Internationales Projekt zur Stärkung der Aquakultur im südbaltischen Raum gestartet

Zum 1. Januar 2020 wurde das Interreg-Projekt AquaVIP (Aquaculture virtual career development platform for the South Baltic Region) ins Leben gerufen, das auf eine Entwicklung des Aquakultursektors und eine Verlagerung des Schwerpunkts in den südöstlichen Ostseeraum zielt. Das dreijährige Vorhaben wird vom Klaipeda Science and Technology Park in Litauen geleitet und von der Universität Rostock (Deutschland), der Universität Gdańsk (Polen) und der Universität Klaipeda (Litauen) begleitet. Das Projekt wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert.

Ziel der langfristigen Strategie „Blaues Wachstum“ der Europäischen Kommission ist es, das nachhaltige Wachstum in allen marinen und maritimen Wirtschaftszweigen zu unterstützen. Die Aquakultur gehört dabei zu einem der vielversprechendsten Sektoren der maritimen Wirtschaft bezüglich des Wachstums- und Arbeitsplatzpotenzials. Im südlichen Ostseeraum ist die Aquakultur bisher jedoch noch kein weit verbreiteter Wirtschaftszweig. Der Bedarf an hochqualifiziertem Personal und Wissen in der modernen Aquakultur ist sehr hoch. Hier wird das Projekt „AquaVIP“ ein Aktionsfeld haben. Das Vorhaben konzentriert sich auf die Förderung der Ausbildung durch die Förderung von Studierenden und Fachkräften in diesem Sektor mit dem Ziel, gut vorbereitete Arbeitskräfte sowie eine Ausweitung des Aquakulturmarktes im südlichen Ostseeraum zu erreichen. Die AquaVIP-Partner verfügen über langjährige Erfahrung und Kompetenzen im Bereich der Aquakultur.

Besonderes Augenmerk wird das Projekt auf die Untersuchung bewährter Praktiken und den Austausch von Wissen und Erfahrungen in Bezug auf das bereits vorhandene und zukünftige Personal für die blaue und grüne Wirtschaft des Aquakultursektors legen. Darüber hinaus wird in Zusammenarbeit mit assoziierten Partnern und weiteren Akteuren an gemeinsamen Entwicklungen maßgeschneiderter Lösungen zur Verbesserung der Personalsituation sowie der Erprobung innovativer Methoden und Instrumente gearbeitet. AquaVIP wird internationale Netzwerke mit Organisationen bilden, welche die gleichen Ziele verfolgen und sektorübergreifende Kooperationsmöglichkeiten untersuchen.

„Im Rahmen dieses Projekts werden wir eine starke Basis für die Stärkung von Aquakulturprogrammen an den Universitäten schaffen, praktische Erfahrungen für akademische Gemeinschaften bereitstellen und Bedingungen für Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt schaffen. Die innovative Aquakultur wird den Unternehmen in unserer Region und der Gesellschaft im Allgemeinen zugutekommen, da sie gesunde, sichere und regional produzierte Lebensmittel von hoher Qualität liefern wird. Der Einsatz innovativer umweltfreundlicher Produktionstechnologien wird auch neue und internationale Märkte eröffnen und damit weitere neue Arbeitsplätze und ein blau-grünes Wachstum im südlichen Ostseeraum schaffen“, betont Andrius Sutnikas, Projektleiter und Entwicklungsmanager im Wissenschafts- und Technologiepark Klaipeda.

Verschiedene Experimente, mit unterschiedlichen Schwerpunkten werden in den Einrichtungen der Partner durchgeführt und sind als Kernaktivitäten für die Ausbildung und Vernetzung der Partnerländer und des Aquakulturpersonals vorgesehen. Die Forschungsaktivitäten werden beispielsweise die Verbesserung künstlicher Nahrungsketten für die Zucht empfindlicher Fischlarven, das Thema Aquaponik, unter anderem mit der Weißfußgarnele Litopenaeus vannamei und Mikroalgen, Anwendung von Brackwasser bei der Kultur von Süßwasserfischen, geothermische Sole zum Aufsalzen des Wassers bei der RAS-Kultivierung von Meeresfischen umfassen.

Quelle: Universität Rostock

Schlupf im Stall: Raus aus der Nische?

Von Thomas Wengenroth, Dr. Heike Engels

Während das noch recht neue Verfahren „Schlupf im Stall“ für Masthähnchen in den Niederlanden und weiteren europäischen Ländern schon seit einigen Jahren praktiziert wird, ist es in Deutschland bisher noch nicht so verbreitet. Doch vielleicht wird sich das bald ändern, denn die Erfahrungen sind durchweg positiv. Wir haben uns das Verfahren der Firma NestBorn einmal genauer angeschaut.

In den vergangenen Jahren wurden Forderungen nach mehr Tierwohl immer lauter, auch und speziell für die Hähnchenmast. Im Jahr 2016 machte sich die Firma NestBorn deshalb daran, Tierwohl vom Anfang her zu denken. Entwicklungschef Erik Hoeven und sein Team entwickelten ein System für den Kükenschlupf direkt im Stall. Heute liefern Partner-Brütereien des belgischen Unternehmens Bruteier nach Deutschland, England, Frankreich, in die Niederlande und natürlich an belgische Mäster. Wöchentlich werden heute bereits 400.000-500.000 Eier ausgeliefert und die Nachfrage steigt.

