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Faszination Stillgewässer
Von der Fischerei im Ammersee über die Karpfenzucht im Aischgrund bis hin zu Anlagen für Zuchtalgen. Mit einer neuen Nachwuchsforschungsgruppe will die Würzburger Europäische Ethnologin Laura Otto einen besonderen Lebens- und Wirtschaftsraum untersuchen: bayerische Stillgewässer.
Stille Wasser sind bekanntlich tief: so wird sprichwörtlich gerne der Charakter ruhiger Menschen beschrieben. Laura Otto, Juniorprofessorin für die Anthropologie des Ländlichen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), beschäftigt sich in einem neuen Forschungsprojekt nicht mit der sprichwörtlichen, sondern mit der wörtlichen Auslegung der Redewendung.
Die von ihr geleitete neue Emmy-Noether-Gruppe „AquaNaturenKulturen – Stillgewässerökonomien im Anthropozän“ nimmt vier Formen von Stillgewässern aus anthropologischer Perspektive genauer unter die Lupe: die Karpfenzucht im Aischgrund, die Fischerei am Ammersee sowie landwirtschaftliche Algenzucht und Aquaponik-Anlagen.
„Stillgewässer sind, verglichen mit Meeren oder Flüssen, in den anthropologischen Fächern unpopulär. Sie gelten als weniger dramatisch oder auch interessant – aber wer genau hinsieht, erkennt: in ihnen entfalten sich aktuelle gesellschaftspolitische Themen, wie Biodiversität, Ernährung der Zukunft, oder auch Umgang mit Wasser. Stillgewässer, so zeigt das Projekt, sind essenziell für das Überleben auf unserer Erde – für Menschen und andere Lebewesen“, so Laura Otto.
Bayerische Gewässer im Fokus
Die Forschungsgruppe verbindet dabei Ansätze der Anthropologie des Ländlichen, der Naturen-Kulturen-Debatte und der Multi-Spezies-Forschung. Wie wirtschaften Menschen mit den Gewässern? Welche Interaktionen mit anderen Lebewesen treten dabei auf? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Natur und Kultur – und wie funktionieren beide miteinander?
Um diesen Fragen nachzugehen, müssen die Forschenden den Freistaat nicht verlassen. „Bayern ist Deutschlands Vorreiter im Bereich der Stillgewässerökonomien. Die örtliche Nähe zu unseren Projektpartnerinnen und -partnern ermöglicht eine besonders enge Zusammenarbeit und erleichtert die Feldforschung“, erklärt Laura Otto.
Diese Partnerinnen und Partner reichen dabei von hochmodernen bis hin zu besonders traditionsreichen Formen der Landwirtschaft. So werden Karpfenzucht im Aischgrund und Fischerei am Ammersee bereits seit über tausend Jahren betrieben. Aquaponik und Algenzucht sind dagegen deutlich jüngere Formen des Wirtschaftens in und mit Gewässern.
Ländlichkeit im Wandel der Zeit
„Anthropologie des Ländlichen“ lautet der Titel von Laura Ottos Juniorprofessur an der JMU; und dieses Thema spielt auch eine zentrale Rolle für die Forschungsgruppe. „Uns interessiert vor allem, wie die Menschen des ländlichen Raums selbst Ländlichkeit definieren. Außerdem ist der Begriff nicht statisch. Ländlichkeit verändert sich ständig.“
Während Aquaponik-Anlagen, eine Kombination aus Fischzucht und erdelosem Pflanzenanbau, oder Algenzucht für junge Beispiele der ökonomischen Nutzung von Stillgewässern stehen und häufig als nachhaltige Antworten auf den Umgang mit Klimawandelherausforderungen gelten, sehen sich gerade die traditionellen Formen zahlreichen Hürden gegenüber. Neben dem Klimawandel gefährden auch weitere menschliche Einflüsse ihren Fortbestand.
Der Ammersee leidet etwa unter der Belastung durch Reifenabrieb, den der rege Verkehr an seinen Ufern verursacht. Noch viel dramatischer wären allerdings die Schäden, die eine invasive Art anrichten könnte: die Quagga-Muschel. Ursprünglich aus der Schwarzmeer-Region stammend, haben Schifffahrt und Wassersport sie inzwischen nach Nordamerika und auch in die Flüsse und Seen Westeuropas gebracht.
