ZDG-Resolution 27. November 2019: Mehr Rückgrat. Mehr Realismus.

Der reale Weg in eine sichere Zukunft der deutschen Geflügelwirtschaft und der deutschen Nutztierhaltung – Ein Weckruf an Politik, Medien und Gesellschaft anlässlich des von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel undB Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner initiierten Landwirtschaftsdialogs am 2. Dezember 2019.

Die deutsche Geflügelwirtschaft als fortschrittliche und leistungsstarke Branche steht für eine tierwohlorientierte und nachhaltige Erzeugung von Geflügelfleisch und Eiern. Wir bekennen uns zum Standort Deutschland und zu unseren hohen Erzeugungsstandards. Auch in Zukunft wollen wir einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Menschen mit sicheren und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln leisten.

Ausdrücklich begrüßen wir die Initiative von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu einem Landwirtschaftsdialog. Wir müssen reden. Denn für unsere Arbeit sind wir auf einen leistungsfähigen und zukunfts-orientierten Geflügel-Standort Deutschland angewiesen, der unseren landwirtschaftli-chen Familienbetrieben ebenso wie den international agierenden Unternehmen der Branche Planungssicherheit und Entwicklungsperspektiven bietet. Diesen Geflügel-Standort Deutschland aber sehen wir in großer Gefahr, wenn sich die Politik nicht nach-haltig ändert.

Die deutsche Geflügelwirtschaft stellt fest:

• Die deutsche Politik arbeitet im europäischen Kontext nicht engagiert genug daran, die hohen deutschen Standards auch auf EU-Ebene zu etablieren und so einheitliche Wettbewerbsvoraussetzungen zu schaffen.
• Zugleich fokussiert sich die Politik in Deutschland auf immer wieder einseiti-ge Verschärfungen nationaler Vorschriften, auch bürokratischer Vorgaben, welche der Branche die Luft zum Atmen nehmen.
• Und wir erleben heute eine Politik, die sich von einer ideologisch geprägten gesellschaftspolitischen Diskussion treiben lässt und dabei wissenschaftliche Fakten oft außer Acht lässt.

Damit der Geflügel-Standort Deutschland Zukunft hat, brauchen wir die Unterstützung der Politik und einen Paradigmenwechsel im Politikstil. Wir fordern:

• mehr Wertschätzung für die deutschen Geflügelhalter und Nutztierhalter
• mehr Weitsicht in politischen Entscheidungen, auch für ökonomische Folgen und den ländlichen Raum
• mehr Rückgrat, wenn es darum geht, die richtigen politischen Entscheidun-gen mit Augenmaß zu treffen
• mehr Realismus und einen stärkeren Bezug zu wissenschaftlichen Daten und Fakten
• mehr Sachlichkeit statt Ideologie

1. Unsere Verantwortung
Die deutsche Geflügelwirtschaft übernimmt Verantwortung, hat hohe Eigenansprüche und setzt laufend Verbesserungen um.

• Wir sind die Geflügelrepublik Deutschland. Wir wollen das beste Geflügel-land der Welt sein.
Auf diesen hohen Anspruch haben wir uns mit der Geflügel-Charta verpflichtet. Dieses Selbstverständnis leben wir täglich. Und auf diesem Weg haben wir schon viel erreicht: Bereits heute arbeitet die deutsche Geflügelwirtschaft laut einer Studie des Handelsblatt Research Institutes nach weltweit höchsten Standards.

• Um dem Ziel „Bestes Geflügelland“ gerecht zu werden, haben wir in den ver-gangenen Jahren aus eigenem Antrieb zahlreiche Verbesserungen für mehr Tierschutz und Verbraucherschutz angestoßen und umgesetzt. Dazu zählen:

• Freiwilliger Ausstieg aus dem Kürzen der Schnäbel bei Legehennen seit Anfang 2017
• Aktives Engagement bei der Initiative Tierwohl zur Komplettumstellung des deutschen Geflügelfleisch-Sortiments im beteiligten Lebensmittelein-zelhandel auf die Standards der Initiative Tierwohl (Nämlichkeit)
• Umsetzung einer deutlich geringeren Besatzdichte im Rahmen der Initia-tive Tierwohl, beispielhaft für Hähnchen:
Durch die Breitenwirkung der ITW sind in Deutschland mittlerweile 35 kg/m2 Branchenstandard, was deutlich über gesetzliche nationale Vorgaben (39 kg/m2) und EU-Vorgaben (42 kg/m2) hinausgeht.
• Initiierung eines Antibiotikamonitorings auf QS-Ebene bereits im Jahr 2012
• Umsetzung eines breit angelegten Forschungsverbundes zur stufenüber-greifenden Minimierung von Antibiotikaresistenzen beim Mastgeflügel als Hauptwirtschaftspartner (EsRAM)
• Deutschlandweit einheitliche Regeln für die Putenhaltung durch die „Bundeseinheitlichen Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Hal-tung von Mastputen“ im Zusammenwirken mit Wissenschaft, Behörden und Tierschutz
• Erzeugung von Geflügelfleisch und Eier mit nicht gentechnisch veränder-tem Futter (GVO-frei)
• Etablierung von tierwohlgerechten Geflügelzuchtprogrammen mit Fokus auf Fitness, Robustheit und Vitalität der Tiere

• Ein kontinuierlich gelebter Fortschrittsgedanke ist im Selbstverständnis der deutschen Geflügelwirtschaft fest verankert. Auf dem Erreichten ausruhen werden wir uns nicht! Derzeit arbeiten wir an einem Aktionsplan zur Mini-mierung des Antibiotikaeinsatzes und zum Verzicht auf Reserveantibiotika und an einem Stufenplan zum praktikablen Ausstieg aus dem Töten männli-cher Eintagsküken.

