Klauengesundheit bei Sauen: Die entscheidenden Stellschrauben

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*AG Tiergesundheit und Tierverhalten „Netzwerk Fokus Tierwohl“

Die Klauengesundheit ist ein zentraler Aspekt für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von Sauen. Eine mangelhafte Klauengesundheit im Bestand gilt zudem als tierschutzrelevant und macht das Einleiten geeigneter, zielgerichteter Maßnahmen erforderlich. Sauenabgänge aufgrund von Fundamentproblemen bzw. Klauenerkrankungen stellen in der Praxis nach wie vor eine Herausforderung dar. Klauenerkrankungen können neben einem vorzeitigen Abgang der Sau auch zu Minderleistungen, höheren Ferkelverlusten und geringerer Fruchtbarkeit führen. Zahlreiche Faktoren aus den Bereichen Haltung, Züchtung, Management und Fütterung, sowie weitere tierbezogene Faktoren beeinflussen die Gesundheit und Belastbarkeit der Klauen. Eine systematische Betrachtung dieser Einflussgrößen stellt die Grundlage für das zügige Erkennen der Problembereiche und das Einleiten gezielter Präventionsmaßnahmen dar, sodass die Klauengesundheit im Sauenbestand langfristig verbessert werden kann.

1. Klauenaufbau
Um die Klauengesundheit im Stall zu verbessern, ist es wichtig, den Aufbau der Klauen zu verstehen. Schweine laufen auf Zehenspitzen, sodass sie im Vergleich zu uns Menschen eine sehr kleine Auftrittsfläche haben, die eine sehr große Druckbelastung tragen muss. Das Schwein gehört zu den Paarzehern: statt fünf Zehen wie beim Menschen haben sie zwei Hauptklauen und zwei Afterklauen. Die Afterklauen berühren den Boden auf festem Untergrund nicht, sondern übernehmen nur beim Einsinken in weichem Boden eine Stützfunktion.

Bildquelle: MuD Tierschutz, BLE

Die Schweineklaue hat eine sehr harte Hornwand, eine harte Sohle und einen weichen Ballen, der einen Großteil der Unterseite und die Seitenfläche der Klauen einnimmt. Die verschiedenen Hornsegmente der Klauen haben unterschiedliche Härtegerade, die unmittelbar aufeinanderstoßen und die Klaue an diesen Stellen empfindlicher für Risse und Verletzungen macht. So grenzt das harte Kronhorn an das weiche Saumsegment, das den Übergang zur behaarten Haut darstellt. Das härtere Sohlen- und Wandhorn stößt an das weichere Ballenhorn. Auch die weiße Linie, an der das Wandhorn an das Sohlenhorn grenzt, stellt einen solchen Übergangsbereich dar.

Je nach Alter der Schweine wächst das Horn unterschiedlich schnell nach. Ab einem Alter von einem Jahr liegt das Wachstum durchschnittlich bei 5-6 mm pro Monat.

Bildquelle: MuD Tierschutz, BLE

Der Winkel zwischen der vorderen Wand- und der Sohlenfläche ist entscheidend für die Gesunderhaltung der Klauen: Je länger die Klauen werden, umso spitzer wird auch der Winkel (sogenannte Stallklauen). Im Normalfall sollte er zwischen 50° und 60° liegen. Bei einem spitzeren Winkel verlagert sich der Druckpunkt der Fußungsfläche auf den Ballenbereich, dessen Hornhärte hierfür nicht ausgelegt ist.

2. Stallboden und Untergrund
Der Stallboden hat einen großen Einfluss auf den Abrieb der Klauen und die gesamte Klauengesundheit. Während eines Produktionszyklus durchlaufen Sauen oft verschiedene Bodenarten. Im Deck- und Wartestall gibt es häufig Betonspalten, während die Abferkelbuchten meistens mit Metall- oder Kunststoffspalten ausgestattet sind. Teilweise werden die Spalten im Abferkelabteil auch mit Gummimatten ausgelegt, um Druckverletzungen zu reduzieren. Besonders hier im Abferkelbereich, in dem verschiedene Materialien verwendet werden, ist auf eine hohe Standsicherheit zu achten. Materialübergänge sollten dabei ebenmäßig ausgeführt sein – ohne Risse oder Kanten und mit durchgehend gleichem Niveau. Im Deck- und Wartestall können Gummimatten unterschiedliche Auswirkungen haben und ihr Einfluss auf Afterklauenabrisse, Wandhornabschürfungen, Lederhautblutungen, Hornrisse und Sohlendefekte scheint je nach Zeitpunkt unterschiedlich zu sein.

Die Rutschfestigkeit und Trittsicherheit eines Bodens hängen von Material, Oberflächenprofil und Verschmutzungsgrad ab. Gummimatten, kunststoffummantelter Streckmetallboden (Polyethylen-beschichtete Roste) sowie Beton weisen hohe Gleitreibwerte auf und sind daher rutschfest. Glatte Materialien wie Polypropylen sind hingegen nicht empfehlenswert. Zu glatte Böden sorgen außerdem für einen unzureichenden Klauenabrieb und eine Fehlbelastung der Klauen. Zu raue Böden hingegen können zu einem übermäßigen Abrieb führen, wodurch Lederhautblutungen und Ballenhornwucherungen entstehen können.

Feuchtigkeit und Verschmutzungen senken die Rutschfestigkeit des Bodens je nach Material unterschiedlich stark, wodurch das Verletzungsrisiko vor allem bei glatten Böden steigt. Zudem quillt das Horn durch Feuchtigkeit wie Urin oder nasse Einstreu auf. Bei einem Wechsel zu trockenen Böden härtet das Horn wieder aus und wird porös, wodurch die Bildung von Rissen begünstigt wird. Durch diese Risse können unter Umständen Krankheitserreger eindringen und Infektionen verursachen. In diesem Zusammenhang sollten Temperatur und Luftfeuchtigkeit stets im Blick behalten und bei Bedarf angepasst werden.

Gemäß der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sind für Sauen, Jungsauen und Eber Spaltenböden mit Spaltenbreiten von maximal 20 mm zulässig. Empfohlen werden Auftrittsbreiten je nach Funktionsbereich zwischen 80 und 200 mm und Spaltenbreiten zwischen 17 und 20 mm.

Bei neuen Betonspaltenböden besteht die Gefahr, dass das Verletzungsrisiko infolge von scharfen Graten an den Kanten der Spalten steigt. Werden keine bereits entgrateten Spaltenböden verlegt, sollten diese daher entgratet werden bevor die ersten Tiere eingestallt werden, z.B. durch den Einsatz einer Flex. Außerdem können ätzende Betonsäuren das Klauenhorn schädigen. Vor der ersten Aufstallung können diese durch Ausbringen einer 10%igen Sodalösung abgepuffert werden.