„Diese Muschel ist ein riesiges Problem. Sie hat bei uns kaum Druck durch Fressfeinde, vermehrt sich deshalb rasant und filtert die Gewässer so leer, dass sie anderen Arten die Lebensgrundlage nimmt.“ Im Lake Michigan (USA) macht sie bereits 90 Prozent der Biomasse aus. Auch im Ammersee gibt es Hinweise auf ihr Vorkommen.
„Für den See wäre die Quagga-Muschel eine Apokalypse – und damit wohlmöglich auch ein Todesurteil für die Fischerei. Das ist ein uraltes Kulturgut, das hier ins Wanken gerät“, so Laura Otto.
Ansätze für zukunftsfähige Landwirtschaft
„Die Menschen, die in diesen Bereichen agieren, sehen es auch als ihre Aufgabe an, die Lebensräume und Traditionen zu bewahren – und sie passen sich dabei an immer neue Herausforderungen an.“ Bislang sei das oft gut gelungen, um Herausforderungen wie der Quagga-Muschel beizukommen, bräuchte es aber umfangreiche Unterstützung aus der Politik – so der Tenor der Fischerinnen und Fischer.
Die Arbeitsgruppe will herausfinden, wie Landwirtschaft, Artenschutz und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion heute und in Zukunft im bislang wissenschaftlich unterrepräsentierten Raum der Stillgewässer funktionieren können. Dabei sollen auch konkrete Anknüpfpunkte für Personen aus der landwirtschaftlichen Praxis entstehen. Schließlich geht das Projekt der zentralen Frage nach: Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft – und nicht zuletzt des Lebens auf der Erde – aus?
Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Das Management im Stall entscheidet über das Tierwohl
Eine neue Studie des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau zeigt: Der Ökolandbau bietet zwar ein großes Potential für Tierwohl. Den Tieren geht es aber nicht automatisch besser als in konventionellen Betrieben. Entscheidender ist, wie Betriebsinhaberinnen und -inhaber ihre Herden managen.
Dem Ökolandbau wird häufig ein besseres Tierwohl zugeschrieben. Ob das in der Praxis tatsächlich so ist, haben Forschende des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau in Trenthorst jetzt systematisch geprüft. Dafür haben sie 86 Studien aus dem Zeitraum Januar 1990 bis Juni 2023 sowie 623 Vergleichspaare aus Europa und Nordamerika ausgewertet. Das Ergebnis: Das Bild ist nicht eindeutig. In 28 Prozent der Fälle hatte der ökologische Landbau Vorteile gegenüber der konventionellen Tierhaltung, in 56 Prozent ließ sich kein klarer Unterschied feststellen. Die Studie ist gerade im Fachjournal Organic Agriculture von Springer Nature erschienen.
Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem die Tiergesundheit weniger von ökologischer oder konventioneller Wirtschaftsweise abhängt, als vielmehr vom individuellen Management der Betriebe. Doch dort, wo die Hauptrisikofaktoren für die Tiergesundheit durch die EU‐Öko‐Verordnung berücksichtigt werden, schneiden ökologisch wirtschaftende Betriebe besser ab. Beispielsweise bewirken die Vorgaben zu Einstreu und Platzangebot, dass die Klauen und Gliedmaßen der Tiere gesünder sind. Lahmheiten und Gelenkschäden spielen dann eine geringere Rolle.
Nur wenige Studien berücksichtigen bisher neben der Tiergesundheit auch das Verhalten und das emotionale Befinden der Tiere. In diesem Bereich deuten sich klare Vorteile der ökologischen Tierhaltung an, etwa weil die Tiere mehr Platz haben oder ihnen Auslauf oder Weidegang ermöglicht werden. „Die Richtlinien des ökologischen Landbaus bieten ein großes Potenzial, jedoch keine Garantie für eine bessere Tierwohlsituation. Sie begünstigen zum Beispiel, dass sich Tiere artgemäß verhalten können“, sagt Solveig March, Co-Autorin der Studie.
