Die vierte Ausgabe des Hoftierarzt-Newsletters 2026 wurde an alle Abonnenten verschickt. Folgende Themen sind dort aufbereitet:
Rinder
• Kälberaufzucht: Hygiene wird bei den Kleinsten GROSS geschrieben
• Die derzeitige Praxis der Schmerzbehandlung deckt Schmerzen nach dem Enthornen von Kälbern möglicherweise nicht ausreichend ab Schweine
Schweine
• 10 Jahre Operatives Rahmenziel Schweinemast in Bayern
•Immissionsschutztag Netzwerk Fokus Tierwohl, Möglichkeiten der Ammoniakreduktion in der Schweinehaltung
• Duftstoffe im Stroh als olfaktorische Beschäftigungsmöglichkeit für Schweine fördert das Tierwohl
Geflügel
• Von Entwurmung über Futterqualität bis zur In-ovo-Geschlechtsbestimmung
• Einfluss der Fütterung auf Tiergesundheit
• Niederdruckbetäubung (LAPS) als Methode zur Betäubung von Geflügel
• Beginn der Nozizeption und Schmerzwahrnehmung bei Hühnerembryonen
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Weltweit werden jährlich ca. 6,5 Milliarden männliche Küken aus Legelinien nach dem Schlüpfen getötet. Mazeration ist dabei nur bedingt tierschutzgerecht und die Alternative CO2-Begasung wirkt aversiv. Bei der Anwendung der In-ovo- Geschlechtsbestimmung, können männliche Embryonen noch vor dem Schlüpfen getötet werden. Die heute marktreifen Verfahren können das Geschlecht zwischen dem 11. und 15. Bebrütungstag (BT 11–15) mit einer Genauigkeit von über 95 % bestimmen.
Allerdings müssen die Embryonen getötet werden, bevor Nozizeption (*) und Schmerzwahrnehmung möglich sind, und die Technologien müssen in großem Maßstab durchführbar sein. Eine neue Studie kanadischer Forscher untersuchte den Beginn der Nozizeption und Schmerzwahrnehmung bei Hühnerembryonen.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich zwar Nervenenden und Rückenmarksbahnen früh entwickeln, eine koordinierte nozizeptive Verarbeitung jedoch erst ab etwa BT 16 auftritt. Elektroenzephalogramme zeigten vor BT 13 keine signifikante Gehirnaktivität; Muster, die denen geschlüpfter Küken ähneln, traten erst zwischen dem 15. und 17. Bebrütungstag auf.
Gliedmaßen- oder Schnabelbewegungen eignen sich kaum als Indikatoren, da sie häufig einer Beteiligung höherer Gehirnzentren vorausgingen, schreiben die Forscher. Herz-Kreislauf-Reaktionen dagegen könnten verlässlichere Hinweise liefern. Signifikante Veränderungen des mittleren arteriellen Blutdrucks und der Herzfrequenz als Reaktion auf einen noxischen Reiz traten ab BT 16 beziehungsweise BT 17 auf und ließen sich an BT 18 durch Lokalanästhesie aufheben. Dies deute darauf hin, dass es sich zu diesem Zeitpunkt um nozizeptive Reaktionen handelte und nicht um embryonale Bewegungen oder autonome Reflexe.
Zusammengenommen legen die Ergebnisse nahe, dass die Nozizeption beim Embryo etwa ab BT 16–17 einsetzt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Tötung bis BT 16 wahrscheinlich Nozizeption vermeidet und gleichzeitig Flexibilität bei der zeitlichen Planung sowie eine breite Anwendung aktueller In-ovo-Geschlechtsbestimmungsverfahren ermöglicht.
(*) Nozizeption: Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von schmerzauslösenden (noxischen) Reizen im Nervensystem
Petrik & Petrik (2026) Onset of nociception and pain perception in chicken embryos – a reviewLink zur Original-Studie
Um Schmerzen bei der Entfernung der Hornanlagen beim Kalb zu unterdrücken, werden Lokalanästhetika während des Eingriffs und Analgetika nach der Prozedur eingesetzt.
Frühere Studien gingen bereits von einer „konditionierten Orts-Aversion“ aus, bei der Kälber eine Verknüpfung zwischen einem emotionalen Erlebnis und der Umgebung, in der es stattfand, herstellen. Hier zeigte sich, dass Kälber nach dem Enthornen Orte bevorzugten, die mit zusätzlicher Schmerzbehandlung assoziiert waren, was darauf hindeutet, dass die Schmerzlinderung zumindest teilweise wirksam war.
Offen war jedoch, ob die Analgesie Schmerzen nach dem Eingriff ausreichend lange abdeckt. Britische Forscher führten für eine aktuelle Studie zwei Experimente mit konditionierter Ortsaversion durch, um zu klären, ob Kälber das Enthornen auch bei multimodaler Schmerzbehandlung negativ empfinden.
In Experiment 1 wurden die Kälber in ihrer gewohnten Bucht enthornt und anschließend für sechs Stunden in ein separates Abteil gebracht, sodass die Konditionierung dort lediglich den postoperativen Schmerz umfasste. In Experiment 2 erfolgten sowohl das Enthornen als auch die Konditionierung innerhalb des Abteils, wodurch die Konditionierung sowohl den Schmerz während des Eingriffs als auch den postoperativen Schmerz einschloss. Bei einer Kontrolle hielten sich die Kälber für die gleiche Dauer in einem Abteil auf, ohne enthornt zu werden. Die Kontrolluntersuchungen fanden entweder zwei Tage vor oder zwei Tage nach dem Enthornen statt.
Kälber, die in beiden Experimenten zunächst die Kontrollbehandlung und anschließend das Enthornen durchliefen, zeigten keine Aversion gegenüber dem mit dem Eingriff verknüpften Abteil; dies deutet auf minimale Schmerzen in den sechs Stunden nach dem Eingriff hin.