Bei einer Eiauslieferung im Januar waren wir vor Ort beim Landwirt Ludger Schröer in Spelle, Emsland in Niedersachsen. Dort trafen wir Erik Hoeven von NestBorn und Anton de Jong von der niederländischen Brüterei van Hulst. Für Hähnchenmäster Ludger Schröer war es bereits die achte Brutei-Lieferung und besonders auf seine Erfahrungen waren wir gespannt. Er betreibt einen Hähnchenmaststall mit 29.000 Plätzen, daneben hält er noch Mastschweine und Mastbullen und bewirtschaftet einige Hektar Ackerland. Die Hähnchen liefert er an die holländische „De Heus Voeders B.V.“ an die Schlachterei „GPS Gecombineerde Pluimvee Schlachterijen B.V.“. Diese arbeitet nach dem Konzept Royal Top, wo die frühe Fütterung der Küken Pflicht ist. Ausschlaggebend für den Umstieg auf „Schlupf im Stall“ waren für ihn mehr Nachhaltigkeit und die Antibiotikareduktion.

Schlupf im Stall in jedem Maststall möglich
Große Vorbereitungen sind nicht nötig, wenn Eier statt Eintagsküken geliefert werden. Nur zwei Bahnen Holzspäne müssen ausgelegt und der Stall auf etwa 34 Grad Celsius vorgeheizt sein, die Bodenplatte auf maximal 28 Grad Celsius. Umbauten oder spezielle Technik sind nicht von Nöten, der Kükenschlupf kann praktisch in jedem gewöhnlichen Maststall geschehen.

Reifendesinfektion am Lege-Roboter

Die Eiablage übernimmt bei NestBorn der Lege-Roboter. Dies ist eine Maschine, die auf profillosen Reifen vom LKW rollt und 60.000 Eier pro Stunde schafft. Das bedeutet, dass das Legen der Eier im Stall von Landwirt Schröer innerhalb von einer Stunde erledigt ist. Das Bestücken der Maschine mit den bebrüteten Eiern ist Handarbeit, die Platzierung der Eier im Holzspänebett übernimmt dann der Roboter. Diese Legemaschine wird nach jedem Einsatz innen sowie außen gereinigt und desinfiziert. Spezielle Desinfektionsdüsen säubern die profillosen Reifen, während der Legeroboter vom Lastwagen in den Stall fährt und ebenso auf dem Rückweg. Für die Laborkontrolle auf Salmonellen wird eine repräsentative Anzahl Eier abgezweigt: pro Stall immer 80 Stück, deren Eierschalen auf Salmonellen beprobt werden.

Zur Überwachung von Eitemperatur, Luftfeuchtigkeit, Stalltemperatur und Kohlendioxidgehalt der Stallluft werden in regelmäßigen Abständen je vier Eier in spezielle drahtlos arbeitende Sensor-Schalen (Ovo-Scans) gelegt.

Im „Geflügel Spezial“ finden Sie den Rest der Reportage, zusammen mit weiteren spannenden Themen. Kostenfreier Sofort-Download hier.

Wo liegen die Herausforderungen in der Geflügelhaltung? Interview mit Prof. Robby Andersson

Geflügel boomt – sowohl die Nachfrage nach Eiern als auch nach Geflügelfleisch ist seit langem ungebrochen stark. Doch die Diskussionen um Klimawandel, Tierwohl und Antibiotikareduktion machen auch vor der Geflügelhaltung nicht Halt. Welchen Herausforderungen sich die Branche aktuell stellen muss, erklärt Prof. Dr. Robby Andersson. Er ist Professor an der Hochschule Osnabrück am Lehrstuhl Tierhaltung und Produkte, Studienschwerpunkt angewandte Geflügelwissenschaften.

Herr Prof. Andersson: Einer Ihrer großen Forschungsbereiche ist die Digitalisierung. Was können wir heute im Stall alles messen und beobachten?
Wir haben in Niedersachsen das große Glück, dass wir ein großes Digitalisierungsprojekt für fünf Jahre bewilligt bekommen haben. Wir haben zwei Ebenen, die uns zentral beschäftigen: erstens gilt es die Umwelt der Tiere zu erfassen und zwar möglichst detailliert, d. h. wir messen nicht mehr nur Zu- und Abluft und dazwischen ist eine Black-Box. In verschiedenen Stallbereichen werden Schadgaskonzentrationen, vor allem NH3 und auch CO2 erfasst um dann über eine intelligente Lüftung das Stallklima entsprechend zu optimieren. Wir konzentrieren uns stark auf Ammoniak, nicht nur aufgrund politischer Forderungen, die auf Umweltwirkungen abzielen, sondern zentral auch aus Tiergesundheitsgründen.

Die zweite große Baustelle ist die berührungslose Erfassung und Beurteilung der Situation der Tiere, sprich mit Kameratechnik. Wir wollen Haltungssysteme aufgrund tierbezogener Daten erfassen und bewerten, also ein Haltungssystem nicht so bauen, wie es der Mensch für gut befindet, sondern wie es aufgrund der Informationen vom Tier zu beurteilen ist.

Hier geht es u.a. um die Bewegungsaktivität, sind die Tiere altersabhängig mehr oder weniger aktiv, es geht dabei natürlich auch um Verhaltensstörungen und deren Früherkennung. Je früher ich etwas erkenne, desto früher kann ich erfolgreich reagieren: Konkret, die Vermeidung von Federpicken, Kannibalismus und bei Puten Beschädigungspicken.

Und Sie konzentrieren sich in Ihrer Forschung auf Broiler, Hühner und Puten?
Genau, Entenhaltung ist in Deutschland ja ein bisschen schwierig zurzeit. In Ställen von Wassergeflügel sind wir im Moment gar nicht unterwegs.

