immer zum Wohl der Tiere weiterentwickelten. Das Aktivstallkonzept steht für eine mehrfach ausgezeichnete, tiergerechte und kontrollierte Beschäftigungswelt mit regionaler, gentechnikfreier und abwechslungsreicher Fütterung, und das angefangen bei der Muttersau über die Ferkel bis hin zum Mastschwein. Die Sauenhalter sind derzeit mitten im Tierwohlstallumbau. Der Aktivstall gliedert sich in verschiedene Bereiche: Terrassen mit Außenklima, Strohstall sowie Spiel-, Ruhe-, Dusch- und Suhlräume. Insgesamt haben wir den ehemaligen konventionellen Mastschweinestall in 12 unterschiedliche Räume aufgeteilt, durch die 700 Schweine in einer Großgruppe frei hindurchwechseln können je nachdem, wonach ihnen gerade ist. Es ist eine Beschäftigungswelt rund um das Schwein.

Sie betreiben viel Öffentlichkeitsarbeit. Viele Schweinehalter sind hier wegen der Biosicherheit eher zögerlich. Wie stellen Sie die Biosicherheit sicher?
Das stimmt, die Öffentlichkeit gehört fest zu unserem Geschäftsmodell. Der Kunde hat ja sonst gar keine Chance, unser Tierwohlfleisch zu entdecken geschweige denn zu kaufen. Die gesamte Aktivstall-Kette von den 7 beteiligten Landwirten, über den Schlachthof bis zur Verarbeitung und Vermarktung arbeiten transparent. Videos aus dem Stall machen wir regelmäßig für unsere social media-Kanäle. Wir bieten zudem jeden Samstag um 10 Uhr Stallführungen an, das wird gerne und oft angenommen. Zum Schutz der Tiere verteile ich an die Besucher Schutzanzüge und Einmalschuhe. Dann waschen sie sich die Hände und können über Desinfektionsmatten in den Stall gehen. Hinterher entsorge ich die Schutzkleidung. Das läuft gut, da habe ich keine Bedenken, dass ich eine Krankheit bei den Tieren eintrage. Eher macht mir die Autobahn Sorgen.

Warum ist die Autobahn ein Problem?
Unser Stall liegt direkt an der Autobahn A33, Hauptroute der Viehtransporter, die zu Tönnies nach Rheda-Wiedenbrück fahren. Täglich kommen hier zigtausende Schweine entlang, und wir haben einen Außenklimastall. Vor diesem Hintergrund denke ich, dass viel mehr Gefahr in dieser Autobahn liegt als von Besuchern. Wir impfen daher alle Schweine auf jeden Fall immer gegen Mykoplasmen, das PRRS-Virus und das Circovirus. Kommt allerdings die Afrikanische Schweinepest in Niedersachsen an, sind Hofbesuche tabu und die Ausläufe werden geschlossen, sobald das Veterinäramt dies verordnet. Da gehen wir kein Risiko ein. Unser Hof ist 1,60 m hoch eingezäunt.

Ihre Schweine haben aus Prinzip einen Ringelschwanz. Wie kommen Sie damit klar, gibt es hier Probleme?


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Forschungsteam unter Leitung der Universität Göttingen untersucht Einfluss von Produktinformationen

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Trotz des Wandels hin zu veganer und vegetarischer Ernährung in den westlichen Kulturen bleibt die Nachfrage nach tierischem Eiweiß bestehen. Alternative Proteinquellen sind erforderlich, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, ohne Einbußen bei der Nachhaltigkeit zu machen. Forscherinnen und Forscher der Universität Göttingenund der University of Alberta, Edmonton, Kanada, haben Verbraucherpräferenzen in Bezug auf alternative Futtermittel untersucht. Dabei nahmen sie insbesondere Algen und Insekten in der Nahrungskette in den Fokus. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift /Food Policy/ erschienen.