In Experiment 2 verbrachten jedoch Kälber, bei denen das Enthornen zuerst und die Kontrollbehandlung danach stattfanden, mehr Zeit in dem Abteil, in dem das Enthornen durchgeführt worden war. Dies deutet darauf hin, dass die Schmerzen zwei Tage nach dem Eingriff stärker waren als in den unmittelbar darauffolgenden sechs Stunden.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Lokalanästhesie und Analgesie zwar die Schmerzen während des Enthornens und in den ersten sechs Stunden danach ausreichend unterdrücken können, die Tiere jedoch stärkere Schmerzen verspüren könnten, sobald die Wirkung der Medikamente nachlässt.
Ledger EM, Ede T, Mendl M, Lecorps B (2026) Calves disbudded with local nerve block and analgesic show conditioned place aversion two days later but not in the hours post-disbudding. Anim Welf 35:e25 Link zur Original Studie
Stroh ist ein kostengünstiges Beschäftigungsmaterial für Schweine und reduziert nachweislich etwa Schwanz- und Ohrenbeißen. Weil große Strohmengen aber auch Güllekanäle verstopfen können, gilt es die anregende Wirkung kleinerer Strohmengen zu optimieren.
In einer schwedischen Studie wurde untersucht, ob die Anreicherung von Stroh mit Duftstoffen Schweine zu stärkerer Beschäftigung mit dem Material animiert. Hierfür wurden Videoaufnahmen von 1.600 Schweinen in vier verschiedenen Gruppen ausgewertet (eine Kontrollgruppe wurde nicht gefilmt).
• In Gruppe 1 wurde mit Duftstoffen versehenes Stroh in einer Raufe angeboten, wobei der Duft wöchentlich wechselte
• in Gruppe 2 wechselte der Duft an Werktagen täglich
• in Gruppe 3 wurde geruchloses Stroh in einer Raufe bereitgestellt
• und in Gruppe 4 lag das Stroh auf dem Boden (bei leerer Raufe).
• In den Kontrollbuchten lag das Stroh auf dem Boden, und es war keine Raufe vorhanden.
Als Duftstoffe wurden ätherische Öle aus Lavendel, Anis, Ingwer, Thymian oder Kiefer verwendet, während in der geruchlosen Gruppe Mineralöl zum Einsatz kam.
Ausgewertet wurden die Dauer der Beschäftigung mit dem Stroh, das Verhältnis der Interaktion mit dem Stroh im Vergleich zu anderen Buchtgegenständen sowie Verhaltensweisen wie Spielen, Reiben und Wälzen.
Die Ergebnisse zeigten keine Unterschiede bei den Tierwohl-Scores (Verschmutzungsgrad, Schwanz- und Ohrenschäden) zwischen den Versuchsgruppen. Zwar hatte das duftende Stroh keinen Einfluss auf die Tierwohl-Scores, doch verlängerte es die Beschäftigungsdauer mit dem Stroh signifikant und steigerte positive verhaltensbezogene Indikatoren für das Tierwohl, wie etwa Bewegungs- und Sozialspiele sowie Reiben und Wälzen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass mit Duftstoffen angereichertes Stroh eine vielversprechende Strategie zur Verbesserung des Tierwohls in der Schweinehaltung darstellen könnte.
Rørvang MV, Stenfelt J, Schild SL, Grut R, Chan CW, Rautiainen HM, Ketner M, Wallenbeck A, Valros A, Nielsen BL (2026) Olfactory enrichment – effects of odorised straw on exploratory behaviour, straw engagement and play in finishing pigs. animal 20(6):101843Link zur Original Studie
In der EU darf Geflügel nur betäubt und bewusstlos geschlachtet werden. Bisher sind als Betäubungsmethoden das Eintauchen in elektrische Wasserbäder und die kontrollierte atmosphärische Betäubung (CAS) mit Kohlendioxid zugelassen. Allerdings müssen die Vögel vor dem Wasserbad fixiert und gedreht werden, was zu Stress und Knochenbrüchen führen kann. Das bei CAS verwendete Kohlendioxid kann aversive Reaktionen wie Kopfschütteln und Keuchen auslösen.
Bei der Niederdruckbetäubung (LAPS – Low atmospheric pressure stunning) wird der Sauerstoffgehalt schrittweise reduziert, um einen Bewusstseinsverlust zu bewirken.
In einer neuen Studie wurde die LAPS-Methode an 35 Ross-308-Broilern getestet und die Reaktionen der Tiere aufgezeichnet. Dabei benutzten die Forscher folgende Kategorien:
• Hinweis auf Bewusstsein (z. B. Stehen oder Lautäußerungen)
• Bewusstlosigkeit (z. B. Bewegungslosigkeit oder Verlust der Körperhaltung)
• Aversion (z. B. Krämpfe, Kopfschütteln oder Flügelschlagen).
Ebenso wurden weitere Variablen erfasst, darunter Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Alter, Geschlecht und Gewicht der Broiler.
Während der ersten 43 Sekunden blieben die Tiere bei Bewusstsein und zeigten erst nach vier Minuten deutliche Anzeichen von Bewusstlosigkeit.
Vor dem Bewusstseinsverlust durchliefen die Vögel eine Zwischenphase, in der es über drei Minuten lang nicht möglich war, zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit zu unterscheiden. Während dieser Zwischenphase wurden häufig aversives Verhalten beobachtet, wie Krämpfe, Kopfschütteln oder Flügelschlagen.
So zeigte sich, dass mögliche Vorteile von LAPS, die Nachteile der Methode nicht aufwiegen können.
Kuck FJ, Heck JE, Bergmann S, Schmidt P, Rauch E, Louton H, & Schwarzer A (2026) Niedrige atmosphärische Druckbetäubung als neue Methode zur Betäubung von Broilern in Deutschland unter ethologischen Aspekten. Poultry Sci 105(2):106224Link zur Original-Studie
Vom Energiepotenzial des Hähnchenmists bis zu globalen Ernährungstrends: Das Broilersymposium der AGRAVIS Nutztier GmbH in Holdorf bot einen umfassenden Blick auf die Zukunft des Geflügels. Wie die Fütterung Einfluss auf die Tiergesundheit nimmt beleuchteten zwei Vortragende.
