Hühnerstall mit Durchblick (Video)

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Fast “bühnenreif” ist der neue Hühnerstall auf der Lehr- und Forschungsstation Frankenforst in Königswinter-Vinxel. In der eigens eingerichteten Besucherzone rücken große Glasscheiben das Federvieh ins Rampenlicht. Durch die Fenster können Interessierte das Geflügel beobachten und sich einen Eindruck davon verschaffen, wie die Forschung der Universität Bonn für mehr Tierwohl vonstattengeht.

In nur acht Monaten wurde der veraltete Vorgängerbau mit Hilfe der Landwirtschaftlichen Fakultät sowie des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW umfangreich instandgesetzt und auf der vorhandenen Bodenplatte ein hochmoderner Stall für wissenschaftliche Zwecke geschaffen. „Das ist eine großartige Leistung aller Beteiligten“, sagt Dr. Inga Tiemann vom Institut für Tierwissenschaften der Universität Bonn.

Für das Forschungsprojekt „Open Livestock in der Landwirtschaft – Moderne Geflügelhaltung aus der biologischen Perspektive des Huhns“ wurde der neue Stall hergerichtet. Das Vorhaben wird vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes NRW binnen drei Jahren mit 160.000 Euro gefördert.

Der Stall mit rund 100 Quadratmetern Grundfläche ist mit modernen Klima-, Beleuchtungs- und Lüftungssystemen ausgestattet. In sechs voneinander getrennten Abteilen lässt sich die LED-Beleuchtung sowie die Inneneinrichtung verschieden gestalten. „Wir können damit unterschiedliche Bedingungen in der Volierenhaltung und deren Einfluss auf das Verhalten der Tiere untersuchen“, erläutert die Doktorandin Sonja Hillemacher, die in dem Projekt mitarbeitet. Bei der Volierenhaltung befindet sich das Geflügel nicht in Käfigen, sondern kann sich in größeren mehretagigen Ställen frei bewegen – wie die rund 45 Millionen Legehennen in Deutschland. Gerade ist der Außenklimabereich fertig geworden, der den Tieren auch einen geschützten Aufenthalt im Freien ermöglicht.

Forschung aus Sicht des Tieres
„Wir untersuchen, wie sich das Wohl der Hühner weiter steigern lässt“, sagt Tiemann, Spezialistin für Verhaltensbiologie. „Wir wollen nicht die Tiere an die Haltung, sondern die Haltung an die Tiere anpassen.“ Hierfür erforschen die Wissenschaftler zum Beispiel, wie die Lichtverhältnisse im Stall optimiert werden können. Weil die Tiere gerne an höher gelegenen Plätzen schlafen und sich bevorzugt in gut ausgeleuchteten Bereichen aufhalten, geht die Beleuchtung über den Sitzstangen oben auf der Voliere automatisch zuletzt aus, um den Tieren am Abend das Aufbaumen auf den hochgelegenen Sitzstangen zu erleichtern. Dagegen haben es die Hühner beim Eierlegen lieber dunkler – die LED-Lampen sind entsprechend ausgerichtet. „Optimierte Funktionsbereiche“ nennt das die Wissenschaft.

Videosysteme übertragen das Treiben der Tiere in den Kontrollraum. Dort wird mit Hilfe von automatisierter Computersoftware ausgewertet, ob die Hühner entspannt ihrem Tagesgeschäft aus Fressen, Scharren, Staubbaden und Picken nachgehen oder gar Stressverhalten zeigen. „Ob es den Tieren gut geht, lässt sich an ihrer Gesundheit und ihrem Gefiederzustand ablesen, uns interessiert aber vorranging das Verhalten“, sagt Tiemann. Verhaltensbiologische, standardisierte Tests geben entsprechenden Aufschluss. So messen die Wissenschaftler zum Beispiel die Distanz, die die Hühner zu einem Menschen einhalten. Kommen die Tiere in direkte Nähe, werten die Forscher dies als Hinweis auf eine intakte Mensch-Tier-Beziehung.

Manchmal packen die Wissenschaftler auch Kinderspielzeug in die Abteile – ein weiterer Verhaltenstest. Gehen die Hühner auf die unbekannten Objekte zu, spricht dies ebenfalls für ein „gesundes“ Verhalten. „Dies wird als Neugier interpretiert“, erklärt Hillemacher. „Sie ist Voraussetzung für eine aktive Anpassung an die Umwelt.“ Auch das optimale Material und die beste Form für die Sitzstangen erforschen die Wissenschaftler: Kühles Metall und ein runder Querschnitt werden gemieden, eine eckige Stange aus wärmerem Kunststoff dagegen bevorzugt.

Eier am laufenden Band
Vollautomatisch werden auch die Eier eingesammelt. Die Nester sind auf einer leicht schiefen Ebene gebaut: Dadurch rollen die Eier nach dem Legen auf ein Fließband, das sie dann in einen Raum fördert, wo sie Mitarbeiter des Außenlabors in Kartons packen. Diese „Ware“ wird jeden Freitag von 14 bis 16 Uhr im „EiScienceShop“ verkauft, der sich gleich am Parkplatz von Gut Frankenforst befindet. Dort gibt es für alle Interessierten neben Eiern unterschiedlicher Rassen auch wissenschaftliche Informationen und Tipps rund um die Geflügelhaltung – und neuerdings auch nach Absprache die Besuchsmöglichkeit im neuen Hühnerstall. „Das neue Gebäude soll die Forschung zu mehr Tierwohl ermöglichen, aber auch unsere Tierhaltung transparent machen“, sagt Tiemann.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Video aus dem Stall

BVL Symposium zur neuen EU-Tierarzneimittelverordnung – BfT stellt Positionen der Industrie zu Nachfolgerechtsakten vor

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Im Januar 2019 trat die neue europäische Tierarzneimittelverordnung in Kraft. Die neuen Regelungen sollen ab dem 28. Januar 2022 zur Anwendung kommen. Derzeit werden die Nachfolgerechtsakte vorbereitetet, mit denen Details der Regelungen ausgestaltet werden sollen. Für Industrie und Behörden wird damit der Rahmen für die nächsten Jahrzehnte gesteckt.

26 Nachfolgerechtsakte, 3 Datenbanken und eine Reihe weiterer Berichte – dies sind die nächsten Schritte zur Umsetzung des neuen EU Tierarzneimittelrechts, das Thema des aktuellen BVL Symposiums in Berlin am 05. und 06.11.2019 war. Für die veterinärpharmazeutische Industrie stellte Dr. Sabine Schneider, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Zulassungsfragen des Bundesverbandes für Tiergesundheit e.V. wesentliche Positionen der deutschen und europäischen Tierarzneimittelindustrie zu den Nachfolgerechtsakten vor. „Für die Umsetzung der Vorgaben ist es entscheidend, dass die geplanten Datenbanken zu Tierarzneimitteln, zur Überwachung der Arzneimittelsicherheit (Pharmakovigilanz) und zu Herstellung, Einfuhr und Vertrieb rechtzeitig funktionsfähig sein werden“, betonte Schneider. Der administrative Aufwand solle soweit wie möglich begrenzt und unnötige Doppelarbeit vermieden werden. Vorgaben sollen hinreichend flexibel gestaltet werden, um Innovationen nicht unnötig zu behindern, zum Wohle von Tierhaltern und tierischen Patienten.

Die Herstellung von Tierarzneimitteln ist heute global. Neben der Umsetzung der neuen Tierarzneimittelverordnung widmete sich ein Teil des Symposiums daher auch den weltweiten Aspekten. Der regulatorische Rahmen ist komplex. Nationale, regionale und globale Gesetze und Leitlinien bilden das Rahmenwerk. „Um die Entwicklung neuer Tierarzneimittel zu sichern und die Verfügbarkeit zu verbessern, setzt sich die veterinärpharmazeutische Industrie gemeinsam mit anderen Organisationen für eine Harmonisierung und Konvergenz der Vorgaben ein“, führte Dr. Sabine Schüller, Bundesverband für Tiergesundheit e.V., im Kontext des Drittstaatendialogs beim BVL-Symposium aus. Der Tierarzneimittelmarkt sei zwar im Vergleich zu anderen Branchen klein und mache nur ca. 3% vom Humanarzneimittelmarkt in Europa aus. Er zeichne sich aber durch ein kontinuierliches Wachstum und hohe Innovationskraft aus. In Deutschland ist hier seit einigen Jahren das Kleintiersegment das wesentlich dynamischere. Weltweit nehme dagegen der Nutztiersektor noch immer rund zwei Drittel des Marktes ein. Angesichts enormer wirtschaftlicher Kosten durch Tierkrankheiten seien Innovationen auch weiterhin gefragt. Daher müsse darauf geachtet werden, dass die Lösungen für die Tiergesundheit nicht zum Bottle Neck werden, sondern die Branche auch weiterhin bestmöglich zur Tiergesundheit beitragen und der gesellschaftliche Nutzen voll ausgeschöpft werden könne.

Queffe: Bundesverband für Tiergesundheit e.V. (BfT)

Neueste Zahlen zu MRSA aus der Landwirtschaft

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In seinem neuesten „Epidemiologischen Bulletin“ berichtet das Robert Koch Institut über Häufigkeit, Eigenschaften und Verbreitung von MRSA in Deutschland in den Jahren 2017 und 2018. Die Zahlen basieren auf Resistenzdaten aus der Routinediagnostik bei stationärer und ambulanter Versorgung.

Rückläufige Tendenzen
Der Anteil von MRSA an allen S.-aureus-Isolaten (als auch solcher ohne Multiresistenzen) aus sämtlichen Probenmaterialien zeige seit Jahren rückläufige Tendenzen, schreibt das RKI: „In der stationären Versorgung sank der Anteil von 23,8% im Jahr 2010 auf 13,3% im Jahr 2018, in der ambulanten Versorgung von 13% im Jahr 2010 auf 7,7% im Jahr 2018.“

Auch im europäischen Vergleich gebe es in Deutschland einen signifikanten Rückgang des Anteils von MRSA an allen S.-aureus-Isolaten. Von 12,8% (2013) auf 7,6 Prozent (2018). Der europäische Durchschnitt sank im gleichen Zeitraum ebenfalls – wenn auch nur leicht – von 18% (2013) auf 16,9% (2017).