Das Autorenteam der Studie empfiehlt auf Grundlage der Analyse des Tierwohls, die rein auf Haltung und Management ausgerichteten Vorgaben um ergebnisorientierte Kontrollen zu ergänzen, um die Tiergesundheit besser einzubeziehen. „Nur der direkte Blick auf das Tier zeigt, ob es ihm rundum gut geht, es also gesund ist und sich wohlfühlt“, sagt Solveig March.
Konkret empfehlen die Expert*innen, in der Öko-Zertifizierung ein transparentes, standardisiertes und praxistaugliches Tierwohl-Audit mit tierbasierten Indikatoren zu verankern. So lässt sich das Tierwohl unabhängig vom System messen und absichern. Dazu läuft am Thünen-Institut für Ökologischen Landbau seit 2023 ein Projekt mit Partner*innen aus Praxis und Wissenschaft.
Quelle: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei
Original-Studie
Schweizer Tierärzteschaft warnt vor Medikamentenmangel bei Hühnern
In der Schweiz verschwinden zunehmend wichtige Medikamente für die Geflügelmedizin vom Markt. Dadurch wird es für Tierärztinnen und Tierärzte immer schwieriger, kranke Tiere fachgerecht zu behandeln.
Geflügeltierärztinnen und -tierärzte sind besorgt. Immer mehr Firmen geben in der Schweiz den Vertrieb von Medikamenten für Geflügel auf oder stellen die Produktion entsprechender Präparate ganz ein. Für viele Unternehmen ist es wirtschaftlich nicht rentabel, Medikamente für den Schweizer Markt zu produzieren. Die Tierärzteschaft ist täglich mit Liefer- und Versorgungsengpässen konfrontiert. Die medizinische Notfallversorgung von Hühnern ist dadurch gefährdet.
Die Schweizer Geflügelbranche investiert viel in die Gesunderhaltung der Tiere und in präventive Maßnahmen. Dennoch kommt es vor, dass Hühner erkranken. Fehlen die notwendigen Medikamente, ist eine adäquate Behandlung nicht mehr gewährleistet. Die Betreuung kleinerer Herden, beispielsweise in mobilen Legehennenställen, erfolgt meist durch allgemeine Nutztierpraxen statt durch spezialisierte Geflügelpraxen. Für diese Praxen ist es sehr schwierig, benötigte Medikamente im Krankheitsfall rechtzeitig aus dem Ausland zu beschaffen. Die Lieferfristen können einige Wochen betragen.
Aus Sicht der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) ist eine inländische Produktion tierischer Lebensmittel sinnvoll. Die Legehennen-Haltungen sind in der Schweiz deutlich kleiner als im Ausland, und die Tierschutzstandards sind um ein Vielfaches höher. Für den Tierschutz und das Tierwohl ist es essenziell, dass Tiere jederzeit ausreichend medizinisch versorgt werden können.
Zunehmend fehlen wichtige Impfstoffe zur Prophylaxe, damit Tiere gar nicht erst krank werden. Ab 2028 wird in der Schweiz zudem kein einziges zugelassenes Erstlinien-Antibiotikum für die Behandlung von Geflügel mehr verfügbar sein. Die Tierärzteschaft fordert dringend Maßnahmen gegen den Medikamentennotstand in der Geflügelmedizin. Der Bund soll Rahmenbedingungen schaffen, die die Zulassung und den Vertrieb von Tierarzneimitteln in der Schweiz attraktiver machen und die Verteilung importierter Medikamente an Tierarztpraxen vereinfachen, damit kranke Tiere rasch und zuverlässig behandelt werden können.
Quelle: Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte GST
Tierschutzprobleme bei der Haltung von Legehennen #TiHo-Tierschutztagung 2026
Dr. Beryl Eusemann-Keller ist Juniorprofessorin für Tierschutz und Ethologie an der Universität Leipzig. In Ihrem Vortrag bei der Tierschutztagung 2026 beleuchtete sie vor allem das Problem der Brustbeinschäden bei Legehennen.
Brustbeinschäden haben eine extrem hohe Prävalenz bei Legehennen. Es können über 90% der Vögel einer Herde betroffen sein. Insbesondere Frakturen verursachen den Tieren natürlich Schmerzen und stellen deshalb eines der größten Tierschutzprobleme in der Legehennenhaltung überhaupt dar.
