Schuld sind immer die anderen

Rudolf Henke, der Vorsitzende des Marburger Bundes, beklagt mal wieder den „massiven Einsatz von Reserveantibiotika in der Geflügelmast“ und meint, Humanmediziner bräuchten Reserveantibiotika zur Therapie schwerer Infektionen, die mit konventionellen Substanzen nicht mehr behandelt werden könnten.

Er hätte besser mal das „Bayerische Ärzteblatt“ zur Hand nehmen sollen, das in einem bemerkenswerten Artikel schreibt: „Derart pauschale Schuldzuweisungen sind so falsch wie gefährlich, denn sie lenken vom eigentlichen Problem ab. Die Resistenzproblematik ist ein globales, multifaktorielles Problem, das nur im Sinne des „One-Health-Ansatzes“ durch gemeinsame Aktionen aller beteiligten Personenkreise aus Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Tiermedizin, Humanmedizin und öffentlichen Gesundheitswesen gelöst werden kann“.

Der Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren wurde seit 2011 drastisch vermindert (-57%). Für die Humanmedizin fehlen entsprechende Verbrauchszahlen bis heute. Beim Geflügel ist das Uralt-Mittel Colistin, das Humanmediziner jetzt gerne exklusiv für sich reklamieren wollen, jedoch bisher nicht wirklich zu ersetzen. In der Veterinärmedizin suchen Forscher und Praktiker nach Wegen, den Antibiotikaeinsatz weiter zu senken und – wann immer möglich – auf besonders wichtige Wirkstoffe zu verzichten. Diese Strategie möchten man auch der Humanmedizin empfehlen.

Trockenstellen in der Diskussion – Selektiv oder doch so wie immer?

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Von Dr. Joachim Lübbo Kleen, Fachtierarzt für Rinder

„Milchkühe werden am Ende der Laktation trockengestellt“ – So war es eigentlich immer, und schon sehr lange gehört ein antibiotischer Trockensteller dazu. Im Zuge der Antibiotikareduktion ist in den letzten Jahren das Trockenstellen vermehrt in die Diskussion gekommen und es wird viel vom sogenannten „selektiven Trockenstellen“ berichtet. Auch wenn über das Wie und Warum dieser Maßnahme mittlerweile Klarheit herrscht, so ist doch dazu in der Praxis immer wieder Unsicherheit festzustellen.

Die Trockenstehphase ist grundsätzlich als Ruhephase für den Gesamtorganismus der Kuh zu verstehen. Hauptzweck ist die Rück- und Neubildung des Eutergewebes, um in der neuen Laktation wiederum eine möglichst hohe Produktivität erreichen zu können. Bestehende Verletzungen oder Hyperkeratosen heilen ab und das Drüsengewebe wird regeneriert. Die Eutergesundheit profitiert aber auch davon, dass in der Trockenperiode die bestmöglichen Chancen bestehen, bereits vorhandene, langfristig bestehende Eutererkrankungen auszuheilen. So können z.B. auch subklinische Infektionen mit Staphylococcus aureus am ehesten in der Trockenperiode eliminiert werden. Es ist bei entsprechend guter Durchführung des Trockenstellens sowie guter Haltungs- und Hygienebedingungen grundsätzlich möglich, bis zu 80 % und mehr der bereits bestehenden Euterinfektionen auszuheilen.

Neuinfektionen vermeiden
Die Trockenperiode ist also als Chance zu sehen, Eutergesundheit positiv zu beeinflussen. Dem steht ein Risiko für Neuinfektionen der Milchdrüse entgegen, das vor allem in den ersten 14 Tagen nach dem Trockenstellen deutlich erhöht ist. Der Strichkanal ist in dieser Zeit noch nicht verschlossen und die Abwehrsituation ist durch eine geringe Leukozytenkonzentration ungünstig. Ähnlich sieht es vor dem Abkalben aus:


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Alte Genome offenbaren Neues zur Abstammung unserer Hausrinder