Noch mal zurück zu den Messungen des Stallklima: Temperatur ist klar, NH3 haben Sie angesprochen, aber auch der CO2-Gehalt der Luft kann eine wichtige Rolle spielen.
Das ist aktuell eine ganz große Herausforderung, wenn Küken schlüpfen. Laut gesetzlicher Vorgaben sind maximal 3.000 ppm in der Stallluft erlaubt, normal sind 400 bis 500 ppm in der Zuluft. Um einen möglichst synchronen Schlupf hinzubekommen, wird die sehr kurzfristige Erhöhung der CO2-Konzentration geprüft. Man möchte so den Küken im Ei mitteilen: alle anderen Küken sind am Schlüpfen, sieh auch du zu aus dem Ei zu kommen, mal etwas platt gesagt. Und dann müssen wir natürlich mit der CO2-Konzentration sehr schnell und radikal wieder runter. Die optimalen Kurven dazu hat wohl noch keiner, aber daran wird gearbeitet.

Es gibt Unterschiede im Verhalten von Hühnern und Puten. Sind die einen einfach ruhiger und die anderen aktiver?
Man findet einige Praktiker, die viel Erfahrung mit Hühnern haben und dann davon ausgehen, eine Pute sei ein zu groß geratenes Huhn. Aber die machen vieles nicht so ganz richtig, denn die Verhaltensmuster sind sehr, sehr unterschiedlich. Sie können das Verhalten von Hühnern nur im weitesten Sinne auf Puten übertragen, aber niemals eins-zu-eins.

Puten haben eine andere Wahrnehmung als Hühner, sie sehen z.B. das Futter anders und damit sind schon viele unserer Erfahrungen vom Huhn nicht übertragbar. Auch das Lernen der Puten ist, da sie ja in anderen Zeitfenstern ihre physiologische Entwicklung durchlaufen, anders als beim Huhn.

Das Verhalten von Puten zu verstehen ist schwierig, über Hühner wissen wir dagegen recht viel. Das macht auch den Verzicht auf das Schnabelkürzen so schwer, denn wenn man das Verhalten der Pute noch nicht richtig versteht, wo will man dann anfangen zu optimieren?

Aber wenn Sie das Verhalten von Hühnern beobachten, gibt es Schwellenwerte bei denen ein Alarm ausgelöst und dem Tierhalter gleich gesagt wird, was passiert ist und an welcher Stellschraube er drehen muss?
Genau so ist das Fernziel, aber die Projekte laufen alle erst an. Wir versuchen die Datenfluten über künstliche Intelligenz zu verdichten um Hinweise zu bekommen, wo man als Erstes und wo als Letztes hingucken sollte. Wir haben manchmal Situationen, mit denen niemand rechnet: die Futterkette ist gerissen oder im Silo hängt das Futter fest oder ganze Tränkelinien funktionieren nicht, weil sich irgendwo ein Pfropfen gebildet hat. So etwas hat natürlich sofort verheerende Folgen, auch das versuchen wir über Alarmsysteme frühzeitig zu erkennen. Bei der Suche nach den Ursachen für Verhaltensstörungen denkt man leider nicht immer an die Basics, die auf jeden Fall funktionieren müssen.

Zu hohe oder niedrige Temperatur im Stall ist ja noch einfach zu erkennen und auch die Lösung ist in dem Fall einfach. Aber können Sie denn tatsächlich aus dem Verhalten der Hühner genau ableiten, wo ein Problem vorliegt, also z.B. wenn es kein Wasser gibt?
Nein, eins-zu-eins wäre toll. Verhaltensstörungen treten überwiegend im Bewegungs- und Nahrungsaufnahmeverhalten auf, die Ursachen können aber überall liegen und deswegen ist deren Identifikation extrem schwer. Wir haben nur einen Alarm und wissen, dass etwas nicht stimmt, aber dann ist das Fachwissen des Tierhalters gefragt, um zu entscheiden was er als erstes überprüft.

Können Sie ihm denn dafür eine Checkliste an die Hand geben?
Ja, davon träumen viele, wir nennen es „Kochbuch“. Aber so weit sind wir noch nicht und ich weiß auch nicht, ob es das jemals geben kann. Jeder Betrieb, jede Herde, jede Region ist anders. Der Tierhalter muss jeweils auf einen digitalen Datenpool, bzw. dessen Informationen zurückgreifen, aber angesichts der Situation im analogen Stall ist zu entscheiden, was zu tun ist.

Der intelligenteste Sensor muss also der Landwirt sein?
Ja, auf jeden Fall!

Und wo kann ich in Deutschland lernen ein guter Vogelhalter zu sein – außer bei Ihnen in Osnabrück?
Das ist mittlerweile ein riesengroßes Problem, weil wir unsere Ausbildungseinheiten alle runterfahren, auch an den Agrarfakultäten. Wir gehören, nach meiner Einschätzung, heute zu den ganz Wenigen, die in Deutschland systematisch und über alle Fachdisziplinen hinweg überhaupt eine Ausbildung im Geflügelbereich anbieten. Und das ist nicht gut.

Wenn man bedenkt, dass die Bedeutung des Geflügelfleischs z. B. stetig wächst, genau das falsche Signal.
Da ist die Politik gefragt und ich weiß nicht, warum die das nicht erkennt und nicht gezielt in Aus- und Fortbildung junger Leute investiert.

Im „Geflügel Spezial“ steht die Fortsetzung des Interviews, zusammen mit weiteren spannenden Themen. Kostenfreier Sofort-Download hier.

Farm-to-Fork-Strategie: Tiergesundheitsverbände unterstützen eine auf Innovation basierende Transformation des EU-Lebensmittelsystems

Der europäische Verband der Tiergesundheitsindustrie, AnimalhealthEurope und der deutsche Bundesverband für Tiergesundheit (BfT) unterstützen das Bestreben der Europäischen Kommission, ein faires, gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem zu schaffen, dessen Transformation auf innovativen und die Ziele ermöglichenden Technologien fußt, ohne die biologische Vielfalt und die Umwelt zu vernachlässigen. Innovative digitale Instrumente und Krankheitsvorbeuge für gesunde Tierbestände können dazu beitragen, diesen Übergang zu beschleunigen. Landwirte und Tierärzte sollten dazu durch Zugang zu allen verfügbaren Instrumenten unterstützt werden, um die Gesundheit zu schützen, den Tierschutz zu gewährleisten und schnell auf Krankheitsausbrüche zu reagieren. Damit könnte ein wirksamer Weg zu einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion beschritten werden, bei dem die Lebensmittelversorgung und -sicherheit für die EU-Bürger weiterhin im Mittelpunkt steht.