Das Forschungsteam fotografierte Hühnerfilets, die mit Spirulina-Alge oder Insektenmehl als Hauptfuttermittel hergestellt wurden, und bearbeiteten die Bilder so, dass sie marktreife Produkte darstellen. Die Hühnerfiletprodukte wurden mit gesundheits- oder nachhaltigkeitsbezogenen Labels etikettiert, um besser zu verstehen, welche Motivationen Verbraucherinnen und Verbraucher dazu bringen, sich für bestimmte Produkte zu entscheiden. Zwei Gruppen von Testpersonen, insgesamt etwa1000, füllten dann einen Online-Fragebogen aus, wobei ihnen zwei verschiedene Hühnerfiletprodukte gezeigt wurden. Sie wurden gefragt, ob und gegebenenfalls welches sie kaufen würden. Eine der beiden Gruppen erhielt nur die auf der Verpackung verfügbaren Informationen wie Etikett und Preis. Die andere Gruppe erhielt zusätzliche Informationen und die bei der Herstellung verwendeten Futtermittel wurden auf jedem Produkt angegeben. Die Informationen zum Futtermittel beeinflusste die Präferenzen. Da Spirulina-Alge die Farbe des Endprodukts drastisch verändert, sind zusätzliche Informationen erforderlich, um diese Produkte für die Verbraucher marktfähig zu machen. Überraschenderweise bevorzugten die Testpersonen Fleisch von Broilern, die mit Insektenmehl gefütterten wurden, am meisten. Wenn das Futtermittel jedoch gekennzeichnet wurde, bevorzugten nur noch nachhaltig orientierte Verbraucher Insekten als Futtermittel. Daher sollten Insekten als Futtermittel in Geflügelprodukten mit voller Transparenz gegenüber Endverbraucherinnen und -verbrauchern gekennzeichnet werden, um künftige Rückschläge oder Misstrauen zu vermeiden. „Wenn diese Produkte jedoch auf dem Markt erhältlich sind, wird die Akzeptanz wahrscheinlich steigen“, sagt Dr. Brianne Altmann, die leitende Forscherin.

Obwohl Spirulina in einigen Kulturen bereits seit langem als Futtermittel verwendet wird, wird es derzeit als Nahrungsergänzungsmittel angebaut und ist nach wie vor viel teurer als Sojamehl. Andererseits sind Insekten seit kurzem in der Europäischen Union als Futtermittel in der Geflügelproduktion zugelassen. Ein Nachteil der derzeitigen Gesetzgebung, der die Nachhaltigkeit behindert, besteht darin, dass Insekten für Futtermittel wiederum mit zertifizierten Futtermitteln aufgezogen werden müssen, wodurch die Insektenaufzucht in direktem Wettbewerb mit der Aufzucht von fleischliefernden Nutztieren steht. „Um die Akzeptanz und die Nachhaltigkeit alternativer Futtermittel zu erhöhen, sind Fortschritte in der Produktion, wie zum Beispiel die Vergrößerung der Produktionskapazitäten und die Einbindung von Nebenströmen und Abfallprodukten, dringend erforderlich“, erläutert Altmann.

Originalveröffentlichung: Brianne A. Altmann, Sven Anders, Antje Risius, Daniel Mörlein: Information Effects on Consumer Preferences for Alternative Animal Feedstuffs (Food Policy).

Kostenlos zum Herunterladen bis 15. Januar 2022

Quelle;
Georg-August-Universität Göttingen
Fakultät für Agrarwissenschaften, Department für Nutztierwissenschaften
Abteilung Produktqualität tierischer Erzeugnisse

Neues Virus aus China bedroht Gänsehaltung

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Von Dr. Ferdinand Schmitt, Fachtierarzt für Geflügel, Tiergesundheitsdienst Bayern e.V.

Ein neues Virus treibt sein Unwesen: das Polyomavirus. Es verursacht die hämorrhagische Nephritis Enteritis (HNE) der Gänse und verursacht große Schäden, weil derzeit noch kein Impfstoff oder Medikament dagegen vorliegt.

Mit der Produktion von ca. 3000 Tonnen Gänsefleisch im Jahr gehört Deutschland nicht zu den weltweiten Spitzenreitern wie China, Polen und Ungarn. Dennoch spielt die Gans bei vielen Direktvermarktern eine große Rolle. So wird diese für St. Martin und Weihnachten in extensiver Haltung gemästet und ab Hof verkauft. Durch eine geringe Anfälligkeit für Krankheiten in Kombination mit überschaubaren Haltungsansprüchen bietet dies oftmals ein lukratives Nebeneinkommen.

Zu den bedeutendsten Erkrankungen der Gänse gehören die Parvovirose (Gänsepest oder Derzysche Erkrankung), sowie die Entenpest. Neuerdings treten v.a. im asiatischen Raum auch das Gänseherpesvirus und das Circovirus auf und verursachen dort hohe Schäden. In den Sektionen des Tiergesundheitsdiensts kamen folgende Erkrankungen bei Gänsen und Enten am häufigsten vor (Grafik 1). Doch wie man anhand der Grafik sehen kann, breitet sich seit kurzer Zeit in Deutschland ein hierzulande noch weitgehend unbekanntes Virus in der Gänsepopulation aus. Dieser Erreger ruft die als hämorrhagische Nephritis Enteritis (HNE) der Gänse bezeichnete Krankheit hervor. Die Tiere zeigen heftige, blutige Darm- und Nierenentzündungen.

Dieses Virus wurde vermutlich aus China eingeschleppt und breitet sich seit einigen Jahren in Polen und Ungarn aus, weil dort eine intensive Gänsemast im großen Stil stattfindet. Von dort wurde das Virus vermutlich nach Deutschland eingeschleppt und trifft hier auf eine naive Population. Die Biosicherheitsmaßnahmen in der extensiven und kleinteiligen Gänsemast in Deutschland sind nicht besonders gut, so dass eine Verschleppung des Virus einfach ist.

Hämorrhagische Nephritis Enteritis der Gänse
Das Virus ist sehr resistent gegenüber Umwelteinflüssen und bleibt bis zu mehreren Monaten temperaturabhängig infektiös. Die Virusübertragung findet vor allem von Tier zu Tier über Kot statt. Eine Übertragung über das Ei konnte nicht nachgewiesen, aber auch nicht ausgeschlossen werden. Als wichtigste Infektionsquelle gelten Gänse über 14 Wochen, da die Krankheit nur bei jüngeren Artgenossen ausbricht. Elterntiere können somit latente Virusüberträger sein, ohne klinische Symptome zu zeigen.

Allerdings kommt auch Enten als Überträger eine bedeutende Rolle zu. Diese können sich infizieren, das Virus ausscheiden, erkranken aber nicht an diesem und gehören somit zu den wichtigsten Überträgern nach der Gans selbst. Da oftmals Gänse und Enten gemeinsam in einer Herde gehalten werden, kann das Virus problemlos von der Ente auf die Gans überspringen. Dies ist in Großbetrieben nicht üblich, so dass diese geschützt sind. Zudem haben diese Betriebe bessere Biosicherheitsmaßnahmen installiert. Doch kleinere Betriebe haben häufig nicht die Möglichkeit, die Tierarten getrennt zu halten.

Die Durchseuchung der Herde kann sich abhängig von der Zahl der Tiere über zwei bis drei Wochen hinziehen, wobei immer wieder Gänse plötzlich oder nach kurzer Krankheitsdauer versterben. Erkrankte Tiere zeigen Gangschwierigkeiten, Apathie, Atemnot und mitunter blutigen, übelriechenden Durchfall. Betroffen sind vor allem Gänse im Alter zwischen vier und 14 Wochen. Die Sterblichkeit in der Herde kann bis zu 80 % betragen, liegt jedoch meist zwischen 10-40 %.

Diagnose
Eine Sektion der Tierkörper kann die gesicherte Diagnose (HNE) durch diverse Untersuchungen erbringen. Dazu sollten bestenfalls ganze Tierkörper in einer auslaufsicheren Plastiktüte verpackt, in Zeitungspapier gewickelt und in einer weiteren Plastiktüte, gegebenenfalls mit Kabelbindern verschlossen, abgegeben werden. Abgabe erfolgt in einer Styropor- oder Pappschachtel an die Pathologie der Zentrale des TGD in Grub bei Poing oder an ein anderes Untersuchungsamt.