Prof. Dr. Julia Hankel, Professorin für Nachhaltigkeit im Kontext Tierernährung an der TiHo Hannover, erinnerte daran, dass Tierhaltung seit jeher ein integraler Bestandteil der Lebensmittelproduktion ist. Früher wurden Küchenreste im „Schweineeimer“ gesammelt und direkt wiederverwertet, ein einfaches, effizientes Kreislaufsystem, das heute aus rechtlichen Gründen nicht mehr erlaubt ist.
Auch moderne Lebensmittelproduktion erzeugt zahlreiche Nebenprodukte, etwa aus der Getreideverarbeitung oder aus Ernterückständen. Viele davon sind faserreich und schwer zu verfüttern, aber grundsätzlich wertvolle Futtermittel. Gerade im Geflügelfutter, das zu großen Teilen aus Getreide besteht, ließe sich durch den verstärkten Einsatz solcher Nebenströme die Konkurrenz um Lebensmittel reduzieren. Wichtig bleibt dabei die Qualität: Mykotoxine etwa sitzen häufig in den Schalen und können sich in Nebenprodukten anreichern.
Gleichzeitig hat die Fütterung einen erheblichen Einfluss auf die Umweltwirkung der Geflügelproduktion. Durch den gezielten Einsatz geeigneter Nebenprodukte lässt sich der CO₂‑Fußabdruck deutlich senken, allerdings nur, solange die Leistung der Tiere nicht leidet. Denn leistungsschwache oder kranke Tiere verbrauchen mehr Ressourcen, da ihr Immunsystem zusätzliche Energie und Proteine benötigt.
Ein spannender Ausblick galt der Nutzung von Insekten. Auch wenn Umfragen zufolge die meisten Menschen in Deutschland sie nicht essen möchten, könnten sie als Futtermittel eine wichtige Rolle spielen.
Hankels Fazit: Die Rohwaren der Zukunft liegen nicht nur in klassischen Futtermitteln, sondern in der Weiterentwicklung von Nebenprodukten, Fermentationstechnologien und Enzymverfahren. Kreisläufe zu schließen, bleibt einer der wichtigsten Hebel für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion.
Geflügelernährung gesund und nachhaltig gestalten
Hubert Möllmann, Produktmanager Geflügel bei der AGRAVIS Nutztier GmbH, zeigte, wie stark sich die Gesundheit und Nachhaltigkeit in der Hähnchenmast über die Fütterung beeinflussen lassen. Der erste Blick eines erfahrenen Tierhalters gilt immer der Herdenverteilung: Gesunde Tiere sind aktiv, verteilen sich gleichmäßig im Stall und machen Platz. Kranke Tiere hingegen suchen Wärme, bilden Haufen oder wirken apathisch. Auch der Gefiederzustand liefert Hinweise: struppiges, abstehendes Gefieder deutet auf Kälte oder Stress hin. Stallklima, Fütterung und Darmgesundheit hängen eng zusammen, denn ein gestresster Darm verändert die Kotkonsistenz und kann Krankheiten begünstigen.
Ein zentrales Ziel moderner Geflügelernährung ist es, das Darmmikrobiom gezielt zu unterstützen. Dazu gehören mehrphasige Fütterungsstrategien, die bedarfsgerecht angepasst werden, sowie der Verzicht auf Nährstoffüberschüsse. Strukturierte Rohfaser, verdauliche Komponenten, Enzyme, Probiotika – vor allem Milchsäurebakterien – und Säurezugaben im Wasser oder Futter helfen, die Passagegeschwindigkeit im Darm zu steuern und die Verdauung zu stabilisieren. Auch klassische Komponenten wie Hafer, ganzes Weizenkorn oder Sonnenblumenschrot spielen dabei eine wichtige Rolle.
Möllmann erläuterte, wie viel sich über die Kotbeurteilung erkennen lässt: Zu flüssiger Kot weist auf Erkrankungen hin und führt zu feuchter Einstreu und Fußballenproblemen, breiige Konsistenz oder unverdaute Futterbestandteile sind Warnsignale. Blut im Kot deutet auf Kokzidien hin. Entscheidend ist, dass die Tiere kontinuierlich fressen, Hungerphasen schaden der Darmgesundheit.
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die Nachhaltigkeit. In den vergangenen Jahren konnte der Rohproteingehalt im Futter bereits deutlich gesenkt werden. Parallel dazu hat sich die Effizienz der Broilermast verbessert: Seit 2000 stieg die Leistung um 25,8 %, die Futtereffizienz um 15 %. Angesichts schrumpfender globaler Ackerflächen ist diese Entwicklung entscheidend. Da die weltweite Ackerfläche abnimmt, mussten 2020 drei Personen von der Fläche eines Fußballfeldes ernährt werden, 2050 werden es fünf Personen sein. Um den CO₂‑Fußabdruck weiter zu senken, spielen regionale Rohstoffe wie Raps, Erbsen oder Sonnenblumen eine wichtige Rolle. Auch Zuchtfortschritt und Futterverwertung bieten großes Potenzial.
Möllmanns zentrale Botschaft: Die Fütterung hat einen enormen Einfluss auf die Tiergesundheit und sie entscheidet maßgeblich darüber, wie nachhaltig Geflügelproduktion sein kann.
Dr. Heike Engels
Im Mittelpunkt des Biolegehennenforum in Ankum, veranstaltet durch die Tierärztliche Gemeinschaftspraxis Dres. Arnold sowie die Bio-Aufzucht Gudendorf-Ankum, standen aktuelle Entwicklungen, praktische Erfahrungen sowie neue Impulse aus Forschung, Beratung und Praxis. Drei Vorträge beschäftigten sich mit Tiergesundheit und Tierwohl.
Der Bio-Sektor wächst weiter: Im ersten Quartal 2026 legte der Markt gegenüber dem Vorjahreszeitraum um sechs Prozent zu. Getragen wurde das Wachstum vor allem von Drogerien und dem Online-Handel. Vor diesem Hintergrund erläuterte Peter Röhrig vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen für Biolegehennen und Bioeier. Gleichzeitig zeigte er auf, welche Anpassungen aus Sicht der Branche notwendig sind.
Die EU-Öko-Verordnung 2018/848 befindet sich derzeit in einem umfassenden Vereinfachungsprozess. Vorgesehen ist unter anderem, dass Jungtiere erst dann Zugang zum Grünauslauf erhalten müssen, wenn ihre Befiederung ausreichend entwickelt ist. Zudem sollen künftig mehrere Produktionseinheiten pro Betrieb in der Geflügelmast möglich sein.
Eine wichtige Änderung betrifft die Wartezeit nach Medikamentengaben, beispielsweise nach einer Entwurmung. Statt der bisher vorgeschriebenen 48 Stunden soll künftig eine Wartezeit von null Tagen gelten. Seit 2022 müssen nach chemisch-synthetischen Behandlungen 48 Stunden Wartezeit eingehalten werden, während der die Eier nicht als Bio vermarktet werden dürfen. Da alternative Mittel ohne Wartezeit bislang nicht ausreichend wirksam sind, setzt sich der BÖLW für eine praxistaugliche Lösung ein.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Eiweißversorgung. Aktuell dürfen Biolegehennen mit bis zu fünf Prozent konventionellem Eiweiß gefüttert werden. Da hochwertige Bio-Eiweißquellen weiterhin knapp sind, hält der BÖLW eine Verlängerung dieser Regelung um zehn Jahre für sehr wahrscheinlich. Langfristig bleibt jedoch das Ziel bestehen, die Tiere vollständig mit heimischen Eiweißquellen zu versorgen.
Darüber hinaus fordert der BÖLW klarere und praxistauglichere Tierwohlregelungen. Dazu zählen angepasste Besatzdichten und Auslaufvorgaben für Mastgeflügel, eine Reduzierung der Auslauffläche für Masthähnchen sowie offene anstelle von geschlossenen Trennwänden in der Putenaufzucht. Auch die Definition der Junghenne soll auf 20 bis 22 Wochen ausgeweitet werden.
Dauerhafte Kükenzukäufe lehnt der Verband ab. Sie sollen nur dann genehmigt werden, wenn keine Bio-Küken verfügbar sind. Auf nationaler Ebene unterstützt der BÖLW die Beschlüsse der Länderarbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau und setzt sich dafür ein, dass das sogenannte Downgrading – also die Vermarktung als konventionelle Ware im Ausnahmefall – vollständig möglich bleibt.
Auch eine mögliche Ausweitung des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes auf Geflügel wird aufmerksam verfolgt. Positiv bewertet der Verband, dass Bio darin eine eigene Stufe bildet und keine zusätzliche Registrierung notwendig wäre, da Bio-Zertifikate ohnehin öffentlich einsehbar sind.
Um die Betriebe in diesem komplexen Umfeld zu unterstützen, arbeitet der BÖLW an 26 praxisnahen Leitfäden. Gleichzeitig drängt der Verband auf schnelle politische Entscheidungen, beispielsweise bei der Eiweißfütterung und der Entwurmungsregelung. So sollen Futtermühlen und Betriebe verlässlich planen können.
Genetischer Fortschritt im Pflanzenbau und Futterqualität
Samuel Leidenberger von der BAT Tiernahrung GmbH & Co. KG zeigte in seinem Vortrag, wie stark sich die Rohwarenbasis für Futtermittel in den vergangenen Jahren verändert hat und warum diese Veränderungen zunehmend Einfluss auf die Fütterung von Legehennen haben.
Bei Getreide und anderen pflanzlichen Komponenten gehe es inzwischen längst nicht mehr ausschließlich um Preis und Verfügbarkeit. Auch die CO₂-Bilanz, Mykotoxinrisiken und insbesondere die Nährstoffzusammensetzung spielen eine wichtige Rolle. Wassergehalt, Rohprotein und Rohfaser seien dabei entscheidende Parameter. Gerade beim Getreide werde jedoch häufig unterschätzt, wie stark die natürlichen Schwankungen ausfallen können. Neben der Züchtung spielen dabei auch Klima, Düngung, Technik und das Management auf dem Feld eine Rolle.
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung am Stärkegehalt des Weizens. Eine Erhöhung des Stärkeanteils um fünf Prozent bedeutet rund vier Prozent mehr Energie. Bei einem Weizenanteil von 50 Prozent im Legemehl steigt der Energiegehalt des Futters nach WPSA um etwa 0,25 MJ.
BAT hat dafür mehr als 10.000 Weizenproben aus den Jahren 2018 bis 2025 ausgewertet und dabei eine klare Tendenz festgestellt: Die Stärkegehalte steigen über die Jahre um drei bis fünf Prozent. Auch LUFA-Analysen und Daten aus Dänemark bestätigen diesen Trend. Die Rohstoffbasis sei damit deutlich volatiler, als vielen bewusst sei. Sichtbar werde dies allerdings erst bei der Betrachtung großer Datenmengen.
Für diese Entwicklung gibt es mehrere Erklärungsansätze. Erstens könnten Ertragssteigerungen durch höhere Stärkegehalte erzielt werden. Die Hektarerträge zeigen allerdings keinen eindeutigen Trend, auch wenn ein jährlicher Zuwachs von 0,5 bis 1 Prozent erkennbar ist.