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Der eurasische Auerochse gilt als Vorfahre unserer heutigen Hausrinder. Er wurde über einen längeren Zeitraum mit Beginn vor etwa 10.500 Jahren in Randgebieten des Fruchtbaren Halbmonds, den Tälern von Euphrat und Tigris, domestiziert. Seit dem 17. Jahrhundert ist die wilde Form ausgestorben, doch seine domestizierten Nachfahren, heute auf der ganzen Welt als Nutztiere verbreitet, leben fort. Vieles in der jahrtausendelangen Geschichte der Hausrinder ist noch unklar, genetische Informationen heute lebender Tiere geben allenfalls ein verwaschenes Bild vergangener Prozesse wieder, die das Rind zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Ein internationales Wissenschaftlerteam ist der Geschichte der frühen Rinder nachgegangen. Die Gruppe hat genomische Daten von 67 Tieren aus acht Jahrtausenden untersucht und so die Geschichte der Rinderdomestikation detaillierter als jemals zuvor nachgezeichnet. Die große genetische Ähnlichkeit zwischen dem anatolischen Ur, wie der Auerochse auch genannt wird, und den ersten Hausrindern bestätigt den Domestikationsursprung in dieser Region.

Einkreuzung von Wildrindern in Hausrindherden
Die Studie macht jedoch auch deutlich, dass im Laufe der Zeit unterschiedliche lokale Wildpopulationen ihre genetischen Spuren im Hausrind hinterließen. „Wir gehen davon aus, dass sich die Wildrinder der Levante und Europas mit den vom Menschen importierten Hausrindherden vermischt haben“, erklärt Dr. Amelie Scheu von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). „Diese Einkreuzungen blieben vormals unentdeckt, da sie durch Auerochsenbullen geschahen, bisherige Studien jedoch hauptsächlich allein mütterlicherseits weitergegebenes Erbgut untersuchten. Erst der technische Fortschritt hat uns über die Möglichkeit, ganze Genome entschlüsseln zu können, zu dieser Erkenntnis verholfen.“

Mit Zebus gegen Hitze und Dürre
Die ersten domestizierten Rinder zeigten, so die Studie unter Leitung von Prof. Dan Bradley, Populationsgenetiker am Trinity College Dublin, noch keine genetischen Einflüsse von Zebus. Dieses Buckelrind (Bos indicus) wurde wahrscheinlich weiter östlich im Indus-Tal domestiziert. Vor etwa 4.000 Jahren tauchten aber im genetischen Code der Hausrinder des Nahen Ostens erste Hinweise auf Vermischungen beider Gruppen auf. Als Grund wird eine extreme Dürre vermutet, die sich über mehrere Jahrhunderte hinzog. Möglicherweise haben die frühen Bauern auf die veränderten klimatischen Bedingungen mit der Einkreuzung von Zebus reagiert, die Hitze und Trockenheit besser standhalten als taurine Rinder. Dieser Einschnitt markiert den Beginn einer bis heute andauernden globalen Ausbreitung der Zebus. Die Nachfahren der ersten Buckelrinder werden weltweit in tropischen Regionen bevorzugt gehalten.

Die Forschungsarbeit „Ancient cattle genomics, origins and rapid turnover in the Fertile Crescent” ist in der renommierten Fachzeitschrift Science erschienen und wurde von dem Europäischen Forschungsrat (ERC) mit einem ERC Advanced Grant für Daniel Bradley, Professor für Populationsgenetik am Trinity College Dublin, unterstützt.

Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Bundesagrarministerium unterstützt Wanderschäfer mit über einer Million Euro

Schutzmaßnahmen gegen den Wolf werden gefördert

Ab dem kommenden Montag, 15. Juli, können Wanderschäfer, die mit ihren Herden durch Wolf- und Wolfspräventionsgebiete ziehen, eine Förderung für Maßnahmen zum Schutz gegen den Wolf beantragen. Dann tritt eine entsprechende Förderrichtlinie des Ministeriums der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, in Kraft. Für das so genannte ‚Bundesprogramm Wolf‘ stehen 1,05 Millionen Euro zur Verfügung.

