Können Kälber Empathie empfinden?

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Im Rahmen des Animal Welfare Programms der Faculty of Land and Food Systems untersuchten Wissenschaftler der University of British Columbia (Vancouver), ob Kälber fähig sind Empathie zu empfinden. Wir sprachen mit dem Erstautor Thomas Ede über die Studienergebnisse:

Thomas Ede

Herr Ede, Sie haben die erste Empathiestudie mit Rindern überhaupt durchgeführt. Wie definieren Sie eigentlich Empathie bei Tieren?
Es gibt keine eindeutige Definition von Empathie bei Tieren (oder beim Menschen), sie wird meist als Spektrum angesehen, das viele Prozesse unterschiedlicher Komplexität umfasst. In unserer Studie haben wir Empathie in ihrer grundlegendsten Form definiert: Sensibilität für den emotionalen Zustand eines anderen.

Was waren die Hauptziele der Studie?
Unser Programm interessiert sich seit einiger Zeit für die Schmerzen, die Kälber nach dem Enthornen haben. Diese Studie war ein erster Schritt zur Erforschung der Rolle des sozialen Kontakts bei der Schmerzerfahrung von Kälbern. Insbesondere wollten wir herausfinden, ob Kälber anders auf ein anderes Kalb reagierten, das sich vom Enthornen erholte, als auf ein Scheinverfahren.

Wie sah das experimentelle Design aus?
Unser Versuchsaufbau war eine Bucht, die in drei Fächer unterteilt war. Die Trennwände ermöglichten es den Kälbern, einander zu sehen und miteinander zu interagieren. Ein „Beobachter“ -Kalb befand sich im mittleren Abteil, und zwei „Demonstrator“ -Kälber befanden sich in den Seitenabteilen (jeweils ein Kalb). Ein Demonstrator erholte sich von der Enthornung, während der andere sich von einem Scheinverfahren (nur Sedation ohne anschließende Enthornung) erholte.

Beobachter konnten nur das Enthornungsgerät sehen, nicht aber das Enthornen der anderen Kälber. Aber sie waren vor ein paar Tagen selbst enthornt worden?
Das ist richtig, Beobachter wurden nach der Enthornung hinzugezogen, sodass sie nur die Erholung von dem Eingriff sehen konnten. Die Beobachter wurden zwei Tage vor dem Experiment enthornt. Wir glauben, dass frühere Schmerzerfahrungen zur Empathie für Schmerzen beitragen können, aber dies wurde bei Kälbern nicht untersucht.

Wie drücken Kälber Schmerzen genau aus?
Dies kann ein komplexes Thema sein, da der Ausdruck von Schmerz von der Art des erlebten Schmerzes abhängt und Rinder im Allgemeinen ziemlich stoisch sind. Im Falle einer Enthornung sind Ohrenschmerzen, Kopfschütteln und Kopfreiben das häufigste Schmerzverhalten. Wenn keine Lokalanästhesie vorgesehen ist, reagieren die Kälber intensiv auf das Verfahren, wie z. B. Lautäußerungen und Fluchtversuche.

Was waren die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
Ein Hauptergebnis der Studie war, dass Kälber mehr Zeit verbrachten mit Kälbern, die sich von einem schmerzhaften Eingriff erholten, ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkten als beim Scheinverfahren. Ein weiteres interessantes (wenn auch weniger starkes) Ergebnis war, dass Beobachter während eines der Tests dazu neigten, die Bucht zu meiden, in dem sie Kälber mit Schmerzen sahen.

Im Diskussions-Abschnitt Ihrer Studie schreiben Sie, dass Kälber eigentlich den Ganzkörperkontakt bevorzugen. In den Experimenten war jedoch zunächst nur Kopfkontakt möglich. Gibt es andere Faktoren, die in zukünftigen Studien geändert werden könnten?
Ja, es bleiben viele interessante Fragen offen. Wie bereits erwähnt, könnte die Erfahrung mit Schmerzen ein wichtiger Faktor sein: Wenn Kälber selbst keine Schmerzen hatten, können sie dann Empathie dafür haben? In dieser Studie haben wir uns auch auf junge, nicht verwandte Kälber konzentriert, aber es wäre interessant, die empathische Reaktion einer Mutter auf ihr Kalb zu untersuchen (die wir als stark erwarten).

Möchten Sie weiter über Empathie forschen? Vielleicht mit ausgewahsenen Rindern oder anderen Nutztieren?
Tierisches Einfühlungsvermögen ist ein absolut spannendes Feld. Wir führen derzeit weitere Untersuchungen zur Bedeutung von Sozialpartnern bei der Schmerzlinderung bei Kälbern durch, aber ich hoffe, diese Forschungsrichtung mit anderen Arten fortzusetzen, wobei ich persönlich Schweine und ihr komplexes soziales Leben bevorzugt würde.

Herr Ede, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!