Zweitens hat sich die Pflanzenernährung deutlich verändert: Der Einsatz von Stickstoffdünger wurde seit dem Jahr 2000 nahezu halbiert. Dadurch sinken die Proteingehalte im Getreide und der relative Stärkeanteil steigt automatisch.
Drittens haben sich die angebauten Sorten stark verändert. Die Top-10-Weizensorten von 2017 unterscheiden sich grundlegend von denen des Jahres 2025. Futtermühlen kaufen zwar nach Produktqualität und nicht nach Sorte, dennoch beeinflusst die Sortenwahl die Nährstoffzusammensetzung.
Viertens wirkt sich auch der Klimawandel aus. Steigende CO₂-Konzentrationen verändern den Stoffwechsel von C3-Pflanzen wie Getreide und können höhere Stärkeeinlagerungen begünstigen.
Leidenbergers Fazit lautet daher, Weizen von 2017 ist nicht mehr Weizen von 2026. Umweltbedingungen, Sortenwahl und Düngung verändern die Rohware. Die Schwankungen mögen zunächst klein erscheinen, können aber große Auswirkungen auf die Fütterung haben, die entsprechend präzise ausgesteuert werden muss. In der Praxis sei dies häufig nur eingeschränkt möglich.
Umso wichtiger sei es, konsequent zu messen, Daten zu bündeln und diese auch mit Gesundheitsparametern wie Fettleberbelastungen zu verknüpfen. Die Bedürfnisse der Tierernährung müssten stärker bei der Pflanzenzüchtung und im Rohstoffhandel berücksichtigt werden.
In-ovo-Geschlechtsbestimmung
Josefine Stuff von Agri Advanced Technologies (AAT) stellte in ihrem Vortrag die Chancen und Herausforderungen der In-ovo-Geschlechtsbestimmung für die Bio-Geflügelhaltung vor.
Lange Zeit hatte die Bio-Branche diese Verfahren abgelehnt, da sie als zu technisch und nicht mit den Grundsätzen des Ökolandbaus vereinbar galten. Inzwischen hat jedoch ein Umdenken eingesetzt. Aus Gründen der Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz – die Aufzucht der Bruderhähne ist wirtschaftlich kaum darstellbar und ressourcenintensiv – erlauben inzwischen mehrere Bio-Verbände die In-ovo-Geschlechtsbestimmung. Allerdings gelten dabei unterschiedliche Grenzwerte, ab welchem Bruttag das Verfahren zulässig ist.
Während einige Verbände den 7. oder 9. Tag festlegen, orientieren sich andere am 13. Tag. Hintergrund ist die Frage, ab wann ein Embryo Schmerz empfinden kann. Studien deuten darauf hin, dass vor Tag 15 oder 16 keine Schmerzempfindung möglich ist. Zwischen Tag 13 und 14 könnten erste Gehirnaktivitäten auftreten, während ab Tag 16 bis 17 Schmerzempfinden als sicher gilt.
Stuff betonte jedoch, dass „früher nicht automatisch besser“ sei, da viele Verfahren in sehr frühen Entwicklungsstadien noch nicht zuverlässig funktionieren. Die Diskussion über den „richtigen Tag“ sei vor allem eine deutsche Debatte, die international kaum eine Rolle spiele.
Derzeit gibt es eine Vielzahl technischer Ansätze zur Geschlechtsbestimmung im Ei, und die Forschung entwickelt sich rasant weiter. Stuff stellte drei Verfahren vor: die invasive DNA-Analyse, bei der ein Laser ein kleines Loch in die Schale brennt und eine Probe entnommen wird, das nicht-invasive optische KI-Verfahren von Omegga sowie die MRT-basierte Methode von Orbem.
AAT selbst arbeitet mit hyperspektraler Bildgebung. Das Cheggy-Verfahren durchleuchtet Bruteier optisch und erkennt das Geschlecht anhand der Gefiederfarbe. Bislang funktioniert dieses Verfahren allerdings nur bei Braunlegern. Für weiße Linien gibt es noch kein marktreifes Verfahren. Stuff machte deutlich, dass hierfür völlig neue technische Ansätze erforderlich sind und die Entwicklung noch Zeit benötigt.
Dr. Heike Engels
Die Minderung von Ammoniakemissionen aus der Schweinehaltung ist ein wesentlicher Bestandteil der europäischen und nationalen Luftreinhaltepolitik. Genau mit dieser Thematik beschäftigte sich die Geschäftsstelle Schwein des Netzwerk Fokus Tierwohl bei ihrem Immissionsschutztag. Im Fokus stehen Fütterungsstrategien, Verfahren zur Gülleansäuerung, technische und bauliche Minderungsmaßnahmen, Güllezusatzstoffe sowie neue Methoden zur Emissionsmessung und -bewertung. Die stark beziehungsweise sehr stark stickstoff- und phosphorreduzierte Fütterung stellt eine unmittelbar umsetzbare Maßnahme zur Verringerung der Stickstoffausscheidungen dar. Darüber hinaus zeigen die Ansäuerung von Gülle, die Güllekühlung, sowie Verfahren zur Kot-Harn-Trennung ein erhebliches Potenzial zur Minderung von Ammoniakemissionen, wobei ihre Praxistauglichkeit von betrieblichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen abhängt. Ergänzend tragen aktuelle Forschungsprojekte zur Weiterentwicklung von Emissionsmessverfahren und zur Bewertung emissionsarmer Haltungsverfahren bei. Insgesamt wird deutlich, dass eine nachhaltige Emissionsminderung durch die Kombination mehrerer, an die jeweiligen Betriebsbedingungen angepasster Maßnahmen erreicht werden kann. Gleichzeitig besteht weiterer Forschungs- und Entwicklungsbedarf, um innovative Verfahren unter Praxisbedingungen zu validieren und ihre breite Umsetzung zu ermöglichen.