Die aktuelle Krisensituation bei COVID-19 hat gezeigt, dass Gesundheit, Nahrungsmittelversorgung und finanzielle Stabilität nicht als selbstverständlich betrachtet werden können. Eine ausgewogene Transformation sollte ein robustes und belastbares System der Nahrungsmittelgewinnung und -versorgung unterstützen, das unter allen Umständen weiterhin funktioniert. Als solche ergänzt eine Politik, die im Sinne von One-Health die Faktoren Mensch, Tier und Umwelt berücksichtigt, die Strategie vom Hof auf den Tisch (Farm-to-Fork), die Hand in Hand mit dem Schutz der öffentlichen Gesundheit die Lebensmittelsicherheit und -versorgung für alle gewährleisten muss. Tiergesundheit ist in allen verschiedenen Produktionsformen von Bedeutung. Mit Blick darauf sollten Innovationen unterstützt werden, die zur Vorbeugung und Bekämpfung von Tierseuchen beitragen und so eine sichere Versorgung mit qualitativ hochwertigen und nahrhaften Produkten wie Fleisch, Milch, Fisch und Eier gewährleisten.

„Mit jeder Transformation ist eine notwendige Investition verbunden. Die Priorisierung der Finanzierung innovativer Tiergesundheitsforschung auf nationaler und europäischer Ebene durch Programme wie Horizon Europe kann dringend benötigte Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten unterstützen, um neue Generationen von Impfstoffen und andere vorbeugende Instrumente sowie Therapien zu entwickeln. Darüber hinaus kann die Unterstützung der Landwirte bei der Investition in digitale Überwachungsinstrumente eine Echtzeitüberwachung des physischen Zustands des Tieres ermöglichen. Hierdurch können die Landwirte ihre Tier besser vor Krankheiten schützen und gleichzeitig wird das Wohlbefinden von Nutztieren gefördert und eine nachhaltige Nutztierhaltung unterstützt“, sagte Roxane Feller, Generalsekretär von AnimalhealthEurope.

Quelle Bundesverband für Tiergesundheit e.V. (BfT)

Massentierhaltung à la 18. Jhd.

London hatte Mitte des 18. Jhd. 650.000 Einwohner, 1850 waren es bereits 2,3 Mio. Für die Versorgung der englischen Hauptstadt mit Fleisch wurden zu dieser Zeit 277.000 Rinder und 1,6 Mio. Schafe im Jahr benötigt, dazu Schweine und Geflügel aller Art.

Ab Mitte des 19. Jhd., als das Eisenbahnnetz ausreichend ausgebaut war, wurden zerlegte s Fleisch herangeschafft. In den Jahrhunderten zuvor musste das Schlachtvieh nach London getrieben werden. Rinder kamen aus weit entfernten Gegenden wie Schottland und Irland, aber auch aus Norfolk und Wales. Bei 2 Meilen pro Stunde und 12 Stunden Viehtrieb pro Tag, dauerte es 20 bis 25 Tage, walisische Rinder nach London zu treiben. Danach waren die Tiere so abgemagert, dass sie für zwei, drei Wochen auf Weiden vor den Toren der Stadt wieder aufgepäppelt werden mussten.

Um die Distanzen überhaupt bewältigen zu können, wurden die Rinder mit Klaueneisen beschlagen. Schweine, die ebenfalls über große Distanzen getrieben wurden, bekamen teilweise gestrickte Woll-Stiefel mit Ledersohle verpasst. Und Gänse (ja, auch die wurden in Herden geliefert) trieb man vor dem Marsch durch Teer, Sägespäne und Split, um ihre Füße zu „schonen“. Vor allem Mitte August machten sich Gänsehirten aus East Anglia mit ihren Herden auf den Weg. Stoppelfeldern dienten den Gänsen als Futterquelle und rechtzeitig am 29. September kamen sie in London an, um zu Michaelis geschlachtet zu werden (250.000 Tiere nur für diesen Feiertag).

Aber Viehtrieb allein reichte zur Versorgung nicht aus, auch in der Hauptstadt selbst wurde etliches Vieh gehalten. In zahllosen Hinterhöfen und Kellern wurden ein, zwei Schweine mit Essensresten und Abfällen gemästet. In großem Stil taten das aber die zahlreichen Brauereien und Molkereien. Im 18. Jhd. hielt Johnson’s Brennerei 3.000 Schweine, die Konkurrenten Benwell’s und Bush’s verfütterten ihre Koppelprodukte an 4.000 bzw. 2.000 Tiere.

Geflügel gab es in zigtausend Haushalten. Hühner, Gänse und Enten, meist in Käfigen oder Kellern in kompletter Dunkelheit gehalten (einem Zustand, dem sich englische Hühnerhalter teils heute wieder annähern).

Aber auch Milch kauften die Londoner gerne regional und auch lokal: 1794 gab es etwa 8.500 Milchkühe in der City, 1850 waren es 20.000. Meist waren die Bestände in und um die Stadt zwar klein, aber 1810 hielt Richard Laycock schon 500-600 Kühe auf 225 ha Weidefläche.

