Warum langweilig gut ist: Kälberaufzucht planen und standardisieren

Von Tierärztin Anna Lena Lindau, Q-mmunity Tierarztpraxis

Kälber sind wertvoll: Sie sind die produktive Zukunft jeden Milchviehbetriebes, haben das höchste genetische Potential aller Tiere auf dem Betrieb und entscheiden zukünftig als Milchkuh mit ihren Leistungen über die Wirtschaftlichkeit des Betriebes. Eine gesunde, erfolgreiche Aufzucht sollte also das oberste Ziel sein. Doch warum sieht die Realität leider allzu oft ganz anders aus?

Zahlen zu Kälberverlusten aus der HI-Tier Datenbank zeigen eine konstant hohe Verlustrate von 7-8 % und das ohne die Totgeburten. Die Tierverluste sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Auch ausgeheilte Erkrankungen in den ersten Lebenswochen kosten den Betrieb richtig Geld. Sichtbar sind dabei meist nur die unmittelbaren Kosten auf der Rechnung des Tierarztes. Das ist jedoch im Vergleich zu den Gesamtkosten fast zu vernachlässigen. Den weitaus größeren Teil machen entgangene Einnahmen wegen geringerer Aufzuchtleistungen, niedrigerer Laktationsleistungen und einem früheren Abgang aus. Muss ein Rind wegen geringerer Tageszunamen infolge einer Lungenerkrankungen nur zwei Zyklen später besamt werden sind das rund 150 € höhere Aufzuchtkosten. Eine leichte Durchfallerkrankung mit einer einmaligen medikamentösen Behandlung hat durchschnittlich eine Leistungsminderung von mehr als 300 kg Milch in der ersten Laktation zur Folge. In der Kälberaufzucht kann man also eine Menge Geld liegen lassen. Die gute Nachricht ist: Mit relativ einfachen und günstigen Maßnahmen lässt sich auch vieles verbessern.

Gleiches Recht für alle
Gerade die Kälberaufzucht ist ein Betriebszweig, in dem häufig wechselndes Personal eher die Regel als die Ausnahme ist: Unter der Woche ist der Lehrling für die Kälberfütterung zuständig, am Wochenende der Senior und die Betriebsleiterin hat sowieso immer ein wachsames Auge auf die Kleinsten. Geburtsbeobachtung macht der, der gerade am Abkalbestall vorbeikommt und die Erstversorgung des frisch geborenen Kalbes kann ja zumindest noch bis nach dem Melken warten. Das mag jetzt etwas übertrieben dargestellt sein, aber hinterfragen Sie doch einmal ganz ehrlich, wer diese Arbeiten wie auf Ihrem Betrieb erledigt. Es ist unvermeidbar, dass jede dieser Personen die Aufgaben etwas anders erledigt, wenn einheitliche Pläne zur Arbeitserledigung fehlen. Mit Hilfe sogenannter standard operating procedures (SOPs) lassen sich solche Arbeiten zuverlässig vereinheitlichen. Jede Aufgabe lässt sich durch die Erstellung von Arbeitsanweisungen und Checklisten auf einzelne kleine Schritte herunterbrechen, so dass die Durchführung standardisiert wird. Im außer-landwirtschaftlichen Bereich ist dieses Vorgehen bereits weit verbreitet: Piloten starten und landen Flugzeuge mit Hilfe von Checklisten und in der Lebensmittelindustrie geht nichts mehr ohne ein HACCP-Konzept zur Identifizierung kritischer Kontrollpunkte.

Kritische Bereiche definieren
In der Kälberaufzucht ist die Verwendung von SOPs insbesondere in den Lebensabschnitten sinnvoll, in denen die Tiere besonders anfällig für Erkrankungen sind:
• Geburt und postnatale Erstversorgung
• Kolostrumversorgung
• Haltungsmanagement einzeln und in der Gruppe
• Fütterung und Gesundheitsüberwachung bis zum Absetzen

Diese Auflistung stellt die größeren Arbeitsbereiche der Kälberaufzucht dar und lässt sich in zahlreiche Unterpunkte aufgliedern. Nehmen wir als Beispiel die Fütterung, speziell die Temperatur des Wassers beim Anrühren der Milchaustauschertränke. Ohne eine Messung der Temperatur wird jeder, der für die Fütterung der Kälber verantwortlich ist, die Tränke mit einer anderen und eventuell nicht immer ausreichend hohen Temperatur anrühren. Und ob die Milch nach dem Transport quer über den Hof zu den Kälberiglus vor allem im Winter mit den nötigen 39°C beim Kalb ankommt steht in den Sternen. Hier bietet sich also eine Arbeitsanweisung an, in der schrittweise genau beschrieben ist, wie und mit welcher Temperatur der Milchaustauscher (MAT) anzurühren ist. Dabei ist die Anrührtemperatur des MAT nur einer von vielen kleinen, aber wichtigen Faktoren, die für eine erfolgreiche Kälberaufzucht entscheidend sind. Wird jedoch nur ein Arbeitsschritt dieser Aufgabe nicht korrekt erledigt, wirkt sich das negativ auf die gesamte Aufzuchtleistung aus und kann zu den eingangs beschriebenen negativen wirtschaftlichen Folgen führen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, in welchen Bereichen SOPs Ihre Kälberaufzucht unterstützen könnten, ziehen Sie einen unabhängigen Berater und/oder Tierarzt hinzu, der Erfahrung in der Bestandsbetreuung und der Erstellung von SOPs hat.

Was ist eine gute SOP?


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