Julia Klöckner: „Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ist ein Erfolg des Artenschutzes. Gleichzeitig stellt sie insbesondere die heimischen Wanderschäfer vor große Herausforderungen. Denn die Errichtung, Überwachung und Absicherung wolfsabweisender Zäune und anderer Schutzmaßnahmen kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch Geld. Den finanziellen Mehraufwand der Wanderschäfer wollen wir mit unserem „Bundesprogramm Wolf“ ausgleichen. Vorgesehen ist eine Prämie von 36 Euro pro Wanderschaf. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, so zum bestmöglichen Schutz der Schafe und Herden beizutragen.“

Die entsprechende Förderrichtlinie Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, Antragsformulare und weitere Informationen sind hier zusammengestellt.
Hintergrund:

Das „Bundesprogramm Wolf“, dessen Fördervolumen 1,05 Million Euro beträgt, hat zum Ziel, Wanderschäfer mit geringen oder keinen direktzahlungsberechtigten Flächen bei Maßnahmen zum Schutz der Herden vor dem Wolf finanziell zu unterstützen. Die Förderung soll dazu verwendet werden, um finanzielle, laufende Mehraufwendungen der Wanderschäfer für den Herdenschutz vor Wolfsübergriffen im Jahr 2019 aufzufangen. Investitionskosten werden nicht gefördert. Es ist ein pauschaler Betrag in Höhe von 36 EUR pro Wanderschaf vorgesehen, sofern jedoch die Anzahl der beantragten Prämien die verfügbaren Mittel übersteigt, wird die Prämie pro Tier entsprechend gekürzt.

Voraussetzung für die Förderung ist zum einen eine Herde von mindestens 200 Wanderschafen, die zum Stichtag 15.Juli 2019 über ein Jahr alt sind, die Wanderung durch Wolfs- und Wolfspräventionsgebiete in der Hauptweidesaison 2018 und 2019 (01.04. – 01.10.), eine maximal 40 Hektar große im Eigentum befindliche oder gepachtete Grünland- oder Dauergrünlandfläche sowie die Verwendung von Maßnahmen gegen den Schutz vor Wölfen (wolfsabweisende Zäune und/oder Herdenschutzhunde).

Die Zuwendung erfolgt als De-minimis-Beihilfe auf Grundlage der Verordnung (EU) Nr. 1408/2013 der Kommission vom 18. Dezember 2013 über die Anwendung der Artikel 107 und 108 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union auf De-minimis-Beihilfen im Agrarsektor (ABl. Nr. L 352 vom 24.12.2013, S. 9 – 17), zuletzt geändert durch Verordnung (EU) 2019/316 (Amtsblatt der EU Nr. L51 I vom 22.02.2019, S. 1 ff) und wird als einmaliger nicht rückzahlbarer Zuschuss im Wege der Festbetragsfinanzierung gewährt. Antragsfrist ist der 31. August 2019.

Quelle: BMEL

Bayerisch-tschechisches Forschungsprojekt trägt zum Schutz der Bienen bei

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Bayerisch-Tschechische Hochschulagentur fördert Entwicklung von Testsystemen, mit denen Bienenkrankheiten frühzeitig erkannt werden können

Anfang 2019 stand das bayerische Volksbegehren zur Artenvielfalt unter dem Motto „Rettet die Bienen!“ Auf tschechischer Seite engagieren sich ebenfalls viele Menschen für den Schutz der Bienen, denn Bienen sind nicht nur durch schwindende Lebensräume und Umweltbelastungen gefährdet, sondern zusätzlich durch Krankheiten, wie Bakterien, die die sogenannte Faulbrut verursachen.

Hier setzt das neue Forschungsprojekt „Nachweisstarke bioanalytische Werkzeuge zur Überwachung von Bienenkrankheiten“ an, das die langjähre Kooperation zwischen Prof. Petr Skládal und Dr. Zdeněk Farka vom Central European Institute of Technology (CEITEC) an der Masaryk Universität in Brünn auf der tschechischen Seite und Dr. Hans-Heiner Gorris und Matthias Mickert am Institut für Analytische Chemie, Chemo- und Biosensorik an der Universität Regensburg auf eine neue Stufe hebt. Zum Forschungsverbund hinzugekommen ist Prof. Daniel Horák vom Institut für Makromolekulare Chemie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag. Gemeinsam wollen die Kooperationspartner neue Testsysteme entwickeln, mit denen Bienenkrankheiten in einem möglichst frühen Stadium diagnostiziert werden können, denn dann lässt sich eine weitere Verbreitung dieser Krankheiten am effizientesten verhindern.

