Atemwegserkrankungen: Schutz fängt schon bei Ferkeln an

Von Apl. Prof. Dr. Isabel Hennig-Pauka, Außenstelle für Epidemiologie (Bakum), TiHo Hannover

Seit Jahrzehnten nimmt der Anteil krankhaft veränderter Schlachtschweinelungen nicht ab. Er bleibt regionsabhängig auf einem hohen Niveau von 37 bis 78 % – trotz wirksamer Impfstoffe. Wie passt das zusammen?

Verminderte Tageszunahmen von geschätzt 37 g je 10 % veränderten Lungengewebes, eine schlechtere Futterverwertung, untergewichtige Schweine und uneinheitlich gewachsene Ferkelpartien – das alles können Folgen von Atemwegserkrankungen sein. Als besonders krankmachend gelten das Influenza- und das PRRS-Virus sowie die bakteriellen Erreger APP (Actinobacillus pleuropneumoniae) und Mycoplasma hyopneumoniae (M.hyo). Viele Betriebe leben mit diesen Erregern, ohne dass Erkrankungen auftreten. In anderen Betrieben erkranken die Tiere oft trotz Impfung. Was unterscheidet sie?

Häufig treten Atemwegserkrankungen erst in der Mast auf, wo plötzliche Todesfälle schwerer Tiere, Fieber und Fressunlust oft nur die Spitze des Eisbergs sind. Hohe Anteile an Lungen- oder auch Brustfellbefunden vom Schlachthof spiegeln dort die schlechte Atemwegsgesundheit wieder. Meist sind mehrere unterschiedliche Faktoren am Krankheitsgeschehen beteiligt. Die Basis für eine gute Tiergesundheit wird schon in der Ferkelerzeugung gelegt. Aber in der Mast können dann Fehler gemacht werden, die eine gute Ausgangssituation wieder zunichtemachen. Bereits Verladung, Transport und Einstallung stellen belastende Stressoren dar. Ein schlechtes Stallklima und das Mischen von Tieren mit unterschiedlichem Lungengesundheitsstatus können Auslöser für einen Krankheitseinbruch sein.

Gezielt behandeln durch Diagnostik
Es gibt unterschiedlich krankmachende Erregervarianten derselben Art. Auch können virale, bakterielle, mitunter auch parasitäre Erreger betriebsindividuell in unterschiedlichen Kombinationen nachgewiesen werden. Aus oft komplexen diagnostischen Befunden muss dann herausgelesen werden, welcher Erreger den wichtigsten Anteil an der Erkrankung hat und wie er zu bekämpfen ist. Bei Behandlung sollten dann die Schlachthof-Befunddaten zu Lungenveränderungen über die Partien verfolgt werden. So kann der wirtschaftliche Einfluss abgeschätzt werden und der Erfolg von Maßnahmen überprüft werden.

Viele Erreger verstärken sich gegenseitig in ihrer krankmachenden Wirkung, wie das PRRS-Virus und Mykoplasmen. Letztere schädigen beispielsweise die Flimmerepithelzellen als wichtige Abwehrstrategie des oberen Atemtraktes. Als Folge können Staub und darin eingebettete Mikroorganismen tief in die Atemwege eindringen. Das PRRS-Virus schädigt dort gezielt die Fresszellen, so dass eine weitere Abwehrbarriere durchbrochen ist. Das Porcine Circovirus 2 (PCV2) zerstört spezifische Abwehrzellen und führt damit allgemein zu einer höheren Anfälligkeit für Infektionserreger. Auch unterschiedliche bakterielle Erreger können sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken.

Erreger alleine macht nicht krank
Grundsätzlich müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit es zu einer Erkrankung kommen kann:

• Verbreitung des Keims durch infizierte Trägertiere,
• Kontakt des Keims mit empfänglichen Tieren und
• ausreichend hohe Keimdosen, um eine Infektion auslösen zu können.

In Betrieben, in denen viele Atemwegserreger nachgewiesen sind, die Tiere aber nicht erkranken, sind die drei Bedingungen nicht erfüllt.
Keimvermehrung, -verbreitung und Infektion werden maßgeblich über die Immunität gesteuert. Die sofort wirksame, unspezifische Immunität eines Tieres spielt dabei zunächst die größte Rolle. Sie kann durch gute Haltungsbedingungen und Wohlbefinden gestärkt werden. Bereits die Gesundheit und Immunitätslage der Muttersauen hat darauf einen direkten Einfluss. Über die Biestmilch werden nicht nur spezifische Antikörper weitergegeben, die die Anheftung von Atemwegserregern verringern können. Gestärkt werden auch Darmimmunität und -reife der Ferkel.
Vorgeschaltet sollten also Aufzucht und Eingliederung der Jungsauen optimiert werden. Atemwegserreger können sich in diesen Tieren gut vermehren und in großer Menge in die Sauenherde eingebracht werden. Der Keimdruck auf die Ferkel wird damit weiter erhöht. Jungsauen sollten daher rechtzeitig geimpft werden und sich ausreichend lange vor der Abferkelung mit den betriebsspezifischen Keimen auseinandergesetzt haben. Dazu können gut Kaustricke aus der Ferkelaufzucht genutzt werden. Je nach Erreger sollten sie so früh wie möglich zum Einsatz kommen, da Besiedelung und Ausscheidung vor dem ersten Abferkeln wieder abgeklungen sein sollen. Für Mykoplasmen beispielsweise sollten vier Monate vor der Belegung kalkuliert werden.


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