Ein guter Zustand der Spaltenböden, insbesondere die Abwesenheit scharfer Kanten und ausgebrochener Spalten, ist Grundvoraussetzung für den Erhalt der Klauengesundheit.

Die Haltung auf trockenem Stroh führt zu einer tendenziell besseren Klauengesundheit als die Haltung auf Betonböden. Allerdings führt Stroh auch zu einem geringen Abrieb und begünstigt somit unter Umständen die Bildung von Stallklauen. Besonders bei ausschließlicher Haltung auf Tiefstreu über einen langen Zeitraum können die Klauen übermäßig wachsen, wodurch Fehlbelastungen an der Klaue bedingt werden. Die Kombination von Betonböden mit eingestreuten Flächen je nach Funktionsbereich kann die Klauengesundheit fördern.

Eine weitere Herausforderung stellt die Bodenbeschaffenheit im Abferkelbereich dar. Die Sau benötigt einen möglichst trittsicheren Boden, während die Ferkel einen nicht zu rauen Untergrund brauchen, damit beim Anrüsten am Gesäuge die Gelenke keine Schürfwunden erhalten.

Da der Grundstein für eine gute Klauengesundheit bereits im Ferkelalter gelegt wird, ist es insbesondere für Eigenremontierer, aber auch in der Jungsauenaufzucht wichtig auf eine dem Alter und Körpergewicht angepasste Bodenbeschaffenheit zu achten. Zuchtläufer, die mit mehr als 25 kg Körpergewicht noch auf Kunststoffrosten gehalten werden, neigen dazu, als ausgewachsene Sau schneller durchtrittig zu werden.

Weiterhin umfasst ein wirksames Hygienekonzept trockene, leicht zu reinigende Flächen mit ausreichendem Gefälle sowie regelmäßige Kotentfernung. Arbeitsgeräte sind regelmäßig zu reinigen, zu desinfizieren und klar einem Bereich zuzuordnen, um Infektionsketten zu unterbrechen. Nach Möglichkeit sollten die Ställe – besonders der Besamungsbereich – regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden.

Egal, ob es sich um Spaltenböden aus Kunststoff oder Beton oder planbefestigte Böden mit oder ohne Einstreu handelt, jeder Stallboden hat seine Vor- und Nachteile. Derzeit stellen alle Bodenmaterialien einen Kompromiss zwischen Klauengesundheit, Hygiene, Komfort, Thermoregulation und den unterschiedlichen Ansprüchen je nach Lebensabschnitt dar. Die Verwendung unterschiedlicher Materialien in einzelnen Funktionsbereichen kann daher sinnvoll sein. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Böden trocken und sauber sind.

3. Raum- und Buchtenstruktur
Eine klare Trennung der Funktionsbereiche (Liege-, Kot-, Fress- und Aktivitätsbereich) vermeidet Verunreinigungen und reduziert somit Verletzungen durch Ausrutschen und die Infektion von Klauenläsionen. Lange Laufwege zum Fressplatz bzw. das häufige Aufsuchen von diesem, wie es beispielsweise in Systemen mit einer ad libitum Abruffütterung stattfindet, belasten die Klauen vermehrt und führen vor allem zu Ballenveränderungen. In restriktiven Fütterungssystemen (z.B. Drippelfütterung) wird der Fressplatz weniger häufig aufgesucht, was die Laufwege verkürzt und in Untersuchungen zu 16-17 % weniger Sauen mit schweren Ballenveränderungen führte. Kommt es infolge instabiler Sauengruppen zu mehr Aggressionen am Fressplatz, ist ebenfalls mit schwereren Ballenveränderungen zu rechnen.

Breite Laufgänge von über 3 m geben rangniederen Sauen Ausweichmöglichkeiten und reduzieren so Klauenverletzungen, die im Rahmen von Rangkämpfen bei Rückwärts- und Drehbewegungen entstehen können. Getrennte Fressplätze mit Trennwänden verringern den Konkurrenzdruck und unterstützen die Klauengesundheit in ähnlicher Weise. Auch Selbstfangbuchten sind geeignet, da sie Schutz vor Angriffen von Artgenossen bieten und somit Stress und Klauentraumata reduzieren.

4. Management
Auch beim Management ist das Ziel, den Stress und das damit verbundene Verletzungsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren.

Feste Gruppen, in denen Rangordnungskämpfe auf ein Minimum beschränkt werden können, sind empfehlenswert.

Sind die Sauengruppen sehr homogen, haben alle Tiere die gleichen Zugangschancen zu Ressourcen. Allerdings können Rangordnungskämpfe länger andauern als in heterogenen Gruppen mit großen Gewichtsunterschieden. Hier laufen besonders Jungsauen Gefahr, sich gegenüber stark konditionierten Altsauen nicht durchsetzen zu können.

Insbesondere kleine Tiergruppen sollten konstant gehalten und ein Nachstallen von Einzeltieren vermieden werden. Schweine erkennen sich in Gruppen mit 20-30 Individuen sicher und eine feste Rangordnung kann sich einstellen. In Großgruppen mit über 60 Tieren kann die Zusammenstellung etwas dynamischer sein, da die Tiere größere räumliche Distanzen aufbauen und Konflikten besser aus dem Weg gehen können.

Bei Jungsauen ist eine sorgfältige Kontrolle bei und nach der Anlieferung entscheidend, da nur gesunde Tiere die Basis für eine erfolgreiche Ferkelproduktion bilden. Häufig entstehen Probleme durch unzureichend eingestreute Quarantäneställe in Altgebäuden, da feuchte Einstreu das Klauenhorn aufweicht, wodurch Hornrisse in der späteren Haltung auf Spaltenböden begünstigt werden. Eine ruhige Eingliederung, stabile Gruppen mit angepasster Belegdichte sowie gegebenenfalls die Integration erst nach dem ersten Abferkeln können Klauenprobleme und Verletzungen wirksam reduzieren.

5. Fütterung und Nährstoffversorgung
Für die Bildung von qualitativ hochwertigem Horn ist eine ausreichende Versorgung mit Aminosäuren (z.B. Cystein, Methionin und Histidin), aber auch mit verschiedenen Mengen- und Spurenelementen (z.B. Kalzium, Zink, Kupfer, Mangan und Selen) sowie mit Vitaminen (z.B. Biotin, Vitamine A, D, C und E) und Fettsäuren (z.B. Linolsäure) essenziell. Wird über eine klauengesundheitsfördernde Ausgestaltung des Futters nachgedacht, hat bislang insbesondere die langfristige, parallele Supplementierung mehrerer Stoffe zu einer Verbesserung der Klauengesundheit geführt. Besonders Biotin, Cystein, Mangan, Zink und Kupfer konnten in unterschiedlichen Studien zur Stabilisierung der Klauengesundheit beitragen. Speziell für Biotin gilt jedoch, dass Effekte auf die Klauengesundheit teilweise erst nach einer Supplementierungsdauer von sechs Monaten erzielt wurden. Liegen die Spurenelemente organisch gebunden in der Ration vor, werden sie besser verstoffwechselt. Daher wird ab der Jungsauenaufzucht die Zugabe der Spurenelemente in organisch gebundener Form für mindestens 50% des Angebots empfohlen, um eine gute Aushärtung des Klauenhorns zu erreichen. Nach der Eingliederung sollte wenigstens das Futter der tragenden Sauen entsprechend ausgestaltet sein.

