Können Kälber Empathie empfinden?

Illustration des Versuchsaufbaus von Ann Sanderson. © University of British Columbia

Im Rahmen des Animal Welfare Programms der Faculty of Land and Food Systems untersuchten Wissenschaftler der University of British Columbia (Vancouver), ob Kälber fähig sind Empathie zu empfinden. Wir sprachen mit dem Erstautor Thomas Ede über die Studienergebnisse:

Thomas Ede

Herr Ede, Sie haben die erste Empathiestudie mit Rindern überhaupt durchgeführt. Wie definieren Sie eigentlich Empathie bei Tieren?
Es gibt keine eindeutige Definition von Empathie bei Tieren (oder beim Menschen), sie wird meist als Spektrum angesehen, das viele Prozesse unterschiedlicher Komplexität umfasst. In unserer Studie haben wir Empathie in ihrer grundlegendsten Form definiert: Sensibilität für den emotionalen Zustand eines anderen.

Was waren die Hauptziele der Studie?
Unser Programm interessiert sich seit einiger Zeit für die Schmerzen, die Kälber nach dem Enthornen haben. Diese Studie war ein erster Schritt zur Erforschung der Rolle des sozialen Kontakts bei der Schmerzerfahrung von Kälbern. Insbesondere wollten wir herausfinden, ob Kälber anders auf ein anderes Kalb reagierten, das sich vom Enthornen erholte, als auf ein Scheinverfahren.

Wie sah das experimentelle Design aus?
Unser Versuchsaufbau war eine Bucht, die in drei Fächer unterteilt war. Die Trennwände ermöglichten es den Kälbern, einander zu sehen und miteinander zu interagieren. Ein “Beobachter” -Kalb befand sich im mittleren Abteil, und zwei “Demonstrator” -Kälber befanden sich in den Seitenabteilen (jeweils ein Kalb). Ein Demonstrator erholte sich von der Enthornung, während der andere sich von einem Scheinverfahren (nur Sedation ohne anschließende Enthornung) erholte.

Beobachter konnten nur das Enthornungsgerät sehen, nicht aber das Enthornen der anderen Kälber. Aber sie waren vor ein paar Tagen selbst enthornt worden?
Das ist richtig, Beobachter wurden nach der Enthornung hinzugezogen, sodass sie nur die Erholung von dem Eingriff sehen konnten. Die Beobachter wurden zwei Tage vor dem Experiment enthornt. Wir glauben, dass frühere Schmerzerfahrungen zur Empathie für Schmerzen beitragen können, aber dies wurde bei Kälbern nicht untersucht.

Wie drücken Kälber Schmerzen genau aus?
Dies kann ein komplexes Thema sein, da der Ausdruck von Schmerz von der Art des erlebten Schmerzes abhängt und Rinder im Allgemeinen ziemlich stoisch sind. Im Falle einer Enthornung sind Ohrenschmerzen, Kopfschütteln und Kopfreiben das häufigste Schmerzverhalten. Wenn keine Lokalanästhesie vorgesehen ist, reagieren die Kälber intensiv auf das Verfahren, wie z. B. Lautäußerungen und Fluchtversuche.

Was waren die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
Ein Hauptergebnis der Studie war, dass Kälber mehr Zeit verbrachten mit Kälbern, die sich von einem schmerzhaften Eingriff erholten, ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkten als beim Scheinverfahren. Ein weiteres interessantes (wenn auch weniger starkes) Ergebnis war, dass Beobachter während eines der Tests dazu neigten, die Bucht zu meiden, in dem sie Kälber mit Schmerzen sahen.

Im Diskussions-Abschnitt Ihrer Studie schreiben Sie, dass Kälber eigentlich den Ganzkörperkontakt bevorzugen. In den Experimenten war jedoch zunächst nur Kopfkontakt möglich. Gibt es andere Faktoren, die in zukünftigen Studien geändert werden könnten?
Ja, es bleiben viele interessante Fragen offen. Wie bereits erwähnt, könnte die Erfahrung mit Schmerzen ein wichtiger Faktor sein: Wenn Kälber selbst keine Schmerzen hatten, können sie dann Empathie dafür haben? In dieser Studie haben wir uns auch auf junge, nicht verwandte Kälber konzentriert, aber es wäre interessant, die empathische Reaktion einer Mutter auf ihr Kalb zu untersuchen (die wir als stark erwarten).

Möchten Sie weiter über Empathie forschen? Vielleicht mit ausgewahsenen Rindern oder anderen Nutztieren?
Tierisches Einfühlungsvermögen ist ein absolut spannendes Feld. Wir führen derzeit weitere Untersuchungen zur Bedeutung von Sozialpartnern bei der Schmerzlinderung bei Kälbern durch, aber ich hoffe, diese Forschungsrichtung mit anderen Arten fortzusetzen, wobei ich persönlich Schweine und ihr komplexes soziales Leben bevorzugt würde.

Herr Ede, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!

Social approach and place aversion in relation to conspecific pain in dairy calves
Thomas Ede, Marina A. G. von Keyserlingk, Daniel M. Weary
Animal Welfare Program, Faculty of Land and Food Systems,
University of British Columbia, Vancouver, B.C., Canada

Link zur Studie

0 0 vote
Article Rating
Subscribe
Benachrichtige mich zu:
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments