Stockmanship – Philipp Wenz: Effizientes Tiermanagement für Weide und Stall – sicherer Umgang mit Herdentieren für Tierärzte

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Stockmanship oder Low Stress Stockmanship ist eine Methode mit Herdentieren zu arbeiten, die in den U.S.A. von Bud Williams (1932-2012) entwickelt wurde. Es geht um die gute Arbeit mit Tieren. Im weitesten Umfang ist sie an und mit Rindern entwickelt und angewendet worden. Sie kann aber genauso gut für andere Nutz- und Haustiere adaptiert werden (Schafe, Ziegen, Elche, Wapiti Hirsche, Alpakas, Geflügel, Schweine, Kamele).

Im landwirtschaftlichen Alltag steht die Kontrolle der Tiere im Vordergrund: die Tiere von A nach B zu bringen, z.B. auf die Weide, in den Stall, den Melkstand, den Klauenstand – Tiere sortieren oder Einzelne zu separieren. All diese Arbeiten beruhen darauf, die Tiere kontrollieren zu können. Unter arbeitswirtschaftlichen Aspekten sollen sie alleine oder mit möglichst wenig AK erledigt werden und möglichst effizient. Beides ist leider keine Selbstverständlichkeit…

Die Basis für ein erfolgreiches Management in der Milchvieh- und Rinderhaltung ist der Umgang mit den Tieren. Die Rinderbestände werden immer größer, die Zeit pro Tier sinkt und der Stressfaktor bei Mensch und Tier steigt.

© Philipp Wenz

Tierschutz und Tierwohl sind in aller Munde. Konkret geht es um Anzahl und Größe von Liegeflächen und Fressplätzen, Zeiten, Lichtqualitäten, Temperatur und Luftqualität. Nur zu selten kommt der Mensch als Faktor des Tierwohls in den Blick – und noch viel seltener das Wohl und die Freude des Menschen an der Arbeit mit den Tieren. Mitunter scheint es auch weniger ein Miteinander als ein Gegeneinander zu sein…

Low Stress Stockmanship beruht auf Position und Bewegung – wie sich der Mensch gegenüber dem Tier positioniert und bewegt. Die Tiere reagieren darauf. Low Stress Stockmanship systematisiert die Reaktionen zu Regeln. Es wird so ein gezieltes Kontrollieren der Tiere im Alltag möglich, das weit über das Maß hinausgeht, was Akteure für möglich halten.

Alle Arbeiten, alles Positionieren, Bewegen, Druck und Druckreduktion ist eine Form der Kommunikation zwischen Mensch und Tier so wie auch zwischen den Tieren. Gelingt die Verständigung entwickelt sich Vertrauen und Respekt, misslingt sie, führt sie vielfach zu Angst. Angst aus Unverständnis und Überforderung ist der häufigste Grund für das Gegeneinander von Mensch und Tier. Zeitdruck verschlimmert die Situation.

Bei Low Stress Stockmanship geht es um genaues Beobachten des Tieres und darauf aufbauen sich in das Tier einzufühlen und den richtigen Zeitpunkt zu finden.

© Philipp Wenz

Im landwirtschaftlichen Alltag kann diese Methode jedem helfen besser mit Herdentieren zu arbeiten: Landwirte, Tierärzte, Klauenpfleger, Viehfahrer, Schlachthofmitarbeiter. Nach über 15 Jahren Schulungserfahrung kann ich sagen, dass jeder durch Stockmanship seine Arbeit mit den Tieren verbessern kann. Unabhängig von der Anzahl, Haltungsform oder Rasse der Tiere.

In der Milchviehhaltung stehen Milch Kg, Megajoule oder Ovulationsraten im Vordergrund, nicht aber das Tier als fühlendes Wesen. Schmerz, wir d man hier entgegnen, spielt eine Rolle und wird mit Schmerzmitteln immer mehr in der Tierbehandlung berücksichtigt. Das ist richtig und gut.

Mir geht hier um den Behandlungsschmerz. Wenn Tiere nicht oder nur schlecht z.B. in den Behandlungsstand gehen, wird als Grund Schmerz bei der Behandlung oder Klauenpflege genannt. Die Erfahrung in der Arbeit mit Stockmanship zeigt, dass eben nicht der Schmerz das Problem ist, sondern die Angst des Tieres

Das Tier hat Angst vor der Behandlung im Stand, Angst in den engen Stand zu gehen – und zwar völlig unabhängig davon, ob sie tatsächlich schmerzhaft ist oder nicht.

Lernen die Tiere, dass wir Rücksicht auf ihre Befindlichkeiten nehmen, entwickeln sie Vertrauen. Selbst Tiere, die die Klauenpflege mit Klauen und Hörnern verweigert haben, lernen mit Stockmanship die Arbeit mitzumachen. So können auch Tierärzte, die ja ständig mit z.T. fremden Tieren umgehen müssen, sicher und effizient mit ihnen arbeiten.

Stockmanship vermittelt ein Verständnis des Problems aus der Sicht der Tiere. Indem wir verstehend auf das Tier eingehen, entsteht eine effiziente und sichere Zusammenarbeit – zum Wohle von Mensch und Tier.

