Aktuelles Interview: Geflügelpest – Quo vadis?

Elke Reinking, FLI

Der Winter 2021/2022 ist vorbei und damit auch das erneut sehr schwere Geflügelpestgeschehen. Ähnlich wie im vergangenen Winter waren wieder viele Geflügelbetriebe betroffen. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) schätzt das Risiko von weiteren Einträgen in Geflügelhaltungen und Vogelbestände in zoologischen Einrichtungen durch direkte und indirekte Kontakte zu Wildvögeln unverändert als hoch ein. Wie geht es also weiter mit der Geflügelpest? Haben wir nun in jedem Winter ein solches Ausmaß zu befürchten? Dazu haben wir Dr. Elke Reinking vom FLI befragt.

Frau Dr. Reinking, warum treten in den vergangenen Jahren die Geflügelpestfälle so vermehrt auf?
Seit 2006 kommt es immer wieder zu Ausbrüchen durch unterschiedliche Geflügelpestviren, in den letzten fünf Jahren traf es Europa besonders stark. Dies ist eine deutliche Veränderung der epidemiologischen Situation gegenüber den eher seltenen Ausbrüchen in der Zeit davor. Insbesondere die Zirkulation von Geflügelpestviren bei Wildvögeln und die mutmaßliche Verbreitung über große Distanzen durch den Vogelzug trugen dazu bei. Für die Ausbruchsjahre 2005/2006, 2014/15, 2016/2017 und 2020/2021 gehen wir wie nahezu alle wissenschaftlichen Arbeitsgruppen weltweit davon aus, dass die jeweiligen Geflügelpestviren durch Wildvögel stafettenartig nach Europa eingetragen wurden. Dies wurde durch zahlreiche Untersuchungen der Viren an verschiedenen Stationen auf dem Weg hierher bekräftigt.

Das aktuelle Geschehen beruht aber auf einer Änderung der Situation: Die Ausbruchswelle 2020/2021 in Deutschland/Europa kam erst im Sommer 2021 allmählich zur Ruhe, erlosch allerdings bei den Wildvögeln in Europa nie ganz. Über den Sommer meldeten vor allem die nordeuropäischen Länder immer wieder vereinzelt Fälle aus den Brutregionen von Wildgänsen und -enten, die in Deutschland an den Küsten überwintern. Damit hat das Geflügelpestgeschehen eine neue Qualität angenommen und eine ganzjährige Gegenwart von Geflügelpestviren im europäischen Raum erscheint durchaus möglich.

Wie soll es zukünftig im Umgang mit erkrankten Geflügel-Beständen weitergehen, wenn das Geflügelpest-Virus tatsächlich hier endemisch wird?
Im Falle einer endemischen Situation bei der Geflügelpest in Deutschland, also wenn die Infektion zeitlich unbegrenzt in einem bestimmten Gebiet bei Wildvögeln, insbesondere bei Wasservogelarten vorkommt, sollte neben der Option einer Impfung auch über strukturelle Anpassungen in der Geflügelproduktion diskutiert werden.


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