Erfolgreiche Kälberaufzucht – was ist auf Basis aktueller Versuche zu beachten?

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Von Dr. Sebastian Hoppe, VBZL Haus Riswick, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Leistungsfähige Milchkühe mit gutem Durchhaltevermögen, guter Fruchtbarkeit und Gesundheit und daraus resultierend hohen Lebenstagleistungen sind die Grundlage einer wirtschaftlichen Milchproduktion. Unbestritten aus heutiger Sicht ist, dass der Grundstein hierfür bereits beim Kalb gelegt wird. Aus aktuellen Kälberaufzuchtversuchen im Versuchs- und Bildungszentrum Landwirtschaft Haus Riswick können einige wichtige Konsequenzen für die Praxis abgeleitet werden.

Optimierung der Tränkeintensität
Häufig wird anstelle von Vollmilch eine Milchaustauscher-Tränke (MAT) in der Kälberaufzucht verwendet. Vor dem Hintergrund des auf die Verdauung von Vollmilch ausgerichteten Enzymsystems der Kälber geht die derzeitige Empfehlung hin zum Einsatz von hochwertigen MAT mit etwa 40 % Magermilchpulver-Anteil. Versuche mit Aufzuchtkälbern ab der 2. Lebenswoche in Gruppenhaltung am Tränkeautomaten haben gezeigt, dass eine Anhebung der Tränkekonzentration von 125 g MAT/l Wasser auf 160 g MAT/l Wasser zu einer Steigerung der täglichen Zunahmen um ca. 100 g je Tier führt. Über die 5-wöchige Haupttränkephase (6 Liter Tränke täglich) hinaus war eine bessere Entwicklung der Kälber zu beobachten. Noch deutlicher waren die Effekte einer höheren Tränkemenge von 10 Litern täglich im Vergleich zu 6 Litern, jeweils mit der Konzentration von 160 g MAT/l Wasser. Am Tränkeautomaten konnten hierdurch bei Kälbern von Beginn der 2. Lebenswoche an über 5 Wochen bis zum Beginn des Abtränkens die täglichen Zunahmen um 200 g auf etwa 750 g verbessert werden. Es bleibt also festzustellen, dass eine gesteigerte Versorgung mit MAT zu höheren tierischen Leistungen führt. Von besonderer Bedeutung ist dieser Aspekt immer dann, wenn die Kälber erhöhten Belastungen ausgesetzt sind, wie z.B. einer Umstallung in die Gruppe, einem Wechsel des Tränkesystems oder auch durch das Enthornen. Einige Richtwerte zur Energieversorgung von Aufzuchtkälbern für verschiedene Zunahmeniveaus sind in Tabelle 1 dargestellt.

Beifütterung und Kontrolle des Absetzzeitpunkts
Neben einer optimalen Entwicklung durch passende Tränkeversorgung ist es Ziel der Kälberaufzucht in den ersten Lebenswochen, bei dem Jungtier den Übergang vom Monogastrier zum Wiederkäuer optimal zu fördern. Grundsätzlich muss den Kälbern ab dem 8. Lebenstag nach den Vorgaben der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung Grobfutter oder sonstiges rohfaserreiches, strukturwirksames Futter angeboten werden. Je nach Verfügbarkeit bieten sich im Betrieb verschiedene Futtermittel an. Aufgrund der geringen Futteraufnahmen in den ersten Lebenswochen und der Anfälligkeit für Nacherwärmung sollte mit der Fütterung hygienisch einwandfreier Silagen (Gras und Mais) erst in der zweiten Hälfte der Tränkephase begonnen werden.

Im Versuchsbetrieb Haus Riswick wurden verschiedene Fragestellungen zur Beifütterung der Kälber bearbeitet. In früheren Versuchen erfolgte die Beifütterung in der Regel über Kuhmischrationen, die auf etwa 25 kg Milch ausgelegt waren. Gegenüber dieser Kontrolle wurden wiederholt Trockenmischrationen aus Stroh und pelletiertem Kälberkraftfutter getestet, die nach Volumen im Verhältnis 1:1 gemischt waren. In diesen Mischungen liegt nach Gewicht der Schwerpunkt auf dem Kraftfutter. Die Trockenmischration wurde von jungen Kälbern früher akzeptiert und in höheren Tagesmengen aufgenommen. Bis zum 70. Versuchstag lagen die Trockenmasseaufnahmen aus Trockenmischration um 3 kg je Tier und Tag und damit etwa 0,5 kg höher als bei den mit Kuhration gefütterten Kälbern (Abb. oben).


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Ist eine Teilnahme an der Initiative Tierwohl für Schweinemäster kostendeckend?

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Im aktuellen Band 98 der „Berichte über Landwirtschaft“, einer vom BMEL herausgegebenen Fachzeitschrift, erschien eine Literaturstudie zur „betriebswirtschaftlichen Bewertung von Maßnahmen zur Steigerung des Tierwohls am Beispiel der Initiative Tierwohl aus der Perspektive konventioneller Schweinemäster“. Anhand zahlreicher wissenschaftlicher Quellen bewertet das Autorinnen-Trio Sirkka Schukat, Theresa Ottmann und Heinke Heise, ob sich die ITW für Schweinemäster rechnet. Das Fazit der Forscherinnen von der Universität Göttingen lautet:

„Es konnte festgestellt werden, dass auf Basis der durchschnittlichen Mehrkosten, die anhand der auf Einzelkriterien basierten Kostenangaben der verschiedenen Autoren ermittelt wurden, die Boni der derzeitigen ITW-Kriterien keinen positiven Kostenausgleich schaffen. Dies gilt unabhängig davon, welche Maßnahmenkombinationen gewählt werden. Die Ergebnisse verdeutlichen weiterhin, dass die Kostenwirkung multifaktoriell bedingt ist, was eine angemessene Festsetzung der Vergütungssätze erschwert. Es zeigt sich, dass eine einzelbetriebliche Analyse ausschlaggebend und zugleich unausweichlich ist, um als Landwirt entscheiden zu können, ob sich eine Teilnahme an der ITW ökonomisch rentiert.“

Dementsprechend empfehlen die Autorinnen: „Wenngleich die Literatur gute Anhaltspunkte bietet, sollte ein Schweinemäster die Kosten von und die Erträge für Tierwohlmaßnahmen doch auch selber auf der Grundlage der individuellen Gegebenheiten seines Betriebes ermitteln. Erst damit sichert er seine unternehmerischen Entscheidungen fundiert ab.“

Kontakt:
Sirkka Schukat, Theresa Ottmann und Heinke Heise
M. Sc. Sirkka Schukat
Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung
Georg-August-Universität Göttingen
Platz der Göttinger Sieben 5
37073 Göttingen
E-Mail: sirkka.schukat@uni-goettingen.de

Die vollständige Studie steht hier zum Download bereit.

Abgabe an Antibiotika in der Tiermedizin sinkt weiter

Mengen für Fluorchinolone und Cephalosporine der 3. und 4. Generation auf niedrigstem Wert seit 2011

Die Menge der in der Tiermedizin abgegebenen Antibiotika in Deutschland ist im Jahr 2019 erneut zurückgegangen. Sie sank im Vergleich zum Vorjahr um 52,2 auf 670 Tonnen (minus 7,2 %) und erreichte damit das niedrigste Niveau seit der ersten Erfassung im Jahr 2011 mit 1.706 Tonnen. Das entspricht einem Rückgang in diesem Zeitraum von 60,7 %. Dies teilt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit, das die Daten ausgewertet hat. Erfreulich ist vor allem, dass die abgegebenen Mengen der für die Therapie beim Menschen besonders wichtigen Fluorchinolone sowie Cephalosporine der 3. und 4. Generation auf den niedrigsten Wert seit 2011 sanken.

Die Abgabemenge der Fluorchinolone ist im Vergleich zum Vorjahr um ca. 1,7 Tonnen (t) gesunken, die der Cephalosporine der 3. und 4. Generation um 0,5 t. Bei diesen Wirkstoffklassen gab es damit insgesamt eine deutliche Reduzierung. Es kann vermutet werden, dass die Änderungen der Tierärztlichen Hausapothekenverordnung (TÄHAV) hierfür mitverantwortlich sind. Die TÄHAV schreibt seit dem 1. März 2018 vor, dass bei der Anwendung von Fluorchinolonen und Cephalosporinen der 3. und 4. Generation ein Empfindlichkeitstest für Bakterien nach standardisierten Verfahren durchzuführen ist. Dieser Test ermöglicht eine Aussage darüber, ob das vorgesehene Antibiotikum überhaupt wirksam sein kann.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 670 t Antibiotika von pharmazeutischen Unternehmen und Großhändlern an Tierärzte in Deutschland abgegeben. Die Hauptabgabemengen bildeten wie in den Vorjahren Penicilline mit etwa 264 t und Tetrazykline mit etwa 140 t, gefolgt von Polypeptidantibiotika (Colistin) mit 66 t und Sulfonamiden (59 t) sowie Makroliden (57 t). Bei allen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Wirkstoffe mit besonderer Bedeutung für die Therapie beim Menschen eingestuften Antibiotikaklassen (Highest Priority Critically Important Antimicrobials for Human Medicine) wurde im Vergleich zum Vorjahr eine Reduktion erreicht (Cephalosporine der 3. und 4. Generation: -0,5 t; Fluorchinole: -1,7 t, Makrolide: -2 t; Polypeptide: -8 t).

Die gemeldeten Wirkstoffmengen lassen sich nicht einzelnen Tierarten zuordnen, da die Mehrzahl der Wirkstoffe für die Anwendung bei verschiedenen Tierarten zugelassen ist.

Von 2011 bis 2019 hat die Menge an abgegebenen Antibiotika in fast allen Regionen abgenommen. Absolut gesehen ist in der Postleit-Region 49 weiterhin mit Abstand die höchste Abgabemenge (ca. 276 t) zu verzeichnen. Für den Erfassungszeitraum von neun Jahren wurden für die Postleit-Regionen 01, 03, 07, 08, 09, 14, 16, 17, 18, 19, 23, 25, 27, 29, 31, 32, 33, 34, 36, 37, 38, 39, 44, 46, 48, 49, 56, 59, 77, 86, 89, 93, 94, 97 sowie 99 Abnahmen von 60 % und mehr berechnet.

Der Einsatz von Tierarzneimitteln, zum Beispiel Antibiotika, dient dem Ziel, kranke Tiere zu behandeln und damit die Tiergesundheit und den Tierschutz zu fördern. Der Einsatz ist gleichermaßen auf den Schutz des Verbrauchers vor Zoonosen (auf Menschen übertragbare Tierkrankheiten) und vor gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln ausgerichtet.

Die Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika stellt eine globale Bedrohung in der Human- und Veterinärmedizin dar. Der Transfer von antibiotikaresistenten Bakterien und/oder der Transfer von Resistenzgenen zwischen Mensch und Tier sind wechselseitig möglich.

Hintergrund
Seit dem Jahr 2011 muss die pharmazeutische Industrie erfassen, welche Mengen an Tierarzneimitteln, insbesondere Antibiotika, sie jährlich an Tierärzte abgeben, und diese Daten an ein zentrales Register melden. Grundlage dafür ist die DIMDI-Arzneimittelverordnung (DIMDI-AMV) vom 24. Februar 2010. Das Register wird seit Mai 2020 beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn geführt, zuvor war das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) zuständig. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Berlin nimmt die jährliche Auswertung der Daten vor.

Quelle: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Neuheit: Dairy Scratchy – die Kratzmatte von Bioret-Agri für mehr Tierwohl im Stall

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Die Dairy Scratchy von Bioret-Agri steigert nachweislich das Wohlbefinden von Kühen. Die einfache, aber bis ins Detail durchdachte Lösung für das Bedürfnis von Kühen nach Körperpflege bringt maximalen Nutzen in den Stall. Die 1500mm x 500mm große und 32mm starke Gummimatte ist zu zwei Dritteln mit starken Noppen versehen. Das Material, Neugummi SBR mit reißfester Gewebeeinlage, ist qualitätsgeprüft und brandklassifiert.

Die festen Gumminoppen reinigen durch ihr innovatives Design und ihre Anordnung beim Scheuern der Kuh das Fell und lösen auch hartnäckige Verkrustungen von der Körperoberfläche. Sie massieren die Muskulatur und regen damit die für Milchkühe wichtige Durchblutung an. Die Diary Scratchy trägt so insgesamt maßgeblich zur regelmäßigen Fell- und Hautpflege bei und fördert damit die allgemeine Tiergesundheit und das Tierwohl. Durch die flexible Anbringung der Matte, ob flächig an der Wand, zylindrisch oder quadratisch, vertikal oder horizontal, kann die Kuh viele unterschiedliche Körperstellen erreichen.

Je nach Anbringung deckt die Diary Scratchy scharfe Kanten ab und beugt damit Verletzungen der Tiere vor. Gleichzeitig kann sie Gebäude- oder Stalleinrichtungsoberflächen vor Beschädigungen schützen. Die Installation der Kratzmatte ist in allen Gebäuden ohne Aufwand möglich.

Eine Montageanleitung und zwei Befestigungsleisten werden mitgeliefert.
Dairy Scratchy benötigt keinen Strom und dementsprechend keine Wartung.
Sie ist leicht zu reinigen und auch zu desinfizieren.

„Die Wirkung von Diary Scratchy ist immer wieder verblüffend. Mit minimalem Aufwand können Tierhalter ein großes Plus an Tierwohl erzielen. Das hilft den Tieren, aber auch ihnen in ihrer Arbeit“, fasst Uwe von Briel, Verkaufsleiter von Bioret-Agri im deutschsprachigen Raum, zusammen.

Bioret-Agri ist ein französisches Familienunternehmen, das sich auf Kuhkomfort spezialisiert hat. Es wurde 1993 von Milchviehhalter Alain Bioret in der südlichen Bretagne und damit im Zentrum der Milcherzeugung Frankreichs gegründet. Seit 2007 wird das Unternehmen von Jean-Vincent Bioret geführt. Die Innovationen von Bioret-Agri sind preisgekrönt. Allein die Dairy Scratchy wurde schon kurz nach Markteintritt in 2019 mit drei internationalen Messepreisen ausgezeichnet.

Mehr in der interaktiven Website

Kontakt: Uwe von Briel, Leiter Verkauf und Marketing DACH Jahnstraße 13, 34454 Bad Arolsen, +49 163/ 302 11 74 uvonbriel@bioret-agri.com, www.bioret-agri.com

Quelle: Bioret Agri
Zone industrielle de la Sangle
44390 Nord-sur-Erdre
Frankreich

Die Kuh-Klaue, wie ein „Kunstwerk“ hegen und pflegen

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René Pijl, der bekannte Klauenpfleger aus Jever, hat ein Buch geschrieben – natürlich über die Kuhklaue. Von den verschiedenen Klauenkrankheiten, über Management, Weidegang bis zum Stallboden behandelt der Autor alle Faktoren, die die Klauengesundheit beeinflussen können.

Die Hauptaufgabe des Klauenpflegers, schreibt René Pijl im Vorwort, „besteht darin, alles Wissen über Klauengesundheit und Klauenleiden zu sammeln und auf dieser Basis zu versuchen, der Kuh ein gesundes und problemloses Leben zu ermöglichen. Sich vorzustellen, dass sie sich möglichst schmerzfrei bewegen kann, ist doch eine schöne Option. Vergesst nicht, dass wir als Pfleger nur ein kleines Teil vom Rad sind und der Kuh nur einen Schubs geben können in die richtige Richtung gesund zu bleiben. Und mit unserer Hilfe und Unterstützung können wir dazu beitragen, dass dieses Vorhaben gelingt. Wir geben den Anstoß, die Kuh macht als „Künstlerin“ alles Weitere selbst.“

Auf der Homepage des Niederländers sind Inhaltsverzeichnis und Vorwort zu finden. Dort kann das über 300 Seiten starke Werk auch für € 39,90 direkt bestellt werden.

Schweinehaltungen als Reservoir für neue Grippeviren – Studie von FLI und Partnern findet Viren mit präpandemischem Potenzial

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Schweinehaltungen bilden wichtige Reservoire für eine zunehmende Anzahl diverser Influenzaviren, die teilweise auf den Menschen übergehen können und möglicherweise präpandemisches Potenzial besitzen. Dass dies auch auf die Situation in europäischen Haltungen zutrifft, zeigt eine umfangreiche Studie, die das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) und das Universitätsklinikum Freiburg federführend mit weiteren Partnern in einem von der CEVA Tiergesundheit GmbH unterstützten Forschungsprojekt durchführten. Hierzu wurden mehr als 18.000 Einzelproben aus annähernd 2.500 schweinehaltenden Betrieben mit Atemwegserkrankungen bei Schweinen in Europa untersucht. Diese Studie wurde heute im renommierten Fachmagazin „Cell Host & Microbe“ veröffentlicht.

Schweine eignen sich hervorragend für die Vermehrung und Neusortierung von Influenzaviren die vom Mensch, Schwein oder Vogel stammen. Der Erreger der letzten menschlichen Grippepandemie Influenza A(H1N1)/2009 fand bereits 2009 Eingang in die Schweinepopulationen Europas und hat nach den Erkenntnissen der Studie eine herausragende Bedeutung für das stark anwachsende Repertoire neuartiger Virusvarianten im Schwein. Untersucht wurden Schweinehaltungen in Deutschland sowie weiteren 16 europäischen Ländern. In mehr als der Hälfte der untersuchten Betriebe wurden ganzjährig Influenzavirusinfektionen gefunden. Während vier Influenzaviruslinien mit unterschiedlicher geographischer Verteilung in den Schweinepopulationen Europas dominieren, entstehen daraus zunehmend neue Virusvarianten.

Ein Fokus der Studie war die Untersuchung von möglichen zoonotischen Eigenschaften dieser Viren, also deren mögliches Übertragungspotential auf den Menschen: Die detaillierte Analyse der Ähnlichkeiten zu humanen Viren und die Übertragungseigenschaften in Frettchen, einem Tiermodell für humane Influenza, zeigten, dass einige Varianten über zoonotisches Potential verfügen.

