Lese-Tipp: Kritik der vegetarischen Ethik

Klaus Alfs, gelernter Landwirt und studierter Soziologe, hat es satt! Er hat es satt, ständig und überall Vorhaltungen wegen seines Fleischverzehrs zu hören. Deswegen hat er ein ziemlich dickes Buch (400 Seiten) geschrieben, in dem er sich mit den „ethischen Vegetariern“ und ihren philosophischen Argumenten auseinandersetzt. Zu den „Vegetariern“ zählt der Autor dabei alle Ovo-Lakto-Vegetarier, Veganer und Frutarier und natürlich auch die Speziezisten, für die ethisch keine Unterschiede zwischen Mensch und Tier gibt.

Bevor wir zum Inhalt kommen, gleich eines vorweg: das Buch ist an keiner Stelle schwerverdaulich oder Fachchinesisch-hochgestochen. Im Gegenteil: es ist locker geschrieben und über weite Strecken höchst vergnüglich zu lesen!

Klaus Alfs konstatiert dem ethischen Vegetarismus das Bestreben „einen tauglicheren moralischen Kompass zu finden als den der Mischköstler“. Dabei aber gerate der Vegetarismus „in ein Fahrwasser aus Strudeln, Untiefen, Abgründen“ und „am Ende landet er in der Grube, die er anderen gräbt.“

Glied für Glied geht der Autor den einschlägigen Argumentationsketten nach und bewegt sich von Haus- und Kuscheltieren über Killer-Katzen zu den Massentieren. Und stets misst er den ethischen Vegetarismus an seinen eigenen Maßstäben.

Von Diskussionen auf Twitter und Facebook leidgeprüfte Landwirte, sollten sich den Band neben die Tastatur legen, um jederzeit auf allfällige Kommentare reagieren zu können, denn Alfs nimmt so ziemlich alle gängigen Vorwürfe gegen Fleisch-, Milch- und Eierproduktion unter die Lupe.

Dem „Holocaust“ in der modernen Nutztierhaltung stellt er die tatsächlichen Verhältnisse in der (gar nicht so fernen) Vergangenheit gegenüber: „Das am meisten abgemagerte Vieh wurde nach oben angebunden, denn es konnte nicht auf eigenen Füssen stehen.“ Zur Verteufelung der Leistungszucht liefert er als historischen Kontrast: „an eine optimierende Zucht hin zu mehr Leistung war in vielen Betrieben gar nicht zu denken, denn jedes Tier war wegen der zahlreich auftretenden Tierseuchen kostbar und konnte nicht einfach aussortiert werden, wenn es wenig Leistung brachte.“

Auch dem gern verklärten Bild des Lebens in der Natur setzt der Autor die Realität entgegen, in der das Leben von Wildtieren von Schmerz, Leid und Angst geprägt und vor allem meist nur kurz ist.

Gerne wird auch dem Schlachtzeitpunkt die „natürliche“ Lebenserwartung eines Nutztiers entgegengestellt, wobei für Masthähnchen „naturgemäß“ die größte Diskrepanz gemessen wird. Statt 6 Wochen können diese nämlich 6 Jahre alt werden – vorausgesetzt sie werden gehätschelt wie ein Schoßhund. Maximalwerte hätten jedoch nichts mit dem Durchschnitt zu tun, sagt Alfs, schließlich sei Johannes Heesters mit 108 Jahren nicht vorzeitig verstorben, nur weil die höchste nachgewiesene Lebensdauer eines Menschen 122 Jahre betrüge.

Die Behauptung, Nutztieren in größeren Ställen ginge es per se schlechter als in einem Kleinbetrieb, klopft er auf ihren Wahrheitsgehalt ab und begibt sich auf die „Suche nach dem Massentier“, fragt, was eigentlich natürliches Verhalten ist und unter welchen Haltungsbedingungen es eher befriedigt werden kann.

Auch der angeblich vom Fleischverzehr verursachte Welthunger darf nicht fehlen, genau wie die Verschwendung von Ackerflächen fürs Viehfutter. Beide Kartenhäuser fallen jedoch flugs zusammen, bestehen einerseits 77% der weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Fläche laut FAO aus Grasland und sind andererseits „86% der ans Vieh verfütterten Nahrung für den Menschen nicht verwertbar“.

Anschaulich ist auch „die Milchmädchenrechnung mit Hülsenfrüchten“. Peter Singer, einer der veganen Chef-Philosophen, empfiehlt statt tierischer Erzeugnisse Erbsen oder Bohnen als Proteinquelle. Pro Hektar ließen sich nämlich mit Hülsenfrüchten 300-500 kg Eiweiß produzieren, verglichen mit 40-50kg beim Anbau von Viehfutter auf der gleichen Fläche.

„Unschlagbar“ erwidert Klaus Alfs „sind die Wiederkäuer. Von einem Hektar minder fruchtbarem Grasland kann man zwei Kühe ernähren, die im Jahr jeweils bis zu 10.000 Liter Milche liefern, mit 340 Kilogramm Eiweiß und 340 Kilogramm Fett. Dazu gibt es pro Jahr zwei Kälber.“

Aber nicht nur Moral und Gesundheit hängen ja vom Fleisch ab, sondern das Weltklima obendrein. Und nur Verzicht kann die drohende Apokalypse noch aufhalten. Hier weiß unser Autor jedoch FAO und IPCC auf seiner Seite, für die Landwirtschaft in Zukunft intensiviert statt veganisiert werden muss. Gerade der Weltklimarat IPCC empfiehlt eine Intensivierung der Viehhaltung, weil extensive Haltung den höchsten Anteil (70%) an den gesamten THG-Emissionen der Viehhaltung hat.

Den Anti-Speziezisten (die bestreiten, dass der Mensch im Tierreich eine Sonderstellung einnimmt) sind drei umfangreiche Kapitel gewidmet, in denen es um Ähnliches und Gleiches, Selbstbewusstsein und Moral und um die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier geht, um tierisches Selbst-Bewusstsein und tierische Würde.

Und weil „Tierrechtler“ mit keiner noch so umfassenden Verbesserung der Nutztierhaltung zufrieden sind, weil diese niemals leidfrei werden könne, zitiert Klaus Alfs zum Schluss Raymond G. Frey. Der Philosophie-Professor aus Virginia bezweifelt nämlich, dass man Kinder jemals wird leidfrei großziehen können: „Wenn wir also die Viehnutzung aufgeben müssten, weil es keine moralisch akzeptablen Methoden dazu gibt, dann müssten wir aus demselben Grund wohl auch das Kinderkriegen aufgeben.“

Fazit: Eine unbedingte Kauf- und Leseempfehlung! Auch Büchermuffel, bei denen bisher nur das Telefonbuch im Schrank steht, sollten sich dieses Werk auf jeden Fall gönnen:

Klaus Alfs
Kritik der vegetarischen Vernunft
Eichelmändli Verlag
Broschiert, 408 Seiten, € 20,-

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