„Natürlich“ gegen Gentechnik? Christian Dürnberger spürt die Quellen des Disputs auf

In seinem neuesten Buch geht Dr. Christian Dürnberger, Philosoph und Kommunikations-Wissenschaftler vom Messerli Forschungsinstitut an der Vetmeduni Wien, der „Mensch-Natur-Beziehung in der Kontroverse um die Grüne Gentechnik“ auf den Grund.

Er tut dies mit Hilfe ausführlicher Inhaltsanalysen gentechnik-kritischer Texte. Insgesamt 32 deutschsprachige Broschüren und Grundsatzpapiere hat er ausgewertet und drei Argumentationsfelder identifiziert: konkrete Risiken der Technik, soziale Aspekte einer Implementierung Grüner Gentechnik und vor allem grundlegende Fragen und Positionen zur Mensch-Natur-Beziehung.

Resistenzen, Monokultururen, Auskreuzungen und Bedrohung der Biodiversität sind die bekannten Schlagworte in der Abteilung „Risiko“, Konzern-Abhängigkeit, Unmöglichkeit der Koexistenz von Grüner Gentechnik und Ökolandbau jene zu sozialen Aspekten. Am Ende aber stehen sich ganz gegensätzliche Wertvorstellungen vis-à-vis und Dürnberger identifiziert als tiefste Ursache für den heftigen Streit: den Begriff von Natur.

Es geht um Werte und, wenn es um Werte geht, „glauben sich die opponierenden Akteure aus ihrer Sicht uneingeschränkt im Recht“, weil Werte häufig „mit dem Anspruch auf Universalisierung verknüpft“ sind und „Wertekonflikte eskalieren daher deutlich häufiger als etwa Interessengegensätze“ (S. 80).

Um die Grundlagen verschiedener Modelle von Naturverständnis aufzuspüren, schaut der Wiener Philosoph weit bis sehr weit zurück, zu John Stuart Mill und gar Aristoteles. Ist Natur etwas Gemachtes oder Gewordenes? Lässt sie sich hinsichtlich menschlicher Zwecke optimieren oder ahndet sie Verstöße gegen ihre ewigen Gesetze unerbittlich? Ist die Natur dem Menschen grundsätzlich freundlich oder feindlich gesinnt? Ein blühender Garten oder ein karges Feld?

In der Debatte gehe es im Grunde um „Sakularisierung und Resakralisierung“. Für Gentechnik-Kritiker ist Natur heilig und tritt deshalb auch oft als „Schöpfung“ auf. Sahen die Menschen in früheren Zeiten Natur zuerst als Bedrohung, ist sie heute für viele vor allem selbst bedroht.

„Die Transformation von Natur in Kultur (präziser in kulturell überformte Natur) wird nicht mehr gefeiert, sondern in aller Regel als eine Geschichte des Verlustes erzählt“ (S. 225 f.) und die „neuzeitliche Utopie einer völligen Beherrschung und Durchwirkung der Natur tritt (…) in der Gentechnikkontroverse als dystopisch verwandelt entgegen. Sie wird nicht angestrebt, sondern gefürchtet“ (S. 233) Andererseits ist gerade „die Widerspenstigkeit oder der Widerspruch der Natur, die wohltuen gedeutet wird. Was ihren Reiz wesentlich ausmacht, ist, dass sie eben nicht völlig planbar, kontrollierbar und vorhersehbar ist“ (S. 246).

Um im Streit über Grüne Gentechnik überhaupt vorankommen zu können, müssten die konkurrierenden Konzeptionen von Natur zuallererst offen gelegt werden, meint Dürnberger und empfiehlt, auf dieser Basis, Stakeholder-Dialoge, Mediationen, Workshops und Bürger-Konferenzen zum Thema.

Weil aber auch Sachwissen Vorbedingung für sinnvollen Diskurs ist, verweist der Autor auf das Webportal www.Pflanzen-Forschung-Ethik.de, an dessen Konzeption und Inhalt er selbst fünf Jahre mitgewirkt hat. Nicht nur der Stand der Forschung wird hier mit Texten, Bildern und Videos beschrieben, sondern dem Besucher auch über die Option „Online-Ethikrat“ angeboten, „eine selbständige ethische Urteilsfindung zu konkreten Szenarien der Pflanzenzüchtung zu fördern“ (S. 253).

Jeder, der sich in der Gentechnik-Debatte je zu Wort gemeldet hat, weiß wie moralisch aufgeladen es dort zugeht. Und jedem, der die tieferen Hintergründe auf beiden Seiten verstehen und ihre Entstehung nachvollziehen will, sei die Lektüre des Buches wärmstens empfohlen:

Christian Dürnberger
Natur als Widerspruch
Nomos Verlagsgesellschaft
289 Seiten, € 44,-

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