An der Uni Leipzig wurde nun ein Projekt gestartet, in dem speziell trainierte Hühner auf eine Sitzstange fliegen und dabei mit zwei Röntgengeräten und einer Kamera aufgenommen werden. Auch der Abflug wird aufgezeichnet, um zu ermitteln, welche Teile des Brustbeines eigentlich mit der Stange in Berührung kommen. Dabei zeigt sich, dass der kraniale Bereich bei der Landung mit der Stange und beim Abfliegen mit dem Boden in Berührung kommt.
Die Anfälligkeit für Brustbeinschäden wird von mehreren Faktoren beeinflusst. Neben einer möglichst bedarfsgerechten Fütterung sind dies
Legetätigkeit
Moderne Legehennen haben einen sehr hohen Kalziumbedarf, weil sie nahezu jeden Tag ein Ei legen. Ungefähr zwei Gramm Kalzium werden aus der Nahrung, aber auch aus dem „medullären Knochen“ bereitgestellt. Dieses Reservoir im Knochen wird vor allem nachts zur Produktion der Eischale genutzt, wenn die Hühner relativ wenig Kalzium im Magen-Darm-Trakt und Blut haben, weil sie nachts keine Nahrung aufnehmen.
Genetik
Im Projekt „Brubeile“ wurden Hühnerrassen mit unterschiedlicher Legeleistung verglichen und zu verschiedenen Zeitpunkten während der Legeperiode geröntgt. Frakturen zeigten sich hier fast ausschließlich bei Legehybriden. Als mögliche Risikofaktoren kommen hohe Legeleistung, früher Legebeginn und weitere genetische Unterschiede infrage.
Bei sehr hoher Legeleistung kann schlicht die Zeit zwischen der Bildung von zwei Eiern nicht ausreichen, genügend Kalzium aus der Nahrung und dem medullären Knochen bereitzustellen. Aber auch der frühe Legebeginn könnte eine Rolle spielen. Das Brustbein des Huhns verknöchert erst sehr spät (um die 34. Lebenswoche), während die Hennen schon in der 20. Woche oder noch früher beginnen Eier zu legen.
Haltung
Wichtig ist vor allem die Wahl der Sitzstangen. Sie sollten aus möglichst weichem Material (Plastik) gefertigt und rutschfest sein. Die Kontaktfläche zwischen Brustbein und Sitzstange sollte möglichst groß und sämtliche Maße an die Genetik angepasst sein. Bei der Kombination der Sitzstangen sollte der horizontale Abstand höchstens 75 cm und der vertikale Abstand höchstens 50 cm betragen, der Winkel zwischen beiden Stangen sollte dabei möglichst unter 45 Grad liegen. So können die Hennen gut zwischen den beiden Stangen wechseln.
Breite Rampen zu den einzelnen Ebenen, gefertigt aus Draht- oder Kunststoffgeflecht, sind ebenso sinnvoll. In größeren Volieren-Systemen können diese auch entlang der verschiedenen Ebenen angebracht werden.
Aufzucht
Hier sollten die Junghennen bereits unter möglichst ähnlichen Bedingungen gehalten werden, wie in der späteren Legephase. Früher Zugang zu Sitzstangen, erhöhten Ebenen und Rampen sind in dieser Lernphase wichtig. Damit die Jungvögel die erhöhten Ebenen auch tatsächlich nutzen, empfiehlt es sich Futter und Wasser auf verschiedenen Ebenen anzubieten.
Verlängerte Haltungsdauer
Unabhängig davon, ob einfach die Legephase von Hennen verlängert oder eine Mauser induziert wird, sind fünf Punkte wichtig:
• Gewicht und Gesundheit zu Legebeginn
• Gute Herdengesundheit zu Beginn der Mauser
• Gesundheit abhängig von Vorhandensein und Art der Mauser
• Nicht zwingend verbesserte Knochenqualität durch die Mauser
• Tierwohlprobleme durch Art der Durchführung der Mauser (z. B. Hunger)
Das Fokusnetzwerk Tierwohl schließlich bietet einen Podcast „Mehr Eier, längeres Leben“ an, den Dr. Beryl Eusemann-Keller zum Abschluss ihres Vortrags ausdrücklich empfahl.