„Er fütterte seinen Kühen eine gesunde Ration aus Biertreber, Rüben, Kohl, Kartoffeln und Heu; über Nacht wurden die Tiere auf die Weide gelassen. Die Kühe waren jung, nicht älter als drei oder vier Jahre, und wenn ihre Milchleistung abnahm, wurden zur Schlachtung gemästet.“

Und weil noch keine Kühlung zur Verfügung stand, gab es täglich Frischmilch für die Londoner. Am Straßenrand angeboten aus der Kanne und noch euterwarm oder etwas kühler, wenn die Kanne zuerst mit einem Teil Wasser befüllt worden war.

Aus: Hannah Velten, Beastly London – A History of Animals in the City,
Reaktion Books, € 16,95 zzgl. Versandkosten

Leicoma Schwein vor dem Aussterben gerettet

Die am meisten gefährdete, einheimische Schweinerasse erholt sich. Über 60 Schweinezucht-Interessierte folgten einem Aufruf der BLE. Inzwischen gibt es Förderung in mehreren Bundesländern und Zuchtbücher in zwei Schweinezuchtverbänden.

Zum Internationalen Tag der Biologischen Vielfalt am 22. Mai 2020 gibt es eine Erfolgsmeldung aus der Schweinezucht: Von der nach wie vor gefährdetsten einheimischen Schweinerasse existieren heute wieder 83 im Herdbuch eingetragene Sauen und 21 Eber. Ein Erfolg, an dem sowohl Züchter als auch Politik beteiligt sind. Das Fleisch des Leicoma Schweins ist bekannt für seine hohe Qualität – Probieren könnte bald häufiger möglich sein.

Öffentlicher Aufruf erfolgreich
Im Jahr 2012 züchtete nur noch ein Betrieb Leicomas. Damals gab es weniger als 30 Zuchttiere der robusten Schweinerasse. Daraufhin startete das Informations- und Koordinationszentrum Biologische Vielfalt (IBV) einen Aufruf in der Presse nach interessierten Züchtern, um das Aussterben des Leicomas zu verhindern. Über 60 Interessenten konnte das IBV daraufhin an den verbleibenden Leicoma-Zuchtbetrieb vermitteln. Es folgten zahlreiche Aktivitäten in den Bundesländern.

Zum Beispiel wurden in Sachsen-Anhalt Leicoma Sauen erfolgreich mit tiefgefrorenen Spermareserven früherer Leicoma Eber besamt, um die Vielfalt innerhalb der Rasse zu erhalten. Auch half das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt bei der Verteilung der letzten Leicoma Schweine an interessierte Betriebe. Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt bieten inzwischen eine Förderung für die Zucht von Leicoma Schwei-nen an. Nun zeigt sich der Erfolg mit einem dynamischen Anstieg der Tierzahlen und Zuchtbetriebe, schwerpunktmäßig in Mitteldeutschland. Inzwischen führen zwei Schweinezuchtverbände ein Zuchtbuch für Leicomas.

Hohe Fleischqualität, robuste Tiere
Auf den ersten Blick sieht das Leicoma aus wie ein gewöhnliches Schwein. Das herausragende Merkmal der Rasse ist die hohe Fleischqualität. Weitere Vorzüge sind seine Robustheit und seine ausgeprägte Mütterlichkeit. Derzeit können Erzeugnisse vom Leicoma Schwein meist direkt bei den Zuchtbetrieben gekauft werden. Verbraucherinnen und Verbraucher können mit ihrer Nachfrage den Erhalt des Leicomas in der Landwirtschaft unterstützen.

Weitere Informationen zu gefährdeten Nutztierrassen sind in der Roten Liste einheimischer Nutztierrassen in Deutschland verfügbar. Das IBV in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gibt diese Broschüre heraus. Sie kann kostenlos bei ibv@ble.de bestellt oder heruntergeladen werden.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

Studie untersucht natürliches Abwehrverhalten gegen Varroamilben bei Honigbienen

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Die Varroamilbe ist weltweit der bedeutendste Parasit der Westlichen Honigbiene. Die Fähigkeit einiger Bienenpopulationen, die Milbenvermehrung bereits in den Brutzellen aktiv zu unterdrücken, wird derzeit in einem Verbundprojekt untersucht, das vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert und von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) betreut wird. Im ersten Projektjahr wurden bereits über 100 Züchter auf Untersuchungen der Brutproben geschult und mehr als 860 Bienenvölker auf das natürliche Abwehrverhalten hin geprüft.

Mit dem Weltbienentag am 20. Mai unterstreichen die Vereinten Nationen die Bedeutung der Bienen für die Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität. Die Selektion varroaresistenter und leistungsfähiger Honigbienen ist dabei eine bedeutende Strategie zum Bienenschutz. In der Zuchtauslese werden neben den gängigen Kriterien wie Honigertrag, Sanftmut und Wabenfestigkeit deshalb auch zunehmend Resistenzmerkmale der Bienen berücksichtigt, die ein aktives Abwehrverhalten gegen den Parasiten anzeigen.

Untersuchungen zeigen: Bienen räumen milbenbefallene Brutzellen gezielt aus
Einige Bienenpopulationen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, die Milbenvermehrung in den Brutzellen aktiv zu unterdrücken (SMR, suppressed mite reproduction). Diese genetisch bedingte Eigenschaft äußert sich insbesondere in dem gezielten Ausräumen, also dem Öffnen und Wiederverschließen von Varroamilben-befallenen Brutzellen (REC, recapping). Eine umfangreiche Prüfung von Bienenvölkern auf die SMR- sowie REC-Ausprägungen wird im Verbundprojekt „SMR-Selektion“ realisiert mit dem Ziel, varroaresistente Honigbienen zu züchten.