Behandlung


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TVT etabliert den Begriff „Qualhaltung“ in der Nutztierhaltung

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Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) etabliert den Begriff „Qualhaltung“ in der Nutztierhaltung und fordert Ampelkoalition auf, diese in allen Bereichen abzustellen

„Qualzuchten“ sind laut Tierschutzgesetz verboten. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz fordert zusätzlich den Verzicht auf „Qualhaltungen“. Unter diesem neuen Begriff fasst die TVT die dauerhafte Haltung von Nutztieren in Haltungssystemen und unter Haltungsbedingungen zusammen, die verhindern, dass die Tiere ihre angeborenen Verhaltensweisen ausüben und/oder ihre Grundbedürfnisse ausreichend befriedigen können. Den so gehaltenen Tieren werden dadurch vermeidbare anhaltende Schmerzen, Schäden und Leiden zugefügt.

Im Koalitionsvertrag hat die neue Regierung angekündigt, dass die Landwirte dabei unterstützt werden sollen, die Nutztierhaltung in Deutschland artgerecht umzubauen. Laut Vertrag wird die Investitionsförderung künftig nach den Haltungskriterien ausgerichtet und in der Regel nur nach den oberen Stufen, also nicht bei extremen Qualhaltungen, gewährt.

Schon 2020 hatte der Deutsche Ethikrat festgestellt, dass es zwischen den Vorstellungen von einer angemessenen Tierhaltung und der in vielen Bereichen üblichen Praxis erhebliche Differenzen gibt. Der in aller Regel freundlichen Zuwendung gegenüber Haustieren auf der einen Seite, stehen teilweise nicht akzeptable Zustände in der Nutztierhaltung gegenüber, die die meisten Menschen ablehnen. Damit ist der Umbau der derzeitigen Nutztierhaltung nötig, hin zu tiergerechteren Haltungssystemen (mehr Platz, Zugang zu Frischluft, strukturierte Buchten mit Einstreu und Möglichkeiten der Beschäftigung), den Bedürfnissen der Tiere angemessenen Betreuungsintensitäten sowie das Unterlassen von die Tiere verstümmelnden Maßnahmen wie das Schwänzekupieren und Schnäbelkürzen. Gute Vorschläge dazu, wie der Erneuerungprozeß sofort angegangen werden kann, wurden unter der letzten Regierung durch das „Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung“, der sogenannten Borchert-Kommission, bereits vorgelegt. Leider ist davon im Koalitionsvertrag nichts mehr zu lesen.

„Wir befürchten, dass jetzt wieder Kommissionen und Gremien sich damit beschäftigen müssen, wie der Umbau der landwirtschaftlichen Tierhaltung erfolgen soll“, so Andreas Franzky, Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. „Damit würden wieder Jahre ins Land gehen ohne dass sich etwas ändert. Die zukünftige Regierung muss sich dann daran messen lassen, dass die vorliegenden Ergebnisse genutzt und zeitnah, ohne jahrzehntelange Übergangsfristen umgesetzt werden. Qualhaltung darf in der kommenden Regierung keine Zukunft haben“ .

Die TVT ist ein Zusammenschluss aus deutschlandweit mehr als 1.500 Tierärztinnen und Tierärzten, die sich ehrenamtlich für den Schutz und die Sicherung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Tieren einsetzen. Sie erarbeiten Merkblätter, Stellungnahmen, Gutachten und Leitlinien zu aktuellen Tierschutzthemen und arbeiten in verschiedenen Kommissionen und Beiräten mit. Die TVT kümmert sich um die aktuell drängenden Probleme z. B. in der Zucht (Defekt- und Extremzüchtungen), Haltung und Betreuung von Heim- und Nutztieren, bei Tiertransporten und Schlachtung sowie bei Tierversuchen, bei Tieren im Sport, in Zoos und Zirkussen oder im sozialen Einsatz.

Quelle: TVT

Geflügelpest: Weiterer Fall im Landkreis Harburg festgestellt

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Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast: „Alle Vorsorgemaßnahmen strikt einhalten“

Das nationale Referenzlabor des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) hat heute einen weiteren Fall von Geflügelpest in Niedersachsen festgestellt: Im Landkreis Harburg ist ein Bestand mit etwa 33.000 Geflügeltieren betroffen. Damit sind bisher neun Fälle von Geflügelpest bei gehaltenen Tieren in Niedersachsen bestätigt. Bei Wildvögeln wurden bislang 25 Feststellungen verzeichnet. Betroffen sind die Landkreise Aurich, Cuxhaven, Friesland, Harburg, Leer, Osnabrück, Osterholz, Stade, Wesermarsch sowie die Stadt Wilhelmshaven.

Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast: „In den vergangenen Tagen hat sich leider bestätigt, was wir bereits befürchtet hatten: Die Dynamik der Geflügelpest ist noch einmal größer als 2020. Nun gilt es, alle Vorsorgemaßnahmen strikt einzuhalten. Dazu gehören die Biosicherheit, die Kontaktbeschränkung auf das notwendige Maß und die Einhaltung der Aufstallungsanordnungen. Jeglicher Kontakt zu Wildvögeln ist zu vermeiden.“

Ministerin Otte-Kinast hatte bereits am 19. November den Tierseuchenkrisenfall für Niedersachsen festgestellt. Konkret wurde dadurch das Tierseuchenkrisenzentrums im Ministerium aktiviert und die Einrichtung eines Krisenkoordinierungsstabes beim Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) in Oldenburg angeordnet. Die Ministerin steht dem Landeslenkungsstab vor, der sich aus einem interministeriellen Krisenstab, Verbänden, Kammern und Vertretern der Tierseuchenkasse zusammensetzt. Außerdem wurde das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) einbezogen.

Alle aktuellen Informationen zur Geflügelpest inklusive der Aufstallungsgebote der Landkreise sind zu finden hier.

Quelle: Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Repräsentative ZDG-Umfrage zu Anforderungen an Nutztierhaltung

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Die Deutschen drängen auf mehr Tierwohl in der Breite. Fortschritte sollen klarer, umfassender und fairer als bisher sein, Fleischverzicht und Bio-Zwang sind von der Mehrheit nicht gewünscht. Die Anliegen des Klimaschutzes stellen sie im Zweifel zurück. Diese klaren Botschaften an Politik und Geflügelfleischwirtschaft senden die Menschen in Deutschland in einer repräsentativen Umfrage zu Klimaschutz und Tierwohl in der Nutztierhaltung, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut Civey* im Auftrag des ZDG.

Die Befragung mit 2.500 Teilnehmern widmet sich den Einstellungen der Verbraucher im Hinblick auf den Zielkonflikt zwischen Tierwohl und Klimaschutz. Denn tierwohlgerechtere Ställe mit Außenklima und Tieren, die länger leben, verschlechtern die an sich gute Ökobilanz von Geflügelfleisch durch steigende CO2-Emissionen unter anderem aufgrund des höheren Futtermittelbedarfs.

Tierwohl versus Klimaschutz – die Politik muss Prioritäten setzen
Jeder zweite Teilnehmer (50 Prozent) wünscht sich demnach, dass sich die Geflügelfleischwirtschaft gleichermaßen um Fortschritte beim Klimaschutz und beim Tierwohl kümmert. Allerdings offenbaren die Befragten eindeutige Prioritäten: Während 41 Prozent die Geflügelwirtschaft vor allem beim Thema Tierwohl in der Pflicht sehen, weisen ihr nur knapp 7 Prozent den Klimaschutz als vordringliche Aufgabe zu. „Wenn es darauf ankommt, rangieren bei den Menschen Tierwohlaspekte deutlich vor Klimaschutzanliegen“, fasst Friedrich-Otto Ripke zusammen, Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft e.V. (ZDG). „Wir müssen im Dialog mit der Politik schleunigst zu einer pragmatischen Priorisierung der Aufgaben kommen, denn unsere Geflügelhalter geraten zunehmend in Bedrängnis und Existenznot beim Versuch, beide Ziele gleichzeitig zu erfüllen.“

Starker Wunsch nach Fleischkonsum
Insgesamt sehen 81 Prozent der Befragten die Politik in der Pflicht, schnell gesetzliche Rahmenbedingungen für Fortschritte in der Geflügelhaltung zu schaffen – und zwar sowohl beim Tierwohl als auch beim Klimaschutz. Veränderungen sind gewünscht, aber keine Konsumverbote: Eine überwältigende Mehrheit von 80 Prozent will dabei nicht komplett auf Fleisch verzichten. Ripke: „Deutschland braucht einen starken Fleischstandort, der zur Ernährungssicherheit beiträgt und durch zukunftsweisende Haltungsstandards ein Vorbild für andere setzt.“ Die Verbraucher haben zudem klare Vorstellungen bei Geflügelfleischimporten: 88 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die EU die Rahmenbedingungen so setzt, dass Fleisch im europäischen Binnenmarkt gleiche Tierwohl- und Qualitätsstandards erfüllt.

Anforderungen an Tierwohl und Klimaschutz dürfen nach dem Willen der Bevölkerung nicht in Preise münden, die weite Teile der Gesellschaft überfordern: Zwar ist ein respektabler Anteil von 43 Prozent der Befragten bereit, für mehr Tierwohl teures Bio-Fleisch für über 20 Euro pro Kilo zu kaufen, die relative Mehrheit (49 Prozent) lehnt dies aber ab. „Es muss einen Weg nach vorne geben, der bei den Verbraucherpreisen Maß und Mitte hält“, kommentiert ZDG-Präsident Ripke. Interessant: Bei der Bio-Frage zeichnet sich eine Lagerbildung innerhalb der „Ampel“-Koalition ab. Der Anteil ausschließlicher Bio-Käufer ist bei Grünen-Wählern besonders hoch (78 Prozent), bei SPD- und FDP-Anhängern aber deutlich niedriger (52 Prozent und 35 Prozent).

Votum für Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie
Wie die Umfrage weiter zeigt, wird Tierwohl außerhalb des Lebensmitteleinzelhandels den Verbrauchern immer wichtiger. Eine deutliche Mehrheit von 78 Prozent findet, dass die Angabe des Herkunftslands von Geflügelfleisch auf Speisekarten in Restaurants und Kantinen Pflicht sein sollte – so wie es in Supermärkten bereits der Fall ist. Die Zustimmung zur Kennzeichnung in der Gastronomie wäre wahrscheinlich noch höher, wenn die Bedeutung dieses Marktsegments breit verankert wäre. Nahezu zwei Dritteln (62 Prozent) der Befragten war nicht bewusst, dass hier rund 60 Prozent des Geflügelfleischs in Deutschland konsumiert werden – und dass es häufig aus dem Nicht-EU-Ausland mit teils niedrigeren Erzeugungsstandards kommt. Ripke: „Es wird Zeit für die Kennzeichnungspflicht in der Gastronomie, wenn wir den vielfach geäußerten Wunsch nach mehr Tierwohl in die Breite tragen wollen.“

Neue Regierung darf in der Tierwohldebatte nicht bei Null anfangen
Im Hinblick auf den in dieser Woche vorgestellten Koalitionsvertrag findet Friedrich-Otto Ripke klare Worte: „Die neue Regierung muss der bereits laufenden Entwicklung im Tierwohl Rechnung tragen. Damit der deutsche Nutztierstandort nicht existenziell gefährdet wird, gilt es umgehend, die Beschlüsse des alten Bundestags und der Agrarministerkonferenz zu den Empfehlungen der Borchert-Kommission umzusetzen. Planungssicherheit und damit Investitionssicherheit für die landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland kann nur eine vertraglich garantierte Tierwohlprämie bringen – der Markt alleine wird es nicht richten.“ Die angekündigte Tierhaltungskennzeichnung und die umfassende Herkunftskennzeichnung seien wichtige und dringend notwendige Schritte, so Ripke.

Der ZDG-Präsident sieht die neue deutsche Agrarpolitik in der Pflicht, keine zusätzlichen nationalen Schranken und Auflagen hochzuziehen, sondern die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Geflügelwirtschaft innerhalb der EU zu stärken, um ein weiteres Höfesterben in Deutschland zu verhindern. Derzeit gehe bei vielen Geflügelhaltern blanke Existenzangst um: „Die Eigenversorgung mit hochwertigen Lebensmitteln ist nicht nur in Corona-Zeiten, sondern allgemein ein hohes Gut und Gesetzesauftrag jeder Bundesregierung!“

*Civey hat für den ZDG im Oktober 2021 über 2.500 Bundesbürger ab 18 Jahren sowie über 1.000 “Häufige und gelegentliche Fleischkonsumenten und Flexitarier” online befragt. Die Ergebnisse sind aufgrund von Quotierungen und Gewichtungen repräsentativ unter Berücksichtigung des statistischen Fehlers von 3,4% (Bundesbürger) bzw. 5,5 – 5,8% (Fleischkonsumenten).

Quelle: ZDG