Vor dem Hintergrund der Anforderungen der NERC-Richtlinie und der Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA Luft) gibt es hier einen Überblick über aktuelle Maßnahmen und Forschungsansätze zur Reduktion von Ammoniakemissionen: https://www.fokus-tierwohl.de/de/schwein/fachinformationen-schwein/01-moeglichkeiten-der-ammoniakreduktion-in-der-schweinehaltung
*Autoren/Mitglieder der Arbeitsgruppe Immissionsschutz:
Dr. Brigitte Eurich-Menden, Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V.
Dr. Frauke Hagenkamp-Korth, Universität Kiel
Jörn Menning, Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau
Sabrina Möbius, LSZ Boxberg
Jonas Niebel, Impulsbetrieb Tierwohl
Ina Stellwag, Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
Projekt „Netzwerk Fokus Tierwohl“ Geschäftsstelle Schwein
Präzise füttern, Kosten senken, Umweltwirkungen reduzieren: Das Potenzial der N-/P-reduzierten SchweinemastKatja Krebelder (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL)), Reinhard Puntigam (Fachhochschule Südwestfalen), Elisabeth Beckmüller (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL)) und Stephan Schneider (Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU))
Das seit 2015 in Bayern laufende Praxisprojekt „Operative Rahmenziel Schweinemast“ zeigt anhand einer außergewöhnlich großen Datenbasis, dass sich Stickstoff (N)- und Phosphor (P)-reduzierte Fütterungsverfahren in der Praxis ohne Leistungseinbußen umsetzen lassen. Zwischen 2015 und 2025 wurden Daten von rund 1.400 Betrieben und mehr als 30 Millionen Schweinen ausgewertet.
Der entscheidende Ansatz besteht darin, nicht einfach weniger Rohprotein zu füttern, sondern die Tiere gezielt mit den tatsächlich benötigten essenziellen Aminosäuren zu versorgen. Hochwertige Mineral- oder Ergänzungsfuttermittel mit erweiterter Aminosäurenausstattung ermöglichen dadurch eine deutliche Absenkung des Rohproteingehalts. Bei Phosphor ist dagegen nicht allein der Brutto-Phosphor-Gehalt entscheidend, sondern die bedarfsgerechte Versorgung mit verdaulichem Phosphor. Der Einsatz von mikrobieller Phytase spielt dabei eine wichtige Rolle, weil dadurch der in Phytat gebundene Phosphor besser verfügbar wird.
Die Praxisdaten zeigen eine deutliche Entwicklung: Der Rohproteingehalt der mittleren Mastration sank von 167 auf 148 g/kg Futter (88 % Trockenmasse [TM]), der Phosphorgehalt von 4,8 auf 4,3 g/kg (88 % TM). Gleichzeitig stiegen die täglichen Zunahmen von 780 auf über 870 g. Auch der Muskelfleischanteil blieb stabil bzw. stieg leicht von 59,1 auf 59,7 %. Die Ergebnisse zeigen damit, dass ein höherer Rohproteingehalt nicht automatisch zu einem höheren Muskelfleischanteil führt.
Für den Schweinemäster besonders interessant ist der wirtschaftliche Effekt. Durch eine präzisere Aminosäureversorgung und eine stärker differenzierte Mehrphasenfütterung konnte der Einsatz von Sojaextraktionsschrot von rund 47 auf 30 kg je Mastschwein reduziert werden. Trotz höherer Kosten für hochwertiges Mineralfutter und eines etwas höheren Getreideanteils ergibt sich laut Modellrechnung eine Nettokostenersparnis von 3,05 € je Mastschwein. Bei einem Beispielbetrieb mit 1.000 Mastplätzen sind das 8.130 € pro Jahr.
Hinzu kommen ökologische Vorteile: Die berechneten Treibhausgasemissionen der Modellration sanken von 4,3 auf 3,6 kg CO₂e je kg Schlachtkörpergewicht, also um mehr als 16 %. Durch die reduzierte Stickstoffversorgung sinkt zudem die Stickstoffausscheidung und damit das rechnerische Potenzial für Ammoniakemissionen. Damit kann eine präzisere Fütterung gleichzeitig zur Minderung von Nährstoffausscheidungen und fütterungsbedingten Treibhausgasemissionen beitragen.
Ein weiterer praktischer Vorteil ist die größere Flexibilität bei der Rohproteinversorgung. Durch die gezielte Aminosäureversorgung können heimische Eiweißfuttermittel wie Raps- und Sonnenblumenprodukte, Ackerbohnen, Erbsen oder getoastete Sojabohnen stärker in die Ration integriert werden. Dadurch lässt sich die Abhängigkeit von importierten Futtermitteln reduzieren.
Was bedeutet das für die SchweinemästerInnen in der Praxis:
N-/P-reduzierte Fütterung verbindet ökologische Ziele mit einem direkten betrieblichen Nutzen:
• Futterkosten senken: Rund 3 € Einsparung je Mastschwein sind laut Modellrechnung möglich.
• Soja einsparen: Rund 17 kg weniger Sojaextraktionsschrot je Mastschwein.
• Leistung sichern: Trotz sinkender Rohproteingehalte stiegen die täglichen Zunahmen in den ausgewerteten Praxisdaten.
• Muskelfleischanteil sichern: Ein niedrigerer Rohproteingehalt führt nicht automatisch zu einem geringeren Muskelfleischanteil.
• Nährstoffausscheidungen reduzieren: Eine bedarfsgerechte, nährstoffangepasste Versorgung mit N und P senkt die entsprechenden Ausscheidungen.
• Emissionen mindern: Die Modellrechnung zeigt ein geringeres Treibhauspotenzial; durch die reduzierte N-Ausscheidung sinkt zudem das rechnerische Potenzial für Ammoniakemissionen.
• Ohne große Investitionen umsetzbar: Der Ansatz setzt vor allem bei der Rationsgestaltung, Aminosäureversorgung und einer stärker differenzierten Mehrphasenfütterung an.
• Mehr Flexibilität: durch die gezielte Versorgung mit freien Aminosäuren können auch heimische Eiweißfuttermittel stärker in die Ration integriert werden.