Tierwohl in der Garnelenzucht: Forschungsbasierter Leitfaden für nachhaltige Zuchtpraktiken
In den letzten zwanzig Jahren hat die Garnelenzucht weltweit enorm zugenommen. Gleichzeitig ist das Bewusstsein der Verbraucher*innen für ethische und ökologische Fragen gestiegen. Sie achten darauf, wie Zuchttiere behandelt werden, und drängen damit auch Produzenten und Einzelhandel dazu, ihre Standards zu verbessern. Im Vergleich zu anderen Zuchtarten wie Fischen sind Bewertungen des Tierwohls in der Garnelenzucht nach wie vor begrenzt. Aus diesem Grund hat das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) nun ein frei verfügbares IGB Manual veröffentlicht, das einen einfach anzuwendenden morphologischen Index zur Beurteilung des Wohlergehens von Garnelen bereitstellt.
Die Publikation konzentriert sich auf die Zucht der Weißfußgarnele (Litopenaeus vannamei) und richtet sich insbesondere an Praxis, Unternehmen und Verbände aus dem Aquakultursektor, um Tierwohlaspekte in der Garnelenzucht zu fördern. Sie kann auch als Nachschlagewerk in experimentellen Versuchsanlagen oder bei routinemäßigen Beobachtungen in Zuchtbetrieben dienen, insbesondere in kleinen Betrieben, in denen standardisierte Betriebsprotokolle oft weniger etabliert und verbreitet sind.
Ein morphologischer Index zur Beurteilung des Tierwohls bei Garnelen:
Das Tierwohl orientiert sich häufig an den so genannten „Fünf Freiheiten“: Freiheit von Hunger und Durst; Unbehagen; Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten; Angst und Stress; sowie die Freiheit, normales Verhalten auszuleben. Obwohl diese Prinzipien ursprünglich für Wirbeltiere entwickelt wurden, werden sie zunehmend auch für Wirbellose in der Aquakultur diskutiert. Bei Garnelen und anderen Zehnfußkrebsen (wie Krabben und Hummern) gehören zu den zentralen Tierwohlaspekten die Zuchtpraktiken sowie Transport, Besatz, Haltung und Schlachtung. Das IGB Manual legt den Schwerpunkt auf morphologische Veränderungen unter Stressbedingungen. Der Index vereint die eigenen Forschungserkenntnisse mit Ergebnissen aus früheren Studien und liefert detaillierte Beschreibungen sowie Fotomaterial, um eine einheitliche Bewertung zu ermöglichen. Morphologische Schädigungen werden anhand von Abbildungen dargestellt, zusammen mit empfohlenen Beobachtungsverfahren. Zur Unterstützung der Interpretation des Indexes werden Versuchsergebnisse und Beobachtungen aus der Praxis beschrieben. Dies ermöglicht es Praxisakteuren, den Zustand und die Gesundheit der Tiere über einen längeren Zeitraum hinweg zu überwachen.
Rückmeldungen von Fachleuten sind willkommen:
„Wir laden Fachleute explizit ein, uns Feedback und Vorschläge zu geben und ausgefüllte Formulare mit morphologischen Indizes einzureichen, um den Datensatz zu erweitern“, betont der IGB-Wissenschaftler Dr. Sven Würtz, Mitautor und Leiter der Forschungsgruppe „Molekulare Fischphysiologie“ am IGB. Die Veröffentlichung entstand in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung; sowie der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie fasst zudem die Ergebnisse des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Projekts „CrustaWohl“ zusammen.