Dabei sei jedoch zu beachten, „dass neben europäischen Ländern mit geringen MRSA-Raten (wie z.B. die Niederlande, Norwegen und Dänemark), diese in südeuropäischen Ländern (z.B. Griechenland und Portugal) 2017 weiterhin bei mehr als 35% lagen.“

Auch bei den Resistenzraten auf deutschen Intensivstationen vermeldet das Institut erfreuliche Zahlen, mit einer kontinuierlichen Abnahme der MRSA-Rate von 27,2% (2011) auf 18,8% (2017).

Nach dem Infektionsschutzgesetz ist der direkte Nachweis von MRSA in Blutkulturen oder Liquor meldepflichtig. Im Jahr 2018 wurden 2.424 Fälle übermittelt, was einer Abnahme von 15% gegenüber 2017 entspricht. Schon seit Einführung der Meldepflicht im Juli 2009 sei eine Abnahme der Fallzahlen zu beobachten, allerdings bei regional großen Unterschieden: 2018 1,0 Fälle pro 100.000 Einwohner in Baden-Württemberg und 5,3 Fälle pro 100.000 Einwohner in Mecklenburg-Vorpommern. Anhand der Daten lasse sich jedoch keine Ursache für diese Unterschiede erkennen erklärt das RKI.

Die meisten MRSA-Einsendungen an das „Nationale Referenzzentrum (NRZ) für Staphylokokken und Enterokokken“ 2017/2018 stammten aus Wundinfektionen (36%), Septikämien (20%) und Abszessen (19%), 7% der MRSA von Krankenhaus-Patienten aus Harnwegsinfektionen und 6% aus Pneumonien.

Nutztier-assoziierte MRSA (LA-MRSA)
Am häufigsten fanden die Forscher MRSA der klonalen Linien CC22 und CC5, die zusammen allein 62,2% (2017) bzw. 59,1 % (2018) aller Isolate ausmachten. Beide Linien werden den HA-MRSA zugerechnet (Health-Care Associated).

Livestock-MRSA, also Nutztier-assoziierte MRSA (LA-MRSA), des klonalen Komplexes CC398 fanden die Forscher vor allem bei Menschen aus Regionen mit hoher Nutztierdichte. 2017 lag der Anteil von CC398 bei den Einsendungen aus ganz Deutschland (klinische und ambulante Behandlungen) bei 7,8% und im Jahr 2018 bei 5%. Bei Krankenhaus-Patienten waren es in beiden Jahren 3,7%.

Einzelne Wirkstoffe im Fokus
Auch die Entwicklung bei einzelnen Wirkstoffen ist natürlich von Bedeutung. Hier meldet das Institut, dass sich in den beiden vergangenen Jahren der Trend sinkender Resistenzraten für Ciprofloxacin/Moxifloxacin, Erythromycin und Clindamycin fortgesetzt habe und schreibt weiter:

„Die Rate Gentamicin-resistenter MRSA bei stationär aufgenommenen Patienten lag 2018 auf einem höheren Niveau als in den vorherigen Jahren. Diese Stämme gehörten verschiedenen klonalen Linien an. Der Trend eines erhöhten Anteils Tetracyclin-resistenter MRSA 2016, wurde 2017/2018 mit Resistenzraten von 15,07% bzw. 13,90% bestätigt.

Nur die Hälfte dieser Stämme ist dem Livestock-assoziierten MRSA (LA-MRSA) klonalen Komplex 398 zuzuordnen. Auch 2017/2018 detektierten wir Tetracyclin-resistente Stämme anderer klonaler Linien (verstärkt MRSA CC1 [lukPV-negativ]), die den ansteigenden Trend der Tetracyclin-Resistenz bei MRSA teilweise erklären. Tetracyclin-Resistenz ist somit als „diagnostischer Marker“ für LA-MRSA nur eingeschränkt zu verwenden.“

Auch bestimmte KoResistenzen (Fluorchinolone, Makrolide) seien bei MRSA in den Berichts-Jahren weiterhin rückläufig, nur die Resistenzentwicklung gegenüber Tetracyclin zeige einen leicht ansteigenden Trend, aber „eine Analyse der Tetracyclinresistenten MRSA-Isolate zeigte, dass nur bei ca. der Hälfte dieser Einsendungen LA-MRSA gefunden wurden und der prozentuale Anstieg mit dem Nachweis bestimmter HA-MRSA-Linien (z.B., MRSA CC1) assoziiert ist.“

Quelle: Robert Koch Institut

Ab sofort zum Download: Der Hoftierarzt E-Magazin 5/2019

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Ketose – Atemwegserkrankungen bei Kälbern – Schweinefütterung – Gesunde Hennen – 10 Tipps zum Ferkelstart – Imkertipps – PRRS

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BfR-Forum zu bakterienfressenden Viren als Mittel gegen Krankheitserreger

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Steigende Zahlen an Antibiotikaresistenzen und hartnäckige Krankheitskeime lassen Bakteriophagen seit einigen Jahren wieder in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses rücken. Daher veranstaltet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ein BfR-Forum Verbraucherschutz „Bakteriophagen – Alternativen zu Antibiotika?“ am 7. und 8. November 2019 in Berlin-Marienfelde. Expertinnen und Experten aus der Forschung,

Lebensmittelüberwachung und Lebensmittelindustrie geben eine Einführung in die Thematik und diskutieren Chancen und Risiken bei der Anwendung von Phagen in der Lebensmittelproduktion. Bakteriophagen sind Viren, die ausschließlich Bakterien infizieren. Sie kommen in großer Zahl überall dort vor, wo es auch Bakterien gibt: im Boden, im Wasser, in unserer Nahrung – ohne dabei dem Menschen zu schaden. „Erkrankungen durch Bakterien in Lebensmitteln sind ein großes, globales Problem“, sagt Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des BfR.

Die Erreger kommen meist in Nutztieren vor, von denen sie über den Schlachtprozess auf das fertige Lebensmittel übertragen werden. „Es besteht daher dringender Bedarf“ so Hensel weiter, „alternative Methoden zu entwickeln, um das Auftreten von Krankheitserregern bei der Gewinnung und Verarbeitung von Lebensmitteln zu verringern“. Bakteriophagen kommen als solch eine Alternative in Betracht. Mehr zur Veranstaltung.

Bakteriophagen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zielgerichtet bestimmte Bakterien befallen und abtöten können. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Bakteriophagen zur Behandlung bakterieller Infektionen eingesetzt. Nach Entdeckung der Antibiotikawirkstoffe und dem breitgefächerten Einsatz dieser als Medikamente sind Bakteriophagen in den meisten Ländern in Vergessenheit geraten.

In Ländern außerhalb der EU werden Phagenpräparate bereits bei der Lebensmittelproduktion angewendet. Auch liegt der EU-Kommission ein Antrag zur Genehmigung eines Präparates zur Bekämpfung von Listerien in Lebensmitteln und Produktionsanlagen vor, über das bislang nicht entschieden wurde.
Auf der Tagung werden etwa Anwendungen von Phagen bei der Therapie von erkrankten Personen oder Tieren sowie bei der Bekämpfung multiresistenter Erreger vorgestellt. Auch geht es um die aktuelle rechtliche Einstufung für die Anwendung von Phagen in der Lebensmittelproduktion. Auf der Veranstaltung werden vor allem der aktuelle Kenntnisstand sowie derzeitige Fragestellungen für einen sicheren Einsatz von Phagen diskutiert.

Link EU-Kommission

Quelle: BfR

Lese-Tipp: Kritik der vegetarischen Ethik

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Klaus Alfs, gelernter Landwirt und studierter Soziologe, hat es satt! Er hat es satt, ständig und überall Vorhaltungen wegen seines Fleischverzehrs zu hören. Deswegen hat er ein ziemlich dickes Buch (400 Seiten) geschrieben, in dem er sich mit den „ethischen Vegetariern“ und ihren philosophischen Argumenten auseinandersetzt. Zu den „Vegetariern“ zählt der Autor dabei alle Ovo-Lakto-Vegetarier, Veganer und Frutarier und natürlich auch die Speziezisten, für die ethisch keine Unterschiede zwischen Mensch und Tier gibt.

Bevor wir zum Inhalt kommen, gleich eines vorweg: das Buch ist an keiner Stelle schwerverdaulich oder Fachchinesisch-hochgestochen. Im Gegenteil: es ist locker geschrieben und über weite Strecken höchst vergnüglich zu lesen!

Klaus Alfs konstatiert dem ethischen Vegetarismus das Bestreben „einen tauglicheren moralischen Kompass zu finden als den der Mischköstler“. Dabei aber gerate der Vegetarismus „in ein Fahrwasser aus Strudeln, Untiefen, Abgründen“ und „am Ende landet er in der Grube, die er anderen gräbt.“

Glied für Glied geht der Autor den einschlägigen Argumentationsketten nach und bewegt sich von Haus- und Kuscheltieren über Killer-Katzen zu den Massentieren. Und stets misst er den ethischen Vegetarismus an seinen eigenen Maßstäben.

Von Diskussionen auf Twitter und Facebook leidgeprüfte Landwirte, sollten sich den Band neben die Tastatur legen, um jederzeit auf allfällige Kommentare reagieren zu können, denn Alfs nimmt so ziemlich alle gängigen Vorwürfe gegen Fleisch-, Milch- und Eierproduktion unter die Lupe.