Fazit
Eine bedarfsgerechte, stark N-/P-reduzierte Fütterung kann ökonomische und ökologische Ziele miteinander verbinden. Bei präziser Rationsgestaltung lassen sich Leistung, Futterkosten und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang bringen. Der Schweinemäster muss also nicht zwischen Leistung, Kosten und Nachhaltigkeit wählen. Bei einer präzisen Rationsgestaltung können sich diese Ziele vielmehr ergänzen. Das Projekt kommt entsprechend zu dem Schluss, dass N-/P-reduzierte Fütterungsverfahren ein zentraler Baustein für eine effiziente und nachhaltige Schweinehaltung sind.
Die ausführlichen Projektergebnisse gibt es auf der LfL-Website
AG Hygiene in der Kälberhaltung des Netzwerk Fokus Tierwohl*
Bei allen bedeutenden Erkrankungen junger Kälber (Durchfall, Lungenentzündung, Nabel- oder Gelenksentzündung) handelt es sich um klassische Faktorenerkrankungen. Das bedeutet, das neben oftmals in allen Rinderhaltungen vorkommenden Krankheitserregern immer auch Umwelt- oder Managementfaktoren am Ausbruch der Erkrankung beteiligt sind. Der wesentliche Grundsatz zur Aufzucht gesunder Kälber ist daher, die Abwehrkraft des Kalbes so hoch und gleichzeitig den Keimdruck so niedrig wie möglich zu halten.
Hygiene im eigentlichen Sinne meint alle Maßnahmen, die der Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit dienen und die zur Vermeidung oder Bekämpfung von Infektionen eingesetzt werden. Landläufig wird der Begriff Hygiene allerdings oft enger interpretiert und mit Reinigungs- und Desinfektionsmaßnamen gleichgesetzt.
Erkrankungen im Kälberalter
Die Wachstumsintensität in den ersten Wochen nach der Geburt wirkt sich auch auf das spätere Leben des Jungrindes aus z.B. auf den Zeitpunkt der ersten Trächtigkeit, auf die Milchleistung in der ersten Laktation aber auch auf die Nutzungsdauer im Betrieb. Das wichtige Ziel hoher Tageszunahmen wiederum wird durch ein komplexes, häufig betriebsspezifisches Netz aus verschiedenen Faktoren beeinflusst. Häufigkeit und Schweregrad von Erkrankungen in der Kälberaufzucht gehören dazu.
Die wichtigste Rolle spielen in den ersten Lebenswochen Durchfall- und Atemwegserkrankungen. Erkrankungen des Nabels und der Gelenke können ebenfalls schwerwiegende Folgen haben, treten gehäuft aber eher auf einzelbetrieblicher Ebene auf. Gleiches gilt für Erkrankungskomplexe aufgrund von Infektionen mit z.B. Salmonellen oder Clostridien.
Grundsätzlich gilt, dass jedes kranke Kalb eines zu viel ist. Nichtsdestotrotz bedarf es Orientierungswerte, ab welchen Erkrankungshäufigkeiten im Betrieb dringender Handlungsbedarf besteht, siehe Tabelle 1. Voraussetzung zur Anwendung von Orientierungswerten ist eine ehrliche und lückenlose Dokumentation im eigenen Betrieb.
Tabelle 1: Orientierungsrahmen mit Ziel- und Alarmwerten für die betriebliche Eigenkontrolle bei Aufzuchtkälbern (bis 6 Monate) zur Einordnung der Erhebungsergebnisse tierbezogener Indikatoren gemäß KTBL-Praxisleitfaden „Tierschutzindikatoren – Rind“, verändert nach Brinkmann et al. (2020)
Häufigkeit und Schweregrad der genannten Erkrankungen werden wiederum durch verschiedene Komponenten beeinflusst. Neben immunmodulierenden Komponenten (Kolostrumversorgung, Energie- und Nährstoffversorgung, Komfort, Stress, Zeitpunkt des Kontakts zum Erreger, etc.) spielt der Erregerdruck, also die Konzentrationen spezifischer und unspezifischer krankmachender Keime in der direkten Umgebung des Kalbes eine entscheidende Rolle. Durch die Umsetzung von Hygienemaßnahmen und die effektive Reduktion dieses Keimdrucks kann das Risiko für Erkrankungen in der Kälberaufzucht minimiert werden.
Die Diagnostik zum Nachweis spezifischer Krankheitserreger ist sicherlich ein wichtiges Instrument. Sie sollte aber im Gesamtkonzept nicht überschätzt werden. So ist das Wissen um spezifische Krankheitserreger von Durchfall- und Atemwegserkrankungen vor allem dann von Bedeutung, wenn erregerspezifische Übertragungswege zu beachten sind oder es z.B. um die Wahl von Desinfektionsmitteln, die Erstellung von Impfprogrammen oder Behandlungskonzepten geht.
Reinigung und Desinfektion
Um Krankheitserregern entgegenzuwirken sind die korrekt durchgeführten Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen wichtig. Nachfolgend werden die wichtigsten Schritte einer Hygienemaßnahme Beispiel einer Abkalbebucht aufgezeigt.
Idealerweise wird die Abkalbebucht im Rein-Raus-Prinzip belegt und die Reinigung findet zwischen der Ausstallung und der Neueinstallung statt. Wird die Bucht kontinuierlich belegt, wie es häufig bei Gruppenbuchten der Fall ist, sollte die Reinigung mindestens alle 2 Wochen erfolgen.
Abbildung 1: Verringerung der Keimdichte (Bakterien/cm2) durch Reinigung und Desinfektion, verändert nach M. Kaske (2008)
In Abbildung 1 ist exemplarisch erkennbar, wie stark die Keim-/Bakteriendichte durch das Reinigen und Desinfizieren abnimmt. Eine häufige Reinigung und Desinfektion hilft, die Übertragungswege zu unterbrechen und senkt damit auch das Risiko des Auftretens von Kälbererkrankungen, wie bspw. Durchfällen (Trotz-Williams et al., 2007; Klein-Jöbstl et al., 2014).