Weitere Viren erwiesen sich als resistent gegen einen wichtigen Bestandteil der humanen Virenabwehr: „Einige der Schweine-Influenza-Viren haben bereits eine wichtige Barriere für die Übertragung auf den Menschen überwunden. Das erhöht das Risiko deutlich“, sagt Prof. Dr. Martin Schwemmle vom Universitätsklinikum Freiburg.

Aktuelle Kenntnisse zur Infektionslage, verbesserte Bekämpfungsstrategien sowie die Optimierung von Impfstoffen für Schweine gegen Influenzaviren können wesentlich zu einem gesteigerten Tierwohl beitragen und wirtschaftliche Einbußen in der Schweineproduktion vermindern. Gleichzeitig würde ein Rückgang der Influenzaviren in Schweinebeständen eine Verringerung des Expositionsrisikos von Menschen gegenüber potentiell zoonotischen Influenzaviren aus diesem Reservoir bewirken. „Der vielbeschworene `One Health-Gedanke´ ließe sich gerade hier erfolgversprechend in praktische Projekte zum gegenseitigen Nutzen von Mensch und Tier umsetzen“, sagt Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut.

Studie
Surveillance of European domestic pig populations identifies an emerging reservoir of potentially zoonotic swine influenza A viruses
Cell Host & Microbe Link

Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut

Eutergesundheit: Tier – Mensch – Maschine: Alles im Griff?

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Von Dr. Heike Engels

Auf der Fortbildungsveranstaltung, die Boehringer Ingelheim kurz vor der Corona-Pandemie für Rindertierärzte veranstaltete, gab es ein spannendes Update zum Themenkomplex Mastitis. Da die Veranstaltung aufgrund des sich ausbreitenden Corona-Virus nicht an allen Standorten in Deutschland mehr durchgeführt werden konnte, transportiert „Der Hoftierarzt“ die wichtigsten Informationen an die Rinderhalter und Tierärzte.

Leider tritt die Eutererkrankung Mastitis noch immer sehr häufig in nahezu jedem Milchviehbetrieb weltweit auf und führt zur Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Kühe sowie zu wirtschaftlichen Einbußen. Seit einiger Zeit ist aufgrund der globalen Antibiotikaminimierungsstrategie die Vorbeugung und Therapie von Eutererkrankungen neu zu überdenken. Bestimmte Antibiotika dürfen nur noch in Sonderfällen eingesetzt werden, jeder Antibiotikaeinsatz muss gut begründet sein. Neue technische Möglichkeiten, z.B. die steigende Nutzung von Melkrobotern, sollten den Blick nicht weg vom Tier lenken.

Prof. Holm Zerbe, LMU

Es braucht neue Wege zur Therapie und Prophylaxe der Mastitis, wie Prof. Holm Zerbe von der Klinik für Wiederkäuer der LMU München in seinem Vortrag deutlich machte. Impfstrategien zeigten hier bisher leider nicht den erwarteten Erfolg, obwohl die Mastitis-Inzidenz sowie die Milchzellzahlen durchaus mit der Impfung gesenkt werden können. Die Neuinfektionsrate allerdings konnte nicht reduziert werden. Außerdem gilt die Impfung als kompliziert und zeitaufwändig. Das liege daran, dass im Euter die angeborene Immunität dominiere und nicht die adaptive. Systemische oder lokale Immunmodulatoren wären eine gute Möglichkeit, müssten aber auch erst entwickelt werden, denn bestehende Immunstärkungsmittel hätten nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Eventuell könnten auch bestimmte Futtermittelzusatzstoffe wie z.B. Hefen, B- und E-Vitamine, Selen, Kieselgur oder Reishülsen bei der Mastitistherapie helfen, auch hier ist aber noch großer Forschungsbedarf nötig.

Mastitisgefahr in Trockenstehzeit
Doch in welchem Laktationsstadium finden sich die meisten Mastitisfälle? Die meisten intramammären Infektionen finden laut Prof. Zerbe rund um das Trockenstellen und um die Geburt statt. Doch leider wurde bisher hauptsächlich das laktierende Euter untersucht, wenn es um das Auftreten von Mastitis und das Immunsystem des Euters geht. Die Kenntnisse zum Immunsystem des trockenstehenden Euters sind dagegen noch sehr begrenzt. Die Milchdrüsenepithelzelle übernimmt neben der Milchproduktion wichtige Abwehrfunktionen: Erregererkennung, Entzündungsmodulation, antimikrobielle Aktivität. Während der Laktation liefere die Milch genügend Nährstoffe für eine starke bakterielle Vermehrung, so Prof. Zerbe. Die Trockenperiode unterstütze durch das Versiegen der Milch demnach die Pathogeneliminierung und Heilung.

Das größte Risiko für Mastitis bestehe kurz nach der Abkalbung, weil sich durch den Milcheinschuss die Zitzen öffnen und so Erreger eindringen können. Der Zitzenkanal spielt eine entscheidende, nicht nur eine mechanische Rolle bei der Abwehr einer Infektion. Gleichzeitig kommen die Erreger wieder hervor, die während der Trockenstehzeit im Euter „überwintert“ haben. Denn während der Trächtigkeit scheint das Immunsystem Erreger im Euter nicht anzugreifen, es wirkt gedämpft und toleriert Erreger. Außerdem fehlt in der Trockenstehzeit der Spüleffekt durch das Melken. Durch die Geburt ist das Immunsystem weiter beansprucht und noch auf „Toleranz“ programmiert – jetzt können über einen lädierten Darm Erreger ins Blut und anschließend auch ins Euter gelangen. Erst nach einer Umstellungsphase ist das Immunsystem im Euter dann wieder auf Erregereliminierung – auch durch Entzündungsreaktionen – eingestellt.

Das Ziel der Trockenstelltherapie müsse es also sein, Neuinfektionen zu vermeiden und die bestehenden intramammären Infektionen zu eliminieren. Wenn man die erkrankten Tiere ganz zu Beginn der Infektion erkennt und behandelt, brauche man oft noch keine Antibiotika. Antiphlogese, also die Linderung von Schmerzen mittels Entzündungshemmern, sei extrem wichtig, manchmal sogar wichtiger als die Antibiose selbst. Denn nicht nur der Kuh gehe es besser, sondern die NSAIDs würden die Zellzahlen senken, weil sie die Entzündungsreaktion abmildern, und in der Folge reduzieren sich Fieber und Schmerzen sowie Gewebeschäden.

Zukünftig mehr individuelle Therapien

Dr. Ulrike Exner, Boehringer Ingelheim

Dr. Ulrike Exner, Tierärztin bei Boehringer Ingelheim, betrachtete die Zukunft der Mastitistherapie. Neue Wirkstoffe bei Antibiotika seien nicht zu erwarten, deshalb sei die Vorbeugung der Erkrankung wichtiger denn je. Eine Möglichkeit sei der Einsatz eines Zitzenversieglers zum Trockenstellen. Neue Studien zum Mikrobiom ließen vermuten, dass die physische Barriere, die durch den Einsatz eines internen Zitzenversieglers entsteht, den Erhalt einer für Kommensalen im Euter vorteilhaften Umgebung unterstützt. Dadurch könne sich das Mikrobiom im Euter über die Trockenstehzeit stabilisieren und sei weniger anfällig für negative Keimverschiebungen. Immer wichtiger werde auch das individuelle Entscheiden abhängig von Zellzahl, Mastitishistorie und beteiligten Erregern, welche Kuh wie behandelt werden müsse. Genauso individuell sei auch die Entscheidung beim Trockenstellen zu treffen, Stichwort selektives Trockenstellen. Tierärzte sollten mit ihren Landwirten über das Trockenstellmanagement sprechen. Ein möglicher Gesprächseinstieg sei hier zum Beispiel die Zellzahl in der Sammelmilch. Hat ein Betrieb über 150.000 Zellen je ml in der Sammelmilch, gelte er als Risikobetrieb für Mastitis. Werden dann noch kontagiöse Erreger wie Staph. aureus, Strep. agalactiae oder Strep. canis in der Herde nachgewiesen, ist eine Sanierungsstrategie mit antibiotischem Trockenstellen inklusive internem Zitzenversiegler für jede Kuh sinnvoll. Niedrigrisiko-Betriebe mit unter 150.000 Zellen je ml Sammelmilch dagegen könnten auf Einzelkuhebene selektiv trockenstellen, das bedeute auf Basis von festzulegender Diagnostik wahrscheinlich infizierte Kühe antibiotisch und mit Zitzenversiegler trocken zu stellen, die nicht infizierten Kühe aber nur mit einem Zitzenversiegler.

Leitkeim bestimmen
Eine Milchprobendiagnostikaktion, die Boehringer Ingelheim 2019 durchführte, ergab bei 1.321 Einsendungen, dass Strep. uberis, E. coli und coliforme Erreger, Staph. aureus, Strep. dysgalactiae und koagulase-negative Staphylokokken (KNS) die fünf wichtigsten Mastitiserreger sind – genauso wie bei einer vergleichbaren Aktion einige Jahre zuvor. Strep. uberis ist unverändert der am häufigsten nachgewiesene Erreger (23,6 %). Neu ist, dass Staph. aureus mit 11,4 % der Nachweise diesmal hinter E. coli und den coliformen Erregern (13,2 %) auf Platz 3 liegt.


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Niedersachsen, NRW und Brandenburg untersagen Langstrecken-Rindertransporte in Drittstaaten

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Das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium von NRW verbietet bis auf Weiteres die Abfertigung von langen Rindertransporten in Drittstaaten und von langen Transporten nicht abgesetzter Kälber. Die Ergebnisse amtlicher Tiertransportkontrollen, fehlende valide Informationen über Versorgungsstationen in Drittstaaten, wiederholte Überschreitungen maximaler Transportzeiten und fehlende Tränkmöglichkeiten für Kälber auf Fahrzeugen belegen, dass einige Transporte nicht bis zum Bestimmungsort in Drittstaaten tierschutzkonform durchgeführt werden. Das Ministerium hat die Kreisordnungsbehörden angewiesen, Tiertransporte auf diesen Strecken vorerst nicht mehr zu genehmigen.

Bereits im Jahr 2015 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass die tierschutzrechtlichen Vorgaben der Europäischen Union zum Tiertransport bis zum Bestimmungsort einzuhalten sind, auch wenn dieser in einem Drittstaat liegt. Die Wirtschaft ist nun in der Pflicht, Konzepte für einen tierschutzkonformen Transport entsprechend den europarechtlichen Vorgaben auch in Drittstaaten sicherzustellen. Diese Konzepte müssen Grundlage für die zuständigen Veterinärbehörden sein, rechtskonforme Entscheidungen treffen zu können.

In der Vergangenheit hat das Land Nordrhein-Westfalen bereits konkrete Tierschutzanforderungen an lange Tiertransporte vorgegeben, die von den Veterinärämtern bei der Entscheidung über eine rechtskonforme und tierschutzgerechte Abfertigung von Rindertransporten zu beachten waren. Die Veterinärämter sind aber derzeit nur in der Lage, die Transportrouten und -bedingungen in Staaten innerhalb der EU auf Plausibilität hin zu überprüfen.

Nach aktuellen Erkenntnissen reicht dies nach Einschätzung des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz nicht aus, um die Rechtskonformität langer Transporte von Rindern in Drittstaaten sicherzustellen.

Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann: „Die zuständigen Veterinärämter müssen über validere Erkenntnisse zum konkreten Transport verfügen, um durch ihre Entscheidung einen europarechtskonformen Transport bis zum Bestimmungsort in einem Drittstaat sicherstellen zu können. Eine Transportabfertigung darf nur erfolgen, wenn so gut wie sicher und nachvollziehbar dokumentiert ist, dass die Tierschutzanforderungen auf der gesamten Strecke eingehalten werden.“

Niedersächsische Ministerin Otte-Kinast: „Entscheidung für den Tierschutz“
Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium (ML) verbietet die Abfertigung von langen Nutztiertransporten in Drittländer. Das Ministerium hat die zuständigen Behörden am 23.7.2020 per Erlass angewiesen, Nutztiertransporte in Drittländer mit sofortiger Wirkung bis auf Weiteres nicht mehr zu genehmigen.