© Philipp Wenz

Philipp Wenz hat Landwirtschaft u.a. in der Schweiz gelernt und in Göttingen Agrarwissenschaften studiert. Er bei Bud Williams in Texas gelernt und hat diese Methode nach Europa gebracht. Seit 2008 ist er Coach für Stockmanship und Berater für effizientes Tiermanagement u.a. für große und kleine Landwirtschaftsbetriebe, Schlachthöfe, Tierärzte, Berufsgenossenschaften, Klauenpfleger. Darüber hinaus berät er Mutterkuhbetriebe, wie sie ihren Betrieb wirtschaftlich führen können.

In 2024 wieder 2-tägige Intensivseminare in Blankenförde / Mecklenburg-Strelitz (Theorie und Praxis mit Mutterkuhherde mit Bullen)

• Grundsätze für eine effiziente und sichere Arbeit mit Milchvieh, Mutterkühen, Bullen
• Zonenkonzept – Wie Rinder wahrnehmen / Wie Tiere lernen
• Techniken für die Arbeit mit Rindern
• Anwendungen der Methode in der Praxis
• Arbeit mit der Herde auf großen Flächen (Weide)
• Arbeit im Korral und mit Einzeltieren

Termine 2024
18./19. April
30./31. Mai
27./28. Juni
https://www.stockmanship.de/de/termin

September bis November jeweils der letzte Donnerstag und Freitag des Monats. Anmeldung unter gruhn@stockmanship.de

Videos mit Philipp Wenz
Herde parken – Bullen separieren
Kuh in den Klauenstand treiben mit Low stress stockmanship
Tiere in Treibegang bringen

Starke Beteiligung des FLI an Europäischer Partnerschaft für Tiergesundheit und Tierwohl

In der kürzlich gestarteten Europäischen Partnerschaft für Tiergesundheit und Tierwohl (The European Partnership on Animal Health and Welfare, kurz EUP AH&W) werden innovative Forschungen gefördert, mit denen ansteckende Tierkrankheiten verhindert und kontrolliert sowie ein hohes Maß an Tierwohl gewährleistet werden sollen. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) ist an diesem neuen EU-Projekt mit fünf Fachinstituten an drei Standorten beteiligt.

56 Forschungseinrichtungen und 30 Förderorganisationen aus 24 europäischen EU- und Nicht-EU-Ländern wirken an dem auf sieben Jahre ausgelegten Gesamtprojekt mit. 105 Millionen Euro stehen dabei zur Verfügung. Jeweils die Hälfte wird von der EU (Horizon Europe) und von den teilnehmenden Einrichtungen finanziert. Das FLI ist an elf von derzeit 17 Einzelprojekten von Diagnostik über Krankheitsresistenz bis zur Verbesserung von Betäubungsverfahren beteiligt.

Für die Tiergesundheit wird vom FLI u.a. dazu geforscht, wie diese im Feld besser überwacht und diagnostische Verfahren effektiver und praktikabler werden können. Beteiligt ist das FLI auch an der Weiterentwicklung von Impfstoffen und deren Verabreichung sowie an Untersuchungen zur Dynamik bakterieller Erreger bei Mehrfachinfektionen. Um die natürliche Widerstandsfähigkeit von Nutztieren zu stärken, wird analysiert, welche Faktoren die Immunität der Tiere gegenüber Krankheitserregern beeinflussen. Durch geeignete Bakterien lässt sich z.B. das Mikrobiom im Darm von Tieren und damit deren Darmgesundheit verbessern. Dies könnte etwa Hühner widerstandsfähiger gegenüber Infektionen durch Salmonellen machen. Des Weiteren werden neue Technologien genutzt, wie ein am FLI entwickeltes, weltweit einzigartiges Schweinemodell, um die Funktion des Immunsystems und eines ausgewählten Immunzelltyps zu untersuchen. Diese besonderen Zellen vereinen Eigenschaften des angeborenen und erworbenen Immunsystems, ihre Bedeutung für eine schützende Immunantwort konnte bis dato nur ansatzweise verstanden werden.

Eng verbunden mit der Entwicklung einer nachhaltigen Tiergesundheit ist das Tierwohl. Hier arbeitet das FLI an der Erstellung einer Wissensplattform mit. Mit dieser sollen Daten zum Tierwohl erhoben und ausgewertet werden, um zukünftig das Tierwohl innerhalb der EU zu erfassen und zu überwachen. In einem weiteren Projekt sollen innovative Indikatoren für Tierwohl untersucht werden: „Bisher gibt es zahlreiche Indikatoren, um festzustellen ob und wann es Tieren schlecht geht. Das bedeutet aber nicht, dass es den Tieren gut geht. Wir forschen deshalb nun auch an Indikatoren, mit denen sich feststellen lässt, wie sich positives Wohlbefinden bei Hühnern messen lässt“, so Prof. Lars Schrader, Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung des FLI in Celle. Konkrete Verbesserungen des Tierschutzes bei der Schlachtung von Schweinen sollen mit der Entwicklung eines Verfahrens erreicht werden, mit dem auf Basis künstlicher Intelligenz die Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit der Tiere nach erfolgter Betäubung sicher festgestellt werden kann. Neben den Auswirkungen auf das Tierwohl werden unter Beteiligung des FLI auch die Auswirkungen tiergerechter Haltungsverfahren auf Umwelt, Ökonomie und soziale Interessen untersucht.

Koordiniert wird die Partnerschaft von der Universität Gent. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Akteure der Tiergesundheit, des Tierschutzes und darüber hinaus soll eine umfassende auch gesellschaftliche Wirkung im Sinne der One Health-Idee erzielt werden. „Wir freuen uns darüber, ein Teil dieser starken Partnerschaft zu sein. Dies spiegelt die breit aufgestellte Kompetenz und wissenschaftliche Exzellenz des FLI für die Tiergesundheit und das Tierwohl landwirtschaftlicher Nutztiere wider!“, so Prof. Christa Kühn, Präsidentin des FLI.

Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut

Citizen-Science-Projekt: Hummeln melden per App

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In diesem Jahr findet erneut die bundesweite Hummel-Challenge statt. Ziel ist es, so viele Hummeln wie möglich in der freien Natur zu fotografieren und über die Bestimmungs-App ObsIdentify zu melden.

Das Team des Wildbienen-Monitorings in Agrarlandschaften am Thünen-Institut richtet die Hummel-Challenge 2024 deutschlandweit in Kooperation mit dem BUND Naturschutz Bayern als lokaler Partner aus. Ziel ist es, in den Zeiträumen 20. März bis 9. April und 20. Juni bis 3. Juli so viele verschiedene Hummeln auf so vielen verschiedenen Wildpflanzen wie möglich über die Naturbeobachtungsplattform Observation.org zu erfassen. Hummel-Fotos können über die Webseite oder mit Hilfe der Bestimmungs-App ObsIdentify hochgeladen werden.

Mitmachen ist ganz einfach: Die kostenlose App ObsIdentify herunterladen, Benutzeraccount anlegen, in der Natur so viele verschiedene Hummelarten wie möglich fotografieren und in der App speichern. Für die Teilnahme sind keine Artenkenntnisse nötig: Eine KI bestimmt die Hummeln anhand der hochgeladenen Fotos. Die Daten werden zusätzlich noch einmal von Hummel-Expert*innen überprüft. Wer innerhalb Deutschlands die meisten Arten im Projektzeitraum findet, gewinnt tolle Preise.

Die besten Chancen, verschiedene Hummelarten zu entdecken, haben Hummelsucher*innen dort, wo viele verschiedene Blütenpflanzen zu finden sind. Dr. Sophie Ogan, Projektverantwortliche für die Hummel-Challenge am Thünen-Institut, erklärt: „Pflanzen mit blauen und lilafarbenen Blüten wie beispielsweise Taubnessel, Knautie, Beinwell, Herzgespann, Distel oder Klee, aber auch blühende Obstbäume und -sträucher sind bei Hummeln sehr beliebt. Hier sammeln sie Pollen und trinken Nektar. Dafür halten sie kurz still und man kann sie gut fotografieren.“

Hummeln zählen zu den wichtigsten Bestäubergruppen sowohl für die Landwirtschaft als auch für viele Wildpflanzen. „Wir wünschen uns, dass möglichst viele Interessierte mitmachen und so dabei helfen, das Wissen über Hummeln zu vergrößern“, sagt Martina Gehret, Projektverantwortliche beim BUND Naturschutz. In der Hummel-Challenge geht es vor allem darum, Hummeln auf Wildpflanzen außerhalb des eigenen Gartens zu fotografieren. „Die Fotos liefern uns eine wichtige Datengrundlage für die Forschung. Aufgrund der Geodaten ist nachvollziehbar, wo welche Hummel gesichtet wurde. Auch die Blüte, auf der die Wildbiene fotografiert wurde, kann für eine spätere Auswertung wichtig sein“, ergänzt Sophie Ogan.

Wer sich über die Hummel-Challenge hinaus engagieren will, kann im Hummel-Monitoring des Thünen-Instituts mitmachen. In diesem Citizen-Science-Projekt erfassen Ehrenamtliche von März bis Oktober Hummeln auf einer festgelegten Strecke. Die dafür nötigen Artenkenntnisse werden in Schulungen vermittelt.

Hummeln und andere Wildbienen sind als Bestäuber enorm wichtig – nicht nur für den Erhalt von biologischer Vielfalt und intakten Ökosystemen, sondern auch für die Ernährungssicherheit. Zum Zustand und zur Entwicklung von Wildbienenbeständen gibt es bisher in Deutschland keine repräsentative Datengrundlage. Das Forschungsprojekt „Wildbienen-Monitoring in Agrarlandschaften“ (wildbienen.thuenen.de) am Thünen-Institut für Biodiversität entwickelt und testet deshalb Methoden zur bestandschonenden Erfassung von Wildbienen in landwirtschaftlich genutzten Räumen. In den Citizen-Science-Modulen haben Ehrenamtliche die Möglichkeit, einen Beitrag zur Forschung zu leisten und zugleich ihr eigenes Wissen über Wildbienen zu vergrößern. Das Projekt ist Teil des Verbundprojektes MonViA, dem bundesweiten Monitoring der biologischen Vielfalt in Agrarlandschaften.

Quelle: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

Rückgang der Schlachtzahlen durch fehlendes Untersuchungspersonal

So oder so ähnlich könnte demnächst eine Schlagzeile in der Presse lauten, die sicherlich von Fleischgegnern begrüßt, aber den Verantwortlichen der Schlachtbranche und den für die Untersuchung verantwortlichen Behörden den Sorgenschweiß auf die Stirn treiben würde. Dabei verzeichnen die zuständigen Behörden bereits jetzt massive Probleme bei der Personalrekrutierung für die sogenannte amtliche Schlachttier- und Fleischuntersuchung.

Unter diesem Leitthema stand eine Fachtagung an der Universität Leipzig, die vom dortigen Institut für Lebensmittelhygiene, Professur Fleischhygiene und dem Bundesverband der beamteten Tierärzte e. V. (BbT) am 14. März ausgerichtet wurde. Dabei ging es darum, in Workshops die Herausforderungen des Tätigkeitsfeldes zu diskutieren und insbesondere Lösungsansätze zu finden, wie dem Personalmangel begegnet werden kann. Einig war man sich, dass die Schlachttier- und Fleischuntersuchung nach wie vor eine Schlüsselrolle im gesundheitlichen Verbraucherschutz und Tierschutz darstellt, in der Tierärztinnen und Tierärzte die zentralen Akteure sind. „Die Arbeitsbedingungen in der Schlachttier- und Fleischuntersuchungen müssen attraktiver und verlässlicher gestaltet werden“, so der Präsident des BbT und der Bundestierärztekammer, Dr. Holger Vogel. Hierzu zählt auch die Vergütung der Tätigkeit insbesondere in Kleinbetrieben. „Eine Überarbeitung des Tarifvertrages ist überfällig,“ so Vogel. Auch stellen gute Ausbildungsbedingungen an den tierärztlichen Bildungsstätten und eine gute Betreuung der Praktikanten im Schlachthofpraktikum durch die Veterinärämter Möglichkeiten dar, für diesen Berufszweig zu werben.

Die diskutierten Aspekte können Anhaltspunkte bieten, um dem Fachkräftemangel in der amtlichen Schlachttier- und Fleischuntersuchung zu begegnen. Es wurde deutlich, dass für diese Themen dringend Herangehensweisen und Lösungen gefunden werden müssen. Der BbT wird diese Forderungen weiterverfolgen.

Daneben standen Aspekte der Fachfortbildung mit Fallbeispielen zur Schlachttier- und Fleischuntersuchung, Tierschutz bei der Schlachtung, Kommunikation und Eingriffsbefugnisse des amtlichen Tierarztes für die 150 Teilnehmer im Fokus. Die Diskussionen haben verdeutlicht, wie vielfältig die tierärztliche Tätigkeit in diesem Bereich sein kann.

Quelle: Bundesverband der beamteten Tierärzte e.V.

Shopping-Studie zum Tierwohl im virtuellen Supermarkt

Wie lässt sich erreichen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher beim Kauf von Fleisch stärker auf Tierwohl-Aspekte achten? Wohl nicht allein dadurch, dass man Informationen zur Haltungsform besser sichtbar macht. In diese Richtung deuten zumindest die Ergebnisse einer Studie der Universität Bonn und der TU München. Die Forscherinnen haben darin Testpersonen zum Shoppen in einen virtuellen Supermarkt geschickt. An den Regalen angebrachte Banner und Label zur Haltungsform hatten demnach keinen Einfluss auf die Kaufentscheidung. Die Ergebnisse sind nun im Journal of Consumer Protection and Food Safety erschienen.

Wer kennt sie nicht – die roten, blauen, orangenen oder grünen Label, die seit einigen Jahren auf Fleischverpackungen prangen? Sie informieren über die Art und Weise, in der das jeweilige Tier gehalten wurde. Rot (= Haltungsform 1) bedeutet, dass lediglich die gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststandards beachtet wurden; grün (= Haltungsform 4) steht dagegen für eine vergleichsweise artgerechte Tierhaltung. „Doch häufig werden solche Informationen von den Kundinnen und Kunden nicht bewusst wahrgenommen“, sagt Leonie Bach vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn.

Die Nachwuchs-Wissenschaftlerin promoviert in der von Prof. Dr. Monika Hartmann geleiteten Abteilung Marktforschung der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Sie war einer der Köpfe hinter der aktuellen Studie. Darin untersuchen Forscherinnen der Universität Bonn und der TU München die Frage, ob sich die Effektivität der Haltungsform-Kennzeichnung erhöhen lässt, indem man diese besser sichtbar macht.

Virtueller Supermarkt
Die Forscherinnen haben diese Maßnahmen aber nicht in einem echten Lebensmittelladen erprobt, sondern in einem virtuellen Supermarkt. Dieser innovative Ansatz bietet mehrere Vorteile: Da der Einkauf am Rechner erfolgt, war es vergleichsweise einfach, eine große Anzahl von Versuchspersonen für die Studie zu gewinnen. Ein weiterer Vorteil ist, dass – abgesehen von der getesteten Maßnahme – der Supermarkt für jede Probandin und jeden Probanden identisch aussieht. Es gibt also keine versteckten Einflüsse auf das Kaufverhalten. „Mit der Infrastruktur eines virtuellen Supermarktes holen wir uns die reale Welt ins Labor“, erklärt Prof. Dr. Monika Hartmann.

In dem Experiment schoben 630 Personen ihren Einkaufswagen durch digitale Gänge, die denen eines realen-Marktes nachempfunden waren. „Wir haben die 3D-Simulation zusammen mit dem Marktforschungs-Iinstitut IPSOS entwickelt“, erläutert Bach. Die Grafik orientiert sich an modernen Videospielen: Die Versuchspersonen sehen die Gänge aus der Ich-Perspektive, können sich zu den Regalen drehen, Produkte heraus nehmen und von allen Seiten betrachten, sie in ihren Wagen legen und am Ende gegebenenfalls kaufen. Dabei blieb die Kaufentscheidung jedoch hypothetisch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten nicht wirklich für den virtuellen Einkauf bezahlen und erhielten am Ende auch keine echten Waren. In der Befragung im Anschluss gaben die Beteiligten überwiegend an, die Simulation als sehr realistisch empfunden zu haben und gut mit ihr zurecht gekommen zu sein.

Ein Markt in drei Versionen
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren von IPSOS per E-Mail zur Studie eingeladen worden. Der Supermarkt, den sie zu sehen bekamen, unterschied sich lediglich in einem Punkt: der Art und Weise, in der die Haltungsform-Informationen hervorgehoben wurden. Bei einer Gruppe von Teilnehmenden waren die Label, wie momentan üblich, lediglich auf den Fleischverpackungen zu sehen. Bei einer zweiten Gruppe hingen zusätzlich über den Regalen große Banner, die die Label zeigten. Bei Gruppe 3 war die Labels außerdem noch neben den Preisschildern angebracht, allerdings nur für Produkte der Haltungsformstufen 3 und 4.

Das ernüchternde Ergebnis: Die Versuchspersonen in allen drei Gruppen griffen ähnlich oft zu Fleisch aus artgerechterer Haltung. Die Maßnahmen führten also zu keiner Änderung des Kaufverhaltens. „Ein Grund könnte sein, dass die Informationen nicht die notwendige Aufmerksamkeit erzielt haben, trotz der hervorgehobenen Weise, in der sie präsentiert wurden“, vermutet Leonie Bach. „Ein Teil unserer Versuchspersonen gab in der anschließenden Befragung an, diese nicht bewusst wahrgenommen zu haben“.

„Aktuell werten wir weitere Maßnahmen aus, die wir im virtuellen Supermarkt getestet haben“, erklärt Prof. Dr. Monika Hartmann. Für zukünftige Projekte wünschen sich die Autorinnen, die Realitätsnähe entsprechender Einkaufsexperimente noch weiter zu erhöhen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen dann die gekauften Produkte ähnlich wie beim Online-Shopping zugesandt bekommen und dafür auch bezahlen müssen.

Beteiligte Institutionen und Förderung:
An der Studie waren die Universität Bonn und die TU München beteiligt. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Niederländische Supermarktkette Jumbo verzichtet auf „Preisknüller“ beim Fleisch

Wie verschiedene niederländische Medien berichten, verzichtet die inländische Supermarktkette Jumbo künftig auf Sonderangebote für frisches Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch. In sämtlichen niederländischen Filialen und im Online-Verkauf sollen bis Ende Mai alle aktuellen Verkaufsaktionen für „Kiloknallers“ auslaufen.

Für Jumbo sei es zwar eine Herausforderung, als Erster diese Art Absatzförderung zu beenden, ein Vorteil bestehe jedoch darin, dass dadurch die Preise insgesamt etwas niedriger gehalten werden könnten, da kein Geld mehr durch Angebote verloren ginge, erklärte ein Unternehmenssprecher.

Die Tierschutzorganisation „Wakker Dier“, die bereits bei der Durchsetzung des Labels „Beter leven“ in den Niederlanden großen Einfluss ausübte, lobt Jumbo ausdrücklich und fordert alle Unternehmen des LEH auf, den Anteil pflanzlicher Proteine im Angebot von derzeit 40 % auf mindestens 50 % im Jahr 2025 und mindestens 60 % im Jahr 2030 zu steigern. Diese Ziele will Jumbo auch tatsächlich erreichen und gleichzeitig prüfen, inwieweit der Bereich der Fleischersatzprodukte erweitert werden kann.

Kennzahlen richtig einordnen: Eutergesundheit geht vor

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Seit Mitte Februar liegen den Betrieben nun verbindlich die Antibiotika-Kennzahlen für die Milchkühe vor. Diese Kennzahlen ergeben sich aus den eingesetzten Antibiotika und den Behandlungstagen im vergangenen Jahr. Doch die Inhaltsstoffe der verabreichten Antibiotika und die Wichtungsfaktoren bei Antibiotikakombinationen oder Depotwirkung könnten zur Folge haben, dass ab jetzt nur noch Monopräparate mit kurzer Wirkdauer eingesetzt werden. Ob das medizinisch Sinn macht ist fraglich, denn durch weniger gut passende Produkte besteht das Risiko von Rückfällen. Häufigere Therapien werden nötig und es verschlechtert sich womöglich die Gesundheit und die Leistung der Herde bzw. die Profitabilität des Betriebes. Bei der Milchkuh betrifft dies vor allem antibiotische Trockensteller und hochwirksame Mastitispräparate. Da eine Mastitis für die Kuh eine starke Belastung darstellt, ist der Einsatz von gut wirksamen Antibiotika in der Therapie notwendig und sogar tierschutzrelevant.

Natürlich ist der Ansatz richtig, den Antibiotikaeinsatz weiter zu reduzieren. Doch diese Anstrengungen dürfen nicht zu Lasten der Tiergesundheit gehen. Es kommt bei der Therapie von Mastitis auf den richtigen Wirkstoff an, der passend für den Betrieb und den vorherrschenden Leitkeim ist und nicht auf die Antibiotika-Kennzahl oder den Wichtungsfaktor. Daher sollten Milchviehbetriebe in Absprache mit ihrer Tierarztpraxis bei erfolgreichen Konzepten bleiben, die passenden Produkte wählen und nicht auf Wichtungsfaktoren schauen. Zur Antibiotikareduzierung bietet sich eher an, bei entsprechenden Voraussetzungen das selektive Trockenstellen zu beginnen und mit Zitzenversieglern zu arbeiten.

Weitere Informationen auf www.ubrocare.de/antibiotikaeinsatz

Neues Forschungsprojekt der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) bringt mehr Sicherheit in den Rinderstall

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Im Herbst 2023 ist das Projekt „Sichere Rinderhaltung“ an der Fakultät Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme der HSWT gestartet. Der Fokus liegt auf Deckbullen, Abkalbung und Treiben von Rindern.

Stress, Müdigkeit und Zeitdruck sind in der Rinderhaltung wiederkehrende Gegebenheiten und gleichzeitig Risikofaktoren für Unfälle, insbesondere im Umgang mit den Tieren. Dabei sind bestimmte Risikomomente als besonders kritisch hervorzuheben.

Spezielle Bullenboxen
Seit 2024 gilt die neue Unfallverhütungsvorschrift 4.1 der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, die das freie Mitlaufenlassen von Deckbullen in der Milchviehhaltung aus Sicherheitsgründen untersagt. Spezielle Bullenboxen mit direkter Herdennähe sollen eine tiergerechte Haltung bei gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitssicherheit ermöglichen. Der sichere Umgang mit den Tieren steht dabei im Vordergrund, aber die Separation des Bullen bedeutet eine große Umstellung für den Betrieb. Für die Brunstbeobachtung und das Treiben der als brünstig entdeckten Kühe müssen Arbeitskräfte eingerechnet bzw. Investitionen getätigt werden. Für die Compliance der in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen ist daher eine praktikable Integration in den Betriebsablauf mit effizienten Zu- und Abtriebsystemen der Kühe zu entwickeln.

Stressreduktion und Arbeitssicherheit
Ein weiteres Ziel des über zwei Jahre laufenden Forschungsprojekts „Sichere Rinderhaltung“ ist es, konkrete und in der Praxis bereits gelebte Ansätze zur Stressreduktion und zur Arbeitssicherheit beim Verbringen von Rindern in der täglichen Praxis zu erfassen. Dazu zählen u. a. innovative Treibesysteme, Low-Stress-Stockmanship Umsetzungen, sichere Abkalbelinien sowie bauliche Maßnahmen, die auf die Sinnesphysiologie der Rinder eingehen.

Wissenstransfer
Die Ergebnisse dieses Forschungsvorhabens fließen in ein webbasiertes Kompendium mit anschaulichem Bild- und Videomaterial ein, in dem Landwirtinnen und Landwirte bequem, zeitsparend und mit niedriger Hemmschwelle passende Vorschläge für den eigenen Betrieb finden.

Aufruf an Betriebe mit Rinderhaltung in Bayern oder Baden-Württemberg
Landwirt:innen, die in ihrem Betrieb Stress beim Treiben von Rindern haben, entweder beim Zutrieb zum Klauenpflegestand, beim Verladen oder bei der Entnahme von Blutproben, können sich zur Teilnahme an einer kostenlosen Beratung sowie für die Übernahme von Investitionen im Rahmen dieses Forschungsprojekts anmelden. Die Anmeldung ist bis zum 31. März 2024 möglich. In folgender PDF finden sich alle Informationen zur Ausschreibung sowie eine Anmeldemöglichkeit.

Quelle: Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

E-Magazin „Der Hoftierarzt“ 1/2024 steht zum kostenfreien Abruf bereit

Liebe Leserinnen und Leser!

„Der Hoftierarzt“ Ausgabe 1/2024 steht für Sie zum Abruf bereit und bietet folgende Themen:

• Auslauf- und Freilandhaltung trotz ASP?

• 10 Tipps für die erfolgreiche Ferkelaufzucht

• Earlyfeed: Futter speziell für Jungtiere

• KALBI SAN LIQUID – Das Rundum-Paket für einen gesunden Darm

• X-Zelit® – Milchfieberprophylaxe einfach gemacht

• Chancen nutzen: Subklinische Mastitis ausheilen und Kälber schützen

• Die größten Agrarimporteure und -exporteure

• Kratzbürste HAPPYCOW FlexiSwing für Rinder und Pferde

• Farmcontrolling: Antares Geflügel-Computer

• Neue Regelungen und Tipps zur Kälberaufzucht

• Neue Produkte zur Zitzendesinfektion

• Neues Produkt zur Entwurmung für Schafe

• CODD – Eine neue Form der Moderhinke?

• Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland

• Veitshöchheimer Imkerforum 2024

Das Tiergesundheits-Magazin für Nutztierhalter erscheint alle zwei Monate im praktischen PDF-Format. Jetzt 1 x registrieren, 1 x in der Bestätigungs-Mail klicken und dann gleich kostenfrei downloaden und lesen!

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Bio-Milchviehhaltung: Lösungen für das Kälberproblem

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Wissensvermittlung, Förderung der Nachfrage und Unterstützung durch die Politik – dies sind nach Erkenntnissen der Universität Hohenheim in Stuttgart nur einige Ansätze, um das sogenannte Kälberproblem zu lösen. Denn die zunehmende Produktion von Bio-Milch führt dazu, dass immer mehr Bio-Kälber geboren werden. Ein Zusammenhang, der vielen Menschen gar nicht bewusst ist, so das Ergebnis einer Untersuchung der Universität. Noch weniger verbreitet ist jedoch das Wissen, dass für diese Bio-Kälber so gut wie kein Markt existiert. Die Folge: Die Tiere werden größtenteils an konventionell arbeitende Betriebe verkauft. Zusammen mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), haben Hohenheimer Forschende im Projekt „WertKalb“ Lösungen für dieses Kälberproblem erarbeitet.

Die Zunahme der Milchproduktion führt dazu, dass immer mehr Kälber geboren werden. Denn um kontinuierlich Milch zu geben, müssen Kühe einmal im Jahr ein Kalb zur Welt bringen. „Diese Kälber erfahren weder unter ethischen noch ökonomischen Aspekten eine Wertschätzung“, bedauert Prof. Dr. Mizeck Chagunda vom Fachgebiet Tierhaltung und Tierzüchtung in den Tropen und Subtropen an der Universität Hohenheim. Vor allem männliche, aber auch überzählige weibliche Jungtiere, die nicht zum Erhalt des Bestandes an Milchkühen benötigt werden, werden im Alter von wenigen Wochen verkauft und nach Norddeutschland oder ins Ausland transportiert, um dort gemästet zu werden. In besonderem Maß trifft dies auf ökologisch wirtschaftende Milchviehbetriebe zu: Aktuell werden auf Bio-Betrieben in Baden-Württemberg jährlich über 22.000 überzählige Kälber geboren.

Für die Tiere bedeutet dies nicht nur lange Transporte, sie verlassen in der Regel auch die regionale Bio-Wertschöpfungskette, da sie meist an konventionell arbeitende Mastbetriebe verkauft werden. Sowohl für Bio-Landwirt:innen als auch für Menschen, die Bio-Produkte kaufen, eine unbefriedigende Situation.

Suche nach Lösungsansätzen: Alle müssen an einem Strang ziehen
Nach den Erkenntnissen der Forschenden liegt die Hauptursache in der Spezialisierung der Milchviehbetriebe: „Sie hat zu einer Entkopplung des riesigen Milchmarkts und des vergleichsweise winzigen Fleischmarkts geführt: Die Nachfrage nach Bio-Milch ist ungleich höher als nach Bio-Kalb- und -Rindfleisch“, erklärt Josephine Gresham, Koordinatorin der Projektes „Innovative Strategien für eine ethische Wertschöpfung der Kälber aus der ökologischen Milchviehhaltung“, kurz „WertKalb“.

Doch wie kann dieses Problem gelöst werden? Gemeinsam mit Bio-Landwirt:innen, Bio-Verbänden, Erzeuger- und Absatzgemeinschaften und einzelnen Fachleuten entwickelten Forschende der Universität Hohenheim und der HfWU Strategien entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Milchviehhaltung – angefangen bei der Tierzüchtung über die Tierhaltung bis zur Vermarktung.

„So ein Vorhaben kann nur gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen und bereit sind, konstruktiv zusammen zu arbeiten“, betont Projektleiter Prof. Dr. Chagunda. Insgesamt beteiligten sich 21 Betriebe und Organisationen an dem Verbundprojekt. Der Fokus lag dabei auf den Bio-Musterregionen Ravensburg, Biberach, Hohenlohe und Freiburg.

Maßnahmen-Katalog
Die Forschenden erarbeiteten einen ganzen Katalog an Maßnahmen. Angefangen bei Wegen, erst gar nicht so viele Kälber zu erzeugen: „Wenn in rund 13 Prozent der baden-württembergischen Betriebe die Zeit zwischen den einzelnen Geburten nur um drei Monate erhöht würde, so kämen circa sieben Prozent weniger Kälber auf die Welt, ohne dass die Milchleistung wesentlich verringert wird“, so Josephine Gresham. Dies ließe sich noch steigern: „Es könnten sogar 14 Prozent weniger sein, würde die Zeit um sechs Monate erhöht.“

Es folgen Ansätze, um die Mast interessanter zu machen. Dies können unter anderem Zweinutzungsrassen sein, die sowohl Milch als auch Fleisch liefern, aber auch sogenannte Gebrauchs- oder Kreuzungszüchtungen, bei denen die Kälber schneller an Gewicht zunehmen und eine bessere Fleischqualität aufweisen. Eine stressfreie Schlachtung im Herkunftsbetrieb verbessert die Fleischqualität zusätzlich. Zum Maßnahmenkatalog: https://oekolandbauforschung-bw.uni-hohenheim.de/wertkalb_hintergrund

Jeder Betrieb muss eigenen Weg finden – Politik gefordert
„Es kann jedoch nicht eine Strategie für alle Betriebe geben, sondern jeder landwirtschaftliche Betrieb muss individuell eine für sich passende Strategie entwickeln“, fasst Josephine Gresham zusammen. „Auch die Politik ist gefordert, sinnvolle und für Landwirt:innen einhaltbare Rahmenbedingungen zu setzen, die Spielraum für die individuellen Gegebenheiten des betreffenden Betriebs lassen.“

Ein entscheidender Punkt bei allen Maßnahmen sind jedoch die Verbraucher:innen: Nur wenn sie das Fleisch kaufen und konsumieren, können sich die Aufzucht der Kälber und weitere Investitionen für die Landwirt:innen lohnen. Information und Aufklärungsarbeit sind nach Erkenntnissen der Forschenden ein wichtiger Schlüssel dazu.

Denn eine für Süddeutschland repräsentative Online-Umfrage unter 918 Teilnehmenden brachte überraschende Ergebnisse: Zwar wussten 63 Prozent der Befragten, dass Kuh und Kalb oft unmittelbar nach der Geburt voneinander getrennt und junge Kälber häufig über lange Strecken transportiert werden.

Jedoch sind Label, wie zum Beispiel „Zeit zu zweit – für Kuh + Kalb“, die für Produkte vergeben werden, bei denen die Kälber die ersten Lebensmonate bei der Mutter verbringen, weitgehend unbekannt. Auch andere Praktiken, das Problem des geringen Marktwertes der überschüssigen Bio-Milchviehkälber sowie die geringe Nachfrage nach Bio-Rindfleisch kannten nur sechs Prozent der Teilnehmenden.

„Vielen Menschen scheint der Zusammenhang zwischen Milch und Rind- bzw. Kalbfleisch nicht bewusst zu sein“, sagt Studienautorin Mareike Herrler vom Fachgebiet Angewandte Ernährungspsychologie der Universität Hohenheim. „Eventuell verdrängen sie diese Tatsache aber auch, um Schuldgefühle beim Kauf von Milchprodukten zu vermeiden.“

Tierwohl wichtig – Geschmack und Geld noch wichtiger
Denn die meisten Menschen sorgen sich um das Wohlergehen von Milchkälbern und empfinden Mitgefühl für diese Tiere. So ist das Tierwohl eines der wichtigsten Motive für den Kauf von Bio-Lebensmitteln: „Vor allem Personen, die sich der Probleme in der Tierhaltung bewusst sind, kaufen häufiger Bio-Milch und -Milchprodukte – möglicherweise in dem Glauben, damit einen Beitrag zum Tierwohl zu leisten“, so Mareike Herrler.

„Tatsächlich ist den Menschen der Geschmack der Produkte jedoch noch wichtiger und sie müssen sich die meist teureren Produkte auch leisten können“, fasst die Expertin ein anderes Ergebnis ihrer Studie zusammen. So konsumierten Befragte mit einem höheren Haushaltsnettoeinkommen sowohl Bio-Lebensmittel insgesamt als auch Bio-Milch und -Molkereiprodukte häufiger.

Gezielte Informationen über die Problematik und zu möglichen Lösungen fördert die Kaufbereitschaft für ethisch hergestellte Milch- und Fleischprodukte: „Die Menschen sind durchaus gewillt, ihren Teil zum Tierwohl beizutragen. Aber sie brauchen Anreize und die richtige Form der Informationen“, erklärt Prof. Dr. Nanette Ströbele-Benschop vom Fachgebiet Angewandte Ernährungspsychologie.

So erwartet die Kundschaft bei Kalbfleisch beispielsweise vor allem helles, zartes Fleisch. Doch qualitativ hochwertiges Fleisch von Kälbern, die nach geltenden Tierwohlstandards aufgezogen werden, ist deutlich rot gefärbt. „Hier muss darauf hingewiesen werden, dass rotes Kalbfleisch sogar ein Qualitätsmerkmal ist“, sagt Prof. Dr. Chagunda, „denn es enthält mehr ungesättigte Fettsäuren und besitzt eine wertvollere Proteinstruktur als helles Fleisch.“

Einen guten Ansatzpunkt die Nachfrage nach Bio-Kalbfleisch zu erhöhen sehen die Forschenden in der Betriebsgastronomie, wie beispielsweise in Kantinen, Mensen und Cafeterien. Hier bietet sich die Möglichkeit, bereits verarbeitete Gerichte aus Bio-Kalbfleisch zu probieren und sich gleichzeitig zu informieren. In einem Pilotversuch wurde das Angebot gut angenommen und die Kantinenleitung will auch in Zukunft Bio-Produkte bevorzugt anbieten. „Trotzdem ist es wichtig, dass das Fleisch auch im Supermarkt um die Ecke zu finden ist“, unterstreicht Mareike Herrler.

HINTERGRUND: Projekt WertKalb – Innovative Strategien für eine ethische Wertschöpfung der Kälber aus der ökologischen Milchviehhaltung
WertKalb ist eines von vier Projekten im Forschungsprogramm Ökologischer Landbau, das die Landesregierung von Baden-Württemberg ins Leben gerufen und finanziell gefördert hat. Koordiniert wird das Programm vom Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau an der Universität Hohenheim.

Ziel des Projektes war es, Antworten auf die drängende Frage zu liefern, wie eine tierethisch vertretbare, nachhaltige und den Prinzipien des ökologischen Landbaus konforme Entwicklung der Branche gestaltet werden kann. Somit trägt das Projekt zur Verringerung des Kälberproblems bei und unterstützt sowohl die Weiterentwicklung und Stärkung des ökologischen Landbaus als auch die landwirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation in Richtung Nachhaltigkeit und verstärktem Bio-Konsum.

Quelle: Universität Hohenheim