Das Projekt läuft von 2019 bis 2021 und wird von der Bayerisch-Tschechischen Hochschulagentur (BTHA) aus Mitteln des Freistaats Bayern und dem Ministerium für Schulwesen, Jugend und Sport der Tschechischen Republik mit einer Summe von jeweils Euro 45.000 gefördert (https://www.btha.cz/de/foerderung/joint-call-2019-2021). Die BTHA unterstützt den Austausch in Forschung und Lehre zwischen Bayern und Tschechien.

Quelle: Universität Regensburg

Digitales Gesundheitsmonitoring bei Aufzuchtkälbern – #MSD-Symposium Rind 4

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Zum Schluss des MSD-Symposiums stellte Monica Miravalle das neue System „SenseHub“, speziell auch als besonders leichte RFID-Ohrmarke für Kälber, vor.

Das modulare Kuhüberwachungssystem liefert Informationen über den Reproduktions-, Gesundheits-, Ernährungs- und Wohlfühlstatus einzelner Kühe und Gruppen. Das System bietet eine ganze Auswahl an Hals- oder Ohrmarken du ist auch für Betriebe mit mehr als 1.000 Tieren geeignet.

Die „Allflex Young Stock Application“ bietet, mittels besonders leichter Ohrmarken (unter 40 g), eine spezielle Lösung für neugeborene Kälber bis zum Alter von sechs Monaten an. Die „eSense Flex-Ohrmarken“ liefern Daten zu Verhalten und Gesundheit eines Tieres bereits 24 Stunden, nachdem die Marke angebracht wurde. Ab diesem Zeitpunkt steht der Gesundheitsbericht zur Verfügung und bietet Echtzeit-Einblicke in den Gesundheitszustand und die Trends jedes einzelnen Kalbes.

Aber nicht nur der Gesundheitsstatus lässt sich so überwachen, sondern z. B. auch Änderungen bei Fütterungsmethoden oder Futtertypen oder der Wechsel von Hütten in den Stall, jeweils für das einzelne Kalb und ganze Gruppen.

Gehäufte Gesundheitsprobleme in der frühen Entwicklung einer Färse deuten häufig darauf hin, dass sie als Kuh später eher geringe Leistung bringen wird. Die Überwachungshistorie gibt hier Anhaltspunkte für die potenzielle Produktivität jeder einzelnen Färse. So können proaktive Entscheidungen im Frühstadium getroffen und letztendlich die Qualität der Herde verbessern werden.

Natürlich kosten solche Systeme, gerade wenn alle verfügbaren Module ausgewählt werden, Geld. Bedenkt man aber, dass eine Atemwegserkrankung oder Durchfall mit Behandlungskosten zwischen € 100,- und € 250,- pro Kalb zu Buche schlagen, lohnt sich ein zweiter Blick auf solch ausgefeilte Systeme sicher.

Weitere Informationen (in englischer Sprache) gibt es hier.

Tiergesundheit bei Mastkälbern startet im Herkunftsbetrieb – #MSD-Symposium Rind Nr. 3

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Zu Beginn ihres Vortrags in Münster, stellte Prof. Dr. Kerstin E. Müller (FU Berlin) eine aktuelle Dissertation vor. Annegret Tautenhahn hat für ihre Arbeit zwischen 2012 und 2014 Daten auf 50 milchkuhhaltenden Betriebe in Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gesammelt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit unterstreichen die Bedeutung des Managements wie: Versorgung mit Erstkolostrum, Fütterung und Haltung auf Tiergesundheit und Wohlbefinden von Kälbern. Im Abstract heißt es:

„Der Einfluss von 16 bzw. 25 vorausgewählten Faktoren wurde mithilfe der Regressionsanalyse in einem Modell für die Kälbersterblichkeit und einem für die Tageszunahmen bis zur zwölften Lebenswoche untersucht. Die Kälbersterblichkeit betrug zwischen 0,0 und 17,7%. Den größten Einfluss auf eine erhöhte Kälbersterblichkeit (> 5%) hatte ein hoher Anteil an Kälbern mit ungenügendem Immunglobulintransfer (OR: 8,1). Die Fütterung von Heu ab der ersten Lebenswoche im Vergleich zu keiner Fütterung von Heu bis zum Absetzen war mit einer geringeren Kälbersterblichkeit assoziiert (OR: 0,2). Betriebe mit einer erhöhten Kälbersterblichkeit setzten zehnmal häufiger Halofuginon* ein als Betriebe mit einer niedrigen Kälbersterblichkeit (OR: 10,0). Die medianen Tageszunahmen bis zur zwölften Lebenswoche lagen in den Betrieben zwischen 414 und 1027 Gramm und im Median bei 675 Gramm. Als Risikofaktoren für reduzierte Tageszunahmen kristallisierten sich das häufige Umstallen bis zum Absetzen (-119 g), eine Gebärpareseinzidenz unter 5% (-115 g), das Angebot von Heu vor dem Absetzen (-142 g), die Gewinnung von Erstkolostrum später als zwei Stunden nach der Kalbung (-142 g), ein häufiges Ausmisten in der Gruppenhaltung von Kälbern (-96 g), die Fütterung von weniger als drei Litern Erstkolostrum an Neugeborene (-88 g) und eine Zeitspanne von mehr als zwei Stunden pro Tag, in denen der Abkalbebereich oder der gesamte Stall unbeaufsichtigt war, (-84 g) heraus. Als protektiv erwies sich eine große aufgenommene Menge Kraftfutter zum Zeitpunkt des Absetzens (+160 g pro kg Kraftfutter).“

Der Herkunftsbetrieb entscheidet also in hohem Maß über die zukünftige Gesundheit des Kalbes. Sinnvoll sei es deshalb Anforderungen an den Herstellungsbetrieb zu stellen (Mykoplasmenfreiheit, Immunglobulinstatus, Impfungen im Herkunftsbetrieb und ausreichende Zunahmen bis zum Verkauf). Werden Bullenkälber in optimaler Verfassung angeliefert, können Antibiotikagaben in der Mast drastisch verringert werden.

Prof. Dr. Kerstin E. Müller

In der Abkalbebox beginnt die Besiedlung von Dünndarm und Lunge; die hygienischen Bedingungen dort, haben entscheidenden Einfluss auf die Tiergesundheit. Kälber, die zunächst bei der Mutter blieben und von ihr mit Biestmilch versorgt wurden, zeigten ein erhöhtes Krankheitsrisiko sagte Prof. Müller, weil sie länger liegen blieben. Dabei sei eine gute Kolostrum-Versorgung z. B. zentral für die Lungengesundheit. Bereits bei der Geburt seien Bakterien in den Atemwegen des Kalbes zu finden und Vielfallt und Menge der Bakterien bestimmten Darm- und Lungengesundheit.

Kälber die nur 6 bis 7 Tage einzeln gehalten werden hätten ein höheres Krankheitsrisiko, als Kälber die erst nach 15 Tagen in die Gruppenhaltung wechseln. Hier spiele Stress die entscheidende Rolle, der zu Adrenalin- und Cortisol-Ausschüttung führe.

Mykoplasmen, die zu Otitis führen, kämen aus den Herkunftsbetrieben und würden über Biestmilch verbreitet. Nach einer Untersuchung in den USA besteht in größeren Betrieben ein höheres Risiko, dass Erreger über Tränkevorrichtungen und Stalleinrichtung übertragen werden.

Aber auch an die Kalibrierung der Tränkeautomaten solle man denken, empfiehl die Direktorin der Berliner Klinik für Klauentiere: „prüfen Sie, ob auch ausgegeben wird, was gewünscht war.“ Reinigung und Wartung seien natürlich wichtig, aber auch eine Überprüfung der Tränkemischung mittels Refraktometer.