Ziel: Effektive Selektion des Verhaltens – schnelle Verbreitung erwünscht
Im Gegensatz zur normalerweise zufälligen Begattung der Königin durch mehrere Drohnen sollen Bienenköniginnen hier gezielt mit dem Sperma eines einzelnen Drohns besamt werden. So soll eine effektive Selektion der spezifischen Verhaltensanlagen erreicht werden. Darüber hinaus haben die Züchter künftig an mehreren Belegstellen die Möglichkeit, ihre Bienenköniginnen mit SMR-selektierten Völkern, die nur aus Drohnen bestehen, zu verpaaren, um so die gewünschten Verhaltensmerkmale schnell zu verbreiten.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

DGfZ stellt Positionspapier zur Zukunft einer gesunden Milchkuh vor

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Wie sieht unsere aktuelle Milchviehzucht und -haltung aus? Wo brauchen wir zukunftsweisende Veränderungen? Welche Vorteile und welche Nachteile entstehen bei unterschiedlichen Strategien? Viele Fragen auf die die DGfZ-Projektgruppe Zukunft gesunde Milchkuh in ihrem Positionspapier Antworten liefert.

Die Projektgruppe der Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) Zukunft gesunde Milchkuh hat ihr Positionspapier Zukunftsfähige Konzepte für die Zucht und Haltung von Milchvieh im Sinne von Tierschutz, Ökologie und Ökonomie veröffentlicht, an dem Landwirte, Wissenschaftler, Züchter und Tierärzte mitgewirkt haben. Das Papier zeigt Strategien für die Zucht, Haltung und Fütterung sowie das dazugehörige Management für eine zukunftsfähige Milchviehhaltung auf. Dabei wurden Möglichkeiten und Grenzen von Maßnahmen wissenschaftlich fundiert erörtert, denn nicht jeder Wunsch der Gesellschaft ist unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen der Produktion umsetzbar. Bestehende Zielkonflikte haben darüber hinaus einen entscheidenden Einfluss darauf, welche betriebsindividuellen Entscheidungen der Landwirt treffen muss. Dies deutlich zu kommunizieren, ist ein Grundbaustein für die Akzeptanz der zukünftigen Milchviehhaltung in Deutschland.

Die Nutztierhaltung spielt zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie der Ernährungssicherung und des Klimawandels eine große Rolle. Die Leistung der Nutztiere, Wechselwirkungen zwischen Leistung und Tiergesundheit sowie die Nutzungsdauer der Tiere sorgen immer wieder für gesellschaftliche Diskussionen und leider auch viel zu oft für negative Schlagzeilen, die eine ganze Berufsgruppe diskreditieren und die Verbraucher verunsichern. Die derzeitige große Herausforderung für Wissenschaft, Praxis und Beratung besteht darin, die aktuellen Tierhaltungssysteme so weiterzuentwickeln, dass die Aspekte der Tiergesundheit, der Leistungsfähigkeit, der Ökologie, der Ökonomie und der in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen mit dem Ziel der gesellschaftlichen Akzeptanz bestmöglich in Einklang gebracht werden. Dabei müssen die Aspekte interdisziplinär betrachtet und bewertet werden.

Was kann die Zucht leisten?
Genetik, Zucht und Selektion haben seit jeher einen großen Einfluss auf Menge und Qualität tierischer Produkte. Zuchtziele haben sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert und sich oftmals den Bedürfnissen der Gesellschaft angepasst. Neben der Bewältigung globaler Herausforderungen hat die Tierzucht das Ziel, die Genetik stets zu verbessern, um die Wettbewerbsfähigkeit der Milchviehhalter zu sichern. Ziel sollte daher sein, eine gesunde, robuste, thermotolerante Kuh mit einer langen Nutzungsdauer zu züchten. Dafür stehen dem Landwirt verschiedene Instrumente wie zum Beispiel die genomische Zuchtwertschätzung zur Verfügung, die in den letzten Jahrzehnten stets verbessert wurden.

Mit diesen neuen Selektionsinstrumenten sowie der Anwendung neuer Zuchtwerte lassen sich auch betriebsindividuelle Zuchtziele leichter erreichen. Da schon zur Geburt des Kalbes deutlich genauere genomische Zuchtwerte vorliegen, haben Landwirte jetzt die Möglichkeit, bereits frühzeitig Selektionsentscheidungen zu treffen. Idealerweise können die genetisch wertvollsten Tiere mit gesextem Sperma von hochwertigen Bullen belegt werden und die genetisch schwächeren mit Gebrauchskreuzungsbullen. Alternativ können genetisch schwächere Tiere auch als Trägertiere für wertvolle Embryonen von genomisch selektierten Toptieren genutzt werden.

Folglich kann die Anzahl an Rindern für die Remontierung gesenkt und damit die durchschnittliche Nutzungsdauer der Kühe gesteigert werden. Kreuzungskälber erzielen zudem einen besseren Preis, allerdings könnte die Geburt schwieriger verlaufen.

Auch die Anwendung neuer Zuchtwerte kann erheblich zum Tierwohl, zur Ressourcenschonung und zur ökonomischen Stabilität beitragen. Im April 2019 wurde die Zuchtwertschätzung für insgesamt 13 Gesundheitsmerkmale eingeführt (RZGesund), und ab August 2020 soll ein neuer ökonomischer Gesamtzuchtwert etabliert werden. Ab 2021 ist dann geplant, Gesundheitszuchtwerte im Gesamtzuchtwert RZG zu berücksichtigen. Neben diesen Entwicklungen steht in nächster Zukunft die Entwicklung von Zuchtwertschätzsystemen für die Merkmale Futteraufnahmevermögen und Futtereffizienz im Vordergrund.