Dem „Holocaust“ in der modernen Nutztierhaltung stellt er die tatsächlichen Verhältnisse in der (gar nicht so fernen) Vergangenheit gegenüber: „Das am meisten abgemagerte Vieh wurde nach oben angebunden, denn es konnte nicht auf eigenen Füssen stehen.“ Zur Verteufelung der Leistungszucht liefert er als historischen Kontrast: „an eine optimierende Zucht hin zu mehr Leistung war in vielen Betrieben gar nicht zu denken, denn jedes Tier war wegen der zahlreich auftretenden Tierseuchen kostbar und konnte nicht einfach aussortiert werden, wenn es wenig Leistung brachte.“

Auch dem gern verklärten Bild des Lebens in der Natur setzt der Autor die Realität entgegen, in der das Leben von Wildtieren von Schmerz, Leid und Angst geprägt und vor allem meist nur kurz ist.

Gerne wird auch dem Schlachtzeitpunkt die „natürliche“ Lebenserwartung eines Nutztiers entgegengestellt, wobei für Masthähnchen „naturgemäß“ die größte Diskrepanz gemessen wird. Statt 6 Wochen können diese nämlich 6 Jahre alt werden – vorausgesetzt sie werden gehätschelt wie ein Schoßhund. Maximalwerte hätten jedoch nichts mit dem Durchschnitt zu tun, sagt Alfs, schließlich sei Johannes Heesters mit 108 Jahren nicht vorzeitig verstorben, nur weil die höchste nachgewiesene Lebensdauer eines Menschen 122 Jahre betrüge.

Die Behauptung, Nutztieren in größeren Ställen ginge es per se schlechter als in einem Kleinbetrieb, klopft er auf ihren Wahrheitsgehalt ab und begibt sich auf die „Suche nach dem Massentier“, fragt, was eigentlich natürliches Verhalten ist und unter welchen Haltungsbedingungen es eher befriedigt werden kann.

Auch der angeblich vom Fleischverzehr verursachte Welthunger darf nicht fehlen, genau wie die Verschwendung von Ackerflächen fürs Viehfutter. Beide Kartenhäuser fallen jedoch flugs zusammen, bestehen einerseits 77% der weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Fläche laut FAO aus Grasland und sind andererseits „86% der ans Vieh verfütterten Nahrung für den Menschen nicht verwertbar“.

Anschaulich ist auch „die Milchmädchenrechnung mit Hülsenfrüchten“. Peter Singer, einer der veganen Chef-Philosophen, empfiehlt statt tierischer Erzeugnisse Erbsen oder Bohnen als Proteinquelle. Pro Hektar ließen sich nämlich mit Hülsenfrüchten 300-500 kg Eiweiß produzieren, verglichen mit 40-50kg beim Anbau von Viehfutter auf der gleichen Fläche.

„Unschlagbar“ erwidert Klaus Alfs „sind die Wiederkäuer. Von einem Hektar minder fruchtbarem Grasland kann man zwei Kühe ernähren, die im Jahr jeweils bis zu 10.000 Liter Milche liefern, mit 340 Kilogramm Eiweiß und 340 Kilogramm Fett. Dazu gibt es pro Jahr zwei Kälber.“

Aber nicht nur Moral und Gesundheit hängen ja vom Fleisch ab, sondern das Weltklima obendrein. Und nur Verzicht kann die drohende Apokalypse noch aufhalten. Hier weiß unser Autor jedoch FAO und IPCC auf seiner Seite, für die Landwirtschaft in Zukunft intensiviert statt veganisiert werden muss. Gerade der Weltklimarat IPCC empfiehlt eine Intensivierung der Viehhaltung, weil extensive Haltung den höchsten Anteil (70%) an den gesamten THG-Emissionen der Viehhaltung hat.

Den Anti-Speziezisten (die bestreiten, dass der Mensch im Tierreich eine Sonderstellung einnimmt) sind drei umfangreiche Kapitel gewidmet, in denen es um Ähnliches und Gleiches, Selbstbewusstsein und Moral und um die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier geht, um tierisches Selbst-Bewusstsein und tierische Würde.

Und weil „Tierrechtler“ mit keiner noch so umfassenden Verbesserung der Nutztierhaltung zufrieden sind, weil diese niemals leidfrei werden könne, zitiert Klaus Alfs zum Schluss Raymond G. Frey. Der Philosophie-Professor aus Virginia bezweifelt nämlich, dass man Kinder jemals wird leidfrei großziehen können: „Wenn wir also die Viehnutzung aufgeben müssten, weil es keine moralisch akzeptablen Methoden dazu gibt, dann müssten wir aus demselben Grund wohl auch das Kinderkriegen aufgeben.“

Fazit: Eine unbedingte Kauf- und Leseempfehlung! Auch Büchermuffel, bei denen bisher nur das Telefonbuch im Schrank steht, sollten sich dieses Werk auf jeden Fall gönnen:

Klaus Alfs
Kritik der vegetarischen Vernunft
Eichelmändli Verlag
Broschiert, 408 Seiten, € 20,-

Ende November startet www.kaelberschule.de

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Ende November öffnet die Online-Kälberschule der FU Berlin ihre Tore. Jetzt kostenlos anmelden! Zum Start kommt dann eine E-Mail mit Zugang zu den Kursen. Die Kurse können über jeden internetfähigen PC oder mit Ihrem Smartphone abrufen.

Die Kälberschule besteht aus mehreren Online-Kursen für eine gesunde Aufzucht von Kälbern. Es gibt u.a. folgende Themen

Wie versorge ich ein Kalb nach der Geburt?
Wie transportiere ich ein Kalb und wie halte ich es richtig fest?
Wie füttere ich Kolostrum mit Flasche und Sonde?
Wie bestimme ich die Qualität des Kolostrums?
Wie erkenne ich kranke Kälber?
Wie führe ich eine schmerzfreie Enthornung durch?

Weitere Informationen unter https://www.kaelberschule.de/

Sie haben ein Wildtier gesehen? Bitte mitteilen!

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Ein internationales Forscherteam möchte mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern erfassen, welche und wie viele wildlebende Säugetiere es in Europa gibt. Deutschland ist eines von vier Pilotländern.

Luchse, Rehe, Wildschweine, Iltisse, Biber oder Mufflons – in Europa leben etwa 250 verschiedene Säugetierarten. Welche und wie viele in welchen Regionen leben, ist oftmals unbekannt. Mit dem Kooperationsprojekt MammalNet möchten acht europäische Forschungsinstitutionen diese Lücke gemeinsam mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern schließen. Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, die Tiere, die sie auf Wanderungen, im Alltag oder beim Spaziergang sehen, über eine mobile App oder über zwei Internetseiten mitzuteilen:

Die App iMammalia läuft auf Android und iOS und kann in den jeweiligen Stores heruntergeladen werden. Sie ermöglicht eine einfache Mitteilung der Sichtung. Für die beiden Internetseiten www.mammalweb.org und www.agouti.eu ist es erforderlich, sich zu registrieren. Sie richten sich eher an fortgeschrittene Naturbeobachter. So laden Forscherinnen und Forscher auf www.agouti.eu beispielsweise auch Bilder aus Fotofallen hoch. Nutzen kann die Plattformen aber trotzdem jeder.

Das Projekt läuft über zwei Jahre und startet zunächst in den Pilotländern Deutschland, Spanien, Kroatien und Polen. Ab Mai 2020 soll es auf die übrigen Regionen Europas ausgeweitet werden. Auf deutscher Seite leitet Dr. Oliver Keuling aus dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) das Projekt, er sagt: „In allen Ländern werden Bürgerinnen und Bürger gebeten, mitzuteilen, wenn sie ein wildlebendes Säugetier gesehen haben. Über die App und die Internetseiten können sie zudem Fotos der Tiere hochladen.“

Das Projekt MammalNet ergänzt das Projekt ENETWILD, in dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit 2017 Monitoring-Daten von Säugetieren erfassen und auswerten. Dazu zählen auch Aufnahmen, die sie mit Fotofallen erstellt haben. Um die Datenbasis zu vergrößern, hoffen sie jetzt auf die Unterstützung von Naturfreundinnen und Naturfreunden. „Wir werden mit den neuen Daten die bereits gesammelten ENETWILD-Daten ergänzen. Außerdem werden wir sie abgleichen, um zu analysieren, ob unser Vorgehen sich für die wissenschaftliche Wildtiererfassung eignet“, erklärt Keuling.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority EFSA) fördert dieses Citizen-Science-Projekt, wie sich wissenschaftliche Projekte mit Bürgerbeteiligung nennen, insgesamt mit 200.000 Euro. Das Projekt startet im Oktober 2019 und endet im Mai 2021. Neben der Datenerfassung soll das Projekt auch das Umweltbewusstsein fördern und für die vielfältige Natur um uns herum sensibilisieren. Die Forscherinnen und Forscher werden deshalb während der Projektlaufzeit kontinuierlich auf Facebook, Twitter und Instagram über das Projekt und die gesichteten Tiere informieren. Außerdem stehen sie über diese Medien für Fragen zur Verfügung. In jedem Land werden sie zudem einmal im Monat drei der hochgeladenen Fotos zur Wahl stellen, damit die Nutzerinnen und Nutzer das „Foto des Monats“ wählen können.

Weiter Informationen finden Sie auf:
ENETWILD www.enetwild.com

Quelle: TiHo

2. Hessisches Geflügelkolloquium, Legehennengesundheit ganzheitlich im Blick

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Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen veranstaltet am 6. November 2019 ein Kolloquium rund um die Legehenne für Praktiker, Berater, Wissenschaftler:

ab 09:00 Uhr
Anmeldung und Stehkaffee

10:00 Uhr
Eröffnung und Grußwort
Anna Mawick, Landwirtschaftszentrum Eichhof, Leitung Abteilung 3

10:15 Uhr
Legehennengesundheit ganzheitlich im Blick – welche Aspekte sind wichtig?
Dr. Christiane Keppler, Geflügelberatung LLH

10:45 Uhr
Optimierung der Tiergesundheit durch prophylaktische Maßnahmen
Dr. med. vet. Manfred Pöppel, Tierarztpraxis Pöppel

11:30 Uhr
Mikrobielles Gleichgewicht in Tier und Stall – wie kann man das erreichen?
Dr. Doris Gansinger, BioFM Gansinger GmbH

12:15 Uhr
Mittagspause

13:00 Uhr
Verhaltensstörungen kontra Tiergesundheit: Aktuelle Forschungsergebnisse zu Einflussfaktoren auf Federpicken
Ruben Schreiter, Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden

13:45 Uhr
Kaffeepause

14:00 Uhr
Was können Zucht und Elterntierhaltung zur Tiergesundheit beitragen?
Prof. Dr. Rudolf Preisinger, EW Group GmbH

14:30 Uhr
Herausforderung in der praktischen Anwendung von Impfstoffen
Hans Rühmling, Geflügelvermehrung Friedrichsruh GmbH & Co. KG

14:50 Uhr
Praxisbeispiele: Am seidenen Faden – Umgang mit schwer kranken Herden
Dr. Franca Möller Palau-Ribes, Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische, Justus-Liebig-Universität Gießen

15:10 Uhr
Praxisbeispiel: Tiergesundheitsmanagement im Demeterbetrieb
Christian Petersen, Hof Ankersolt

15:30 Uhr
Podiumsdiskussion
Moderation: Dr. Birgit Spindler, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie

16:25 Uhr
Resümee der Veranstaltung, Schlussworte
Dr. Christiane Keppler, Geflügelberatung LLH

16:30 Uhr
Ende des Kolloquiums

Weitere Informationen auf der Website des LLH.

Wertschöpfende Verarbeitung von Eberfleisch – Verzicht auf Ferkelkastration

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Ein neues Forschungsprojekt setzt auf einen innovativen Ansatz, um Ebergeruch bei der Herstellung von Wurstwaren abzubauen: Das Projekt „Enzymatischer Abbau von Ebergeruch-Substanzen während der Herstellung von Fleischprodukten“ (Boar taint removal, BoTaRem), das am 1.8.2019 gestartet wurde, zielt auf eine Neutralisierung der Geruchskomponenten während der Herstellung von Brühwurst. Für die Beseitigung des Ebergeruchs werden geeignete Enzyme identifiziert und anschließend für die Verwendung aufgearbeitet.

Ebergeruch ist ein Fehlgeruch, der vor allem bei nicht kastrierten männlichen Mastschweinen auftritt. Der Verzehr von geruchsbelasteten Fleischprodukten äußert sich auch in einem unangenehmen Geschmack. Aus Tierschutzgründen ist die Ferkelkastration ohne Betäubung ab dem 1.1.2021 verboten. Erlaubt sind zukünftig die (Jung-) Ebermast, die Immunokastration und die Kastration mit Betäubung und Schmerzausschaltung. Der völlige Verzicht auf die Kastration vermeidet das Erleiden von intra- und postoperativen Schmerzen und verbessert so das Tierwohl der Ferkel. Damit verbunden ist jedoch das Risiko für das Auftreten von zum Teil erheblichen Geruchs- und Geschmacksabweichungen („Ebergeruch“) mit Eintreten der Pubertät. Das Forschungsprojekt „Enzymatischer Abbau von Ebergeruch-Substanzen während der Herstellung von Fleischprodukten“ (Boar taint removal, BoTaRem), das am 1.8.2019 gestartet wurde, zielt daher auf eine Neutralisierung der Geruchskomponenten während der Herstellung von Brühwurst. Für die Beseitigung des Ebergeruchs werden zunächst geeignete Enzyme identifiziert und anschließend für die Verwendung aufgearbeitet. Dabei muss das Herstellungsverfahren der Brühwürste gegebenenfalls an den Einsatz der entsprechenden Enzyme angepasst werden. Zudem wird die Qualität der Brühwürste umfassend sensorisch beurteilt und die Verbraucherakzeptanz des Verfahrens untersucht. Abschließend ist in Zusammenarbeit mit mittelständischen Firmen geplant, das Verfahren im Praxistest zu bewerten.

Am 18.10.2019 fand an der Universität Gießen das erste Projekttreffen (Kick-Off-Meeting) der Forschungsstellen mit dem Projektbegleitenden Ausschuss statt. Letzterer besteht aus den Vertretern der beteiligten Unternehmen. Auf der Sitzung wurden die zukünftigen Arbeiten vorgestellt und besprochen. Die von den Wissenschaftlern vorgestellten Inhalte wurden mit den Firmen- und Verbandsvertretern abgestimmt. Dies sichert eine praxisorientierte Bearbeitung des Forschungsprojekts.

Die Laufzeit des Projektes ist bis 2022. Es wird unter Federführung des Max Rubner-Instituts, Institut für Sicherheit und Qualität bei Fleisch am Standort Kulmbach in Zusammenarbeit mit dem Institut für Lebensmittelchemie und Lebensmittelbiotechnologie der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Abteilung Produktqualität tierischer Erzeugnisse der Georg-August-Universität Göttingen durchgeführt.

Das Vorhaben wird von der Forschungsvereinigung Forschungskreis der Ernährungsindustrie e. V. (FEI), über die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) gefördert.

Quelle: Max Rubner-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel

Strategien eines Honigbienenvirus

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Das Israeli acute paralysis virus, abgekürzt IAPV, ist ein Krankheitserreger, der Honigbienen befällt und mit der Colony Collapse Disorder, dem plötzlichen Bienenvölkersterben, in Verbindung gebracht wird, einem Schlüsselfaktor für die Dezimierung der Bienenpopulation. Die Forscher haben nun detailliert analysiert, wie das Virus die zelluläre Proteinproduktion überfällt und für eigene Zwecke missbraucht. Die im EMBO Journal veröffentlichte Studie ist ein wichtiger Schritt zur Entwicklung von Strategien zur Bekämpfung der Colony Collapse Disorder.

Bienen sind wichtige Bestäuber von Nutzpflanzen und Wildpflanzen und leisten wertvolle Dienste für Ökologie und Ökonomie. In den letzten Jahrzehnten haben Imker weltweit massive Verluste ihrer Völker verzeichnet, die größtenteils auf ein Phänomen zurückzuführen sind, das als Colony Collapse Disorder bezeichnet wird und bei dem Arbeiterinnen auf mysteriöse Weise aus scheinbar gesunden Völkern verschwinden. Es besteht eine enge Korrelation zwischen den betroffenen Völkern und dem Vorhandensein des Israeli acute paralysis virus, was darauf hindeutet, dass das Virus eine bedeutende Rolle bei der Auslösung des Syndroms spielt. Israel S. Fernández, Joachim Frank und ihre Kollegen von der Columbia University in New York haben nun die Vorgehensweise des Virus analysiert.

Das Israeli acute paralysis virus ist ein RNA-Virus, das die Wirtsproteinproduktion unter Verwendung einer strukturierten RNA-Sequenz namens IRES einfängt. Jede Zelle verfügt über ein System zur Herstellung von Proteinen auf der Grundlage der in ihren mRNA-Molekülen codierten Informationen. Dieser sehr komplexe Mechanismus wird schrittweise aufgebaut: Zunächst rekrutiert die mRNA die ribosomale kleine Untereinheit, die an eine Reihe von Initiationsfaktoren gebunden ist, und eine spezifische Initiator-tRNA trägt den ersten Proteinbaustein. Nach anschließenden Konformationsänderungen wird die Produktionslinie durch die Rekrutierung der großen Untereinheit des Ribosoms vervollständigt.

Frühere Arbeiten von Fernández, Frank und anderen Forschungsgruppen haben gezeigt, wie Viren, die mit dem Israeli acute paralysis virus in Zusammenhang stehen, die Ribosomen der Zellen dazu bringen, virale Proteine zu produzieren, indem sie die für diese Virenfamilie charakteristischen IRES-Sequenzen verwenden. In der aktuellen Studie verwendeten Fernández und Frank hochentwickelte Methoden der Elektronenmikroskopie, um das Israeli acute paralysis virus selbst näher zu untersuchen. Sie bestimmten genau, wie die virale IRES mit den Ribosomen einen Komplex bildet und wie sich dieser auf deren Struktur auswirkt.

Laufende Forschungen anderer Gruppen untersuchen die Möglichkeit, die Colony Collapse Disorder zu bekämpfen, indem sie Bienen-RNA-Moleküle füttern, die mit der RNA des Israeli acute paralysis virus interferieren. Die von Fernández und Frank vorgestellte detaillierte Analyse der Proteinproduktionsstrategie des Virus erweitert diesen Ansatz, indem ein besseres strukturbasiertes Design der interferierenden Moleküle ermöglicht wird.

Quelle: EMBO – Exzellenz in den Biowissenschaften

Warum Fleischverzicht nicht nachhaltig ist

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Der Anteil der Landwirtschaft am gesamten CO2-Ausstoß in Deutschland beträgt laut Bundesumweltministerium 7%. Der aktuelle IPCC-Bericht beziffert den landwirtschaftlichen Anteil weltweit auf 10-12%. Um einen Beitrag zur Absenkung zu leisten, fordern NGOs und andere einen drastischen Fleischverzicht.

P. Michael Schmitz, Prof. i. R. für Agrar- und Entwicklungspolitik an der JLU Gießen, hat untersucht, welche wirtschaftlichen Effekte der Verzicht auf Fleisch, Milch und Eier hätte und wie nachhaltig eine 50%ige Reduktion tatsächlich wäre. Das wollten wir natürlich genauer wissen und haben den Wissenschaftler um ein Telefon-Interview gebeten.

Im Gespräch führt er aus, welche negativen Preiseffekte eine 50%ige Reduktion des Fleischkonsums auf dem Weltmarkt hätte, wie es bei 50% verringerter Produktion aussähe und er spricht auch die damit verbundenen „Wohlfahrtseffekte“ an.

Auch weist Prof. Schmitz auf Substitutions- und Rebound-Effekte hin, die in einschlägigen Berechnungen häufig unerwähnt blieben. Beim Konsum von Fleisch, Eiern und Milch eingespartes Geld, stünde ja regelmäßig für den Erwerb anderer Wirtschaftsgüter zur Verfügung, deren CO2-Bilanz dann aber nicht berücksichtig würde. Wandere schließlich die Produktion an andere Standorte, könne es sogar zu mehr CO2-Belastung kommen.

Zwei gängige Vorwürfe an die Nutztierhaltung lauten: der Import von Soja schädige den Urwald in Südamerika und die Anbauflächen für Viehfutter stünden nicht für die menschliche Ernährung zur Verfügung.

Nicht nur die Tatsache, dass von den weltweit 2,5 Mrd. Hektar Anbaufläche für Viehfutter allein 2 Mrd. Hektar Grasland seien, hebt der Gießener dagegen hervor. Auch die Gesamt-Bilanz für die Anbauländer müsse differenziert betrachtet und die Folgen eines Verzichts gesamtwirtschaftlich berechnet werden (fehlende Exporteinnahmen ). Der Regenwald sei besser durch Maßnahmen vor Ort zu schützen, als durch Importverbote für Soja.

Auch die Effekte eines geringeren Fleischkonsums in den Industrieländern für unterentwickelte Länder, sieht Michael Schmitz kritisch. Hunger sei vor allem hausgemacht und könne nicht durch Fleischverzicht bei uns bekämpft werden. Und er führt am Schluss aus, welche Maßnahmen sinnvoll wären, um in der Nutztierhaltung einen Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten.

Das ausführliche Interview ist hier abrufbar:

0:00 Wie definiert sich „Nachhaltigkeit“?
01:08 Preiseffekte einer Reduktion des Fleischkonsums um 50% in der EU
02:58 Wohlfahrtseffekte (Einkommensverluste)
04:16 Substitutions- und Rebound-Effekte
06:00 Nährstoffbilanz für tierisches Protein
07:27 Sojaanbau in Südamerika
10:48 Auswirkungen eines geringeren Fleischkonsums in Industrieländern, auf Entwicklungsländer
12:40 Vorschläge zur Reduktion der CO2-Emissionen aus der Landwirtschaft

Erfolgreicher bpt-Kongress im Jubiläumsjahr 2019 in München

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„Praxis neu denken“ hieß es beim bpt-Kongress vom 17. bis 19. Oktober in München. Gastland war diesmal Österreich, das sich in vielfältiger Weise in das wissenschaftliche und berufspolitische Programm eingebracht hat. Darüber hinaus profitierte das breit gefächerte, praxisnahe Fortbildungsangebot wieder von der Zusammenarbeit mit der Tierärztlichen Fakultät der LMU. „Mit 2035 tierärztlichen Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet und dem europäischen Ausland sowie über 160 Ausstellerfirmen war unser Münchner Kongress wieder ein voller Erfolg“, freut sich der alte und neue bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder, der in der Delegiertenversammlung am 17. Oktober für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt worden ist.

Die fachlichen Themen reichten von Orthopädie beim Pferd über Prävention in der Rinderhaltung, Tierschutzaspekten bei Schlachtung und Transport von Rinder und Schweinen bis hin zur parasitären Schwarzkopfkrankheit beim Geflügel. Im Mittelpunkt des Kleintierprogramms standen Aktuelles zu Impfungen in der Kleintierpraxis, der beliebte Themenkreis „Wie behandle ich?“ und die bewährte „Next Level“-Veranstaltung für Spezialisten u. a. mit den Themen Anästhesie und Teleradiologie. Nach der guten Resonanz in den Vorjahren standen auch wieder Veranstaltungen zur Betreuung von Zoo- und Wildtieren sowie Bienen auf dem Programm. Getreu seinem diesjährigen Motto wartete der Kongress mit einer ganzen Palette digitaler Themen quer durch alle Vortragsreihen auf, um die Kongressteilnehmer mit der zunehmenden Digitalisierung vertraut zu machen. Abgerundet wurde das umfangreiche Angebot durch eine Vielzahl von Sonderveranstaltungen der Ausstellerfirmen.

Neben weiteren speziellen Veranstaltungen für Existenzgründer, Studierende und Tierärztliche Fachangestellte widmete sich die hochkarätig besetzte berufspolitische Diskussionsstunde der Frage, wie sich Tierarztpraxen angesichts der vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen in den nächsten Jahren verändern müssen, um erfolgreich für die Zukunft aufgestellt zu sein. Wo der Schuh im Verhältnis von Inhabern und angestellten Tierärzten drückt und was gegen den Landtierärztemangel getan werden kann, waren Themen, mit denen sich die Kongressteilnehmer in Round-Table-Diskussionen befassen konnten. Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auf den Landtierarztmangel reagiert, stellte der Parlamentarische Staatssekretär im BMEL Hans-Joachim Fuchtel im Round Table dar: „Unser Ziel ist natürlich, einem Mangel an Tierärzten in Nutztierpraxen entgegen zu wirken. Dafür ist vor allem vorgesehen, die finanzielle Situation der Tierarztpraxen zu verbessern. Kurzfristig wird zum Beispiel der tierärztliche Notdienst durch eine neue Gebührenstruktur unterstützt. Außerdem ist eine generelle Revision der Tierärztegebührenordnung geplant, der ein Forschungsprojekt vorgeschaltet wird, das die Angemessenheit der Einkünfte der Tierarztpraxen überprüfen soll.“

Entspannung vom Kongresstrubel und viel Spaß kamen trotz der vielen ernsten Themen dennoch nicht zu kurz: Dafür sorgte das diesjährige Get Together anlässlich des 100-jährigen Verbandsjubiläums am Freitagabend in einer der angesagtesten Locations der Stadt, dem „Paulaner am Nockherberg“.

Ob Landtierarzt- und TFA-Mangel, Notdienstproblematik, Corporates oder die digitale Veränderung der Gesellschaft, für bpt-Präsident Moder steht fest: „Neue Entwicklungen und Erkenntnisse stellen lang gelebte Routinen auf den Kopf. Das zeigt wie wichtig unser Verband nicht nur für die Tiergesundheit ist, sondern auch um die aktuellen Veränderungen für unseren Berufsstand aktiv mitzugestalten, damit letztendlich alle von ihnen profitieren können. In diesem Sinn freuen wir uns schon jetzt auf viele Teilnehmer beim bpt-Kongress 2020, der vom 19. bis 21. November wieder teilparallel zur EuroTier in Hannover stattfinden wird.“

Quelle: bpt

Dr. Siegfried Moder als bpt-Präsident wiedergewählt

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Im Rahmen des vom 17. bis 19. Oktober in München stattfindenden bpt-Jahreskongresses wurde in der gestrigen Delegiertenversammlung Dr. Siegfried Moder als Präsident für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Ebenfalls wiedergewählt wurden die beiden Vizepräsidenten Dr. Petra Sindern (1. Vizepräsidentin) und Dr. Karl-Heinz Schulte (2. Vizepräsident). Komplettiert wird das Führungsteam durch die in ihrem Amt bestätigten Präsidiumsbeisitzer Dres. Maren Hellige, Uta Seiwald und Andreas Palzer. Neu als Beisitzer hinzugekommen sind Dres. Christina Bertram und Bodo Kröll. Als Schatzmeister wurde der langjährige Vorsitzende des Finanz- und Haushaltsausschusses des Bundes-bpt, Dr. Franz Gassner, gewählt. Tierärztin Anna Lam, die acht Jahre Schatzmeisterin des Verbandes war, stand für eine weitere Amtsperiode nicht mehr zur Verfügung. In seiner Zusammensetzung trägt das Präsidium dem zunehmenden Angestellten- und Frauenanteil im Berufsstand Rechnung und vertritt die Belange von Kleintier-, Pferde- und Nutztierpraxis in ausgewogenem Maß.

„Zunehmender Wettbewerb und sich durch Globalisierung und Digitalisierung rasant verändernde Rahmenbedingungen stellen den tierärztlichen Beruf vor große Herausforderungen. Diese Entwicklungen muss der bpt mitgestalten, um den Tierarztberuf für die Zukunft fit zu machen“, betont der wiedergewählte Präsident. Mit seiner Arbeit will er dazu beitragen, dass der Beruf auch für kommende Generationen attraktiv bleibt und junge Frauen und Männer auch in Zukunft mit Spaß in diesem Beruf arbeiten möchten.

Ab dem 21. Oktober wird das frisch gewählte Präsidium seine Amtsgeschäfte offiziell aufnehmen. Es kann dabei auf die bewährte Unterstützung des bpt-Geschäftsführers, Dipl. Kfm. Heiko Färber, sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle in Frankfurt am Main zurückgreifen.

Foto © Rathke/bpt

Einen besonderen Abschluss fand die Delegiertenversammlung im Jahr des 100-jährigen Verbandsjubiläums mit der Verleihung der Felix-Train-Medaille an bpt-Ehrenpräsident Dr. Hans-Joachim Götz. Mit der höchsten Auszeichnung des Verbandes würdigte Dr. Siegfried Moder die herausragenden berufspolitischen Verdienste seines Amtsvorgängers während dessen Präsidentschaft von 2003 bis 2015.

Quelle: bpt

MTool Managementhilfe für Legehennenaufzucht und -haltung

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Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bietet auf ihrer Website eine umfangreiche Managementhilfe für die Legehennenaufzucht zum kostenfreien Download an und schreibt dazu

„Aufzüchter und Legehennenhalter haben auf den Zustand der Herde und damit auf das Wohlbefinden jedes einzelnen Tieres einen wesentlichen Einfluss. Dies gilt besonders für die Verhinderung oder Minimierung von Gefiederschäden, Verletzungen und Verlusten durch Federpicken und Kannibalismus.

Küken, Junghennen und Legehennen zeigen durch ihr Verhalten und ihren körperlichen Zustand an, ob die Haltung, die Fütterung und das Management in Ordnung sind und keine Infektionen vorliegen.

Veränderungen schnell zu bemerken, die Ursachen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen möglichst schnell einzuleiten, sind für das Tierwohl und den betriebswirtschaftlichen Erfolg die wichtigsten Voraussetzungen.

Das Managementtool „MTool“ für die Aufzucht und Haltung von Legehennen soll Betrieben und Beratern eine Hilfestellung geben, Veränderungen bei den Tieren schnell zu erfassen und zu protokollieren. Hierfür stehen Beurteilungskarten, Erfassungslisten und Auswertungshilfen sowie eine Tablet-App zur Verfügung. Eine anschließende Risikoanalyse mit Hilfe eines umfangreichen Fragenkatalogs kann ergänzend eingesetzt werden, um Schwachstellen im Betrieb zu erkennen.

Das „Basiswissen MTool“ liefert hierfür Hintergrundwissen und macht Vorschläge für Maßnahmen.“

Quelle: BLE

Nestbaumaterial beeinflusst Verhalten von Sauen bei freiem Abferkeln und verringert Totgeburten

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Bei einem Versuch mit Norsvin Landrasse × Schwedisch Yorkshire Sauen waren die Tiere ab zwei Tagen vor der erwarteten Abferkelung bis zur Abferkelung in Buchten mit Holzspäne-Einstreu untergebracht. Zwei Gruppen erhielten zusätzlich Torf (n = 18) oder langstieliges Stroh (n = 17) eine Kontrollgruppe erhielt kein zusätzliches Nestbaumaterial.Per Video wurde das Verhalten jeder Sau in den letzten 12 Stunden vor Beginn der Abferkelung bis zur Geburt des letzten Ferkels aufgezeichnet.

Die Sauen mit Stroh wiesen die höchsten nestbaulichen Aktivitäten auf und auch die Torf-Gruppe war aktiver als die Kontrolle; in der Stroh-Gruppe wurden auch weniger Stereotypien beobachtet. Sauen denen Stroh zur Verfügung stand, hatten auch die kürzeste Abferkelzeit dicht gefolgt von Sauen mit Torf, während die Kontrollsauen am längsten waren (Stroh: 295,8 ± 41,1, Torf: 322,7 ± 46,7, Kontrolle: 438,1 ± 82,6 min). Der Anteil totgeborener Ferkel war unter den Sauen der Strohgruppe am niedrigsten im Vergleich zu den beiden anderen (Stroh: 2,8 ± 1,0, Torf: 6,0 ± 1,8, Kontrolle: 8,1 ± 1,9% der Gesamtgeburt).

Die Forscher werten ihre Ergebnisse als Beweis, dass die Bereitstellung von Stroh oder Torf im Vergleich zur Kontrolle Nestbauverhalten stärker stimuliert und den Geburtsvorgang erleichtert, was zu einer kürzeren Abferkelzeit führt.

Stroh stellt für die Wissenschaftlerinnen das am besten geeignete Nestbau dar Material, weil es ein breiteres Spektrum von Nestbauverhalten hervorrief, die Sauen ruhiger waren, weniger Stereotypien in den letzten 12 Stunden vor der Geburt zeigten und den niedrigsten Prozentsatz totgeborener Ferkel hatten.

Ellen Marie Rosvold1,2, Ruth C. Newberry1 and Inger Lise Andersen1 1Norwegian University of Life Sciences, Faculty of Biosciences, Department of Animal and Aquacultural Sciences, P.O. Box 5003, 1432 Ås, Norway, 2Nord University, Faculty of Biosciences and Aquaculture, P.O. Box 2501, 7729 Steinkjer, Norway; ellen.m.rosvold@nord.no

Gegen Torf spricht auch die mögliche Einschleppung von Mykobakterien.

Welches Wühlmaterial macht Absetzferkel glücklich?

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Über fünf Wochen bot ein norwegisches Forscherteam 10 Würfen Absetzferkel (TN70-Sauen × Duroc-Eber) verschiedene Wühlmaterialien an. Silage, Stroh oder Torf oder eine Kombination (plus Kontrollgruppe). Untersucht wurden Erkundungsverhalten, Spiel, Schwanzringeln und -wedeln sowie Aggression, Ohr- oder Schwanzbeißen und hängende Schwänze.

Torf- und Kombinationsbedingungen führten zu höherer Erkundung, Spiel, Schwanzringeln und -wedeln und geringerer Aggression gegenüber der Kontrollgruppe; die Werte für Gruppen mit Silage und Stroh lagen dazwischen. Geschlecht, Wurfgröße und Körpergewicht waren dabei weder positiv noch negativ assoziiert

Die Ergebnisse legen nahe, dass Torf oder Torf in Kombination mit Stroh und Silage die größten Effekte auf affektive Zustände von Schweinen haben.

Marko Ocepek, Ruth C. Newberry and Inger Lise Andersen
Norwegian University of Life Sciences, Faculty of Biosciences,
P.O. Box 5003, 1432 Ås, Norway; marko.ocepek@nmbu.no

Allerdings gibt es Untersuchungen, nach denen häufig Mykobakterien in Torf nachgewiesen wurden und eine Dekontamination von Torf in großem Maßstab nicht erfolgreich war.

Preis der Tiergesundheit 2019 verliehen: Erster Preis geht nach Sachsen

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• Gewinner investieren in weitere Tiergesundheitsmaßnahmen
• Dr. Bianca Lind (BRS) würdigt Engagement für Tierwohl
• Dr. Siegfried Moder (bpt) will Gesellschaft und Landwirtschaft wieder zusammenbringen
• Tierwohl und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus, so Dr. Daniel Sicher

Riesenfreude bei Jan Köhler und ‚Luchbergmilch‘ aus Glashütte-Luchau. Der Betrieb aus Sachsen gewinnt den ersten „Preis der Tiergesundheit“. Der Betriebsleiter und Vorstand der Agrargenossenschaft e.G. Cunnersdorf hat entscheidend zur Modernisierung des historisch gewachsenen Betriebs beigetragen. Sein Erfolg gibt ihm Recht. Verbesserte Tiergesundheit und damit einhergehend bessere Tageszunahmen belegen seine Maßnahmen. Jan Köhler: „Kälbergesundheit ist uns wichtig! Es macht nicht nur mehr Spaß mit gesunden Tieren zu arbeiten, nur aus gesunden Kälbern erwachsen auch gesunde Milchkühe.“.

Dr. Karsten Donat, Geschäftsführer der Thüringer Tierseuchenkasse und Mitglied der Jury begründet die Entscheidung für Luchbergmilch : „Ein an sich schon perfektes System der Erstkolostrumversorgung mit einem Kunstgriff so an die betrieblichen Gegebenheiten anzupassen, dass es nicht besser geht: Bereits in der ersten halben Stunde ihres Lebens erhalten Kälber ein Maximum an Erstkolostrum. Eine bessere Versicherung für gute Gesundheit gibt es für Kälber nicht. Die anschließende ad libidum-Tränke und beste Haltungsbedingungen sichern traumhafte Zunahmen. Eine Meisterleistung.“ Für das zweckgebundene Preisgeld in Höhe von 30.000 € hat Jan Köhler schon eine Verwendung. Der Gewinn soll in ein neues Milchtaxi mit Pasteurisierung fließen.

Der zweite Platz geht nach Schleswig-Holstein. Konstanze Rohwer und ihr Mann Marcus bieten in ihrem Betrieb in Westerrönfeld ihren Kälbern, nach eigenen Angaben, einen „5-Sterne-Plus-Service“ an. Ihre Kälber wachsen in einer eigenen Frühchenstation auf. Das Ehepaar sieht in der Auszeichnung nicht nur die Anerkennung jahrelanger Arbeit, sondern freut sich vor allem über den zukünftigen Austausch mit den anderen Landwirten. „Frau Rohwer war z.B. eine der Pionierinnen bei der Einführung der ad libidum-Tränke und nutzt seitdem jede Gelegenheit, bei Berufskollegen, Beratern, Studenten hierfür vehement zu kämpfen. Neben einer extrem guten Hygiene sowie einer genial einfachen Dokumentation des Tränkeverhaltens lässt sie nichts unversucht, was ihren Kälbern ein angenehmes Leben bereitet, angefangen mit einer ganz intensiven Tränke bis hin zum Spielzeug. Für Frau Rohwer sind ihre Kälber letztlich wie kleine Kinder und genauso kümmert sie sich um diese.“, erklärt Frau Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge, Professorin für Tierernährung an der Fachhochschule Kiel und Mitglied der Jury. Das zweckgebundene Preisgeld in Höhe von 20.000 € wird in einen neuen Kälberstall investiert. Kleingruppen für die Tränkekälber und ein Rein-Raus-System sind das Ziel.

Und auch Christine Löb aus Reupelsdorf wird ausgezeichnet und hat bereits neue Pläne für Mensch und Tier. Die Landwirtin vom „Betrieb Hugo Löb“ aus Bayern sieht ihre Arbeit als Berufung und kann deshalb nicht aufhören, über Verbesserungen nachzudenken: „Mach es richtig oder lass es gleich bleiben.“ Halbe Sachen kommen für die ehemalige bayerische Milchkönigin nicht in Frage. „Ich will gesunde Tiere haben. Ich will nicht die Feuerwehr spielen. Daher ist es wichtig, vorausschauend zu planen.“

Das ist auch der Jury nicht entgangen: „Auf diesem Betrieb steht das Zusammenspiel von Tier, Mensch und Natur eindeutig im Mittelpunkt. Die Aufzucht von gesunden und leistungsbereiten, langlebigen Kühen setzt die Betriebsleiterin Christine Löb durch ihre langjährige Erfahrung und außergewöhnliche Begeisterung für das ‚Rind‘ sehr engagiert und kreativ mit einem klar strukturierten Konzept erfolgreich um. Tier und Mensch fühlen sich hier rundum wohl.“, so die Begründung von Jury-Mitglied Dr. Caroline van Ackeren, Landwirtschaftliches Zentrum Baden-Württemberg.

Dr. Bianca Lind, Geschäftsführerin des Bundesverband Rind und Schwein e. V. (BRS), stellt auf der Preisverleihung die Eigeninitiative aller Bewerber heraus: „Am besten hat mir das Engagement der Betriebe gefallen, weil sie mit unglaublich viel Leidenschaft an ihre Arbeit herangehen. Sie suchen Konzepte, damit es ihren Tieren besser geht und die Wirtschaftlichkeit und Tierwohl miteinander kombinieren.“

„Viele Leute haben keine Vorstellung mehr, wie Landwirtschaft wirklich ausschaut. Das muss sich dringend wieder ändern. Was da auseinanderläuft, Gesellschaft und Landwirtschaft ist der falsche Weg. Wir müssen alles dafür tun, die Leute wieder mitzunehmen. Wenn sie erst sehen, was auf den Betrieben geleistet wird, wird auch die Wertschätzung wieder kommen.“ zeigt sich der Präsident der Bundesverbands Praktizierender Tierärzte, Dr. Siegfried Moder, überzeugt.

Tiergesundheit und wirtschaftlicher Erfolg gehören zusammen
Der Preis der Tiergesundheit wurde 2019 von MSD Tiergesundheit ins Leben gerufen, um Erfolgsgeschichten zur Verbesserung des Tierwohls ins Rampenlicht zu rücken und zu teilen. Die Preisverleihung am 21. September im MSD hub berlin zeigte einmal mehr, wie wichtig der direkte Austausch zwischen Landwirten und Landwirtinnen ist. Der Erfahrungsaustausch über neue Ideen, Gesundheitsmaßnahmen oder Impfkonzepte steigert langfristig die Tiergesundheit und wirkt sich auch wirtschaftlich positiv auf die Betriebe aus.

„Es spielt keine Rolle, ob ein Betrieb 100 oder 1.200 Kühe hat, ob in Nord, Süd, Ost oder Westdeutschland gelegen oder ob Alt oder Jung, Frau oder Mann den Betrieb leitet und auch nicht ob Bio oder Konventionelle Landwirtschaft. Worauf es ankommt, ist die Haltung, der Einsatz, die Veränderungsbereitschaft und der Wille des Teams. Die Top 5 des Preis der Tiergesundheit sind ein Querschnitt, der eindrucksvoll belegt, dass Wirtschaftlichkeit und Tierwohl in der Landwirtschaft Hand in Hand gehen können.“, erklärt Dr. Daniel Sicher, Geschäftsführer von MSD Tiergesundheit.

MSD Tiergesundheit ruft auch 2020 den „Preis der Tiergesundheit“ aus
Unter dem Motto „Landwirte lernen von Landwirten“, wird MSD Tiergesundheit auch in Zukunft für einen regelmäßigen Austausch sorgen. Nach dem Erfolg in diesem Jahr, geht es 2020 mit dem „Preis der Tiergesundheit“ in die nächste Runde. Dann mit einem neuem Schwerpunkt für das Rind und einer weiteren Tierart: Schwein.

Quelle: MSD Tiergesundheit

Bald ist wieder Schnupfen- und Hustenzeit

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Von Dr. Christian Haverkamp, Fachtierarzt für Geflügel, Vechta

Besonders in den Übergangszeiten von Herbst/Winter oder Winter/Frühjahr kommen im Hähnchenstall häufig Atemwegserkrankungen vor. Sie sind von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung und sollten schnell erkannt werden.

Erkrankungen der Atemwege bei Broilern werden in vielen Fällen von einer verminderten Futter- und Wasseraufnahme, einer schlechteren Futterverwertung sowie erhöhten Verwürfen am Schlachthof und erhöhten Mortalitätsraten begleitet. Sie können erhebliche ökonomische Auswirkungen auf einen Durchgang haben. Verantwortlich für das Auftreten von Atemwegserkrankungen können infektiöse und nicht-infektiöse Ursachen sein. Bei den Infekten sind regionale Unterschiede aufgrund der Tierdichte und vorkommenden Geflügelarten zu erkennen. Der Tierarzt weiß, welche Erreger gerade „unterwegs“ sind. Nicht-infektiös bedingter Schnupfen im Hähnchenmaststall wird meist durch Fehler im Management ausgelöst. Dabei ist es wichtig, die Ursachen zu erkennen und diesen entgegenzuwirken.

Kranke Tiere gut zu erkennen
Atemwegserkrankungen bei Masthähnchen sind meistens durch Kopfschütteln bzw. Niesen der Tiere charakterisiert. Auch rasselnde Atemgeräusche und nasaler Ausfluss können beobachtet werden. Tiere mit Atemnot geben charakteristische Krählaute von sich („Schreier“). Gut feststellbar sind Atemwegsinfektionen im Hähnchenstall bei abgeschalteten technischen Anlagen und ausgeschaltetem Licht, bei absoluter Ruhe. Zudem verringert sich oft die Futter-und Wasseraufnahme. Daneben treten zum Teil erhöhte Verluste auf. Höhere Verwürfe am Schlachthof sind meist die Folge bakterieller Primär- oder Sekundärinfektionen.
Bei den infektiösen Atemwegserkrankungen kommen Viren oder Bakterien als Verursacher in Frage. Viruserkrankungen breiten sich in der Regel schnell im Bestand aus und sind zunächst durch trockene Schnupfengeräusche charakterisiert.
Typisch für bakteriell bedingte Atemwegserkrankungen sind dagegen feucht-rasselnde Atemgeräusche. Häufig kommen viral-bakterielle Mischinfektionen vor. Die Tiere infizieren sich durch den Kontakt mit den Erreger-Aerosolen (Tröpfcheninfektion). Ebenso ist eine Übertragung über kontaminiertes Trinkwasser, Personen, Staub sowie kontaminierte Einstreu möglich. Der Erreger wird über die Schleimhäute der oberen Atemwege aufgenommen. Die Schwere der Erkrankung richtet sich nach dem jeweiligen Virus, dem Immunstatus und Alter der Tiere, Sekundärinfektionen und dem betriebsindividuellen Management.

Bakterien und Viren als Verursacher
Bei den bakteriellen Erregern spielt vor allem Escherichia coli (E. coli) eine große Rolle. Dieser Erreger ist die häufigste Ursache für Verluste in der Geflügelhaltung. E. coli kommt überall (ubiquitär) vor. Die Erreger sind normaler Bestandteil der Darmflora von Hühnervögeln. Gesundes Geflügel mit intaktem Immunsystem ist in der Regel immun gegenüber einer Infektion mit E. coli. Erkrankungen entstehen häufig erst durch Zusatzfaktoren.


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Volksbegehren „Rettet die Bienen“: Experten der Universität Hohenheim kritisieren Forderungen

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„Sehr gut gemeint, aber schlecht gemacht“: Wissenschaftler beklagen falsche Prioritäten, Maximalforderungen und fehlenden Dialog.

Bayern hat es vorgemacht: Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ war das erfolgreichste der Landesgeschichte und soll nun 1:1 Gesetz werden. Seit vergangener Woche läuft auch in Baden-Württemberg ein Volksbegehren unter gleichem Namen. Doch die Forderungen zum Stopp des Insektensterbens gehen deutlich über das bayerische Vorbild hinaus. Entsprechend größer ist auch der Widerstand der Landwirte. Experten der Universität Hohenheim stehen den Forderungen ebenfalls kritisch gegenüber. In Presse-Statements äußern sich Prof. Dr. Johannes Steidle, Tierökologe, Dr. Sabine Zikeli, Leiterin des Zentrums für ökologischen Landbau, Prof. Dr. Ralf Vögele, Dekan der Fakultät Agrarwissenschaft und Direktor des Instituts für Phytomedozin sowie Dr. Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde.

Das Volksbegehren „Artenschutz: Rettet die Bienen“ ist eine Initiative von „proBiene – Freies Institut für ökologische Bienenhaltung“ und wird von zahlreichen Verbänden wie BUND BW, NABU BW, Demeter BW oder Naturland BW unterstützt.

Die Forderungen im Überblick:
Der Anteil der ökologischen Landwirtschaft soll bis 2035 auf 50% erhöht werden
In Naturschutzgebiete sollen Pestizide verboten werden
Flächen auf denen Pestizide eingesetzt werden sollen sich bis 2025 halbieren
Streuobstwiesen sollen geschützt werden

Pressestatements

Prof. Dr. Johannes Steidle, Fachgebiet Tierökologe, Universität Hohenheim
„Meine Einschätzung zum Volksbegehren zusammengefasst: Sehr gut gemeint, aber schlecht gemacht.

Das Thema Insektensterben ist wirklich ernst, und es bleibt zu hoffen, dass die Politik schnell handelt. Ich bin dankbar, dass das Volksbegehren Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenkt. Dennoch werde ich den Text in der vorliegenden Form nicht unterschreiben.

Hauptkritikpunkt aus meiner Sicht: Die Forderungen sind zu sehr auf die Pestizide verengt. Sie sind sicherlich ein Faktor für das Artensterben. Aber sie zum Kern des Problems zu erklären, das gibt die Datenlage nicht her.

Ein wirklich entscheidender Faktor wird im Volksbegehren hingegen quasi gar nicht berücksichtigt: Damit Insekten überleben können, benötigen sie Lebensräume: Fraßpflanzen, Pflanzen, an denen sie ihre Eier ablegen können, Lücken im Boden, blühende Wildpflanzen, Hecken…

Monokulturen mit Nutzpflanzen sind für Insekten hingegen in etwa so attraktiv wie eine geteerte Fläche. Ob man auf dieser ‚geteerten Fläche‘ dann auch noch Pflanzenschutzmittel ausbringt oder nicht, spielt letztendlich keine so große Rolle mehr.

Der erste Schritt wäre also etwas gegen die Strukturarmut unserer Landschaft zu unternehmen: Beispielsweise ein verpflichtender Grünstreifen am Rande großer Äcker. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist auch ein anderer Umgang mit Grünland, das in immerhin 50% der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland ausmacht. Es sollte erheblich seltener gemäht werden.

Mein zweiter Kritikpunkt ist das geforderte Pauschal-Verbot sämtlicher Pflanzenschutzmittel und Biozide in Schutzgebieten. So wie ich die entsprechenden Gesetzestexte verstehe fallen darunter auch die biologische Schädlingsbekämpfung und andere umweltfreundliche Methoden, ohne die biologische Landwirtschaft nicht möglich wäre.

Beispielsweise setzen viele Winzer beim Kampf gegen den Sauerwurm und den Heuwurm auf eine biologische Verwirrungstaktik. Sie bringen im Weinberg Gerüche von Weibchen aus, damit die Männchen die echten Weibchen nicht mehr finden. Eine erfolgreiche und bewährte Strategie, die dabei hilft, den Einsatz chemischer Gifte zu reduzieren. Diese Methode wäre auch verboten.

Im Nachhinein für jedes einzelne biologische Mittel eine Sondergenehmigung auf den Weg zu bringen halte ich für einen nicht leistbaren bürokratischen Aufwand.

Mein Eindruck ist: Das bayerische Volksbegehren war so erfolgreich, weil vorab ein intensiver Dialog mit allen betroffenen Gruppen stattgefunden hat. In Baden-Württemberg wurde diese Auseinandersetzung hingegen offensichtlich versäumt.“

Dr. Sabine Zikeli, Leiterin des Zentrums für ökologischen Landbau, Universität Hohenheim
„Das Volksbegehren will den Ökolandbau massiv ausbauen. Ich bin jedoch überzeugt, dass die Forderungen, wenn sie 1:1 umgesetzt würden, der Branche keinen Gefallen täten. Im Gegenteil.

Der Text des Volksbegehrens suggeriert, dass im ökologischen Landbau keinerlei Pflanzenschutzmittel eingesetzt würden. Auf den ökologischen Ackerbau trifft dies weitgehend zu: Hier gibt es alternative Strategien der Schädlingsbekämpfung: z.B. über die mechanische Bekämpfung von Beikräutern oder über die Fruchtfolge, um Pilzkrankheiten und Schädlinge zu vermeiden. Im Obst- und Weinbau können jedoch weder Pilze noch Insekten auf diese Weise bekämpft werden. Auch beim Kartoffelanbau müssen Maßnahmen gegen den Kartoffelkäfer ergriffen werden.

Zwar kommen keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, dafür aber Kupfer, pflanzliche Präparate oder biologische Mittel, wie z.B. Viren, die auf bestimmte Insekten wirken. All dies wäre gemäß den Forderungen des Volksbegehrens jedoch nicht mehr erlaubt.

Jeder Kleingärtner weiß aber, dass man unter unseren Klimabedingungen zwar Äpfel kultvieren kann, diese aber ohne biologische Schädlingsbekämpfung eben nicht immer schön aussehen, sondern Schorfflecken zeigen oder von den Raupen des Apfelwicklers befallen sind. Wir müssten den Apfelanbau also in Landschaftsschutzgebieten einstellen oder die Apfelbäume einhausen, das heißt unter Folie und Netz kultivieren. Ich vermute jedoch, dass die Initiatoren des Volksbegehrens keine großflächige Folien-Plantagen am Bodensee im Sinn hatten.

Auch der Plan, die biologische Landwirtschaft bis 2025 auf 25% und bis 2035 auf 50% zu erhöhen erscheint mir unrealistisch. Für die Erzeugnisse muss schließlich auch ein Markt da sein. Der Bio-Markt wächst zwar, aber eben nicht so schnell. Die Konkurrenz unter den biologischen Landwirten würde also erheblich zunehmen, sodass der Ökolandbau an Attraktivität verlieren würde.

Nicht zuletzt lebt der ökologische Landbau davon, dass die Landwirte diesen Weg aus Überzeugung gehen. Würde man den Umstieg gewissermaßen erzwingen, ist von deutlich mehr schwarzen Schafen auszugehen. Richtlinien müssten vermutlich noch viel schärfer kontrolliert werden und die Glaubwürdigkeit der Branche könnte in Gefahr geraten.

Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass der ökologische Landbau im Vergleich zum konventionellen Landbau stärker zum Erhalt der Biodiversität beiträgt. Den Landwirten ist dies bewusst und der Erhalt der Biodiversität vielen von ihnen ein sehr großes Anliegen.

Verbände wie Demeter BW oder Naturland BW unterstützen das Volksbegehren. Ich vermute allerdings, dass hier vor allem die Stimmen von Mitgliedern gehört wurden, die Ackerbau betreiben und die Konsequenzen für Sonderkulturen nicht in vollem Umfang wahrgenommen wurden. Der Verband Bioland BW hat sich aus den genannten Gründen daher gegen das Volksbegehren ausgesprochen.“

Prof. Dr. Ralf Vögele, Dekan der Fakultät Agrarwissenschaft und Direktor des Instituts für Phytomedizin, Universität Hohenheim
„Der Grundgedanke des Volkbegehrens ist unterstützenswert. Aber leider schießt es weit über das Ziel hinaus und ist deshalb aus meiner Sicht in der vorliegenden Form nicht akzeptabel.

Ich bin überzeugt, dass wir den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel erheblich reduzieren können. Dazu müssen wir intelligente Strategien entwickeln und es gibt ja bereits sehr vielversprechende Ansätze. Eine pauschale Verteufelung bringt uns hingegen nicht weiter.

Man darf nicht vergessen: Würden wir von heute auf morgen auf Pflanzenschutzmittel verzichten, könnten wir die Weltbevölkerung nicht mehr ernähren. Für viele deutsche Betriebe würde es das Aus bedeuten. Kartoffeln oder Äpfel müssten wir z.B. nahezu komplett aus dem Ausland importieren. Auch Weinbau wäre in Deutschland nicht mehr möglich.

Nicht außer Acht lassen darf man an dieser Stelle auch, dass eine Reduktion der einsetzbaren Pflanzenschutzmittel zu großen Resistenzproblemen führen kann. Eine Reduktion der Aufwandmenge kann sehr schnell zur Unterschreitung des nötigen Schwellenwertes führen, was den Einsatz der Mittel wirkungslos macht. Eine Reduktion des Spektrums der Mittel führt dagegen aufgrund der Verwendung nur eines Wirkstoffs gegebenenfalls schnell zur Entwicklung von Resistenzen bei den Erregern – ähnlich der derzeit beobachtbaren zunehmenden Antibiotika-Resistenz bei Krankenhauskeimen.

Ein vernünftiges und zukunftsweisendes Management des Pflanzenschutzmitteleinsatzes wäre hier also weitaus zielführender.

Große Chancen bietet beispielsweise die Digitalisierung. Neue Technologien helfen Landwirten dabei, Pflanzenschutzmittel immer gezielter ausbringen und somit die Menge zu reduzieren.

Sehr vielversprechend halte ich auch einen Ansatz, der versucht, Vorteile der konventionellen und der ökologischen Landwirtschaft miteinander zu vereinen und deren jeweiligen Nachteile so weit wie möglich zu reduzieren. Ziel sind Anbausysteme, die auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichten, nicht aber auf Mineraldünger. An der Universität Hohenheim koordinieren wir dazu das 5,3-Mio.-Euro-Verbundprojekt „NOcsPS“.

Viele Menschen haben heute offensichtlich eine romantisch verklärte Sicht auf die Landwirtschaft, aber keine Vorstellung von der Realität der Betriebe. Diese fühlen sich durch das Volksbegehren zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Der Wunsch nach Verzicht auf Pflanzenschutzmittel steht zudem in krassem Widerspruch zu dem tatsächlichen Verhalten der Verbraucher. Solange im Supermarkt ausschließlich optisch makelloses Obst und Gemüse nachgefragt wird, wird die Reduktion von Pflanzenschutzmittel nur schwer gelingen.“

Dr. Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde, Universität Hohenheim
„Auch wenn der Imkerschaft der Insektenschutz naturgemäß sehr am Herzen liegt, sieht die Mehrheit die Maximalforderungen im Volksbegehren kritisch. Daher unterstützen derzeit weder der württembergische noch der badische Imker-Landesverband, die zusammen ca. 25.000 Imker vertreten, das Volksbegehren.

Zahlreiche Obst- und Weinbauern insbesondere in Naturschutzgebieten der Bodenseeregion haben inzwischen deutlich gemacht, dass sie sich durch die Forderungen des Volksbegehrens in ihrer Existenz bedroht sehen. Indirekt wäre davon auch die Imkerei betroffen.

Auch wenn es immer wieder Konflikte zwischen Landwirten und Imkern gibt, so sind beide Seiten doch stark aufeinander angewiesen. Denn Obst- und Gemüsebauern benötigen Bienen als Bestäuber und umgekehrt sind die Sonderkulturen für die Imkerei wichtige Pollen- und Nektarquellen.

Die meisten Imker kennen die Sorgen und Nöte der Landwirte sehr gut, und wissen z.B., dass im Bereich der Sonderkulturen nicht komplett auf Pflanzschutz verzichtet werden kann. Zugleich haben Imker natürlich ein starkes Interesse daran, dass ihre Bienenvölker gesund bleiben und der Honig nicht durch Pestizide verunreinigt wird.

In Bienenschutzausschüssen wird deshalb seit vielen Jahren auf lokaler Ebene intensiv darum gerungen, wie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert und die Anbauflächen bienenfreundlicher gestaltet werden können. Diese durchaus kontroversen Auseinandersetzungen und Diskussionen haben auch mit vielen konventionell arbeitenden Landwirten, die in diesem Volksbegehren leider weitgehend außen vor bleiben, zu Verbesserungen beim Bienenschutz geführt.

Eine Unterstützung des Volksbegehrens durch die Imkerverbände würde diese Zusammenarbeit untergraben und gerade in den Obst- und Weinanbaugebieten alte Gräben wieder aufreißen.“

Quelle: Universität Hohenheim