Quelle: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
„Der Hoftierarzt“ Newsletter 4/2026 ist erschienen
Die vierte Ausgabe des Hoftierarzt-Newsletters 2026 wurde an alle Abonnenten verschickt. Folgende Themen sind dort aufbereitet:
Rinder
• Kälberaufzucht: Hygiene wird bei den Kleinsten GROSS geschrieben
• Die derzeitige Praxis der Schmerzbehandlung deckt Schmerzen nach dem Enthornen von Kälbern möglicherweise nicht ausreichend ab Schweine
Schweine
• 10 Jahre Operatives Rahmenziel Schweinemast in Bayern
•Immissionsschutztag Netzwerk Fokus Tierwohl, Möglichkeiten der Ammoniakreduktion in der Schweinehaltung
• Duftstoffe im Stroh als olfaktorische Beschäftigungsmöglichkeit für Schweine fördert das Tierwohl
Geflügel
• Von Entwurmung über Futterqualität bis zur In-ovo-Geschlechtsbestimmung
• Einfluss der Fütterung auf Tiergesundheit
• Niederdruckbetäubung (LAPS) als Methode zur Betäubung von Geflügel
• Beginn der Nozizeption und Schmerzwahrnehmung bei Hühnerembryonen
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Rinder
• Kälberaufzucht: Hygiene wird bei den Kleinsten GROSS geschrieben
• Die derzeitige Praxis der Schmerzbehandlung deckt Schmerzen nach dem Enthornen von Kälbern möglicherweise nicht ausreichend ab Schweine
Schweine
• 10 Jahre Operatives Rahmenziel Schweinemast in Bayern
•Immissionsschutztag Netzwerk Fokus Tierwohl, Möglichkeiten der Ammoniakreduktion in der Schweinehaltung
• Duftstoffe im Stroh als olfaktorische Beschäftigungsmöglichkeit für Schweine fördert das Tierwohl
Geflügel
• Von Entwurmung über Futterqualität bis zur In-ovo-Geschlechtsbestimmung
• Einfluss der Fütterung auf Tiergesundheit
• Niederdruckbetäubung (LAPS) als Methode zur Betäubung von Geflügel
• Beginn der Nozizeption und Schmerzwahrnehmung bei Hühnerembryonen
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Weltweit werden jährlich ca. 6,5 Milliarden männliche Küken aus Legelinien nach dem Schlüpfen getötet. Mazeration ist dabei nur bedingt tierschutzgerecht und die Alternative CO2-Begasung wirkt aversiv. Bei der Anwendung der In-ovo- Geschlechtsbestimmung, können männliche Embryonen noch vor dem Schlüpfen getötet werden. Die heute marktreifen Verfahren können das Geschlecht zwischen dem 11. und 15. Bebrütungstag (BT 11–15) mit einer Genauigkeit von über 95 % bestimmen.
Allerdings müssen die Embryonen getötet werden, bevor Nozizeption (*) und Schmerzwahrnehmung möglich sind, und die Technologien müssen in großem Maßstab durchführbar sein. Eine neue Studie kanadischer Forscher untersuchte den Beginn der Nozizeption und Schmerzwahrnehmung bei Hühnerembryonen.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich zwar Nervenenden und Rückenmarksbahnen früh entwickeln, eine koordinierte nozizeptive Verarbeitung jedoch erst ab etwa BT 16 auftritt. Elektroenzephalogramme zeigten vor BT 13 keine signifikante Gehirnaktivität; Muster, die denen geschlüpfter Küken ähneln, traten erst zwischen dem 15. und 17. Bebrütungstag auf.
Gliedmaßen- oder Schnabelbewegungen eignen sich kaum als Indikatoren, da sie häufig einer Beteiligung höherer Gehirnzentren vorausgingen, schreiben die Forscher. Herz-Kreislauf-Reaktionen dagegen könnten verlässlichere Hinweise liefern. Signifikante Veränderungen des mittleren arteriellen Blutdrucks und der Herzfrequenz als Reaktion auf einen noxischen Reiz traten ab BT 16 beziehungsweise BT 17 auf und ließen sich an BT 18 durch Lokalanästhesie aufheben. Dies deute darauf hin, dass es sich zu diesem Zeitpunkt um nozizeptive Reaktionen handelte und nicht um embryonale Bewegungen oder autonome Reflexe.
Zusammengenommen legen die Ergebnisse nahe, dass die Nozizeption beim Embryo etwa ab BT 16–17 einsetzt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Tötung bis BT 16 wahrscheinlich Nozizeption vermeidet und gleichzeitig Flexibilität bei der zeitlichen Planung sowie eine breite Anwendung aktueller In-ovo-Geschlechtsbestimmungsverfahren ermöglicht.
