Fortbildung: Kälbergesundheit im Fokus

Flaschenkalb

Welche Auswirkungen hat es auf das spätere Leben als Milchkuh, wenn sie schon als Kalb viele Erkrankungen durchmachen muss? Und wie kann die Kälberaufzucht noch besser werden? Leider kommt es immer noch viel zu häufig zu den typischen Kälberkrankheiten wie Kälbergrippe oder Kälberdurchfall. Das muss sich ändern, denn das Wissen, wie es besser geht, ist da! Kürzlich fand hierzu eine Fortbildung zum Thema „Krank als Kalb – das hat Folgen für die Kuh“ für Tierärzte statt. Veranstalter war die Firma Ceva Tiergesundheit GmbH. Das Team von „Der Hoftierarzt“ hat die wichtigsten Punkte für den täglichen Umgang mit den Kälbern zusammengefasst.

In letzter Zeit mehren sich die Erkenntnisse darauf, dass das Mikrobiom des Darmes elementar wichtig für die Gesundheit nicht nur des Menschen, sondern auch des Tieres ist. Prof. Dr. Martin Kaske, Universität Zürich, bezeichnete das Mikrobiom gar als „game changer“ für die Tiergesundheit. Das Mikrobiom sei sehr vielfältig, es bestehe aus einer Vielzahl von Gattungen, Arten und Stämmen, die noch nicht komplett bekannt sind, und unter denen es Wechselbeziehungen gibt, die wir bisher nur teilweise verstehen. Die Zusammensetzung der Darmmikroorganismen habe erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit des Wirts. Das Mikrobiom interagiere mit einer Vielzahl physiologischer Prozesse und habe wesentlichen Einfluss auf das Immunsystem. Diese können sich sowohl in positiven Effekten wie der Aktivierung des Immunsystems, der Fermentation primär unverdaulicher Nahrungsbestandteile und in Barriereeffekten gegenüber pathogenen Mikroorganismen äußern als auch in negativen Wirkungen, wie z. B. der Auslösung von Krankheiten durch Vermehrung pathogener Keime.

Jedes Kalb sein eigenes Mikrobiom
Prof. Kaske machte deutlich, dass das Kalb von Anfang an sein spezielles Mikrobiom erhalte, welches beeinflusst wird von den Keimen in der Stallumgebung , von der Mutterkuh und auch von der ersten Nahrung, die das Kalb aufnimmt. Während der ersten Lebenstage und -wochen könne das Mikrobiom maßgeblich beeinflusst werden. Ausreichend Kolostrum so früh wie möglich nach der Geburt sei elementar wichtig für die Kälbergesundheit.

Unter diesem Aspekt müsse die Gabe von Antibiotika kritisch hinterfragt werden, denn Antibiotika zerstören das gerade aufgebaute Mikrobiom erheblich. Ganz wichtig hierbei: Auch Antibiotikagaben an die Kuh wiederum z.B. in der Mastitistherapie können das Kalb betreffen, wenn diese antibiotikahaltige Milch, die sogenannte Sperrmilch, an die Kälber vertränkt werde. Deswegen sollte die Sperrmilch möglichst nicht vertränkt werden, auch Pasteurisieren bringe hier nichts, nur die darin enthaltenen Keime würden damit abgetötet. Er wies darauf hin, dass Einfrieren oder Pasteurisieren viele gute Inhaltsstoffe im Kolostrum zerstöre, das Auftauen passiere auch oft mit zu hohen Temperaturen, aber trotzdem sei das besser als gar kein Kolostrum zu geben. Prof. Kaske riet zur Nutzung von sogenannten Kälberboostern: Sie seien nur ein Mosaiksteinchen für die erfolgreiche Kälberaufzucht, können aber unterstützend positive Effekte haben und seien nicht teuer und praktisch anzuwenden, weil sie über Injektor oder Kartusche direkt ins Maul der Tiere eingebracht würden.

Künftig werde das Mikrobiom auch eine zentrale Bedeutung im Hinblick auf die Verminderung von Methanemissionen durch Wiederkäuer haben. Es laufen hier derzeit viele verschiedene Untersuchungen, gab der Professor einen Ausblick in die Zukunft.

Mit Kolostrum gegen Kälberdurchfall
Dr. Ingrid Lorenz, Rindertierärztin beim TGD Bayern, sprach über die Rolle des Tränkemanagements bei Vermeidung und Behandlung von Durchfall. Sie machte deutlich, dass Kälberdurchfall eine klassische Faktorenerkrankung ist. Bei ihrer Entstehung wirken viele Faktoren ein, die wichtigsten sind die adäquate Kolostrumversorgung, Reinigung und Desinfektion, die vorbeugende Impfung sowie die Art der Aufstallung. Eine eigene Studie ergab: drei oder mehr Liter Kolostrum bei der zweiten Mahlzeit schützt signifikant vor Kälberdurchfall, genauso wie die ad libitum Fütterung in der ersten Lebenswoche. Eher einen Risikofaktor für Kälberdurchfall stellte in dieser Studie die frühe Verabreichung eines Eisenpräparates dar, deswegen empfahl Dr. Lorenz hierzu weitere Untersuchungen, um den Effekt der Eisengabe besser zu verstehen. Sie erklärte, dass Bakterien und Viren Eisen zur Vermehrung benötigen, und Infektionen daher zu Eisenmangel führten und nicht Eisenmangel zu Infektionen.

Ihrer Ansicht nach ist die Kolostrumversorgung die wichtigste Managementmaßnahme zur Vorbeugung. Um das Kolostrummanagement zu überprüfen, bietet sich als einfachste Möglichkeit an, den Gesamteiweißgehalt im Blut der Kälber zu bestimmen. Dazu nimmt der Tierarzt Blutproben von 6 bis ideal 12 gesunden, ausreichend mit Flüssigkeit versorgten Kälbern (2-10 Tage alt), die mit Kolostrum versorgt wurden, zentrifugiert das Serum ab und kann mittels Refraktometer den Gesamteiweißgehalt betrachten. 80 % der Kälber des Bestandes sollten Gesamtproteinwerte im Serum von 58 g/l oder mehr haben, dann sei die Kolostrumversorgung im grünen Bereich. Ist das Kalb an Durchfall erkrankt, sollte keinesfalls die Milch abgesetzt werden. Das Kalb sollte weiter Milch erhalten, zusätzlich aber eine Elektrolyttränke, um den Verlust an Elektrolyten auszugleichen.

Dr. Lorenz empfahl die ad libitum-Tränke der Kälber, da sich die Kälber mit deutlich mehr Milch als den sonst üblichen Mengen viel besser entwickeln würden. Jedes Kalb, das nicht ad libitum getränkt werde, sei eine verlorene Chance!

Kranke Kälber senken Wirtschaftlichkeit in der Kälberaufzucht
Bernd Lührmann von der LWK Niedersachsen zeigte in seinem Vortrag, wie sich gesundheitliche Probleme von Kälbern in der Aufzucht und späteren Nutzung der Milchkühe niederschlagen. In den ersten vier Monaten seien 750 g Tageszunahme anzustreben, in den folgenden acht Monaten jeweils 900 g täglich und im zweiten Lebensjahr dann 720 g am Tag, zur ersten Kalbung im Alter von 24 bis 26 Monaten also 620 kg Lebendgewicht. So klappt das aber nur mit gesunden Tieren!

Weil lange anhaltende Probleme wie hohe Zellzahlen oder geringe Fruchtbarkeit irgendwann als „normal“ empfunden würden, die wenigsten Tierhalter Krankheitsdaten überhaupt erfassen und häufig nur offensichtliche Kosten erkennen und berücksichtigen, seien Kälber und Färsen allzu oft krank. Berücksichtige der Landwirt aber nur die „sichtbaren“ Kosten (Therapie, Verluste beim Qualitätszuschlag, die zusammen etwa 30 % ausmachten), werde er Opfer des „Titanic-Effekts“. 70 % der Kosten, wie geringere Milchleistung, Mehrarbeit, vorzeitige Abgänge blieben ihm verborgen.

Atemwegserkrankungen schlagen sich nicht nur in verminderter Tageszunahme nieder, sagte Lührmann, sondern auch langfristig. Kälber, die in den ersten sechs Lebensmonaten eine Grippe durchmachen, haben eine um 15 % geringere Wahrscheinlichkeit überhaupt die 1. Laktation zu erreichen, ein um 8 % höheres Risiko für Geburtskomplikationen und eine 40 % höhere Wahrscheinlichkeit, erst nach dem 25. Lebensmonat zu kalben.

Ähnliches gälte für Durchfälle: Mit der Anzahl der tierärztlichen Behandlungen steigen Erstkalbealter und Besamungsindex, die spätere Milchleistung sinkt und die Abgänge in der 1. Laktation steigen (bis auf 58 % bei mehr als vier Behandlungen in der Aufzucht). Ziehe ein Milchhof z. B. jährlich 80 Kälber auf und senke dabei die Erkrankungsrate von 40 % auf 25 %, steige sein Gewinn um 2.131 Euro, rechnete Lührmann vor; würden nur 15 % der Kälber krank, liege der zusätzliche Gewinn sogar bei 3.552 Euro!

Dass eine optimale Kälberhaltung Grundlage für die erfolgreiche Milcherzeugung ist, weiß eigentlich jeder. Aber, so sagte der Referent in seinem Fazit:

• die finanziellen und produktionstechnischen Auswirkungen von (Kälber-)Krankheiten würden erheblich unterschätzt!
• Prophylaxe und intensive Betreuung der Kälber sei höchst rentabel!
• Gerade beim Kälberstallbau seien arbeitswirtschaftliche, hygienische und gesundheitliche Aspekte der Kälberhaltung zu berücksichtigen!

Rindergrippe und Kälberdurchfall aus der Sicht des Praktikers
Dr. Josef Beisl, Tierarzt und Rinderspezialist aus dem bayerischen Frontenhausen, begann seine Aufzählung der Durchfallursachen bei Kälbern mit dem Kolostrum. Kurz zusammengefasst in: Zu spät, zu wenig, in schlechter Qualität. Eine Beobachtungsstudie zur Kälberaufzucht in seiner eigenen Praxis ergab, dass 60 % der Betriebe neugeborenen Kälbern nur 2 Liter oder weniger statt 4 Liter verabreichen und das häufig auch noch zu spät. Die Qualität der Biestmilch würde u. a. beeinflusst durch das Alter der Kuh, ihrer Einsatzleistung, der Trockenstehzeit (unter 21 Tage), Stress und bakterielle Kontamination (rückstandshaltige Milch, Tränkehygiene).

Der Tierarzt empfahl die Kolostrumgabe innerhalb von 3 Stunden und eine weitere Gabe innerhalb von 7 Stunden. Sein Vorgehen: 4 Liter als Erstgabe, freie Aufnahme, Restmenge mit Gummisonde drenchen (und dann ad libitum -Tränke für wenigstens 3 Wochen).

Aber auch die Geburtshygiene bestimme die Anfälligkeit des Kalbes (Abkalbeabteil, trockenes, sauberes Kälberabteil, Nabeldesinfektion und -versorgung, Lüftung/Stallklima) sowie die Versorgung mit Eisen, Vitamin E und Selen. Außerdem empfahl Dr. Beisl unbedingt Blutproben im Labor untersuchen zulassen und bei der Mutterschutzvakzination Rota – Coronavirus und (stallspezifische) E.coli Impfstoffe zu berücksichtigen.

Die für Durchfallerkrankungen genannten Ursachen gelten großteils auch für Atemwegserkrankungen, bei denen aber auch noch Gruppenzusammenstellung, Luftqualität und -masse hinzukämen. Kälber hätten einen hohen Frischluftbedarf von 14 m3 pro Stunde und Kalb. Die maximale Luftgeschwindigkeit sollte dabei 0,3 m/sec nicht überschreiten, um Zugluft zu vermeiden.

Aber auch Viren, Bakterien oder Vorschädigung des Epithels spielten natürlich eine Rolle. Wieder gelte es durch Mutterschutzvakzination, Stimulation unspezifischer Abwehr via intranasale Impfung und aktive Immunisierung mit Boosterung vorzubeugen.

Und am Ende zahle sich ein durchdachtes Programm zur Kälberaufzucht auch finanziell aus: Sinke die Erkrankungsrate um 50 %, bedeute dies je Kalb plus 15 Euro, die Antibiotika-Reduktion schlage sich mit plus 5 Euro nieder und die Optimierung des Schutzimpfungserfolges mit weiteren 5 Euro. Die Steigerung der Mastleistung um 50 g pro Tier und Tag mit plus 52 Euro und 1 Liter Milch mehr pro Tag mit 320 Euro!

Wer mehr über Kälber- und Rindergesundheit erfahren oder über zukünftige Veranstaltungen informiert werden möchte, kann sich beim Blog von Ceva Tiergesundheit anmelden.

Quelle: Dr. Heike Engels & Thomas Wengenroth, Der Hoftierarzt

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