Reinigung
Gemäß der vier Schritte einer optimalen Reinigung in Abbildung 2, wird nach der Ausstallung im ersten Reinigungsschritt mit der Entmistung begonnen. Je mehr Material bei der mechanischen Reinigung entfernt werden kann, desto besser. Anschließend sollten vorhandene Mist- und Futterreste gut eingeweicht werden. Der Einsatz von Reinigungsmitteln, die z.B. mit einer Schaumlanze aufgebracht werden, wird hierfür empfohlen. Durch die enthaltenen Tenside werden auch Fette gelöst und die Grundlage für eine wirkungsvolle Desinfektion geschaffen. Ein Hochdruckreiniger – idealerweise mit Heißwasser – ist für die gründliche Reinigung unerlässlich. Sollten noch (hartnäckige) Verschmutzungen verblieben sein muss der Reinigungsprozess wiederholt werden. Vor der Desinfektion müssen die Flächen vollständig abgetrocknet sein, um eine sichere Wirkung des Mittels zu gewährleisten (Verdünnungsfehler vermeiden).
Eine Beeinträchtigung mit Kälbern belegter Bereiche durch Aerosole (Übertragung von Krankheitserregern und Feuchtigkeit) während der Reinigung sollte vermieden werden. Es bedarf einem gezielten Abfluss der Flüssigkeiten (Vermeidung des Abflusses in belegte Bereiche) und gute Bedingungen zum Trocknen (Luftumwälzung, Sonneneinstrahlung).
Abbildung 2: Durchführung der Reinigung und Desinfektion im Stall, verändert nach Strauch und Böhm (2002), Stoy (1983)Desinfektion
Die Abkalbebucht muss vor der Desinfektion frei von Verschmutzungen sein, da Schmutz nicht desinfiziert werden kann und aufgebrachte Desinfektionsmittel unwirksam macht (Eiweißfehler)!
Es bedarf einer gezielten Auswahl von Desinfektionsmitteln, die die wichtigsten kälberspezifischen Krankheitserreger aber auch den unspezifischen Keimgehalt effektiv reduzieren. Diese sollten eine Wirksamkeit gegen Bakterien, Viren und Kryptosporidien aufweisen.
Eine von der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG) erstellte Übersicht gibt einen guten Überblick darüber, welche Desinfektionsmittel auf dem Markt erhältlich sind, gegen welche Erreger sie eingesetzt werden können und welche Wirkstoffe sie beinhalten. Da Erreger gegen Desinfektionsmittel resistent werden können, sollte die Auswahl immer zielgerichtet gegen die im Stall vorhandenen Erreger ausgewählt und bei Bedarf gewechselt werden (DVG, 2020).
Zu DVG-geprüfte Desinfektionsmittel für den Einsatz in der TierhaltungIn der Datenbank kann nach Produkt, Anwendungsbereich und Einwirkzeit selektiert, sowie gezielt nach Herstellern gesucht werden. Abweichungen in der Konzentration der gebrauchsfertigen Lösung sowie Nicht-Beachtung der Umgebungstemperatur bei der Anwendung (Kältefehler) sind die häufigsten Fehler bei der Anwendung von Desinfektionsmitteln. Daher ist die Gebrauchsanweisung des jeweiligen Desinfektionsmittels unbedingt zu beachten, siehe Abbildung 3: Einflussfaktoren einer erfolgreichen Desinfektion.
Abbildung 3: Einflussfaktoren einer erfolgreichen Desinfektion, verändert nach Müller and Schlenker (2021), Strauch and Böhm (2002), Gauly et al. (2016), Wales et al. (2021), Bremer (2003)
Mit Blick auf die schlechte Umweltverträglichkeit von chemischen Desinfektionsmitteln, gibt es auch die Möglichkeit mit UVC-Licht oder bei hitzebeständigen Materialien mit Dampf oder Feuer zu desinfizieren (Kramer et al., 2010; Raue, R. et al., 2016).
Zum Video: UVC-Desinfektion
Bei der Anwendung des Desinfektionsmittels sollten die drei dargestellten Schritte beachtet werden, siehe Abbildung 4:
Abbildung 4: Durchführung der Desinfektion im Tierstall, verändert nach Bodenschatz (2012), Gauly et al. (2016), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2023)
Desinfektionsmittel sind meist chemisch äußerst reaktive Substanzen, die für den Menschen und das Tier gesundheitsschädlich sein können. Desinfektionsmittelrückstände in Trögen oder Tränken müssen durch Abspülen gründlich entfernt werden. Im Anschluss an die Desinfektion (vollständige Abtrocknung der Mittel) kann ein Leerstand der Abkalbebuchten zu einer weiteren Keimreduktion beitragen. Direkt vor der Einstallung muss jedoch unbedingt das Stagnationswasser aus Tränkeleitungen entfernt und die Tränke(n) mit frischem Wasser befüllt werden.
Die Ausarbeitung ist im Rahmen des bundesweiten Projekts „Netzwerk Fokus Tierwohl” entstanden: Besuchen Sie die Projekthomepage unter www.fokus-tierwohl.de für weitere Informationen.*Autoren/Mitglieder der AG Hygiene in der Kälberhaltung:
Dr. Alexandra Koch, Tiergesundheitsdienst Sachsen-Anhalt
Dr. Ingrid Lorenz, Tiergesundheitsdienst Bayern
Konstanze Rohwer, Hof Blauer Lieth, Westerrönfeld; Impulsbetrieb
Dr. Andreas Steinbeck, Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH
Dr. Ilka Steinhöfel, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie
PD Dr. Julia Steinhoff-Wagner, Tierernährung und Metabolismus, TUM School of Life Sciences