Von entscheidender Bedeutung für die spätere Klauengesundheit ist auch die Konditionierung der Jungsauen. Ab einem Körpergewicht der Jungsauen von 30 kg können Tageszunahmen über 900 g zu einer Verschlechterung der Stabilität der Fundamente führen.

In der Wissenschaft werden die Auswirkungen des Entzündungs- und Nekrose- Syndroms des Schweines (SINS) auf die Klauengesundheit von Sauen diskutiert.

Ist die Darmwand des Tieres, z.B. aufgrund von energiereicher Fütterung mit geringen Rohfasergehalten geschädigt, können Toxine aus qualitativ minderwertigem Futter, besonders aber auch Toxine bakteriellen Ursprungs (sogenannte Endotoxine) die Darmbarriere überwinden und in den Blutkreislauf des Schweins gelangen. Hier wirken sie auf das Immunsystem des Körpers ein und setzen Entzündungsprozesse in der Sau in Gang. Weitere begünstigende Faktoren sind Hitzestress, Wassermangel, schlechte Wasserqualität oder stoffwechselintensive Phasen wie die Laktation. Als Folge können Entzündungen an Ohren, Schwänzen, Zitzen, Vulven oder den Klauen von Schweinen auftreten.

Sauen können, vergleichbar mit Rindern und Pferden, eine Klauenrehe entwickeln. Äußerlich ist dies an aufgewölbten Reheringen am Hornschuh sichtbar. Ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen deutet die Anzahl der Reheringe auf die Häufigkeit entzündlicher Ereignisse in der Klaue hin. Bei schweren Verläufen kann das Gewebe so stark geschädigt werden, dass das Klauenbein rotiert und die Sauen behandlungsresistente Lahmheiten entwickeln.

Auch während der Aufzucht der Jungsauen sollte eine darmschonende Ration gefüttert werden, um SINS Symptome zu vermeiden und Klauenschäden vorzubeugen. Durch ausgewogene Rationen mit einer guten Ausstattung an faserreichem Getreide (Gerste) können Bildung und Aufnahme von Toxinen im Darm vermieden werden.

6. Tierbezogene Faktoren
Das Körpergewicht und das Alter von Sauen gelten als direkte Risikofaktoren für die Klauengesundheit. Beispielsweise erhöht gegen Ende der Trächtigkeit jedes Kilogramm mehr Körpergewicht das Risiko für Wandhornläsionen um drei Prozent. Ein höheres Körpergewicht führt zudem auch zu mehr Hornrissen. Die Außenklauen tragen dabei bis zu 78 % des Körpergewichtes der Sauen und sind daher häufiger von Klauenveränderungen betroffen.

Mit zunehmendem Alter, vor allem zwischen dem ersten und dritten Wurf, nimmt das Auftreten von Klauenveränderungen zu. Bei älteren Sauen kommen längere Klauen und Hornrisse häufiger vor.

Auch genetische Unterschiede zwischen den Rassen zeigen sich im unterschiedlich häufigen Auftreten von Klauenerkrankungen. Unterschiede zwischen Eigenremontierung und Zukauf konnten bislang nicht ausgemacht werden.

Umgang mit kranken und verletzten Tieren
Sauen, die Lahmheiten oder Verletzungen der Fundamente aufweisen, müssen sofort in eine Genesungsbucht separiert werden. Ein weicher, trockener Untergrund, z.B. eine Einstreu mit Stroh oder eine saubere Gummimatte fördern die Heilung. Auch die Gabe eines Schmerzmittels sollte erfolgen und sollte wie gegebenenfalls weitergehende Behandlungen mit dem Hoftierarzt abgestimmt werden.

Fazit
Die wesentlichen Einflussfaktoren auf die Klauengesundheit von Sauen sind Böden, Management, Fütterung, Alter und Körpergewicht. Bei Auffälligkeiten oder gesundheitlichen Problemen sollte der Hoftierarzt oder der Schweinegesundheitsdienst um Rat gefragt werden. In einer umfangreichen Beratung können alle diese Faktoren überprüft und bei Bedarf optimiert werden.

* Autoren AG Tiergesundheit und Tierverhalten „Netzwerk Fokus Tierwohl“:
Martin Dittmar, Impulsbetrieb Tierwohl
Prof. Dr. Isabel Henning-Pauka, Tierärztliche Hochschule Hannover
Prof. Dr. Johannes Kauffold, Universität Leipzig
Dr. Sandra Löbert, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Jochen Meyer, Impulsbetrieb Tierwohl
Dr. Hendrik Niehoff, LUFA Nord-West
Prof. Dr. Imke Traulsen, Universiät Kiel,
Dr. Dirk Bornhorn, Tierärztliche Hochschule Hannover
Dr. Maren Gerlach, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Imke Albers, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Marie Lamoth, Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Arbeitsteilung im Bienenstaat

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Was bestimmt, welche Arbeiten Bienen in ihrem Staat ausführen? Biologinnen und Biologen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und der Universitäten in Köln und Frankfurt/Main haben untersucht, welche Rolle neuronale Aktivitäten dabei spielen. In der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erläutern sie, dass sie durch Manipulation eines bestimmten Gens gezielt neuronale Strukturen in der Biene hemmen und damit deren Arbeitsverhalten beeinflussen können.

Ob in der menschlichen oder in Bienengesellschaften: Damit eine Gemeinschaft funktioniert, müssen Arbeiten zuverlässig auf die Mitglieder verteilt werden. Während Menschen Aufgaben bewusst organisieren und verteilen, geschieht dies im Bienenstaat ohne zentrale Planung. Trotzdem funktioniert die Arbeitsteilung bei den Bienen (Apis mellifera) gut.

Je nach Alter übernehmen die Arbeiterinnen unterschiedliche Arbeiten: Junge Bienen versorgen die Königin und pflegen den Nachwuchs; danach übernehmen sie Bauarbeiten und bewachen den Stock; erst spät verlassen sie den Stock, um Nahrung zu sammeln. Gesteuert werden die unterschiedlichen Arbeiten durch das Zusammenspiel von rund einer Million Nervenzellen im Bienengehirn. Wie das Nervensystem diese altersabhängige Arbeitsteilung umsetzt, war bisher jedoch unbekannt.

Erste Hinweise, wie die Arbeitsteilung gesteuert wird, lieferte die HHU-Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Martin Beye vom Institut für Evolutionsgenetik bei Untersuchungen des sogenannten doublesex-Gens. Sie zeigten, dass sich ältere Arbeiterinnen, bei denen das Gen inaktiviert wurde, verstärkt um die Königin kümmerten und damit Tätigkeiten übernahmen, die sie normalerweise nur im jüngeren Alter tun.

Da das doublesex-Gen nur in ausgewählten neuronalen Schaltkreisen aktiv ist, bot sich so einem Forschungsteam um Prof. Beye sowie Forschenden der Universitäten in Köln und Frankfurt/Main ein Zugang, um die Verhaltenssteuerung der Bienen zu untersuchen. Indem die zugehörigen doublesex-Neuronen gehemmt wurden – ein Neuron-hemmendes Protein wurde zum Gen zusätzlich abgelesen und wird über die Fütterung einer Substanz gezielt aktiviert –, konnten die Forschenden gezielt die Aktivität der entsprechenden neuronalen Schaltkreise hemmen.

Dr. Jana Seiler, Erstautorin der PNAS-Studie: „Dann übernahmen die älteren Arbeiterinnen wieder Arbeiten rund um die Königin, die ansonsten nur die jüngeren Bienen ausführten. Wurden die Schaltkreise nicht gehemmt, zeigten die Bienen ihr natürliches, altersabhängiges Verhalten. Auf diese Weise steuerten wir also, welche Arbeiten die Arbeiterinnen übernahmen.“

Die Ergebnisse der Forschenden zeigen, dass ein neuronaler Mechanismus der Arbeitsteilung im Bienenstaat zugrunde liegt. Indem bestimmte Bereiche im Bienengehirn gehemmt werden, werden andere Schaltkreise aktiviert, die die Durchführung von anderen Arbeiten steuern. Damit liefern die Ergebnisse erstmals Hinweise darauf, dass der Informationsaustausch zwischen den neuronalen Schaltkreisen für die Festlegung der Tätigkeit der Bienen eine wichtige Rolle spielt.

Prof. Beye: „Indem wir nun das Sozialverhalten der Bienen kontrollieren können, eröffnet uns dies neue Möglichkeiten, die Grundlagen der angeborenen Verhaltensvielfalt und der sozialen Zusammenarbeit zu erforschen. Das Rätsel, wie Bienen und andere Tiere ohne Arbeitsplan dabei so prächtig zusammenarbeiten, dürfte sich in den Schaltkreisen des Gehirns verbergen.“

Quelle: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Aus drei mach eins: Aus BfR, MRI und BZfE wird das neue Bundesinstitut für Risikobewertung und Ernährung

Kompetenzen für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Ernährung werden gebündelt

Der Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer, stärkt den gesundheitlichen Verbraucherschutz und treibt die Staats- und Verwaltungsmodernisierung in seinem Ressort weiter voran.

Nach der Verschlankung von Strukturen im Bundeslandwirtschaftsministerium werden das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Max Rubner-Institut (MRI) und das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) im Geschäftsbereich des BMLEH zusammengeführt.

Mit dem neuen Bundesinstitut für Risikobewertung und Ernährung bündelt und stärkt das BMLEH die Kompetenzen im gesundheitlichen Verbraucherschutz. Zuständigkeiten werden klarer geordnet, wissenschaftliche Expertise enger vernetzt und Abstimmungsprozesse effizienter gestaltet. Ziel ist es, mit einer effizienten Behördenleitung Doppelstrukturen aufzulösen und Abstimmungsprozesse zu verkürzen.

Die Aufgaben der Bereiche Lebensmittelqualität, Lebensmittelsicherheit und Ernährungssicherung, Ernährungs- und Risikokommunikation sowie Ernährungsbildung werden vereint. Damit verfolgt das neue Institut einen ganzheitlichen Ansatz. Dieser umfasst neben der Chemikalien-, Produkt-, Futtermittel- und Lebensmittelsicherheit auch das Wissen über Produktionsformen sowie wichtige Aspekte der Ernährung für Bevölkerungsgruppen aller Altersklassen. Ernährungsbildung und Ernährungskompetenz werden gestärkt, Risikobewertungen wissenschaftlich unter Einbeziehung ernährungsphysiologischer und epidemiologischer Aspekte weiterentwickelt. Das BMLEH verbindet dadurch Ernährungssicherung und Lebensmittelsicherheit miteinander. Die geschätzte und wichtige Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Beratung und Kommunikation im Bereich Lebensmittelsicherheit wird um den Bereich der Ernährung erweitert.

Die Zusammenführung der Nationalen Referenzlaboratorien erhöht die Leistungsfähigkeit in Forschung und Analytik. Verbraucherkommunikation und wissenschaftliche Kommunikation werden zudem besser verknüpft mit dem Ziel, die Information der Öffentlichkeit und der Fachöffentlichkeit zu stärken.

Das neue Bundesinstitut soll 2029 an den Start gehen. Es bedarf eines Errichtungsgesetzes mit definierten gesetzlichen Aufgaben. Bereits zum 1. Januar 2028 werden in einem ersten Schritt die Nationalen Referenzlaboratorien des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in das BfR und wichtige Aufgaben des derzeit bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) angesiedelten Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) in das MRI integriert.

Quelle: BMLEH

Studie: Schwanzbeißen im Fokus (AdA)

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Aus dem Archiv (AdA 6/2025) und immer noch aktuell

Von Dr. Heike Engels

Schwanzbeißen ist ein anhaltendes Wohlstandsproblem bei Mastschweinen. Die Identifizierung von Schweinen, die mit dem Schwanzbeißen beginnen, und das Verständnis der auslösenden Faktoren bleiben eine Herausforderung. Diese Studie* hatte das Ziel, Schwanzbeißer zu identifizieren und zu charakterisieren sowie das Wachstum, Schwanzverletzungen und das Schwanzbeißen zwischen Schwanzbeißern und Nicht-Schwanzbeißern zu vergleichen.

Es wurden 432 Schweine mit intakten Schwänzen im Alter von 9 Wochen in kleine (9 Schweine/Abteil) oder große (18 Schweine/Abteil) Gruppen eingeteilt. Sie blieben dort bis zum Schlachtgewicht mit 23 Wochen im selben Abteil. Die Wachstumsleistung wurde über einen Zeitraum von 14 Wochen gemessen. Schwanzverletzungen wurden wöchentlich bei allen Schweinen mit einer Skala von 0-4 bewertet (0 = keine Verletzung; 1 = verheilte Verletzung; 2 = sichtbares Blut; 3 = Wunden oder Abszesse; und 4 = Schwanzverlust). Die höchste Bewertung, die jedes Schwein während des Studienzeitraums erhielt, wurde als „Maximale Schwanzbewertung“ (Maximal Tail Score, MTS) definiert. Ein „Schwanzbeißausbruch“ (Tail-Biting Outbreak, TBO) wurde bestätigt, wenn ein Schwein in einem kleinen Abteil oder zwei Schweine in einem großen Abteil eine Bewertung von ≥ 2 erreichten.

Das Verhalten der Schweine wurde über 14 Wochen hinweg kontinuierlich mit dem NUtrack Livestock Monitoring System aufgezeichnet. Das NUtrack-System wurde an der University of Nebraska – Lincoln durch die Zusammenarbeit von Forschern des Fachbereichs Tierwissenschaften und des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik entwickelt. Es ist eine computergestützte Form der Präzisions-Tierhaltungstechnologie, die in der Lage ist, in Gruppen gehaltene Nutztiere genau zu identifizieren, die Identifizierung aufrechtzuerhalten und deren Verhalten kontinuierlich zu verfolgen.

Videos von 08:00 bis 15:00 Uhr am Tag vor dem ersten TBO in jedem Abteil wurden manuell angesehen, um die Identität und das Geschlecht der Schwanzbeißer sowie der von ihnen gebissenen Schweine zu erfassen. Die Schwanzbisse pro Schwein, die Gesamtzahl der Schwanzbisse pro Abteil und die Schwanzbisse pro Schwein als Prozentsatz der Gesamtzahl der Schwanzbisse im Abteil wurden mittels ANOVA (Varianzanalyse) zusammengefasst.

Die 25 % der Schweine mit den meisten Schwanzbissen (# TB) und dem höchsten Anteil an Schwanzbissen (% Gesamt TB) wurden in jeder Gruppengröße als Schwanzbeißer klassifiziert. In kleinen Buchten führten Schwanzbeißer mindestens sechs Schwanzbisse aus und trugen zu mindestens 20,0 % aller Schwanzbisse in der Bucht bei, während Schwanzbeißer in großen Buchten für mindestens vier Schwanzbisse verantwortlich waren und mindestens 10,6 % aller Schwanzbisse in der Bucht ausmachten.

Die Anfangsgewichte unterschieden sich nicht zwischen Beißern und Nicht-Beißern; Beißer hatten jedoch ein geringeres Endgewicht (P = 0,03) und eine niedrigere durchschnittliche tägliche Zunahme (P = 0,02) als Nicht-Beißer. Bei den Beißern handelte es sich überwiegend um Jungsauen, die 70 % der Gruppe ausmachten. Im Durchschnitt wurden Beißer seltener in den Schwanz gebissen als Nicht-Beißer (P = 0,0001). Es wurde kein Unterschied in der maximalen Schwanzbewertung (MTS) zwischen Beißern und Nicht-Beißern festgestellt.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Schwanzbeißer überwiegend Jungsauen waren, eine geringere tägliche Zunahme und ein niedrigeres Endgewicht aufwiesen und seltener Schwanzbisse erlitten als Nicht-Beißer.

*Studie:
Archer, C. A., Forster, S. L., Mote, B. E., Schmidt, T. B., Johnston, L. J., & Li, Y. Z. (2025). Identifying tail-biting pigs in small and large groups of growing-finishing pigs with intact tails. Journal of Animal Science, 103, Supplement 1, Abstract 40. Doi: 10.1093/jas/skaf102.005.

Link zur Studie

Auf Anforderung schicken wir Ihne auch gerne die komplette Ausgabe des E-Magazins 6/2025 (PDF, 6,0 MB). Senden Sie einfach eine E-Mail an wengenroth@der-hoftierarzt.de

Folge des Klimawandels: Moderate Hitze reicht aus, um bei Milchkühen Entzündungs- und Gerinnungssignale auszulösen

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Der Klimawandel verändert die Tierhaltung und das schneller, als viele erwarten. Häufigere und intensivere Hitzewellen belasten Milchkühe physiologisch stark. Wissenschaftler:innen des Forschungsinstituts für Nutztierbiologie (FBN) konnten nun nachweisen, dass bereits moderater Hitzestress messbare Veränderungen im Blut von Holstein-Kühen bewirkt. Dazu zählen Anzeichen für Entzündungsprozesse sowie eine Aktivierung der Blutgerinnung. Gleichzeitig werden bestimmte Abwehrwege in peripheren mononukleären Blutzellen (PBMC) gedämpft. Diese Effekte traten bereits nach sieben Tagen Wärmebelastung auf und liefern Tierärzt:innen sowie Milchviehbetrieben konkrete Ansatzpunkte, um Hitzestress frühzeitig zu erkennen und ihm entgegenzuwirken.

„Wenn Kühe unter Hitze leiden, reagiert der gesamte Organismus“, erklärt Dr. Franziska Koch vom FBN. „Veränderungen im Blut, eine geschwächte Immunabwehr und frühe Gerinnungssignale können die Leistungsfähigkeit der Tiere mindern und ihre Anfälligkeit für Erkrankungen erhöhen. Dass diese Prozesse bereits bei moderaten Temperaturen beginnen, unterstreicht, wie wichtig ein konsequentes Hitzemanagement im Stall ist.“

Unter diesen Bedingungen fanden die Forschenden bakterielle Bestandteile (Endo-toxine gramnegativer Bakterien) im Blut, deren Konzentration mit zunehmender Wärmebelastung anstieg. Gleichzeitig reagierte die körpereigene Immunabwehr, indem sie Entzündungsprozesse in Gang setzte, um die fremden Bestandteile aus dem Blut zu entfernen. Parallel dazu waren bestimmte Abwehrwege gedämpft, die üblicherweise für eine gezielte adaptive Immunantwort wichtig sind. Zudem wiesen die Blutplättchen auf eine aktivierte Gerinnungskaskade hin – ein Befund, der bisher vor allem bei schwerem Hitzestress mit tödlichem Ausgang bekannt ist.

Warum das wichtig ist
Milchkühe produzieren von Natur aus viel Wärme. Wenn es draußen warm ist, kann der Körper diese Wärme nur schwer abgeben und aktiviert Kühlprozesse. Dabei kann die Darmbarriere vorübergehend durchlässiger werden, sodass Endotoxine in den Kreislauf gelangen und Entzündungsprozesse auslösen. Die neuen Daten zeigen, dass dieser Prozess bereits bei moderater Hitze beginnt. Für den Alltag auf Milchviehbetrieben bedeutet das: früher gegensteuern, das Stallklima verbessern, Wasser- und Fütterungszeiten in kühlere Tageszeiten verlegen und die Wasser- und Futteraufnahme im Blick behalten. Für tierärztliche Eingriffe kann es wichtig sein, die Blutgerinnung im Einzelfall im Labor zu überprüfen, um den physiologischen Zustand des Tieres besser einschätzen zu können.

Über die Studie
Untersucht wurden Holstein-Milchkühe unter kontrollierten Bedingungen mit moderatem Hitzestress (THI 76, etwa 28 °C) über einen Zeitraum von sieben Tagen. Aus den Blutproben wurden die Abwehrreaktionen und Gerinnungssignale im Zeitverlauf erfasst. Die Ergebnisse liefern konkrete Ansatzpunkte für ein wirksames Hitzemanagement in Ställen sowie für die tierärztliche Praxis.

Was bedeutet THI?
Der Temperatur-Luftfeuchtigkeits-Index (THI) ist ein Kennwert, der Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit kombiniert. Er wird bei Milchkühen benutzt, um die Schwelle zur Hitzebelastung abzuschätzen.

-Für laktierende Milchkühe gilt bereits ein THI von etwa 68 als Schwellenwert mit ersten negativen Anzeichen.
-Ein THI von 76 entspricht ungefähr 28 °C bei mittlerer Luftfeuchtigkeit und bedeutet moderaten Hitzestress.
-Ein THI >78 führt zu einer Steigerung der Hitzebelastung mit negativen Auswirkungen auf die Tiergesundheit und Milchleistung.

Originalpublikation:
Koch, F., Viergutz, T., Kühn, C., Kuhla, B. (2025): Dynamic immune and molecular responses to chronic heat stress in blood and peripheral blood mononuclear cells of dairy cows. Frontiers in Comparative Immunology. Link

Quelle: Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN)

Erster Kombinationsimpfstoff zur Erhöhung des Schutzes gegen Krankheiten kleiner Wiederkäuer

Farmers Review Africa berichtet über einen neue Kombinationsimpfstoff, der im Rahmen einer Initiative der „Global Alliance for Livestock Veterinary Medicines (GALVmed)“ entwickelt und jetzt in Kenia eingeführt wurde. Das Kombinationspräparat schützt Schafe und Ziegen gleichzeitig vor ansteckender Capriner Pleuropneumonie (CCPP), Schaf- und Ziegenpocken (SGP) und Peste des Petits Ruminants (PPR). Kombinationsimpfstoffe reduzieren die Notwendigkeit mehrerer Injektionen und sparen Zeit, Geld und Ressourcen für Tierärzte und Viehhalter – ein wichtiger Vorteil für ohnehin schon ressourcenbeschränkte Landwirtschaftssysteme.

Link zur Original-Meldung

Honigbienen: Wildpopulationen erstmals in der EU auf Roter Liste

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Wildlebende Populationen der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) stehen in Europa unter massivem Druck: Neue wissenschaftliche Untersuchungen von Forschenden der Universität Hohenheim in Stuttgart und von Agroscope in Zürich zeigen zwar, dass wildlebende Honigbienen in Europa häufig vorkommen. Doch die Forschenden schätzen, dass die Bestände dieser Bienenvölker in der Europäischen Union (EU) ohne den Zuflug von Schwärmen aus der Imkerei innerhalb von zehn Jahren um rund 56 Prozent zurückgehen. Auf der „Roten Liste“ der International Union for Conservation of Nature (IUCN) werden deshalb wilde Honigbienen EU-weit nun offiziell als „stark gefährdet“ eingestuft.

Viele Menschen sehen in Honigbienen ausschließlich Nutztiere in der Imkerei, die Blüten bestäuben und Honig produzieren. Tatsächlich existieren jedoch zahlreiche freilebende Populationen, die zum Beispiel in natürlichen Baumhöhlen, Felsspalten und in hohlen Gemäuern nisten und sich unabhängig vom Menschen selbst erhalten. Sie machen rund ein Sechstel der europäischen Gesamtpopulation an Honigbienen aus. Bislang weiß man allerdings nur wenig über diese wilden Honigbienen und ihre ökologische, wirtschaftliche und evolutionäre Bedeutung.

„Dabei ist eine klare biologische Trennung zwischen wildlebenden und sogenannten gemanagten Honigbienen laut aktuellem Kenntnisstand nicht haltbar“, so Dr. Patrick Kohl vom Fachgebiet Populationsgenomik bei Nutztieren an der Universität Hohenheim. „Wilde Bienenvölker dienen seit Jahrtausenden als Quelle für die Imkerei. Beide Gruppen vermischen sich auch heute noch, zum Beispiel wenn sich junge Bienenköniginnen aus der Imkerei auf ihren Hochzeitsflügen mit den Drohnen wilder Bienenvölker paaren. Oder wenn ein ganzer Bienenschwarm aus der Bienenkiste zieht, sich in einer alten Spechthöhle im Wald ansiedelt und somit wieder Teil der wilden Subpopulation wird.“

Schlüsselrolle für genetische Vielfalt
Doch warum sind wilde Honigbienen interessant, wenn es sich bei der Art um dieselbe handelt, die von ImkerInnen gepflegt wird? „Die wilden Honigbienen verfügen über eine große genetische Vielfalt“, so Kohl. „Beispielsweise finden wir in Amerika Populationen wildlebender Völker, die gut mit der gefürchteten Varroa-Milbe klarkommen. Dieser ursprünglich aus Asien stammende, blutsaugende Parasit kann ganze Bienenvölker auslöschen. Die fehlende chemische Behandlung gegen die Milbe in der Wildpopulation hat zur Selektion von Kolonien geführt, die gegen diese Parasiten weitgehend resistent sind.“

„In ihrem natürlichen europäischen Verbreitungsgebiet bilden verbleibende Wildpopulationen der Honigbiene Reservoirs für selten gewordene Unterarten. So entsprechen manche Wildpopulationen in Großbritannien weitgehend der Dunklen Europäischen Honigbiene Apis mellifera mellifera, die in der Imkerei lange stiefmütterlich behandelt wurde.“ Auch hierzulande könnte seiner Ansicht nach die Imkerei von der genetischen Anpassungsfähigkeit einer wilden Honigbienenpopulation an Krankheiten oder Umweltbedingungen profitieren.

Große regionale Unterschiede in Europa
Doch das Leben der Honigbiene als Wildtier ist in Europa zunehmend bedroht. Zwar konnten im Rahmen internationaler Forschungskooperationen mehr als 1.600 Nistplätze in 15 Ländern dokumentiert werden, doch fehlen weiterhin umfassende Daten zu ihrer Verbreitung, Bestandsgröße und Entwicklung.

Für ihre Schätzungen des Populationstrends analysierten die Forschenden die Überlebensdaten wilder Bienenvölker, die durch gezieltes Monitoring bekannter Nistplätze in mehreren europäischen Ländern gesammelt wurden. Mithilfe von Modellen berechneten sie, wie sich Populationen freilebender Bienenvölker ohne Zuwanderung aus der Imkerei entwickeln würden.

Das Ergebnis ist eindeutig: Im Durchschnitt schrumpfen die Bestände innerhalb eines Jahrzehnts um rund 56 Prozent. „Weltweit weist Europa die geringste Dichte wildlebender Honigbienenkolonien auf“, sagt Dr. Benjamin Rutschmann vom Agroscope in Zürich, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung in der Schweiz.

Auffällig seien zudem starke regionale Unterschiede: Während Populationen in Mitteleuropa teils stark gefährdet sind, existieren etwa in Teilen Englands stabile Bestände. „Insgesamt zeigt sich jedoch, dass viele wildlebende Populationen zurzeit nicht aus eigener Kraft bestehen können und auf Zuwanderung aus der Imkerei angewiesen sind“, so Rutschmann.

Wildlebende Honigbiene in der EU erstmals als „stark gefährdet“ eingestuft
Aufgrund der Untersuchungen des Forschungsteams wurde die wildlebende Honigbiene nun von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) auf die internationale Rote Liste der bedrohten Arten aufgenommen und als „endangered“ bzw. „stark gefährdet“ eingestuft.

„Obwohl es sich um dieselbe Art handelt, die als Nutztier in Imkereien gehalten wird, sind wilde Honigbienen nach den Kriterien der IUCN als eigenständige Wildpopulation anzusehen“, erklärt Kohl. Danach gilt bei Arten mit gemanagten und freilebenden Individuen eine Population freilebender Individuen als „wild“, wenn diese innerhalb eines Zeitraums von mindestens zehn Jahren ohne Zutun des Menschen nicht ausstirbt.

Während die Situation innerhalb der Europäischen Union als kritisch eingestuft wird, fehlt es auf gesamteuropäischer Ebene weiterhin an ausreichenden Daten. Ihr Status wird dort deshalb aktuell mit „Daten unzureichend“ geführt. Dennoch gehen die Fachleute davon aus, dass in vielen Regionen Europas freilebende Honigbienenkolonien selten geworden oder bereits lokal ausgestorben sind.

Ursachen: Lebensraumverlust, menschliche Einflüsse und Parasiten
Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig und Gegenstand aktueller Forschung. Ein Hauptfaktor ist der fortschreitende Verlust geeigneter Lebensräume durch intensive Landnutzung und Bebauung. Zudem reduziert das Verschwinden alter Bäume mit natürlichen Höhlen die verfügbaren Nistmöglichkeiten erheblich.

Gleichzeitig führt der Rückgang naturnaher Landschaften zu einem Mangel an Nahrungsressourcen wie Pollen und Nektar, was insbesondere im Winter das Überleben der Völker erschwert. Von diesen Problemen sind Bienenvölker in der Imkerei mindestens teilweise verschont. Ihnen werden nahezu ideale künstliche Höhlen angeboten (Bienenbeuten) und sie werden bei akuter Nahrungsknappheit zugefüttert.

Außerdem belasten Krankheitserreger und invasive Arten wie beispielsweise die Varroa-Milbe die Gesundheit der Bienenvölker. Auch chemische Belastungen durch Pestizide können sich negativ auf die Überlebensfähigkeit der Völker auswirken. Darüber hinaus können moderne Imkereipraktiken, etwa durch globalen Handel und Zucht, die genetische Anpassungsfähigkeit wildlebender Populationen schwächen.

Dringender Appell für mehr Schutzmaßnahmen
Die Forschenden betonen, dass der Rückgang wilder Honigbienen nicht nur ein Problem für den Erhalt der genetischen Vielfalt innerhalb der Art ist. „Wilde Honigbienen ergänzen gemangte Bienenvölker räumlich. In ihrem angestammten Lebensraum, den lichten Wäldern und Waldrändern, beobachten wir zahlreiche Wechselbeziehungen mit anderen Arten“, so Kohl. Er denkt dabei beispielsweise an die Bestäubung von Waldpflanzen und an Arten wie die Bienenlaus und verschiedene Kleinschmetterlinge, die auf die Nester der Honigbienen angewiesen sind.

Daher fordern die Forschenden, wilde Honigbienen künftig ausdrücklich als schützenswerten Teil der Biodiversität anzuerkennen und systematisch zu überwachen. Gleichzeitig sind gezielte Schutzmaßnahmen notwendig. Laut Rutschmann sind stabile Populationen wildlebender Honigbienen ein starkes Zeichen für die Qualität eines Lebensraums. „Diese Völker brauchen alte Bäume mit geeigneten Höhlen, ein vielfältiges Nahrungsangebot und naturnahe Strukturen. Ihr Schutz hilft deshalb nicht nur der Honigbiene selbst, sondern auch vielen anderen Arten, die auf strukturreiche und blütenreiche Lebensräume angewiesen sind.“

HINTERGRUND: Rote Liste der IUCN
Seit 1963 erstellt die International Union for Conservation of Nature (IUCN) Rote Listen weltweit gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Dazu werden die Arten anhand festgelegter Kriterien in verschiedene Gefährdungskategorien eingeteilt. Die Roten Listen der IUCN basieren auf der Schätzung der Aussterbewahrscheinlichkeit eines Taxons (meist einer Art) innerhalb eines festgelegten Zeitraums, dabei wird nur das natürliche Verbreitungsgebiet berücksichtigt.

Zusätzlich bringen auch Staaten oder Bundesländer für ihr Gebiet Rote Listen heraus. Durch den regionalen Bezug können sie auf Besonderheiten eingehen und den Artenschutz vor Ort fördern.

Quelle: Universität Hohenheim

In England startet ein Versuch mit Vogelgrippe-Impfstoff gegen potenzielle pandemische Erreger

Als Vorsichtsmaßnahme gegen eine mögliche Pandemie wurde in Großbritannien damit begonnen, Freiwillige mit einem neuen H5N1-Vogelgrippe-Impfstoff zu impfen. Der Impfstoff zielt auf den Grippestamm H5N1 ab, der bei Vögeln zu weit verbreiteten Ausbrüchen geführt hat und auch bei einigen Säugetieren nachgewiesen wurde.

Auch wenn bisher fast alle Fälle beim Menschen mit engem Kontakt mit infizierten Tieren zusammenhängen besteht für die Zukunft durchaus ein solches Risiko. Weil sich Influenzaviren ständig weiterentwickeln, sind kontinuierliche Überwachung und Impfstoffentwicklung für die Pandemievorsorge von entscheidender Bedeutung.

Ziel der Studie ist es, Menschen aus den beiden am stärksten gefährdeten Gruppen zu rekrutieren, Personen die in der Geflügelindustrie arbeiten oder über solche die 65 Jahre alt sind. An dem Versuch werden insgesamt 4.000 Personen beteiligt sein.

Die ersten Freiwilligen in England, Schottland und den USA wurden jetzt mit einem Impfstoff geimpft. der auf der gleichen mRNA-Technologie basiert, wie aktuelle Covid-Impfstoffe. Dies könnte eine schnelle und groß angelegte Entwicklung des Impfstoffs im Falle einer Pandemie ermöglichen.

Blauzungenkrankheit: Rind im Landkreis Göttingen nicht infiziert

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Untersuchung einer amtlichen Nachbeprobung ist negativ – Restriktionszone wieder aufgehoben

Ein zunächst positiv auf eine Infektion mit dem Blauzungenvirus des Serotyps 8 (BTV-8) getestetes Rind im Landkreis Göttingen stellte sich jetzt bei der Untersuchung einer amtlichen Nachbeprobung als nicht mit dem Blauzungenvirus infiziert heraus. Die zunächst eingerichtete Restriktionszone konnte somit wieder aufgehoben werden. Darauf macht das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aufmerksam.

Die Infektion mit dem Blauzungenvirus des Serotyps 8 (BTV-8) war am 17. Juli in einer Blutprobe, die im Rahmen einer Handelsuntersuchung bei einem – gemäß vorgelegten Informationen nicht gegen BTV-8 geimpften – Rind im Landkreis Göttingen entnommen war, nachgewiesen. Daraufhin wurde eine Restriktionszone mit einem Radius von 150 Kilometern um den betreffenden Betrieb eingerichtet, in der für Verbringungen BTV-empfänglicher Tiere in BTV-8 freie Zonen bestimmte Vorgaben galten.

Aufgrund von Untersuchungsergebnissen des Friedrich-Loeffler-Instituts ergaben sich jedoch Hinweise (Nachweis von BTV-8-Impfvirus in der Blutprobe), die eine amtliche Nachbeprobung des betreffenden Tieres erforderlich machten. Im Zuge der eingeleiteten Laboruntersuchungen wurde nunmehr festgestellt, dass das Tier nicht mit BTV-8 infiziert war. Nach aktuellem Kenntnisstand handelte es sich entweder entgegen der vorgelegten Informationen doch um ein geimpftes Tier oder es lag eine Kontamination der zu Handelszwecken entnommenen Blutprobe vor.

Die Restriktionszone konnte daher auf den Stand vom 17. Juli zurückgeführt werden. Das bedeutet: Aktuell sind in Niedersachsen nur der Landkreis Göttingen und Teile der Landkreise Goslar, Holzminden und Northeim von der BTV-8-Restriktionszone betroffen.

Eine interaktive Karte der Restriktionszone wird zur Verfügung gestellt unter Blauzungenkrankheit Tierseucheninfo.

Quelle: Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Studie: Hat Nabeldesinfektion Auswirkungen auf die Gesundheit neugeborener Kälber? (AdA)

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Aus dem Archiv (AdA 6/2025) und immer noch aktuell

Von Dr. Heike Engels

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die fehlende Desinfektion der Nabelschnur neugeborener Kälber zu Nabelinfektionen beitragen und potenziell zu Folgeerkrankungen wie Atemwegserkrankungen und Durchfall führen kann.

Diese Pilotstudie* hatte zum Ziel: 1) die Verbreitung der Nabeldesinfektionspraktiken bei neugeborenen Fleischrindkälbern in Kanada zu untersuchen und 2) die Auswirkungen von zwei Nabelbehandlungsmethoden auf Morbidität und sichtbare klinische Ergebnisse zu bewerten, bei denen entweder der Nabel in eine 7%-Jodtinktur getaucht oder mit dieser besprüht wurde. Die Morbidität bezeichnet die Krankheitshäufigkeit in einer Gruppe innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Eine Online-Umfrage wurde über soziale Medien und bei einer Veranstaltung der Fleischrinderindustrie in Alberta im März 2025 verbreitet. Die Morbiditätsdaten von 85 männlichen und weiblichen Angus-Kreuzungskälbern (n = 42–43 pro Behandlung) aus einer Herde in Olds, Alberta, Kanada, wurden bis zum Alter von 40 Tagen erfasst. Eine Teilstichprobe (n = 26 pro Behandlung) wurde innerhalb der ersten 15 Stunden nach der Geburt (Baseline) und anschließend wöchentlich bis zum 28. Lebenstag anhand visueller klinischer Parameter untersucht.

Nach dem Kalben wurden die Mutterkühe mit ihren Kälbern in Außenboxen mit Unterstand, Stroheinstreu und freiem Zugang zu Wasser und Futter untergebracht. Folgende klinische Parameter wurden anhand einer vierstufigen Skala in aufsteigender Reihenfolge des Schweregrades bewertet: Nasen- und Augenausfluss, Husten, Kotkonsistenz und Nabelvergrößerung. Der Zustand der Nabelschnur wurde anhand einer dreistufigen Skala beurteilt, wobei 0 bedeutete, dass die Nabelschnur abgefallen war, 1 Anzeichen von Austrocknung und 2 feuchtes Gewebe anzeigte.

Von den insgesamt 39 Befragten der Umfrage stammten die meisten aus Alberta (36 %) und Ontario (36 %), gefolgt von Manitoba (26 %) und Saskatchewan (3 %). Die Mehrheit (79 %) waren kommerzielle Erzeuger, 8 % hielten reinrassige Tiere und 13 % hielten beide Rassen. Die Kalbeorte variierten: 36 % nutzten Ställe, 36 % Weidehaltung und 23 % Außenboxen oder Mastbetriebe, während die restlichen 5 % der Erzeuger zwischen Stallhaltung und Freilandhaltung wechselten.

Insgesamt behandelten 36 % der Landwirte die Nabel ihrer Kühe, 41 % nicht und 23 % nur gelegentlich. Von denjenigen, die behandelten (23 von 39), verwendeten 52 % 10%ige Jodtinktur, 26 % 7%iges Jod, während die übrigen Jodophor-haltige Produkte (8 %), Povidon-Jod (4 %) oder gar keine Behandlung (8 %) anwendeten. Der Behandlungszeitpunkt variierte: 32 % behandelten innerhalb einer Stunde nach dem Kalben, weitere 32 % zwischen 1 und 6 Stunden, 27 % zwischen 6 und 24 Stunden und die übrigen Landwirte erst mehr als zwei Tage nach dem Kalben. 51 % der Landwirte berichteten von Nabelinfektionen in ihren Herden, während 49 % keinen Fall beobachtet hatten. Insgesamt wurden 40 Krankheitsfälle festgestellt, davon 14 % Lungenentzündung, 18 % Nabelinfektion und 1 % Durchfall. Es wurden jedoch keine Unterschiede hinsichtlich Morbidität oder visueller klinischer Parameter beobachtet. Es zeigte sich eine Variabilität in den Nabeldesinfektionspraktiken kanadischer Rinderzüchter, jedoch ist weitere Forschung erforderlich, um die Wirksamkeit verschiedener Desinfektionsmethoden auf die Gesundheitsergebnisse zu bewerten.

Studie*:
Abbey Kramer et al. (2025): Evaluating navel disinfection practices and health outcomes in newborn beef calves in Canada: A pilot-study. Journal of Animal Science, Volume 103, Issue Supplement_3, October 2025, Pages 332–333
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