Social approach and place aversion in relation to conspecific pain in dairy calves
Thomas Ede, Marina A. G. von Keyserlingk, Daniel M. Weary
Animal Welfare Program, Faculty of Land and Food Systems,
University of British Columbia, Vancouver, B.C., Canada

Link zur Studie

Boehringer Ingelheim bietet Expertenwissen: Kostenloses und praxisnahes Webinar zu ASP

Auch wenn derzeit alle Augen auf die Ausbreitung von Covid-19 gerichtet sind, bleibt die Afrikanische Schweinepest (ASP) das beherrschende Thema in der Schweineproduktion. Veranstaltungen sind derzeit nicht möglich, trotzdem möchte der Impfstoffspezialist Boehringer Ingelheim weiterhin Expertenwissen vermitteln: In einem Webinar gibt der Tierarzt Dr. Tomasz Trela wertvolle Tipps im Umgang mit der ASP und berichtet von seinen Erfahrungen in betroffenen Beständen, denn er hat als ASP-Experte viele Betriebe in China und Osteuropa betreut. Die schwierige Diagnostik, Verwechslung mit PRRS oder Influenza sowie die Wahrheit über die wirklichen Fallzahlen – aufgrund vieler internationaler Kontakte mit Tierärzten und Produzenten sowie auch durch die Zusammenarbeit mit lokalen Veterinärbehörden konnte der Technical Manager für Schweine bei Boehringer Ingelheim praktische Erfahrungen über die weltweite ASP-Situation sammeln.
Das praxisnahe und gut besuchte Webinar, ursprünglich am 7. Mai 2020 veranstaltet, ist speziell an Betriebsleiter, Mitarbeiter in den Betrieben sowie Berater gerichtet. Unter diesem Link steht es jederzeit abrufbereit auf der Homepage von Boehringer Ingelheim.

Bei Fragen zum Webinar und auch zu allen anderen Themen rund um das Schwein helfen Ihnen sehr gerne unsere landwirtschaftlichen Fachberater weiter. Sie sind Ansprechpartner für landwirtschaftliche Organisationen, Berater, Betriebe sowie Schüler und Studenten in Ihrer Region. Nutzen Sie gerne diesen Service:

Im Norden:
Herbert Heger
Tel: 06132-77-182182
Herbert.heger@boehringer-ingelheim.com

Im Osten:
Doreen Schillkamp
Tel: 06132-77-171045
Doreen.schillkamp@boehringer-ingelheim.com

Im Süden:
Markus Hellenschmidt
Tel: 06132-77-171175
Markus.hellenschmidt@boehringer-ingelheim.com

Quelle: Boehringer Ingelheim

Winterliches Bienensterben: Zucker aus Waldhonig gefährdet Überleben der Völker

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Studie der Uni Hohenheim: spezieller Zucker im Waldhonig reduziert Lebensdauer von Bienen und führt zu starken Ertragsverlusten / Gegenmaßnahmen nur rechtzeitig möglich

Imker kennen das Problem, wenn der Honig beim Schleudern wie Zement in den Waben klebt. Ursache ist ein hoher Gehalt eines besonderen Zuckers, der Melezitose. Er ist verantwortlich dafür, dass der Honig schon in den Waben auskristallisiert und nicht mehr herausgeschleudert werden kann. Die Folge sind nicht nur massive Ertragsverluste. Die sogenannte Waldtrachtkrankheit steht auch im Verdacht, ganze Bienenvölker in Gefahr zu bringen. Eine Vermutung, die jetzt erstmals von Wissenschaftlern der Universität Hohenheim in Stuttgart anhand von Laborexperimenten bestätigt wurde. Demnach führt der spezielle Zucker zur Schädigung der Darmbakterien der Bienen und reduziert so ihre Lebensdauer. Details berichten Victoria Charlotte Seeburger von der Landesanstalt für Bienenkunde und ihre Kollegen in ihrer aktuellen Publikation im Journal PloS ONE

Honigbienen ernähren sich im Frühjahr überwiegend von Honig, den sie aus Blütennektar herstellen. Im Sommer nehmen nektarliefernde Blüten ab und der Honigtau wird attraktiver und stellt oft die Hauptnahrungsquelle dar.

Was so appetitlich klingt sind nichts anderes als die Ausscheidungen von verschiedenen Lausarten, die sich von dem Pflanzensaft vor allem von Nadelbäumen ernähren. Das Ergebnis ist zwar ein wohlschmeckender Waldhonig, Imkern ist aber bekannt, dass dieser Honigtauhonig vor allem zu Beginn des Winters bei ihren Honigbienen zur so genannten Waldtrachtkrankheit führen kann.

Die Hinterleiber der betroffenen Bienen sind angeschwollen oder sie erleiden einen massiven Haarausfall. Oft zeigen sie auch ein verändertes Verhalten: Viele Bienen bleiben am Eingang des Bienenstocks, anstatt auszufliegen. Dieser Zustand kann sich soweit verschlechtern, dass ganze Stöcke innerhalb kurzer Zeit eingehen. Allerdings wurde als Ursache für die Waldtrachtkrankheit bislang der hohe Mineralstoffgehalt im Waldhonig vermutet.

Melezitose-Zucker als Ursache erstmals bestätigt
Honigtau enthält im Vergleich zu Blütennektar eine größere Zahl von speziellen Zuckern, die von den Läusen produziert werden. Dazu gehört auch die Melezitose. Sie ist in Blütennektar nicht zu finden, kann aber im Honigtau von Läusen, die auf Fichten leben, bis zu 70 % des Zuckeranteils ausmachen. Sie steht schon lange im Verdacht für die Erkrankung der Bienen verantwortlich zu sein.