2. Unsere Forderungen
Statt Ideologie und Zeitgeist mehr Realismus und Sachlichkeit in der Politik – damit die deutsche Geflügelwirtschaft Zukunft hat.
• Fortschritt im Tierschutz ist eine permanente und komplexe Aufgabe. Dieser Aufgabe nimmt sich die deutsche Geflügelwirtschaft proaktiv an.

• Wir brauchen mehr Realismus und mehr Ehrlichkeit in der Politik.
Um echte Fortschritte in der Breite umsetzen zu können, brauchen wir Partner in der Politik, die einen faktenorientierten Realismus und einen ehrlichen Lösungs-willen mitbringen. Eine ideologisch begründete Zeitgeist-Orientierung auf ver-meintlich schnelle Erfolge ohne wissenschaftliche Basis ist gefährlich!

• Das gilt für die aktuell diskutierten Themen, konkret den Ausstieg aus dem Töten männlicher Eintagsküken und die Reduzierung des Antibi-otikaeinsatzes.
Es braucht einen realen Zeitplan mit praktikabler Umsetzung. Ein gesetz-liches Verbot des Kükentötens allein in Deutschland würde völlig ins Lee-re laufen. Es braucht eine europäische Regelung und bis dahin einen Stu-fenplan auf nationaler Ebene.

• Auch bei der Diskussion um einen Ausstieg aus dem Schnabelkürzen bei Puten müssen wissenschaftliche Erkenntnisse Grundlage für die politische Entscheidung sein.
Die derzeit vorliegenden Erkenntnisse, unter anderem auf Basis der mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium getroffenen Vereinbarung zum Verzicht auf das Schnabelkürzen, geben Hinweise, dass ein zeitnaher Aus-stieg aus derzeitiger Perspektive nicht machbar erscheint.

• Diesem Anspruch muss auch die Nationale Nutztierstrategie konse-quent gerecht werden.
Dazu gehört eine angemessene Honorierung der Tierwohlleistungen. Oh-ne eine Tierwohlprämie, die den Haltern auf 10 bis 15 Jahre Planungssi-cherheit bietet, und eine Lösung der Zielkonflikte im Bereich des Bau- und Immissionsschutzrechts kann es kein Tierwohlkennzeichen geben. Und wir brauchen eine realistische Ausgestaltung des Tierwohlkennzei-chens mit Kriterien, die für Tierhalter kurzfristig praktikabel und für Ver-braucher bezahlbar sind. Die Kriterien der Initiative müssen zur Eingangs-stufe eines staatlichen Tierwohlkennzeichens werden.

• Die deutsche Politik muss konsequent EU-Rechtsvorgaben in nationales Recht überführen und stärker auf EU-weit einheitliche Vorgaben hinwirken. Hier sollte die Politik die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halb-jahr 2020 aktiv nutzen:

• Putenhaltung: Deutsche Eckwerte als Vorbild für EU-weite Regelung!
Die deutsche Geflügelwirtschaft fordert die Politik auf, für die Etablie-rung EU-weiter Regelungen für die Putenhaltung im Rahmen der europä-ischen Tierschutzpolitik nach dem Vorbild der deutschen Puten-Eckwerte zu sorgen.

• Herkunftskennzeichnung von Geflügelfleisch auch in der Gastronomie – damit hohe Standards nicht durch Billigimporte unterlaufen werden
Rund 65 Prozent des deutschen Geflügelfleisches werden über den Groß-verbrauchermarkt abgesetzt – anders als Lebensmitteleinzelhandel fehlt hier aber eine Kennzeichnung zur Herkunft der Ware. Wir brauchen eine Herkunftskennzeichnung, damit Billigimporte aus Osteuropa nicht die ho-hen Standards der heimischen Erzeugung unterlaufen! Und eine ver-pflichtende Herkunftskennzeichnung entspricht dem klaren Verbraucher-willen: 86 Prozent der Deutschen wollen wissen, woher das Geflügel-fleisch in der Gastronomie kommt.

• Die Politik muss den Unternehmen der deutschen Geflügelwirtschaft Luft zum Atmen lassen:

• Auflagenflut beeinträchtigt aktuell massiv die Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsbereitschaft
• Verunsicherung statt Planungssicherheit führt zum verstärkten Höfester-ben und zum nicht gewollten Strukturwandel
• Der von der Bundesregierung eingeschlagene Weg zur Lösung der Ziel-konflikte zwischen Tierwohl und Umweltschutz muss mit Nachdruck zum Erfolg geführt werden. Die TA Luft braucht eine Öffnungsklausel, damit Tierwohlverbesserungsgenehmigungen für Stallumbauten und -neubauten möglich werden.
• Das Agrarpaket ist ganzheitlich zu sehen. Ackerbau und Nutztierhaltung sind Teil der einen Landwirtschaft und gehören zusammen.
• Es braucht die politische Anerkennung, dass der Export von Geflügelpro-dukten wichtiger Bestandteil des Wirtschaftens der deutschen Geflügel-wirtschaft ist.

Verabschiedet von der Mitgliederversammlung des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft e. V. am 27. November 2019 in Stuttgart. Unterzeichnet von den Mitgliedern des Vorstandes des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft e. V.

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