Agrarministerin Barbara Otte-Kinast kommentiert den Erlass: „Das ist eine Entscheidung für den Tierschutz. So lange bei den zuständigen Veterinärämtern zu wenig sichere Informationen vorliegen, dass die Tierschutzanforderungen auf der gesamten Strecke eingehalten werden können, so lange können wir keiner Abfertigung zustimmen.“

„Angesichts coronabedingter, schwer abschätzbarer Einschränkungen an Häfen, Grenzübergängen wie auch in Drittländern selbst kann eine rechtskonforme Durchführung von Straßen- oder Schiffstransporten in Drittländer nicht sichergestellt werden“, heißt es in dem Erlass.
Unter den derzeitigen Witterungsbedingungen und wegen der Coronapandemie geht das Ministerium davon aus, dass Transporte nicht bis zum Bestimmungsort in Drittstaaten tierschutz- und rechtskonform durchgeführt werden können.

Niedersachsen hat insbesondere seit September 2019 Erlasse mit konkreten Tierschutzanforderungen für lange Tiertransporte auf der Ost-Route sowie vor allem in die Maghreb-Staaten vorgeben, die von den Veterinärämtern bei der Entscheidung über eine rechtskonforme und tierschutzgerechte Abfertigung von Rindertransporten zu beachten sind.

Zur Thematik „Tiertransport“ wurde eine eigene Arbeitsgruppe in der „Niedersächsischen Nutztierstrategie – Tierschutzplan 4.0″ eingerichtet. Agrarministerin Barbara Otte-Kinast hat sich in mehreren Gesprächsrunden intensiv mit den niedersächsischen Rinderzuchtverbänden und Transportunternehmen ausgetauscht. Sie sieht die Wirtschaft in der Pflicht, Konzepte für einen tierschutzkonformen Transport mit hohen Standards entsprechend der europarechtlichen Vorgaben und im Sinne des Tierwohls auch darüber hinaus bis zum Bestimmungsort in Drittländern sicherzustellen.

Bereits im Jahr 2015 erklärte der Europäische Gerichtshof, dass die tierschutzrechtlichen Vorgaben der Europäischen Union zum Tiertransport bis zum Bestimmungsort einzuhalten sind, auch wenn dieser in einem Drittland liegt.

Brandenburg setzt Tiertransporte in Drittländer aus
In den Medien und durch Tierschutzorganisationen wurden erneut Missstände bei langen Tiertransporten in Drittstaaten aufgezeigt. Bis zur Klärung der erhobenen Vorwürfe werden die Landkreise Oberspreewald-Lausitz, Teltow-Fläming und Prignitz keine Rinderttiertransporte in Drittstaaten mehr abfertigen. Das wurde mit dem Verbraucherschutzministerium abgestimmt.

Dazu erklärt Verbraucherschutzministerin Ursula Nonnemacher heute: „Wir werden diese Missstände nicht hinnehmen. Tiertransporte können nur in dem Maße durchgeführt werden, in dem diese unbedingt erforderlich sind und wenn sie vollumfänglich nach den Vorgaben des Tiertransportrechts erfolgen. Das Tierleid müssen wir endlich beenden. Transporteure müssen das Tierwohl bei Transporten nachweislich sicherstellen. Ansonsten sind keine Tiertransporte möglich.“

Brandenburg hat bereits im März des Jahres die Anforderung an die Abfertigung von langen, grenzüberschreitenden Tiertransporten verschärft. „Wir werden die Anforderungen an die Plausibilitätsprüfung bei der Abfertigung von Tiertransporten unter den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, ohne eine Rechtsetzungskompetenz des Landes zu besitzen, weiter erhöhen“, so Nonnemacher.

Unmittelbar nach der Regierungsbildung und darüber hinaus haben wir das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mehrfach gebeten, die rechtlichen Grundlagen für die Tiertransporte zu verbessern sowie insbesondere die Außenvertretungskompetenz des Bundes wahrzunehmen, und für die Validität und Zuverlässigkeit der Daten für Pausen- und Versorgungsstellen in Drittstaaten Sorge zu tragen.

Auch im Rahmen der diesjährigen Verbraucherschutzministerkonferenz wurde auf Antrag von Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Berlin das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgefordert, die rechtlichen Vorgaben zur Durchführung von Tiertransporten zu verbessern. Insbesondere wurden durch die Verbraucherschutzministerinnen und -minister folgende Forderungen beschlossen:

– umfassende Überarbeitung der Tiertransportverordnung
– EU-weite Begrenzung der Schlachttiertransporte auf 8 Stunden
– Einführung von Verpflichtung, dass Tierärzte an Bord der zum Transport lebender Tiere vorgesehenen Schiffe den Transport begleiten
– Einrichtung von Kontaktstellen in Drittstaaten nach dem Vorbild der EU
– Kontrolle und Zertifizierung von Transportrouten einschließlich der Versorgungsstationen in Drittländern durch eine unabhängige Stelle
– Erstellung einer Übersicht über die in Drittstaaten für Tiertransporte erforderliche und geeignete Infrastruktur
-m Vereinbarung mit Drittstaaten, das die Versorgungsstellen von den vor Ort zuständigen Veterinärbehörden zugelassen werden

Quellen: Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen; Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz; Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg

Umweltfreundliche Netze für die Fischzucht

Auf Oberflächen im Wasser siedeln sich schnell Organismen an. Gegen das sogenannte Biofouling entwickeln CAU-Forschende eine Schutzbeschichtung, die ohne umweltschädliche Bestandteile auskommt und somit auch in der Aquakultur eingesetzt werden könnte

Weltweit werden immer mehr Süßwasser- und Meeresfische in Teichen, Zuchtbecken und Netzgehegen gezüchtet. Als Alternative zur Überfischung der Meere gestartet, stammt nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen heute jeder zweite Fisch für den Verzehr aus solchen Aquakulturen. Die verwendeten Netze werden häufig mit kupferhaltigen Anstrichen beschichtet, um eine starke Ansiedelung von Algen, Muscheln oder Seepocken zu verhindern. Diese Anstriche geben jedoch schädliche Bestandteile ins Wasser ab. Um das zu vermeiden, entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Institut für Materialwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) eine umweltfreundliche Netzbeschichtung. Die ersten Ergebnisse aus Langzeittests in einer Kieler Fischzuchtanlage zeigen, dass das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderte Projekt einen Beitrag zur nachhaltigeren Aquakultur leisten könnte. Die Beschichtung ist bereits zum Patent angemeldet, mit weiteren Praxispartnern soll das Projekt nun ausgeweitet werden.

Angesiedelte Organsimen mussten bislang aufwendig entfernt werden
In kürzester Zeit siedeln sich auf Netzen, die in der Fischzucht eingesetzt werden, Mikro- und Makroorganismen wie Algen, Muscheln oder Seepocken an. „Dieser Bewuchs ist hartnäckig und macht die Netze schwerer. Dadurch könnten sie reißen und wir unseren Fischbestand verlieren“, erklärt Meeresbiologin Dr. Yvonne Rößner. Nach ihrer Promotion an der CAU übernahm sie zusammen mit Sophie Bodenstein einen Zuchtbetrieb für Lachsforellen in der Kieler Förde. „Außerdem verringern die zugewachsenen Maschen den Nährstoffaustausch, was die Gesundheit unserer Fische gefährdet.“ Deshalb ziehen sie alle paar Tage die Netze aus dem Wasser und lassen sie durch Wind und Sonne trocknen. „Das ist zeitaufwendige und kräftezehrende Handarbeit, aber dadurch können wir komplett auf die chemische Behandlung unserer Netzgehege verzichten“, beschreibt Rößner, wie sie die Risiken des Biofoulings minimieren.

Hartnäckiger Bewuchs verlangsamt auch Schiffe und erhöht Ausstoß klimaschädlicher Abgase
Selbst aus der Wissenschaft stellen die beiden Fischzüchterinnen gerne einen Teil ihrer ungenutzten Netzgehege für das Biofouling-Forschungsprojekt aus der Arbeitsgruppe „Funktionale Nanomaterialien“ der CAU zur Verfügung. Für die Entwicklung einer Netzbeschichtung, die ohne schädliche Bestandteile auskommt, können die Materialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf Erfahrungen mit einem umweltfreundlichen Lacksystem für Schiffe zurückgreifen. Denn mit Biofouling haben weltweit auch Frachter und Sportboote zu kämpfen. Der starke Bewuchs mit Marineorganismen verringert ihre Geschwindigkeit und erhöht die Reinigungskosten sowie den Treibstoffverbrauch und damit auch die Emission klimaschädlicher Abgase.

Dagegen hat das Kieler Forschungsteam bereits einen Anstrich aus einem Polymerkomposit mit speziell geformten Keramikpartikeln entwickelt. Es sorgt für eine extrem glatte Oberfläche, an der Organismen nur schwer haften. Ein zweijähriger, erfolgreicher Praxistest brachte den Schiffsanstrich aus Kiel bis an die Küste von Zentralafrika. „Schon bald wurden wir angesprochen, ob unsere Schiffsbeschichtung nicht auch auf Fischnetzen funktioniert“, sagt die Technische Biologin Dr. Martina Baum, die das Forschungsprojekt leitet.

Kooperationsprojekt bringt Anti-Haft-Beschichtung vom Labor in die Praxis
Seitdem entwickeln sie ihre Schiffsbeschichtung für Fischzuchtnetze weiter. Gemeinsam mit dem Netzhersteller Walter Kremmin GmbH & Co. KG untersuchen sie, wie unterschiedliche Zusammensetzungen ihres Polymerkomposits auf handelsüblichen Netzen wirken und sich dort am besten auftragen lassen. „Durch die Kooperation mit dem Kieler Fischzuchtbetrieb können wir sie jetzt außerdem unter realen Bedingungen wie UV-Einstrahlung und Wasserströmung testen“, sagt Baum. Für Langzeittests beschichteten sie zwei Arten von Netzen mit verschiedenen Materialzusammensetzungen und hängten sie unterschiedlich tief in die Kieler Förde.

Insgesamt rund 400 Proben haben sie bislang getestet, nach einem Jahr liegen nun erste Langzeitergebnisse vor. „Die Organismen auf unseren beschichteten Testnetzen lassen sich sehr leicht mit der Hand abwischen“, erklärt Haoyi Qiu, Projektmitglied und Doktorand am Institut für Materialwissenschaften der CAU. „Das hängt aber auch von der Dicke unserer Beschichtung ab. Tragen wir zu viel auf, werden die Netze zu schwer und könnten reißen“, so ein Zwischenfazit des Materialwissenschaftlers.

Beschichtung soll für internationale Netztypen weiterentwickelt werden
Am Ende soll die Beschichtung in verschiedenen Ökosystemen weltweit gleichgut gegen Bewuchs wirken. Im Idealfall werden die Mikroorganismen und Larven durch die Wasserströmung sofort wieder abgetragen und können sich so gar nicht erst auf den Netzen ansiedeln, so das Ziel. „Mit weiteren Industrie- und Praxispartnern wollen wir unsere Beschichtung für verschiedene nationale und internationale Netztypen und Wasserumgebungen weiterentwickeln“, sagt Baum. Um sie in einem größeren Maßstab für die industrielle Anwendung herzustellen, arbeiten sie mit der Phi-Stone AG, einer Ausgründung der CAU, zusammen. Ein Patent für die Beschichtung hat das Team bereits angemeldet.

Das Projekt „CleaNet – Fouling-Release-Beschichtung für Aquakulturnetze“ wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramm Mittelstands (ZiM) gefördert. Die Projektleitung liegt bei der CAU, weiterer Projektpartner ist die Mechanische Netzfabrik Walter Kremmin GmbH & Co. KG aus Oldenburg.

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Gute Nachricht: Wolfsbarsch lagert kaum Mikroplastik im Muskelgewebe ein

Forschende des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) haben in einer neuen Laborstudie getestet, wie viele Mikroplastikpartikel im Muskelgewebe junger Wolfsbarsche eingelagert werden, wenn diese vier Monate lang mit einem Futtermittel gefüttert werden, welches extrem viele Mikroplastik-Teilchen enthält. Die Ergebnisse geben zumindest für diesen Speisefisch Entwarnung: Nur extrem wenige der aufgenommenen Plastikpartikel gelangten tatsächlich in die Fischfilets. Der überwiegende Teil des gefressenen Plastiks wurde von den Wolfsbarschen wieder ausgeschieden. Die Wissenschaftler deuten diese Beobachtungen als erstes Indiz dafür, dass der Verzehr von Fischfilet für Menschen auch dann unbedenklich sein kann, wenn Fische in ihrem Leben einer extremen Mikroplastikverschmutzung ausgesetzt waren. Ihre Studie ist jetzt in der Juli-Ausgabe des Fachmagazins Marine Pollution Bulletin erschienen.

Fische sind mittlerweile in jedem ihrer Lebensräume Mikroplastikpartikeln ausgesetzt – in Seen, Flüssen und Meeren ebenso wie in Aquakulturhaltung. Und man weiß, dass die Tiere die winzigen Kunststoffreste zusammen mit ihrer Nahrung aufnehmen. In der neuen Laborstudie, durchgeführt im Zentrum für Aquakulturforschung des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, haben Forschende jetzt erstmal untersucht, wie viele der gefressenen Plastikteilchen vom Darm des Wolfsbarschs in den Blutkreislauf gelangen und anschließend im Muskelgewebe eingelagert werden. „Diese Frage ist für uns Menschen vor allem deshalb relevant, weil wir in der Regel nicht den ganzen Fisch einschließlich aller Innereien verzehren, sondern vor allem seine Filets“, sagt Dr. Sinem Zeytin, AWI-Biologin und Erstautorin der neuen Studie.

Für das Laborexperiment wurden junge Europäische Wolfsbarsche (Dicentrarchus labrax) 16 Wochen lang mit Pellets aus Fischmehl, Weizenkleie, Vitaminen und Fischöl gefüttert, denen die Wissenschaftler ein Pulver aus gelb-orangefarbenen fluoreszierenden Mikroplastikpartikeln beigemischt hatten. Die Teilchen besaßen einen Durchmesser von einem bis fünf Mikrometer (der tausendste Teil eines Millimeters) und gehörten damit in die kleinste Größenordnung des Mikroplastiks. Im Laufe des Experiments fraß jeder Wolfsbarsch etwa 163 Millionen dieser mikroskopisch winzigen Kunststoffperlen. Nach Beendigung des Fütterungsexperiments filetierten die Forschenden die Fische, um deren Partikelgehalt zu überprüfen und entnahmen zusätzlich Proben von Blut, Kiemen, Darm und innere Organe wie die Leber für spätere Analysen. Teile der Fischfilets erwärmten sie in Kalilauge, sodass sich das Muskelfleisch darin vollständig auflöste. Die so gewonnene Flüssigkeit pressten die Wissenschaftler durch einen Filter, der alle einst im Filet enthaltenen Kunststoffreste auffing. Wie viele es waren, wurde anschließend unter einem Fluoreszenz-Mikroskop ausgezählt – zunächst manuell, anschließend noch einmal in einem automatisierten Verfahren.

Ein bis zwei Mikroplastik-Teilchen pro fünf Gramm Fischfilet
Die Ergebnisse überraschten die Forschenden positiv. „Obwohl wir die Wolfsbarsche einer im Vergleich zu natürlichen Verhältnissen extrem hohen Mikroplastik-Belastung ausgesetzt haben, fanden sich in ihren Filets am Ende nur 1 bis 2 Partikel pro 5 Gramm Filet“, berichtet Sinem Zeytin. „Die Fische sind auch sehr gut gewachsen und waren gesund, wir schließen daraus, dass es den Fischen anscheinend gelingt, Partikel abzusondern und wieder auszuscheiden, bevor sie im Gewebe eingelagert werden. Das ist für alle Menschen, die gern Wolfsbarsch essen, eine wirklich gute Nachricht“, ergänzt Dr. Matthew Slater, Leiter der Arbeitsgruppe Aquakulturforschung am AWI.

Angesichts des Studienaufbaus könne zudem nicht ausgeschlossen werden, dass die detektierten Mikroplastik-Teilchen gar nicht in den Muskelzellen steckten, sondern sich in dem wenigen Restblut befanden, welches noch in den Fischfilets enthalten war. „Wir haben in unserer Studie tatsächlich so gut wie keine Hinweise darauf gefunden, dass die Kunststoffteilchen vom Blut aus in die Muskelzellen gelangen“, sagt der AWI-Experte. Erste Analysen der anderen Gewebe zeigen jedoch, das Partikel aus dem Verdauungstrakt in den Blutkreislauf gelangen.

Wie aber schafften es die Mikroplastik-Teilchen aus dem Fischdarm in den Blutkreislauf? „Bisher wissen wir von zwei Wegen. Entweder gelangen die mikroskopisch kleinen Kunststofffragmente zwischen zwei Zellen in der Darmwand hindurch oder aber spezielle Transporter-Zellen fischen die Partikel aktiv aus dem Futterbrei und leiten diese dann weiter, so wie sie es auch mit Mineralien und Nährstoffen machen“, erklärt Sinem Zeytin.

Welcher dieser Prozesse überwiegt, ob es weitere gibt und wie der Partikeltransport jeweils im Detail abläuft, wollen die Forschenden in weiteren Untersuchungen des Probenmaterials herausfinden.

Die Studie war ein Kooperationsprojekt von Forschenden des Alfred-Wegener-Instituts, der Universität Bremen sowie der Labor IBEN GmbH aus Bremerhaven. Die Hälterung und Tötung der Wolfsbarsche für Forschungszwecke erfolgten mit Genehmigung des Referats für Verbraucherschutz, Veterinärwesen und Pflanzenschutz in der Senatorischen Behörde für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz in Bremen.

Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung