Zukunftsplanung (fast) ohne Kastenstand

Heinrich Henke, Brokser Sauen

Die Novellierung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung wurde am 3. Juli verabschiedet. Für den Abferkelbereich gilt eine Übergangsfrist von 15 Jahren. Danach dürfen Sauen rund ums Abferkeln maximal fünf Tage im Kastenstand gehalten werden.

Im Deckzentrum dürfen Sauen, nach Ablauf einer achtjährigen Übergangszeit, nur noch in Gruppen gehalten und nur zur Besamung kurzzeitig fixiert werden. Für jedes Tier müssen überdies 5 qm Platz zur Verfügung stehen.

Drei Jahre nach Inkrafttreten der neuen Verordnung, muss jeder Betrieb ein Umbaukonzept vorlegen. Spätestens nach weiteren zwei Jahren muss der Bauantrag gestellt werden. Für den Umbau sind dann maximal drei Jahre Zeit (in Härtefällen mit zwei Jahren Verlängerung).

Wir haben Heinrich Henke* als erfahrenen Praktiker gebeten, seine Überlegungen mit uns zu teilen und das Pferd dafür von hinten aufgezäumt.

Reichen die vorgegebenen acht Jahre und wie muss man sich den Prozess im Detail vorstellen?

HH: Wenn ich in acht Jahren fertig sein will, brauche ich ein Jahr für die Umbauarbeiten. Es hängt davon ab, ob ich das im belegten Stall mache, dann dauert es mindestens ein Jahr oder wenn wir die Sauen rausschlachten und neu anfangen, dann geht es etwas schneller.

Das wäre aber die teure Variante oder?

HH: Das hängt von der Marktlage ab. Bei schlechter Marktlage geht das sogenannte depop/repop eher, als bei guter Marktlage.

Je nachdem wie das Gesetzgebungsverfahren jetzt im Einzelnen läuft – Änderung des Baugesetzes etc. – wird auch die Dauer des Genehmigungsverfahrens beeinflusst. Nach Gesprächen mit Agrarpolitikern der drei Koalitionsparteien in der Bundesregierung ist für uns ist klar, dass die SPD Betriebe unserer Größe nicht mehr will. Fair wäre es, eine konkrete Grenze für die gewünschte Betriebsgröße zu nennen, aber das tun sie dann auch nicht.

Wir müssen uns auf jeden Fall sehr gut vorbereiten und die Rahmenbedingungen wirklich klar sein. Es gibt ja wenig bis gar keine Erfahrungen mit Deckzentren in größeren Einheiten. Wir gehen mal von Gruppen à 50-60 Sauen aus, die jede Woche abgesetzt werden. Wie muss dann eine Bucht überhaupt strukturiert sein, damit wir am Ende wirklich eine Gruppenhaltung haben? Wie groß oder klein darf man Besamungs- und Fressstände bauen? All das sind Dinge, die ich heute nicht weiß. Deswegen würde ich zwei Jahre Planungszeitraum ansetzen, inklusive intensiver Reisetätigkeit. Wir werden uns einige Betriebe und deren Lösungen anschauen müssen und die werden nicht alle in Deutschland liegen.

Damit wären wir mittlerweile bei insgesamt fünf Jahren.

HH: Ja, das wäre aber nur fürs Deckzentrum! Wenn wir zum großen Schlag ausholen wollen und gleich alles so bauen, wie es in 15 Jahren sein soll, würde ich den Planungszeitraum und auch das Genehmigungsverfahren locker jeweils um ein weiteres Jahr mehr ansetzen. Parallel dazu müssen natürlich Finanzierungsgespräche mit Banken laufen, die auch nicht in ein vier Wochen erledigt sind.

Wir werden bei der Planung an manchen Stellen auch nach dem Prinzip „learning by doing“ vorgehen müssen. Niemand wird ein neues Stall-System gleich so bauen, dass er vom Start weg zufrieden ist. Aber das Deckzentrum würde ich eher größer machen, damit die Sauen wirklich Platz haben und ich Raum habe, die Fläche zu strukturieren und das bisherige Deckzentrum so umbauen, dass dort Gruppenhaltung möglich ist.

Dann muss ich sehen, was kann ich im vorhandenen Abferkelbereich umsetzen und wo kann ich Platz schaffen, um 6,5 oder 7 qm große Abferkelbuchten einzubauen. Das wird eine sehr intensive Planungsphase werden und hier kommen wir an depop/repop nicht vorbei.

Natürlich ist auch immer noch die Frage: wie teuer wird das Ganze und kann ich es in zehn Jahren wieder reinholen? Denn nach heutigem Stand fange ich in zehn Jahren ja wieder an umzubauen.

Außerdem gilt es die Rahmenbedingungen des Marktes zu bedenken. Vor Vegan habe ich wenig Angst, beim „Kunstfleisch“ fällt es mir aber schwer die Entwicklung abzuschätzen. Die Zielgruppe will eigentlich keine Gentechnik und deswegen kann ich mir nur schwer vorstellen, dass sich bei denen „Laborfleisch“ wirklich durchsetzt.

In jedem Fall müssen wir uns aber von 15 oder 20 Jahren Finanzierung verabschieden. Wir müssen das auch einer Bank vermitteln und die Genehmigungsbehörden müssen ebenfalls mitziehen.

Aber im Grunde fehlt doch noch eine wichtige Grundlage für all diese Überlegungen: TA-Luft und Bundesemissionsschutzgesetz sind noch nicht angepasst.

HH: Das ist unser Problem! Wir werden unsere Bestandsgrößen aber nicht beibehalten können, weil es für die benötigte zusätzliche Fläche keine Genehmigung geben wird. Wo wir am Ende landen, kann ich nicht abschätzen, aber den Kopf in den Sand stecken, macht keinen Sinn. Wir müssen schauen, ob wir aus dem was wir sollen und dem was wir können, eine wirtschaftlich tragbare Lösung backen können. Gibt es die nicht, heißt es die verbleibende Zeit zu nutzen – und dann ist es gut.

Müssen wir uns dann darauf einstellen, dass die Hälfte der deutschen Sauenhalter das Handtuch wirft?

HH: Erschreckend ist ja, dass von Mai 2019 bis Mai 2020 35.000 Sauen aus dem Markt gegangen sind. Wobei ich durchaus nachvollziehen kann, dass Kollegen die den Ausstieg schon länger im Kopf hatten, das im letzten halben Jahr dann auch getan haben. Die sind mit einem goldenen Handschlag ausgestiegen. Ich fürchte auch, dass Einige, die überlegt haben die staatliche Förderung für Isofluran-Betäubungsgeräte in Anspruch zu nehmen, jetzt am Ende des Jahres den Betrieb eher schließen.

Die Zahl der Sauenhalter wird jedenfalls definitiv noch mal massiv zurückgehen, die Frage ist nur: wie bald? Und vergessen wir bitte eins nicht: auch die Zahl der Arbeitskräfte wird bei verringerten Tierbeständen nicht zu halten sein.

Aber wir stellen uns der Herausforderung! Wir schauen uns, gemeinsam mit unseren Mitarbeitern, schon diese Woche einen neuartigen Abferkelstall im Rohbau an. Wir haben auf jeden Fall das Ziel, unseren Betrieb mit 1.250 Sauen zu erhalten und machen uns auf den Weg dorthin.

* Der Betrieb von Nadine und Heinrich Henke hat 1.250 Sauenplätze und das Paar aus Bruchhausen-Vilsen hat einschlägige Erfahrungen mit Umbau-Planungen.

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