Um diese Vermutung zu überprüfen, führte Victoria Seeburger im Rahmen ihrer Doktorarbeit in drei aufeinanderfolgenden Jahren Fütterungsexperimente mit Honigbienen durch. Dabei zeigt sich, dass mit Melezitose gefütterte Bienen deutlich mehr im Vergleich zu Bienen fraßen, denen eine Kontrolldiät verabreicht wurde.

Darüber hinaus wiesen die mit Melezitose gefütterten Bienen schwere Krankheitssymptome auf, wie ein geschwollener Hinterleib, das Tippen mit dem Hinterleib auf den Boden und Bewegungsstörungen bis hin zur kompletten Lähmung. Schließlich starben auch viele von ihnen. Dies bestätigt zum ersten Mal, dass Melezitose die Symptome der Waldtrachtkrankheit auslösen kann.

Die Analyse ihrer Darmbakterien (Mikrobiota) mit Hilfe der Hochdurchsatzsequenzierung zeigte, dass sich bei den Bienen, die mit Melezitose gefüttert wurden, das Artenspektrum der Milchsäurebakterien verändert hat. „Wir gehen deshalb davon aus, dass Melezitose von den Bienen nicht gut verdaut werden kann und sich im Darm ansammelt“, sagt Victoria Seeburger. Die Bienen sind offenbar mangelhaft ernährt, obwohl sie eigentlich ausreichend fressen. „Die geschwächten Tiere sind zudem auch anfälliger für Krankheitserreger, was die Sache noch verschlimmert.“

Imker sollten rechtzeitig reagieren
Für Imker hat Victoria Seeburger die Empfehlung, Honigtau mit einem hohen Gehalt an Melezitose zu vermeiden: „Sie sollten ihre Kolonien aus den Wäldern entfernen, wenn die Umweltbedingungen die Melezitoseproduktion begünstigen.“ Dies sei beispielsweise bei Honigtau der von Imkern gefürchteten großen schwarzen Fichtenrindenlaus der Fall.

Aber auch im Winter kann es zu Problemen kommen: „Bienen sind sehr saubere Tiere, die nur außerhalb des Stockes abkoten. Wenn sie im Winter den Stock nicht verlassen, kann sich die Melezitose im Darm anreichern.“ Deswegen sollten mit Melezitosehonig gefüllte Waben möglichst aus den Stöcken entfernt werden, so dass sie den Tieren nicht mehr als – kaum zu verdauendes – Futter zur Verfügung stehen.

Eine Gefahr für Menschen sieht Seeburger übrigens nicht, auch wenn es dazu keine Untersuchungen gibt: „Flüssiger Waldhonig hat nur einen niedrigen Melezitosegehalt und mit diesen geringen Mengen sollte das menschliche Verdauungssystem gut klarkommen.“

Quelle: Universität Hohenheim

Internationales Projekt zur Stärkung der Aquakultur im südbaltischen Raum gestartet

Zum 1. Januar 2020 wurde das Interreg-Projekt AquaVIP (Aquaculture virtual career development platform for the South Baltic Region) ins Leben gerufen, das auf eine Entwicklung des Aquakultursektors und eine Verlagerung des Schwerpunkts in den südöstlichen Ostseeraum zielt. Das dreijährige Vorhaben wird vom Klaipeda Science and Technology Park in Litauen geleitet und von der Universität Rostock (Deutschland), der Universität Gdańsk (Polen) und der Universität Klaipeda (Litauen) begleitet. Das Projekt wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert.

Ziel der langfristigen Strategie „Blaues Wachstum“ der Europäischen Kommission ist es, das nachhaltige Wachstum in allen marinen und maritimen Wirtschaftszweigen zu unterstützen. Die Aquakultur gehört dabei zu einem der vielversprechendsten Sektoren der maritimen Wirtschaft bezüglich des Wachstums- und Arbeitsplatzpotenzials. Im südlichen Ostseeraum ist die Aquakultur bisher jedoch noch kein weit verbreiteter Wirtschaftszweig. Der Bedarf an hochqualifiziertem Personal und Wissen in der modernen Aquakultur ist sehr hoch. Hier wird das Projekt „AquaVIP“ ein Aktionsfeld haben. Das Vorhaben konzentriert sich auf die Förderung der Ausbildung durch die Förderung von Studierenden und Fachkräften in diesem Sektor mit dem Ziel, gut vorbereitete Arbeitskräfte sowie eine Ausweitung des Aquakulturmarktes im südlichen Ostseeraum zu erreichen. Die AquaVIP-Partner verfügen über langjährige Erfahrung und Kompetenzen im Bereich der Aquakultur.

Besonderes Augenmerk wird das Projekt auf die Untersuchung bewährter Praktiken und den Austausch von Wissen und Erfahrungen in Bezug auf das bereits vorhandene und zukünftige Personal für die blaue und grüne Wirtschaft des Aquakultursektors legen. Darüber hinaus wird in Zusammenarbeit mit assoziierten Partnern und weiteren Akteuren an gemeinsamen Entwicklungen maßgeschneiderter Lösungen zur Verbesserung der Personalsituation sowie der Erprobung innovativer Methoden und Instrumente gearbeitet. AquaVIP wird internationale Netzwerke mit Organisationen bilden, welche die gleichen Ziele verfolgen und sektorübergreifende Kooperationsmöglichkeiten untersuchen.

„Im Rahmen dieses Projekts werden wir eine starke Basis für die Stärkung von Aquakulturprogrammen an den Universitäten schaffen, praktische Erfahrungen für akademische Gemeinschaften bereitstellen und Bedingungen für Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt schaffen. Die innovative Aquakultur wird den Unternehmen in unserer Region und der Gesellschaft im Allgemeinen zugutekommen, da sie gesunde, sichere und regional produzierte Lebensmittel von hoher Qualität liefern wird. Der Einsatz innovativer umweltfreundlicher Produktionstechnologien wird auch neue und internationale Märkte eröffnen und damit weitere neue Arbeitsplätze und ein blau-grünes Wachstum im südlichen Ostseeraum schaffen“, betont Andrius Sutnikas, Projektleiter und Entwicklungsmanager im Wissenschafts- und Technologiepark Klaipeda.

Verschiedene Experimente, mit unterschiedlichen Schwerpunkten werden in den Einrichtungen der Partner durchgeführt und sind als Kernaktivitäten für die Ausbildung und Vernetzung der Partnerländer und des Aquakulturpersonals vorgesehen. Die Forschungsaktivitäten werden beispielsweise die Verbesserung künstlicher Nahrungsketten für die Zucht empfindlicher Fischlarven, das Thema Aquaponik, unter anderem mit der Weißfußgarnele Litopenaeus vannamei und Mikroalgen, Anwendung von Brackwasser bei der Kultur von Süßwasserfischen, geothermische Sole zum Aufsalzen des Wassers bei der RAS-Kultivierung von Meeresfischen umfassen.

Quelle: Universität Rostock

Schlupf im Stall: Raus aus der Nische?

Von Thomas Wengenroth, Dr. Heike Engels

Während das noch recht neue Verfahren „Schlupf im Stall“ für Masthähnchen in den Niederlanden und weiteren europäischen Ländern schon seit einigen Jahren praktiziert wird, ist es in Deutschland bisher noch nicht so verbreitet. Doch vielleicht wird sich das bald ändern, denn die Erfahrungen sind durchweg positiv. Wir haben uns das Verfahren der Firma NestBorn einmal genauer angeschaut.

In den vergangenen Jahren wurden Forderungen nach mehr Tierwohl immer lauter, auch und speziell für die Hähnchenmast. Im Jahr 2016 machte sich die Firma NestBorn deshalb daran, Tierwohl vom Anfang her zu denken. Entwicklungschef Erik Hoeven und sein Team entwickelten ein System für den Kükenschlupf direkt im Stall. Heute liefern Partner-Brütereien des belgischen Unternehmens Bruteier nach Deutschland, England, Frankreich, in die Niederlande und natürlich an belgische Mäster. Wöchentlich werden heute bereits 400.000-500.000 Eier ausgeliefert und die Nachfrage steigt.

Bei einer Eiauslieferung im Januar waren wir vor Ort beim Landwirt Ludger Schröer in Spelle, Emsland in Niedersachsen. Dort trafen wir Erik Hoeven von NestBorn und Anton de Jong von der niederländischen Brüterei van Hulst. Für Hähnchenmäster Ludger Schröer war es bereits die achte Brutei-Lieferung und besonders auf seine Erfahrungen waren wir gespannt. Er betreibt einen Hähnchenmaststall mit 29.000 Plätzen, daneben hält er noch Mastschweine und Mastbullen und bewirtschaftet einige Hektar Ackerland. Die Hähnchen liefert er an die holländische „De Heus Voeders B.V.“ an die Schlachterei „GPS Gecombineerde Pluimvee Schlachterijen B.V.“. Diese arbeitet nach dem Konzept Royal Top, wo die frühe Fütterung der Küken Pflicht ist. Ausschlaggebend für den Umstieg auf „Schlupf im Stall“ waren für ihn mehr Nachhaltigkeit und die Antibiotikareduktion.

Schlupf im Stall in jedem Maststall möglich
Große Vorbereitungen sind nicht nötig, wenn Eier statt Eintagsküken geliefert werden. Nur zwei Bahnen Holzspäne müssen ausgelegt und der Stall auf etwa 34 Grad Celsius vorgeheizt sein, die Bodenplatte auf maximal 28 Grad Celsius. Umbauten oder spezielle Technik sind nicht von Nöten, der Kükenschlupf kann praktisch in jedem gewöhnlichen Maststall geschehen.

Reifendesinfektion am Lege-Roboter

Die Eiablage übernimmt bei NestBorn der Lege-Roboter. Dies ist eine Maschine, die auf profillosen Reifen vom LKW rollt und 60.000 Eier pro Stunde schafft. Das bedeutet, dass das Legen der Eier im Stall von Landwirt Schröer innerhalb von einer Stunde erledigt ist. Das Bestücken der Maschine mit den bebrüteten Eiern ist Handarbeit, die Platzierung der Eier im Holzspänebett übernimmt dann der Roboter. Diese Legemaschine wird nach jedem Einsatz innen sowie außen gereinigt und desinfiziert. Spezielle Desinfektionsdüsen säubern die profillosen Reifen, während der Legeroboter vom Lastwagen in den Stall fährt und ebenso auf dem Rückweg. Für die Laborkontrolle auf Salmonellen wird eine repräsentative Anzahl Eier abgezweigt: pro Stall immer 80 Stück, deren Eierschalen auf Salmonellen beprobt werden.

Zur Überwachung von Eitemperatur, Luftfeuchtigkeit, Stalltemperatur und Kohlendioxidgehalt der Stallluft werden in regelmäßigen Abständen je vier Eier in spezielle drahtlos arbeitende Sensor-Schalen (Ovo-Scans) gelegt.

Im „Geflügel Spezial“ finden Sie den Rest der Reportage, zusammen mit weiteren spannenden Themen. Kostenfreier Sofort-Download hier.

Wo liegen die Herausforderungen in der Geflügelhaltung? Interview mit Prof. Robby Andersson

Geflügel boomt – sowohl die Nachfrage nach Eiern als auch nach Geflügelfleisch ist seit langem ungebrochen stark. Doch die Diskussionen um Klimawandel, Tierwohl und Antibiotikareduktion machen auch vor der Geflügelhaltung nicht Halt. Welchen Herausforderungen sich die Branche aktuell stellen muss, erklärt Prof. Dr. Robby Andersson. Er ist Professor an der Hochschule Osnabrück am Lehrstuhl Tierhaltung und Produkte, Studienschwerpunkt angewandte Geflügelwissenschaften.

Herr Prof. Andersson: Einer Ihrer großen Forschungsbereiche ist die Digitalisierung. Was können wir heute im Stall alles messen und beobachten?
Wir haben in Niedersachsen das große Glück, dass wir ein großes Digitalisierungsprojekt für fünf Jahre bewilligt bekommen haben. Wir haben zwei Ebenen, die uns zentral beschäftigen: erstens gilt es die Umwelt der Tiere zu erfassen und zwar möglichst detailliert, d. h. wir messen nicht mehr nur Zu- und Abluft und dazwischen ist eine Black-Box. In verschiedenen Stallbereichen werden Schadgaskonzentrationen, vor allem NH3 und auch CO2 erfasst um dann über eine intelligente Lüftung das Stallklima entsprechend zu optimieren. Wir konzentrieren uns stark auf Ammoniak, nicht nur aufgrund politischer Forderungen, die auf Umweltwirkungen abzielen, sondern zentral auch aus Tiergesundheitsgründen.

Die zweite große Baustelle ist die berührungslose Erfassung und Beurteilung der Situation der Tiere, sprich mit Kameratechnik. Wir wollen Haltungssysteme aufgrund tierbezogener Daten erfassen und bewerten, also ein Haltungssystem nicht so bauen, wie es der Mensch für gut befindet, sondern wie es aufgrund der Informationen vom Tier zu beurteilen ist.

Hier geht es u.a. um die Bewegungsaktivität, sind die Tiere altersabhängig mehr oder weniger aktiv, es geht dabei natürlich auch um Verhaltensstörungen und deren Früherkennung. Je früher ich etwas erkenne, desto früher kann ich erfolgreich reagieren: Konkret, die Vermeidung von Federpicken, Kannibalismus und bei Puten Beschädigungspicken.

Und Sie konzentrieren sich in Ihrer Forschung auf Broiler, Hühner und Puten?
Genau, Entenhaltung ist in Deutschland ja ein bisschen schwierig zurzeit. In Ställen von Wassergeflügel sind wir im Moment gar nicht unterwegs.

Noch mal zurück zu den Messungen des Stallklima: Temperatur ist klar, NH3 haben Sie angesprochen, aber auch der CO2-Gehalt der Luft kann eine wichtige Rolle spielen.
Das ist aktuell eine ganz große Herausforderung, wenn Küken schlüpfen. Laut gesetzlicher Vorgaben sind maximal 3.000 ppm in der Stallluft erlaubt, normal sind 400 bis 500 ppm in der Zuluft. Um einen möglichst synchronen Schlupf hinzubekommen, wird die sehr kurzfristige Erhöhung der CO2-Konzentration geprüft. Man möchte so den Küken im Ei mitteilen: alle anderen Küken sind am Schlüpfen, sieh auch du zu aus dem Ei zu kommen, mal etwas platt gesagt. Und dann müssen wir natürlich mit der CO2-Konzentration sehr schnell und radikal wieder runter. Die optimalen Kurven dazu hat wohl noch keiner, aber daran wird gearbeitet.

Es gibt Unterschiede im Verhalten von Hühnern und Puten. Sind die einen einfach ruhiger und die anderen aktiver?
Man findet einige Praktiker, die viel Erfahrung mit Hühnern haben und dann davon ausgehen, eine Pute sei ein zu groß geratenes Huhn. Aber die machen vieles nicht so ganz richtig, denn die Verhaltensmuster sind sehr, sehr unterschiedlich. Sie können das Verhalten von Hühnern nur im weitesten Sinne auf Puten übertragen, aber niemals eins-zu-eins.

Puten haben eine andere Wahrnehmung als Hühner, sie sehen z.B. das Futter anders und damit sind schon viele unserer Erfahrungen vom Huhn nicht übertragbar. Auch das Lernen der Puten ist, da sie ja in anderen Zeitfenstern ihre physiologische Entwicklung durchlaufen, anders als beim Huhn.

Das Verhalten von Puten zu verstehen ist schwierig, über Hühner wissen wir dagegen recht viel. Das macht auch den Verzicht auf das Schnabelkürzen so schwer, denn wenn man das Verhalten der Pute noch nicht richtig versteht, wo will man dann anfangen zu optimieren?

Aber wenn Sie das Verhalten von Hühnern beobachten, gibt es Schwellenwerte bei denen ein Alarm ausgelöst und dem Tierhalter gleich gesagt wird, was passiert ist und an welcher Stellschraube er drehen muss?
Genau so ist das Fernziel, aber die Projekte laufen alle erst an. Wir versuchen die Datenfluten über künstliche Intelligenz zu verdichten um Hinweise zu bekommen, wo man als Erstes und wo als Letztes hingucken sollte. Wir haben manchmal Situationen, mit denen niemand rechnet: die Futterkette ist gerissen oder im Silo hängt das Futter fest oder ganze Tränkelinien funktionieren nicht, weil sich irgendwo ein Pfropfen gebildet hat. So etwas hat natürlich sofort verheerende Folgen, auch das versuchen wir über Alarmsysteme frühzeitig zu erkennen. Bei der Suche nach den Ursachen für Verhaltensstörungen denkt man leider nicht immer an die Basics, die auf jeden Fall funktionieren müssen.

Zu hohe oder niedrige Temperatur im Stall ist ja noch einfach zu erkennen und auch die Lösung ist in dem Fall einfach. Aber können Sie denn tatsächlich aus dem Verhalten der Hühner genau ableiten, wo ein Problem vorliegt, also z.B. wenn es kein Wasser gibt?
Nein, eins-zu-eins wäre toll. Verhaltensstörungen treten überwiegend im Bewegungs- und Nahrungsaufnahmeverhalten auf, die Ursachen können aber überall liegen und deswegen ist deren Identifikation extrem schwer. Wir haben nur einen Alarm und wissen, dass etwas nicht stimmt, aber dann ist das Fachwissen des Tierhalters gefragt, um zu entscheiden was er als erstes überprüft.

Können Sie ihm denn dafür eine Checkliste an die Hand geben?
Ja, davon träumen viele, wir nennen es „Kochbuch“. Aber so weit sind wir noch nicht und ich weiß auch nicht, ob es das jemals geben kann. Jeder Betrieb, jede Herde, jede Region ist anders. Der Tierhalter muss jeweils auf einen digitalen Datenpool, bzw. dessen Informationen zurückgreifen, aber angesichts der Situation im analogen Stall ist zu entscheiden, was zu tun ist.

Der intelligenteste Sensor muss also der Landwirt sein?
Ja, auf jeden Fall!

Und wo kann ich in Deutschland lernen ein guter Vogelhalter zu sein – außer bei Ihnen in Osnabrück?
Das ist mittlerweile ein riesengroßes Problem, weil wir unsere Ausbildungseinheiten alle runterfahren, auch an den Agrarfakultäten. Wir gehören, nach meiner Einschätzung, heute zu den ganz Wenigen, die in Deutschland systematisch und über alle Fachdisziplinen hinweg überhaupt eine Ausbildung im Geflügelbereich anbieten. Und das ist nicht gut.

Wenn man bedenkt, dass die Bedeutung des Geflügelfleischs z. B. stetig wächst, genau das falsche Signal.
Da ist die Politik gefragt und ich weiß nicht, warum die das nicht erkennt und nicht gezielt in Aus- und Fortbildung junger Leute investiert.

Im „Geflügel Spezial“ steht die Fortsetzung des Interviews, zusammen mit weiteren spannenden Themen. Kostenfreier Sofort-Download hier.

Farm-to-Fork-Strategie: Tiergesundheitsverbände unterstützen eine auf Innovation basierende Transformation des EU-Lebensmittelsystems

Der europäische Verband der Tiergesundheitsindustrie, AnimalhealthEurope und der deutsche Bundesverband für Tiergesundheit (BfT) unterstützen das Bestreben der Europäischen Kommission, ein faires, gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem zu schaffen, dessen Transformation auf innovativen und die Ziele ermöglichenden Technologien fußt, ohne die biologische Vielfalt und die Umwelt zu vernachlässigen. Innovative digitale Instrumente und Krankheitsvorbeuge für gesunde Tierbestände können dazu beitragen, diesen Übergang zu beschleunigen. Landwirte und Tierärzte sollten dazu durch Zugang zu allen verfügbaren Instrumenten unterstützt werden, um die Gesundheit zu schützen, den Tierschutz zu gewährleisten und schnell auf Krankheitsausbrüche zu reagieren. Damit könnte ein wirksamer Weg zu einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion beschritten werden, bei dem die Lebensmittelversorgung und -sicherheit für die EU-Bürger weiterhin im Mittelpunkt steht.

Die aktuelle Krisensituation bei COVID-19 hat gezeigt, dass Gesundheit, Nahrungsmittelversorgung und finanzielle Stabilität nicht als selbstverständlich betrachtet werden können. Eine ausgewogene Transformation sollte ein robustes und belastbares System der Nahrungsmittelgewinnung und -versorgung unterstützen, das unter allen Umständen weiterhin funktioniert. Als solche ergänzt eine Politik, die im Sinne von One-Health die Faktoren Mensch, Tier und Umwelt berücksichtigt, die Strategie vom Hof auf den Tisch (Farm-to-Fork), die Hand in Hand mit dem Schutz der öffentlichen Gesundheit die Lebensmittelsicherheit und -versorgung für alle gewährleisten muss. Tiergesundheit ist in allen verschiedenen Produktionsformen von Bedeutung. Mit Blick darauf sollten Innovationen unterstützt werden, die zur Vorbeugung und Bekämpfung von Tierseuchen beitragen und so eine sichere Versorgung mit qualitativ hochwertigen und nahrhaften Produkten wie Fleisch, Milch, Fisch und Eier gewährleisten.

