Warum Hühner sich gegenseitig picken: Verhaltensstörungen bei Geflügel erkennen und verhindern

Von Luisa Watzer, Tierärztin, Praxis am Bergweg in Lohne

Eine Verhaltensstörung ist definiert als ein inadäquates, abnormes Verhalten eines Individuums gegenüber seiner Außenwelt (DocCheck). Doch was genau ist Verhalten? Das Verhalten eines Tieres hat immer einen Zweck. Es reagiert auf äußere oder innere Umstände. Wenn es Hunger hat, sucht es Futter und frisst. Wird es bedroht entfernt es sich von dieser Bedrohung oder versucht sie zu bekämpfen. Die gesamte Verhaltensbiologie eines Tieres sichert sein Überleben und damit die Möglichkeit sich fortzupflanzen. Eine Störung im Verhalten geht damit einher, dass dieser Zweck verloren geht. Häufig werden Raubtiere in Zootierhaltungen auffällig durch wiederholte, gleichbleibende Handlungen, die weder Ziel noch Funktion besitzen. So ist ein Tiger, der in seinem Gehege jeden Tag immer wieder dieselbe Strecke abläuft „normal“ für den Zoobesucher geworden. Die traurige Wahrheit ist allerdings, dass dieses Tier aufgrund von einer reizarmen Umgebung in dieses sogenannte stereotype Verhalten gerutscht ist.

Artgerechte Haltung bietet Beschäftigung
Verhaltensstörungen sind bei jeder Tierart in irgendeiner Art und Weise bekannt. Der Hund, der sich immer wieder die Pfote leckt. Oder das Pferd, das kobbt oder webt. Häufige Ursache ist, wie bereits erwähnt, eine reizarme Umgebung, die sich von Tag zu Tag nicht verändert. Um sämtliche Verhaltensweisen eines Tieres beobachten zu können benötigt dieses Tier Artgenossen, mit denen es Spielen, Raufen oder sich fortpflanzen kann. Es benötigt eine Versorgung mit Futter und Wasser. Optimaler Weise muss ein Tier sich sein Futter erarbeiten. In freier Wildbahn verbringt es den größten Teil seines wachen Daseins mit der Suche, sowie Aufnahme von Futter und Wasser. In der ganz regulären Tierhaltung muss kaum ein Tier noch für Futter oder Wasser arbeiten, was bedeutet, dieses Tier hat einen großen Teil seines Tages, um sich mit nicht erwünschten Verhaltensweisen zu beschäftigen. Das Tierschutzgesetz schreibt für Nutztiere vor, dass z.B. Schweine oder Geflügel Beschäftigungsmaterial in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung haben müssen. Dabei kann es sich um Einstreumaterial handeln, oder um Ketten aus Plastik oder Metall. Der Fantasie ist, was Beschäftigungsmaterial angeht, kaum eine Grenze gesetzt. Die einzige wirklich wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass dieses Beschäftigungsmaterial dem Tier keine Verletzungen oder Schäden jeglicher Art und Weise zufügen darf. Bewegungsspielraum ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, wenn es um die Ausübung natürlicher Verhaltensweisen geht. In freier Wildbahn besitzen einige Tiere Territorien, die sich über viele Quadratkilometer erstrecken, dies ist bei gehaltenen Tieren in der Regel nicht umsetzbar. Aber das Ziel sollte sein, seinen Tieren so viel Raum wie möglich zur Verfügung zu stellen.

Wohlbefinden wirkt sich auf Verhalten aus
Was nicht vernachlässigt werden darf, ist allerdings die Tatsache, dass sich nicht nur die Umwelt auf das Verhalten eines Tieres auswirkt. Das eigene Wohlbefinden, in anderen Worten die eigene Gesundheit trägt sehr stark zu Veränderungen im Verhalten bei. Hier gibt es tierartliche Unterschiede, die man im täglichen Leben als Tierarzt und Tierbesitzer beachten muss. Vergleichen wir an dieser Stelle einmal das Verhalten von einem Hund und einem Vogel. Ein Hund ist eine domestizierte Tierart und wird oft und gerne beschrieben als der perfekte Begleiter des Menschen. Wenn es unserem Hund schlecht geht, wird er sich nicht scheuen dies offen zu zeigen. Viele Jahrtausende der Domestikation haben dazu beigetragen. Ein Vogel hingegen ist in erster Linie ein Schwarmtier. Ein Tier, das in einem Schwarm lebt ist vor Beutegreifern sicher, solange es kein auffälliges Verhalten zeigt. Ein Beutegreifer wird immer als Erstes offensichtlich schwache, kranke oder junge Tiere ins Visier nehmen, da diese leichter zu erbeuten sind. Aus diesem Grund zeigen gehaltene Vögel, wie zum Beispiel Papageien, erst Symptome einer Erkrankung, wenn er sie nicht mehr verbergen kann. Dies lässt sich auch auf die Nutzgeflügelhaltung übertragen. Das erste Anzeichen einer schweren Erkrankung im Bestand ist in der Regel, dass die Tagesverluste teilweise sehr deutlich ansteigen, der Rest der Herde kann dabei entweder einen gesunden Eindruck machen, oder aber klinisch krank erscheinen. Atemgeräusche nehmen zu, die Legeleistung sinkt und gleichzeitig nimmt die Eiqualität ab.
Wieso spielt das eine Rolle? Viele Verhaltensstörungen können auch das Symptom einer Erkrankung sein. Gerade Verhaltensstörungen, die sich auf Haut oder Federn beziehen können durch Juckreiz verursacht werden. Wenn Erkrankungen als Ursache der Störung im Verhalten ausgeschlossen wurden, muss die Situation genau analysiert werden. Ursachen müssen gefunden und Lösungen entwickelt werden.

Welche Ursachen führen zu Veränderungen im Verhalten?
Bei der Entwicklung von Verhaltensstörungen spielen vier übergeordnete Gruppen als Ursachen eine Rolle: sozialer Stress, Nährstoffmangel, falsches Management und parasitäre Infestationen. Zu sozialem Stress kommt es zum einen bei Einzeltierhaltung, vorausgesetzt es handelt sich um ein Tier, dass in sozialen Verbänden lebt. Zum anderen kommt es zu sozialem Stress, wenn zu viele Tiere auf zu engem Raum gehalten werden. Ein Nährstoffmangel entsteht, wenn das verabreichte Futter nicht ausreichend Mineralstoffe enthält. Beim Huhn ist hier vor allem Natrium zu nennen. Ein Mangel an Natrium führt zu einem erhöhten Pickbedürfnis. Zudem spielt die Qualität der Proteine eine wichtige Rolle in der Entwicklung und Aufrechterhaltung des Federkleides sowie des Wohlbefindens. In Punkto Management sind Licht und Klimaeinstellungen zu nennen. Beim Licht muss auf eine flackerfreie künstliche Beleuchtung geachtet werden, da das Sehvermögen der Vögel im Vergleich zum Menschen viel sensibler ist. Zudem sind die Beleuchtungsintensität sowie die Einhaltung der Dunkelphase von großer Bedeutung. Die Einstellung des Klimas ist entscheidend bei der Vermeidung von Zugluft und Überlüftung, wobei beides nicht nur zu Verhaltensstörungen führen kann, sondern auch zu weiteren Erkrankungen. Parasitäre Infestationen können zu teils starkem Juckreiz und Unruhe unter den Tieren führen. Hier sind bei den Ektoparasiten, parasitäre Lebensformen die sich auf der Körperoberfläche aufhalten, besonders die Milben zu nennen. Zwei Arten spielen eine vorherrschende Rolle, nämlich die rote Vogelmilbe, sowie die Räudemilbe. Beide verursachen einen starken Juckreiz. Bei den Endoparasiten, parasitäre Lebensformen die sich im Körperinneren aufhalten, sind hier die Spulwürmer zu nennen. Diese werden mit dem Kot ausgeschieden und verursachen dabei einen Juckreiz in der Kloake.

Typische Verhaltensstörungen nach Geflügelart
Nachfolgend wird auf typische Verhaltensstörungen bei den drei Hauptgeflügelarten in Deutschland eingegangen: Legehennen, Puten und Broiler.


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