Führt eine geringere Milchleistung wirklich zu einer Verbesserung der Gesundheit und einer Verlängerung der Nutzungsdauer? Dieses häufig vorgebrachte Argument wurde von der Projektgruppe genauer unter die Lupe genommen. Auswertungen relevanter Kennziffern zeigen für praktische Milchviehbetriebe mit höheren Milchleistungen eine vergleichsweise bessere Gesundheit und Nutzungsdauer bei guter Managementqualität. Diese ist allerdings eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde Herde. Die Projektgruppe hält daher die Einführung von neuen gesundheitsbezogenen Merkmalen sowie die Nutzung genomischer Informationen für einen effektiven Weg, die Nachhaltigkeit der Milchproduktion zu verbessern.

Vorschläge für Verbesserungen des Haltungssystems
Um auch in Zukunft nachhaltig Milch zu produzieren, bedarf es einer intensiveren Kälberaufzucht, einem geringeren Ausscheiden von Jungkühen und somit einer deutlichen Erhöhung der Nutzungsdauer und Verringerung der Reproduktionsraten. Ein Aspekt, der in Zukunft möglicherweise verstärkt in einigen Betrieben der Milchviehhaltung Umsetzung finden wird, ist eine längere Freiwillige Wartezeit von der Kalbung bis zur erneuten Besamung. Untersuchungen der LFA MV ergaben eine deutlich bessere Persistenz der Laktation bei spät besamten Kühen. Die Kühe mit einer Freiwilligen Wartezeit von 180 Tagen hatten wie in den Untersuchungen des LFA MV 1.000 kg mehr Milch in der 305-Tage-Leistung. Zudem wiesen sie mit 50 % den höchsten Erstbesamungserfolg auf. Aufpassen muss man, dass die Kühe zu Laktationsende nicht verfetten. Man muss sie aber wahrscheinlich auch nicht mit 30 kg Milch und mehr trockenstellen und spart ggf. Antibiotikum.

Die technischen Entwicklungen schreiten auch in der Tierhaltung immer weiter voran. Zunehmende Automatisierung und Nutzung von Sensortechniken bieten Vorteile, die sich sowohl positiv auf die Tiergesundheit als auch auf das betriebswirtschaftliche Ergebnis auswirken können. Weitere Aspekte wie das Fütterungsmanagement und die Rationsgestaltung, Besonderheiten in der Transitphase, Emissionsminderung und Klimawandel werden in dem Positionspapier ausführlich behandelt.

Mitglieder der Projektgruppe: Prof. Gerhard Breves (Tierärztliche Hochschule Hannover, Leiter), Thomas Engelhard (LLG Sachsen-Anhalt), Ulrich Westrup (Westrup-Koch GbR Bissendorf, Landwirt), Dr. Otto-Werner Marquardt (DGfZ Bonn), Dr. Johannes Heise (vit Verden), Dr. Bettina Bongartz (DGfZ Bonn), Dr. Jan Hendrik Schneider (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft), Dr. Anke Römer (LFA MV Dummerstorf), Hans-Willi Warder (Osnabrücker Herdbuch eG), Dr. Reinhard Reents (vit Verden)

Download des Positionspapiers

Quelle: DGfZ

Hitze verlangt Kontrolle – Die Eutergesundheit sichern, bevor es warm wird!

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Von Dr. Joachim Lübbo Kleen, Fachtierarzt für Rinder, CowConsult

Mit dem Euter der Kuh wird das Geld verdient – dementsprechend ist die Bedeutung der Eutergesundheit kaum zu überschätzen. Euterprobleme sind neben Lahmheit und Fruchtbarkeitsproblemen der Hauptabgangsgrund für Milchkühe. Von einer chronisch euterkranken Kuh ist weniger Leistung zu erwarten, und damit sinkt auch der Wert des Tiers. Besonders im Sommer steigt die Anfälligkeit für Euterprobleme. Doch warum eigentlich ist das so?

Akute Mastitiden beeinträchtigen deutlich die aktuelle und zukünftige Milchproduktion, und so wird nach einer schweren Euterentzündung nur mehr 80-95 % der theoretisch möglichen Milchleistung erreicht. Die Kosten eines einzigen Falles von Euterentzündung gehen also über die eigentlichen Behandlungskosten hinaus: Remontierungskosten, Produktionsverluste und zusätzlicher Arbeitsaufwand addieren sich zu einer beträchtlichen Summe.

Gerade im Sommer ist die Eutergesundheit eine Herausforderung für den gesamten Betrieb: Zellzahlen steigen in den warmen Monaten erfahrungsgemäß an und klinische Mastitiden nehmen zu, bzw. haben einen schwereren Verlauf. In den Sommermonaten sind viele Bereiche schwerer unter Kontrolle zu halten. Es gilt also, sich auf möglicherweise entstehende Probleme in den Sommermonaten vorzubereiten und Risiken zu kontrollieren, bevor sich die Eutergesundheit verschlechtert. Sehen wir uns die Kontrollbereiche und ihre mögliche Kontrolle also einmal genauer an.

Bereich 1: Eutergesundheit kontrollieren: Zellzahlberichte nutzen!
Ein zentraler Punkt für die Beurteilung der Eutergesundheit in einer Herde ist nach wie vor die Tankmilchzellzahl. Hierbei ist zu beachten, dass die Zellzahl der abgelieferten Milch sich nicht selten von der tatsächlichen Herdenzellzahl unterscheidet: Je nachdem, wie viele Tiere durch akute oder chronische Eutererkrankungen aus der Tankmilch herausfallen, kann es zu z.T. deutlichen Unterschieden zwischen den Werten kommen. Entscheidend ist also nicht die Zellzahl in der abgelieferten Milch, sondern die Zellzahl in der MLP. Da die Gesamt-Zellzahl nur wenig Auskunft über Veränderungen in der Herde gibt und von wenigen Tieren stark beeinflusst werden kann, sollte …


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Mäuseherzen als Schlüssel für bessere Heilungschancen in der Humanmedizin

Forscherteam aus MV kann erstmals Zellstrukturen des Herzens vollständig darstellen

Einem interdisziplinären Forscherteam, bestehend aus Wissenschaftlern des Leibniz-Institutes für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf und der Universität Rostock, ist es gelungen, die Zellpopulationen und insbesondere die Subpopulationen im Herzen erwachsener Mäuse vollständig zu entschlüsseln und auch die Dynamiken der einzelnen Zellgruppen aufzuzeigen.