„Mit jeder Transformation ist eine notwendige Investition verbunden. Die Priorisierung der Finanzierung innovativer Tiergesundheitsforschung auf nationaler und europäischer Ebene durch Programme wie Horizon Europe kann dringend benötigte Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten unterstützen, um neue Generationen von Impfstoffen und andere vorbeugende Instrumente sowie Therapien zu entwickeln. Darüber hinaus kann die Unterstützung der Landwirte bei der Investition in digitale Überwachungsinstrumente eine Echtzeitüberwachung des physischen Zustands des Tieres ermöglichen. Hierdurch können die Landwirte ihre Tier besser vor Krankheiten schützen und gleichzeitig wird das Wohlbefinden von Nutztieren gefördert und eine nachhaltige Nutztierhaltung unterstützt“, sagte Roxane Feller, Generalsekretär von AnimalhealthEurope.

Quelle Bundesverband für Tiergesundheit e.V. (BfT)

Massentierhaltung à la 18. Jhd.

London hatte Mitte des 18. Jhd. 650.000 Einwohner, 1850 waren es bereits 2,3 Mio. Für die Versorgung der englischen Hauptstadt mit Fleisch wurden zu dieser Zeit 277.000 Rinder und 1,6 Mio. Schafe im Jahr benötigt, dazu Schweine und Geflügel aller Art.

Ab Mitte des 19. Jhd., als das Eisenbahnnetz ausreichend ausgebaut war, wurden zerlegte s Fleisch herangeschafft. In den Jahrhunderten zuvor musste das Schlachtvieh nach London getrieben werden. Rinder kamen aus weit entfernten Gegenden wie Schottland und Irland, aber auch aus Norfolk und Wales. Bei 2 Meilen pro Stunde und 12 Stunden Viehtrieb pro Tag, dauerte es 20 bis 25 Tage, walisische Rinder nach London zu treiben. Danach waren die Tiere so abgemagert, dass sie für zwei, drei Wochen auf Weiden vor den Toren der Stadt wieder aufgepäppelt werden mussten.

Um die Distanzen überhaupt bewältigen zu können, wurden die Rinder mit Klaueneisen beschlagen. Schweine, die ebenfalls über große Distanzen getrieben wurden, bekamen teilweise gestrickte Woll-Stiefel mit Ledersohle verpasst. Und Gänse (ja, auch die wurden in Herden geliefert) trieb man vor dem Marsch durch Teer, Sägespäne und Split, um ihre Füße zu „schonen“. Vor allem Mitte August machten sich Gänsehirten aus East Anglia mit ihren Herden auf den Weg. Stoppelfeldern dienten den Gänsen als Futterquelle und rechtzeitig am 29. September kamen sie in London an, um zu Michaelis geschlachtet zu werden (250.000 Tiere nur für diesen Feiertag).

Aber Viehtrieb allein reichte zur Versorgung nicht aus, auch in der Hauptstadt selbst wurde etliches Vieh gehalten. In zahllosen Hinterhöfen und Kellern wurden ein, zwei Schweine mit Essensresten und Abfällen gemästet. In großem Stil taten das aber die zahlreichen Brauereien und Molkereien. Im 18. Jhd. hielt Johnson’s Brennerei 3.000 Schweine, die Konkurrenten Benwell’s und Bush’s verfütterten ihre Koppelprodukte an 4.000 bzw. 2.000 Tiere.

Geflügel gab es in zigtausend Haushalten. Hühner, Gänse und Enten, meist in Käfigen oder Kellern in kompletter Dunkelheit gehalten (einem Zustand, dem sich englische Hühnerhalter teils heute wieder annähern).

Aber auch Milch kauften die Londoner gerne regional und auch lokal: 1794 gab es etwa 8.500 Milchkühe in der City, 1850 waren es 20.000. Meist waren die Bestände in und um die Stadt zwar klein, aber 1810 hielt Richard Laycock schon 500-600 Kühe auf 225 ha Weidefläche.

„Er fütterte seinen Kühen eine gesunde Ration aus Biertreber, Rüben, Kohl, Kartoffeln und Heu; über Nacht wurden die Tiere auf die Weide gelassen. Die Kühe waren jung, nicht älter als drei oder vier Jahre, und wenn ihre Milchleistung abnahm, wurden zur Schlachtung gemästet.“

Und weil noch keine Kühlung zur Verfügung stand, gab es täglich Frischmilch für die Londoner. Am Straßenrand angeboten aus der Kanne und noch euterwarm oder etwas kühler, wenn die Kanne zuerst mit einem Teil Wasser befüllt worden war.

Aus: Hannah Velten, Beastly London – A History of Animals in the City,
Reaktion Books, € 16,95 zzgl. Versandkosten

Leicoma Schwein vor dem Aussterben gerettet

Die am meisten gefährdete, einheimische Schweinerasse erholt sich. Über 60 Schweinezucht-Interessierte folgten einem Aufruf der BLE. Inzwischen gibt es Förderung in mehreren Bundesländern und Zuchtbücher in zwei Schweinezuchtverbänden.

Zum Internationalen Tag der Biologischen Vielfalt am 22. Mai 2020 gibt es eine Erfolgsmeldung aus der Schweinezucht: Von der nach wie vor gefährdetsten einheimischen Schweinerasse existieren heute wieder 83 im Herdbuch eingetragene Sauen und 21 Eber. Ein Erfolg, an dem sowohl Züchter als auch Politik beteiligt sind. Das Fleisch des Leicoma Schweins ist bekannt für seine hohe Qualität – Probieren könnte bald häufiger möglich sein.

Öffentlicher Aufruf erfolgreich
Im Jahr 2012 züchtete nur noch ein Betrieb Leicomas. Damals gab es weniger als 30 Zuchttiere der robusten Schweinerasse. Daraufhin startete das Informations- und Koordinationszentrum Biologische Vielfalt (IBV) einen Aufruf in der Presse nach interessierten Züchtern, um das Aussterben des Leicomas zu verhindern. Über 60 Interessenten konnte das IBV daraufhin an den verbleibenden Leicoma-Zuchtbetrieb vermitteln. Es folgten zahlreiche Aktivitäten in den Bundesländern.

Zum Beispiel wurden in Sachsen-Anhalt Leicoma Sauen erfolgreich mit tiefgefrorenen Spermareserven früherer Leicoma Eber besamt, um die Vielfalt innerhalb der Rasse zu erhalten. Auch half das Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt bei der Verteilung der letzten Leicoma Schweine an interessierte Betriebe. Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt bieten inzwischen eine Förderung für die Zucht von Leicoma Schwei-nen an. Nun zeigt sich der Erfolg mit einem dynamischen Anstieg der Tierzahlen und Zuchtbetriebe, schwerpunktmäßig in Mitteldeutschland. Inzwischen führen zwei Schweinezuchtverbände ein Zuchtbuch für Leicomas.

Hohe Fleischqualität, robuste Tiere
Auf den ersten Blick sieht das Leicoma aus wie ein gewöhnliches Schwein. Das herausragende Merkmal der Rasse ist die hohe Fleischqualität. Weitere Vorzüge sind seine Robustheit und seine ausgeprägte Mütterlichkeit. Derzeit können Erzeugnisse vom Leicoma Schwein meist direkt bei den Zuchtbetrieben gekauft werden. Verbraucherinnen und Verbraucher können mit ihrer Nachfrage den Erhalt des Leicomas in der Landwirtschaft unterstützen.

Weitere Informationen zu gefährdeten Nutztierrassen sind in der Roten Liste einheimischer Nutztierrassen in Deutschland verfügbar. Das IBV in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gibt diese Broschüre heraus. Sie kann kostenlos bei ibv@ble.de bestellt oder heruntergeladen werden.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

Studie untersucht natürliches Abwehrverhalten gegen Varroamilben bei Honigbienen

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Die Varroamilbe ist weltweit der bedeutendste Parasit der Westlichen Honigbiene. Die Fähigkeit einiger Bienenpopulationen, die Milbenvermehrung bereits in den Brutzellen aktiv zu unterdrücken, wird derzeit in einem Verbundprojekt untersucht, das vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert und von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) betreut wird. Im ersten Projektjahr wurden bereits über 100 Züchter auf Untersuchungen der Brutproben geschult und mehr als 860 Bienenvölker auf das natürliche Abwehrverhalten hin geprüft.

Mit dem Weltbienentag am 20. Mai unterstreichen die Vereinten Nationen die Bedeutung der Bienen für die Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität. Die Selektion varroaresistenter und leistungsfähiger Honigbienen ist dabei eine bedeutende Strategie zum Bienenschutz. In der Zuchtauslese werden neben den gängigen Kriterien wie Honigertrag, Sanftmut und Wabenfestigkeit deshalb auch zunehmend Resistenzmerkmale der Bienen berücksichtigt, die ein aktives Abwehrverhalten gegen den Parasiten anzeigen.

Untersuchungen zeigen: Bienen räumen milbenbefallene Brutzellen gezielt aus
Einige Bienenpopulationen zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, die Milbenvermehrung in den Brutzellen aktiv zu unterdrücken (SMR, suppressed mite reproduction). Diese genetisch bedingte Eigenschaft äußert sich insbesondere in dem gezielten Ausräumen, also dem Öffnen und Wiederverschließen von Varroamilben-befallenen Brutzellen (REC, recapping). Eine umfangreiche Prüfung von Bienenvölkern auf die SMR- sowie REC-Ausprägungen wird im Verbundprojekt „SMR-Selektion“ realisiert mit dem Ziel, varroaresistente Honigbienen zu züchten.

Ziel: Effektive Selektion des Verhaltens – schnelle Verbreitung erwünscht
Im Gegensatz zur normalerweise zufälligen Begattung der Königin durch mehrere Drohnen sollen Bienenköniginnen hier gezielt mit dem Sperma eines einzelnen Drohns besamt werden. So soll eine effektive Selektion der spezifischen Verhaltensanlagen erreicht werden. Darüber hinaus haben die Züchter künftig an mehreren Belegstellen die Möglichkeit, ihre Bienenköniginnen mit SMR-selektierten Völkern, die nur aus Drohnen bestehen, zu verpaaren, um so die gewünschten Verhaltensmerkmale schnell zu verbreiten.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)