(*) Nozizeption: Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von schmerzauslösenden (noxischen) Reizen im Nervensystem
Petrik & Petrik (2026) Onset of nociception and pain perception in chicken embryos – a review
Link zur Original-Studie
Die derzeitige Praxis der Schmerzbehandlung deckt Schmerzen nach dem Enthornen von Kälbern möglicherweise nicht ausreichend ab
Um Schmerzen bei der Entfernung der Hornanlagen beim Kalb zu unterdrücken, werden Lokalanästhetika während des Eingriffs und Analgetika nach der Prozedur eingesetzt.
Frühere Studien gingen bereits von einer „konditionierten Orts-Aversion“ aus, bei der Kälber eine Verknüpfung zwischen einem emotionalen Erlebnis und der Umgebung, in der es stattfand, herstellen. Hier zeigte sich, dass Kälber nach dem Enthornen Orte bevorzugten, die mit zusätzlicher Schmerzbehandlung assoziiert waren, was darauf hindeutet, dass die Schmerzlinderung zumindest teilweise wirksam war.
Offen war jedoch, ob die Analgesie Schmerzen nach dem Eingriff ausreichend lange abdeckt. Britische Forscher führten für eine aktuelle Studie zwei Experimente mit konditionierter Ortsaversion durch, um zu klären, ob Kälber das Enthornen auch bei multimodaler Schmerzbehandlung negativ empfinden.
In Experiment 1 wurden die Kälber in ihrer gewohnten Bucht enthornt und anschließend für sechs Stunden in ein separates Abteil gebracht, sodass die Konditionierung dort lediglich den postoperativen Schmerz umfasste. In Experiment 2 erfolgten sowohl das Enthornen als auch die Konditionierung innerhalb des Abteils, wodurch die Konditionierung sowohl den Schmerz während des Eingriffs als auch den postoperativen Schmerz einschloss. Bei einer Kontrolle hielten sich die Kälber für die gleiche Dauer in einem Abteil auf, ohne enthornt zu werden. Die Kontrolluntersuchungen fanden entweder zwei Tage vor oder zwei Tage nach dem Enthornen statt.
Kälber, die in beiden Experimenten zunächst die Kontrollbehandlung und anschließend das Enthornen durchliefen, zeigten keine Aversion gegenüber dem mit dem Eingriff verknüpften Abteil; dies deutet auf minimale Schmerzen in den sechs Stunden nach dem Eingriff hin.
In Experiment 2 verbrachten jedoch Kälber, bei denen das Enthornen zuerst und die Kontrollbehandlung danach stattfanden, mehr Zeit in dem Abteil, in dem das Enthornen durchgeführt worden war. Dies deutet darauf hin, dass die Schmerzen zwei Tage nach dem Eingriff stärker waren als in den unmittelbar darauffolgenden sechs Stunden.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Lokalanästhesie und Analgesie zwar die Schmerzen während des Enthornens und in den ersten sechs Stunden danach ausreichend unterdrücken können, die Tiere jedoch stärkere Schmerzen verspüren könnten, sobald die Wirkung der Medikamente nachlässt.
Ledger EM, Ede T, Mendl M, Lecorps B (2026) Calves disbudded with local nerve block and analgesic show conditioned place aversion two days later but not in the hours post-disbudding. Anim Welf 35:e25
Link zur Original Studie
Duftstoffe im Stroh als olfaktorische Beschäftigungsmöglichkeit für Schweine fördert das Tierwohl
Stroh ist ein kostengünstiges Beschäftigungsmaterial für Schweine und reduziert nachweislich etwa Schwanz- und Ohrenbeißen. Weil große Strohmengen aber auch Güllekanäle verstopfen können, gilt es die anregende Wirkung kleinerer Strohmengen zu optimieren.
In einer schwedischen Studie wurde untersucht, ob die Anreicherung von Stroh mit Duftstoffen Schweine zu stärkerer Beschäftigung mit dem Material animiert. Hierfür wurden Videoaufnahmen von 1.600 Schweinen in vier verschiedenen Gruppen ausgewertet (eine Kontrollgruppe wurde nicht gefilmt).
• In Gruppe 1 wurde mit Duftstoffen versehenes Stroh in einer Raufe angeboten, wobei der Duft wöchentlich wechselte
• in Gruppe 2 wechselte der Duft an Werktagen täglich
• in Gruppe 3 wurde geruchloses Stroh in einer Raufe bereitgestellt
• und in Gruppe 4 lag das Stroh auf dem Boden (bei leerer Raufe).
• In den Kontrollbuchten lag das Stroh auf dem Boden, und es war keine Raufe vorhanden.
Als Duftstoffe wurden ätherische Öle aus Lavendel, Anis, Ingwer, Thymian oder Kiefer verwendet, während in der geruchlosen Gruppe Mineralöl zum Einsatz kam.
Ausgewertet wurden die Dauer der Beschäftigung mit dem Stroh, das Verhältnis der Interaktion mit dem Stroh im Vergleich zu anderen Buchtgegenständen sowie Verhaltensweisen wie Spielen, Reiben und Wälzen.
Die Ergebnisse zeigten keine Unterschiede bei den Tierwohl-Scores (Verschmutzungsgrad, Schwanz- und Ohrenschäden) zwischen den Versuchsgruppen. Zwar hatte das duftende Stroh keinen Einfluss auf die Tierwohl-Scores, doch verlängerte es die Beschäftigungsdauer mit dem Stroh signifikant und steigerte positive verhaltensbezogene Indikatoren für das Tierwohl, wie etwa Bewegungs- und Sozialspiele sowie Reiben und Wälzen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass mit Duftstoffen angereichertes Stroh eine vielversprechende Strategie zur Verbesserung des Tierwohls in der Schweinehaltung darstellen könnte.
Rørvang MV, Stenfelt J, Schild SL, Grut R, Chan CW, Rautiainen HM, Ketner M, Wallenbeck A, Valros A, Nielsen BL (2026) Olfactory enrichment – effects of odorised straw on exploratory behaviour, straw engagement and play in finishing pigs. animal 20(6):101843
Link zur Original Studie
Niederdruckbetäubung (LAPS) als Methode zur Betäubung von Geflügel
In der EU darf Geflügel nur betäubt und bewusstlos geschlachtet werden. Bisher sind als Betäubungsmethoden das Eintauchen in elektrische Wasserbäder und die kontrollierte atmosphärische Betäubung (CAS) mit Kohlendioxid zugelassen. Allerdings müssen die Vögel vor dem Wasserbad fixiert und gedreht werden, was zu Stress und Knochenbrüchen führen kann. Das bei CAS verwendete Kohlendioxid kann aversive Reaktionen wie Kopfschütteln und Keuchen auslösen.
Bei der Niederdruckbetäubung (LAPS – Low atmospheric pressure stunning) wird der Sauerstoffgehalt schrittweise reduziert, um einen Bewusstseinsverlust zu bewirken.
In einer neuen Studie wurde die LAPS-Methode an 35 Ross-308-Broilern getestet und die Reaktionen der Tiere aufgezeichnet. Dabei benutzten die Forscher folgende Kategorien:
• Hinweis auf Bewusstsein (z. B. Stehen oder Lautäußerungen)
• Bewusstlosigkeit (z. B. Bewegungslosigkeit oder Verlust der Körperhaltung)
• Aversion (z. B. Krämpfe, Kopfschütteln oder Flügelschlagen).
Ebenso wurden weitere Variablen erfasst, darunter Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Alter, Geschlecht und Gewicht der Broiler.
Während der ersten 43 Sekunden blieben die Tiere bei Bewusstsein und zeigten erst nach vier Minuten deutliche Anzeichen von Bewusstlosigkeit.
Vor dem Bewusstseinsverlust durchliefen die Vögel eine Zwischenphase, in der es über drei Minuten lang nicht möglich war, zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit zu unterscheiden. Während dieser Zwischenphase wurden häufig aversives Verhalten beobachtet, wie Krämpfe, Kopfschütteln oder Flügelschlagen.
So zeigte sich, dass mögliche Vorteile von LAPS, die Nachteile der Methode nicht aufwiegen können.
Kuck FJ, Heck JE, Bergmann S, Schmidt P, Rauch E, Louton H, & Schwarzer A (2026) Niedrige atmosphärische Druckbetäubung als neue Methode zur Betäubung von Broilern in Deutschland unter ethologischen Aspekten. Poultry Sci 105(2):106224
Link zur Original-Studie