Zwar sein gegen Mykoplasmen derzeit kein Impfstoff zugelassen, in Zukunft wäre aber sicher mit dessen Entwicklung zu rechnen. Prophylaxe jeder Art sei essentiell, mahnte die Professorin, weil weitere Verschärfungen des Arzneimittelrechts zu erwarten wären, wie etwa einem Verbot metaphylaktischer Behandlungen.

* Halofuginon gegen Durchfallerkrankungen durch Cryptosporidium parvum

Kolostrum fürs Kalb – und Wasser! #MSD-Münsterland-Symposium Nr. 2

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Der Vortrag von Dr. Peter Sanftleben (Institut für Tierproduktion der LFA Mecklenburg-Vorpommern) drehte sich vor allem um Kälbertränke und Kolostrum. Natürlich muss jedem Rinderhalter die Bedeutung der Biestmilchversorgung klar sein, aber einige Details gilt es besonders zu beachten.

Laut Kälberhaltungsverordnung muss jedes Kalb spätestens vier Stunden nach der Geburt gesoffen haben. Aber es kommt dabei auf Qualität und Menge des Kolostrums an. Bei Untersuchungen in schwedischen und norwegischen Biobetrieben, in denen alle Kälber bei ihren Müttern saugten, wurde in 31% der Fälle ein mangelnder Immuntransfer festgestellt. Der IgG1-Gehalt der Biestmilch war zu gering und die aufgenommene Menge ebenso. Eine wichtige Rolle spielt auch das Alter der Kuh. Bereits 1991 haben Pritchett et al. festgestellt, dass von Laktationsnummer 1 bis 4 der Gehalt an IgG1 in der Biestmilch von 42,8 auf 56,6 ansteigt.

Erste Wahl sollte möglichst immer das Kolostrum des Muttertieres sein. Aber auch Biestmilch hoher Qualität von älteren Kühen sollte im Betrieb vorhanden sein. Mit der Spindel auf Qualität geprüft, in Portionen von 1 bis 1,5 Litern eingefroren und im Wasserbad bei unter 60 Grad aufgetaut.

Dr. Peter Sanftleben

In den folgenden Lebenswochen des Kalbes gelte es dann, den richtigen Milchaustauscher zu wählen. Manche Landwirte neigten hier zur Sparsamkeit, meinte Sanftleben, aber essentiell sei doch die Verdaulichkeit. Je jünger die Kälber, desto höher solle der Anteil an tierische Eiweiß-Quellen sein. Pflanzliche Komponenten seien für junge Kälber teilweise nur zur Hälfte verdaulich.

Auch auf die Wasserqualität müsse man unbedingt achten. Häufig sei der Sulfatgehalt zu hoch und verursache Durchfälle und einen zu geringen Trockenmassegehalt im Kot. Das eigene Wasser untersuchen zu lassen, sei deshalb unabdingbar.

Die Abtränkphase empfiehlt der Wissenschaftler zu verlängern, von 70 bis auf 100 Tage, um einen Abfall der Tageszunahmen zu verhindern. Und auch die Versorgung mit Wasser sei von Anfang an dringend empfohlen! Die Ergebnisse einer Studie von 2018 Wickramasinghe et al. zeigten, dass Holsteinkälber, denen vom ersten Lebenstag an zusätzlich Wasser angeboten wurde, bis zu einem Alter von 5 Monaten ein höheres Körpergewicht, eine größere Hüfthöhe sowie Körperlänge und höhere Futtereffizienz erreichten, als ihre Vergleichsgruppe.

Eine Meta-Analyse einschlägiger Forschungsergebnisse zeige, so Peter Sanfleben am Schluss seines Vortrags, dass besser versorgte Kälber später als Kühe bis zur 3. Laktation 1.034 kg Milch mehr gäben!