„Dabei wurde auch eine Gruppe von Gefäßwandzellen entdeckt, die Eigenschaften von Herzmuskelzellen aufweisen. Da Herzmuskelzellen sich im Allgemeinen nicht mehr teilen können, weshalb es nach einem Infarkt zu bleibenden Schäden kommt, wäre die Entdeckung einer Quelle zur Bildung neuer Herzmuskelzellen vor allem für die regernative Herzmedizin von besonderer Bedeutung“, betonte Dr. Anne-Marie Galow vom Institut für Genombiologie am FBN. Um die zelluläre Zusammensetzung eines kompletten Organs zu erfassen, wurden erstmalig tausende Zellkerne aus dem Herzen ausgewachsener Mäuse sequenziert, bioinformatisch analysiert und so bestimmten Zellpopulationen zugeordnet.

Der Forschungserfolg wurde im Rahmen des Verbundforschungsvorhabens „Programmierte Herzschrittmacherzellen zur in vitro Medikamententestung (iRhythmics)“ erzielt und Anfang des Jahres in „Cells“, einer internationalen Open-Access-Zeitschrift für Zellbiologie, Molekularbiologie und Biophysik veröffentlicht*. Erstautoren sind Dr. Anne-Marie Galow (FBN) sowie Paula Müller (Klinik für Herzmedizin, Universitätsmedizin Rostock) und Markus Wolfien (Lehrstuhl für Systembiologie und Informatik, Universität Rostock).

Das Projekt, das von der EU und der Landesregierung MV mit rund zwei Millionen Euro gefördert wird, läuft seit Oktober 2018. Beteiligt ist unter Federführung der Universitätsmedizin und Universität Rostock (Prof. Dr. Robert David) neben dem Institut für Genombiologie am FBN in Dummerstorf die Universitätsmedizin Greifswald. Ziel des Projektes der Landesexzellenzforschung ist es, aus unreifen Herzmuskel-Vorläuferzellen schlagende Herzmuskelzellen, sogenannte „programmierte Herzschrittmacherzellen“ herzustellen. Diese bieten die Möglichkeit, neuartige Medikamententests für Herz- und Kreislauferkrankungen in der Petrischale und ohne Tierversuche durchzuführen. Das FBN ist in dem Gemeinschaftsprojekt für die umfassenden Genexpressionsanalysen der programmierten Schrittmacherzellen und die Auswertung der Daten zuständig.

Neue Erkenntnisse über die Dynamik und Vernetzung von Herzzellen
Die zelluläre Zusammensetzung einiger anderer Organe konnte bereits zuvor erfasst werden. „Das Herz stellte jedoch eine besondere Herausforderung dar, weil die Herzmuskelzellen aufgrund ihrer Größe, Länge und Form nicht mit den Standard-Systemen bearbeitet werden konnten“, erläuterte Dr. Anne-Marie Galow. „Aus diesem Grund haben wir einen alternativen Ansatz gewählt, der zuvor nur in der Neurologie beschrieben wurde. Nervenzellen können ebenfalls sehr groß werden und sind dazu noch verzweigt. Mit der noch sehr neuen Methodik der Einzelkernsequenzierung haben wir ganze erwachsene Säugetierherzen untersucht und 24 verschiedene Zellcluster identifiziert. Analysen auf zellulärer Ebene sind unabdingbar, um unser Verständnis komplexer Gewebe wie des Säugetierherzens zu erweitern“, so die Humanbiologin.

Die Aufklärung der zellulären Zusammensetzung der einzelnen Organe und das Anlegen von Zellmarkerprofilen der einzelnen Zelltypen ist aufwändige Pionierarbeit in der Grundlagenforschung. Die gewonnenen Daten liefern der Wissenschaft jedoch wertvolle neue Erkenntnisse über die Dynamik und Vernetzung von Herzzellen und helfen, bestimmte molekularbiologische Prozesse besser zu verstehen.

Insbesondere die Ergebnisse zu den erstmals spezifizierten Gefäßwandzellen sind vielversprechend für eine künftige Anwendung in der regenerativen Herzmedizin, zur Wiederherstellung von durch Krankheit oder Unfall geschädigten kardiologischen Zellen, Geweben und Organen. „Auf lange Sicht kann die Sequenzierung auf Einzelzellebene genutzt werden, um krankhafte Veränderungen in Organen bestimmten Zellpopulationen zuzuordnen und so in Zukunft gezieltere Therapieansätze zu ermöglichen“, so die Wissenschaftlerin.

In einem weiteren Schritt sind nun entsprechende Analysen mit Schweineherzen geplant. Diese ähneln dem menschlichen Herzen weitaus stärker. Zudem haben sie als potenzielle Quelle für Xenotransplantate in den letzten Jahrzehnten in der Herz-Kreislauf-Forschung zunehmend an Bedeutung gewonnen.

*Originalpublikation
Single-Nucleus Sequencing of an Entire Mammalian Heart: Cell Type Composition and Velocity
Cells 2020, 9(2), 318; https://doi.org/10.3390/cells9020318, Published: 28 January 2020
www.mdpi.com/2073-4409/9/2/318

Quelle: Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) Bummersdorf