Boehringer Ingelheim verkündet Gewinner des BVDzero-Stipendienprogramms

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Das aus internationalen Branchenexperten bestehende BVDzero-Komitee hat gemeinsam mit einem Vertreter der World Association for Buiatrics zwölf herausragende Tiermedizinstudenten aus der ganzen Welt für das BVDzero-Stipendium ausgewählt. Sie können helfen, die sich stetig wandelnden Bedürfnisse der Branche zu adressieren. Auch können sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Herausforderungen der Veterinärmedizin in den Bereichen Gesundheit und Tierwohl zu bewältigen.

Ursprünglich war es geplant, die zehn besten Studierenden auszuwählen. Aufgrund der hohen Qualität der eingereichten Bewerbungen entschied sich das Komitee jedoch für zwölf herausragende Studenten. Sie erhalten jeweils ein Stipendium in Höhe von 1.000 Euro zur Abdeckung der Reisekosten zum World Buiatrics Congress 2020 in Madrid. Für alle Stipendiaten übernimmt Boehringer Ingelheim außerdem die Kosten für die Kongressanmeldung und kommt für die Unterkunft auf.

Der Kongress ist ein Top-Ereignis der Branche und bietet hervorragende Möglichkeiten zum Netzwerken und Lernen. Die Studierenden können dort ihr tiermedizinisches Wissen im Bereich Rindermedizin erweitern. Denn sie haben auf dem Kongress die Möglichkeit mit Fachexperten, zentralen Meinungsführern und dem für Rinder zuständigen Team des Unternehmensbereichs Tiergesundheit von Boehringer Ingelheim ins Gespräch zu kommen.

Die zwölf Stipendiaten des BVDzero-Stipendienprogramms lauten wie folgt:

·Allison Hale, USA
·Amy Birch, Australien
·Bruna Mendes, Brasilien
·Eugenia Ishaku, Nigeria
·Jessie Hesseling, Niederlande
·Jia Cheng, China
·Lovina Ikwe, Nigeria
·Mariel Burquez, Mexiko
·Samuel Kalis, USA
·Savannah Basham, USA
·Tahia Logna, Bangladesch
·William Philips, Vereinigtes Königreich

„Wir haben uns über das große Interesse von Studierenden aus der ganzen Welt sehr gefreut. Insgesamt haben wir 454 Bewerbungen erhalten. Durch diese Initiative möchten wir Tiermedizinstudenten auf die Bovine Virusdiarrhoe (BVD) aufmerksam machen und ein Bewusstsein für die Krankheit schaffen. Darüber hinaus möchten wir mit Menschen in Kontakt kommen, die sich für eine Karriere bei Boehringer Ingelheim interessieren, um gemeinsam mit uns die Zukunft der Tiergesundheit zu gestalten“, so Serkan Erkovan, Senior Global Manager for Ruminant Business bei Boehringer Ingelheim.

Quelle: Boehringer Ingelheim

Chemikalien testen ohne Tierversuche an Nagetieren

Forscherinnen und Forscher der TiHo entwickeln Ersatzmethode mit Heuschrecken, um zu testen, ob Chemikalien neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern verursachen.

In den letzten Jahren hat die Zahl neurologischer Entwicklungsstörungen bei Kindern zugenommen. Epidemiologische Daten legen nahe, dass Faktoren des Lebensstils und Chemikalien, die in unserem Umfeld eingesetzt werden, dazu beitragen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Physiologie und Zellbiologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) veröffentlichten in der Zeitschrift ALTEX einen Test, mit dem Chemikalien daraufhin überprüft werden können – ohne dass dafür Labornager eingesetzt werden müssen.

Das Gehirn des heranwachsenden Organismus reagiert empfindlicher auf Chemikalien als das erwachsene. Für chemische Verbindungen wie Pestizide, Quecksilberverbindungen, PCB oder Toluol konnte bereits gezeigt werden, dass sie eine Ursache für Entwicklungsstörungen bei Kindern sein können. „Die Anzahl bisher untersuchter Chemikalien ist aber leider verschwindend gering, da die erforderlichen Testverfahren sehr aufwendig sind und eine hohe Anzahl von Tierversuchen mit Labornagern erfordern. Aussagekräftige und zeitsparende Tests, die sich auf Zellkulturverfahren beschränken und eine Alternative zum stark belastenden Tierversuch sind, werden daher dringlich benötigt“, erklärt Professor Dr. Gerd Bicker aus dem Institut für Physiologie und Zellbiologie.

Wie funktioniert die Methode?
Während der Embryonalentwicklung der Säugerhirnrinde steuern Leitsignale wie das Protein Semaphorin, wohin die Fortsätze der Nervenzellen (Axone) wachsen. Die Signalstoffe erzeugen einen Konzentrationsgradienten, an dem sich die Axone orientieren. „Im heranwachsenden Heuschreckenembryo funktioniert es genauso: Semaphorine sind Signalgeber für die sogenannten Pionierneuronen, die im sich entwickelnden Nervensystem die ersten Axone aussenden“, erklärt Gregor Bergmann, der sich dem Thema in seiner Doktorarbeit bei Professor Bicker widmet. „Semaphorine wurden in der Evolution vom Virus bis zum Menschen konserviert, also kaum verändert.“ Die Pionierneurone des Insektenembryos legen entlang von Semaphoringradienten die erste Sinnesbahn von den Gliedmaßen in das zentrale Nervensystem. Die Ähnlichkeit der Wegfindungsmechanismen zwischen Insektenembryos und der Säugerhirnrinde veranlasste Bickers Arbeitsgruppe, die Heuschreckenembryonen als entwicklungstoxikologisches Testsystem einzusetzen.

Bisherige Ersatz- und Ergänzungsmethoden erfassen hauptsächlich relativ einfach messbare Zelleigenschaften wie die Lebensfähigkeit von Zellen, die Zellvermehrung oder die Synthese neuronaler Proteine. Die Entstehung eines funktionellen Gehirns erfordert aber vielschichtige Interaktionen verschiedener Zelltypen, beispielsweise wenn Nervenfasern in der komplexen Umgebung des neuronalen Gewebes präzise den Weg zu ihren Zielgebieten finden müssen. Das neuartige Testsystem wird dieser Komplexität gerecht, indem die Forscherinnen und Forscher den vollständigen intakten Insektenembryo zusammen mit den Testchemikalien kultivieren. Anschließend quantifizieren sie mit fluoreszenzmikroskopischen Methoden, ob die Pionierneuronen im Gewebe entstehen, auswachsen und Wegfindungsfehler machen. Die Ergebnisse des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes zeigen die Empfindlichkeit des Systems gegenüber Pestiziden, Kalziumkanalblockern und Substanzen, die den Aufbau des Zellskeletts beeinflussen.

Die Einsatzmöglichkeiten
Damit der Insektenassay routinemäßig als Ersatz- und Ergänzungsmethode für bisher verwendete Tierversuche eingesetzt werden kann, muss er standardisiert werden. „Der Prozess wird einige Jahre in Anspruch nehmen“, sagt Bicker. Danach könnte er genutzt werden, um zu bestimmen, ob die Hirnrinde unter Einfluss der Testchemikalien bei Säugern korrekt verschaltet wird. Zusätzlich könnte er als Ersatz- und Ergänzungsmethode verwendet werden, um pharmakologische Wirkstoffe zu screenen, die das Wachstum neuronaler Verbindungen fördern und so helfen, das Nervensystem nach Verletzungen zu regenerieren.

„Eine besondere Note bekommt das Projekt, wenn man sich vor Augen führt, dass Wissenschaftler seit einem Jahrhundert intensiv die Entwicklungsbiologie der Heuschrecke erforschen, um Strategien zur Bekämpfung dieses schwarmbildenden Schadinsekts zu entwickeln. Bei dieser Grundlagenforschung stellte sich heraus, dass der Heuschreckenembryo ein übersichtlicher Modellorganismus ist, um zu studieren, wie Nervenzellen sich bilden und auswachsen“, sagt Bicker.

Die Originalpublikation
An Intact Insect Embryo for Developmental Neurotoxicity Testing of Directed Axonal Elongation
Gregor A. Bergmann, Sarah Frömbling, Nina Joseph, Karsten Bode, Gerd Bicker, Michael Stern
ALTEX, DOI:10.14573/altex.1901291

Quelle: Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover