Multiresistente Keime im Badesee

Der Tierarzt und das liebe Vieh nach der gelungenen OP.

Letzte Woche meldete der NDR, man habe multiresistente Keime in Bächen und Badeseen gefunden und wieder einmal ist die mediale Aufregung ebenso groß wie unbegründet.

Gerade bei Badeseen möchte man lieber nicht wissen, wie viele „stinknormale“ E. Coli Bakterien darin schwimmen, aber beim Stichwort „multiresistent“ schrillen die Alarmglocken immer besonders laut. Mutmaßungen gibt es wie immer reichlich, Hintergrundinformationen dafür umso weniger.

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet jedoch die Nordwest Zeitung. Sie bringt ein sehr lesenswertes Interview mit Dr. Robin Köck, Hygiene-Facharzt, Projekt-Koordinator von #1Health-PREVENT und dem Vorgänger-Projekt MedVetStaph.

Tatsächlich waren ja an der Thülsfelder Talsperre, im Zwischenahner Meer sowohl ESBL-Keime als auch Resistenzen gegen Carbapeneme gefunden, In Bächen bei Friesoythe und Cloppenburg, im Fluss Hunte und in der Kanalisation beim Klinikum Osnabrück wurden aber auch Colistin-Resistenzen nachgewiesen. Natürlich sollte dem jeweiligen Ursprung der Keime nachgegangen werden, für Panik allerdings besteht kein Anlass. Köck sagt dazu in der NWZ:

„Bislang wurde überhaupt nicht untersucht, in welcher Menge resistente Keime beim Schwimmen auf der Haut oder über Schleimhäute aufgenommen werden und dort dauerhaft bleiben. Allerdings: „Auf unserer Haut sind, wenn wir gesund sind, schon Billionen Keime. Die resistenten Keime stehen zu diesen in Konkurrenz und müssten sich erstmal durchsetzen.“ Die Menge resistenter Keime, die bei den aktuellen Messungen im Wasser gefunden wurde, sei aber durchaus nennenswert. Es sei deshalb sinnvoll, sich nach dem Bad gründlich mit Wasser und Seife abzuduschen. „Das kann die Keimlast auf der Haut senken.“ Ganz so dramatisch wie im Film „Outbreak“ ist die Sache offenbar nicht.

Einem Punkt jedoch muss man mindestens ebenso intensiv nachgehen, weil es den Einsatz von Colistin in der Tiermedizin betrifft.

Das Polypeptidantibiotikum Colistin, vor Jahren wegen seiner üblen Nebenwirkungen in der Humanmedizin aussortiert und seitdem zur Bekämpfung bakterieller Durchfallerkrankungen, vor allem in Schweine- und Geflügelbeständen eingesetzt, soll zukünftig wieder dem Menschen vorbehalten und in der Tiermedizin verboten sein. Denn – ganz logisch – nachdem es jahrzehntelang nicht bei Menschen eingesetzt wurde, haben sich in unserer Spezies auch keine Resistenzen entwickelt. Heute kann es deshalb als „Reserveantibiotikum“ genutzt werden, wenn alle anderen Wirkstoffe nichts mehr nutzen. Die schädlichen Nebenwirkungen auf die menschliche Niere werden in diesen (in Deutschland sehr seltenen) Fällen in Kauf genommen.

Colistin ist beim Nutztier sehr effektiv. Es ist preiswert, mit kurzer Wartezeit gesegnet und einige Tierärzte glauben gar, auf dieses Mittel nicht verzichten zu können.

Im EU-Vergleich liegt Deutschland in der oberen Hälfte der Verbrauchsstatistik von Colistin. Im Jahr 2014 wurden 107 Tonnen und in 2015 82 Tonnen Polypeptidantibiotika (im Wesentlichen Colistin) an Großhändler und Tierärzte verkauft. Für den Vergleich mit anderen Ländern ist es aber nötig, diese Mengen auf den jeweiligen Nutztierbestand zu beziehen. Auf Tierarten, Tierzahlen und am Ende das „Gesamtgewicht“, weil Medikamente abhängig vom Körpergewicht verabreicht werden und ein Huhn nun mal weniger wiegt als eine Schwein. Hierzu dient die „Population Correction Unit (PCU)“.

Deutschland hatte im Jahre 2013 einen Colistin-Verbrauch von 14,7 mg/PCU und in 2015 (geschätzt) knapp unter 10 mg/PCU. Die European Medicines Agency (EMA) fordert jedoch bis 2019/2020 eine Absenkung unter 5 mg/PCU. Großbritannien, Dänemark oder die Niederlande melden schon heute deutlich niedrigere Verbrauchswerte Die Niederländer nur 0,6 mg/PCU im Jahr 2013 (während Spanien 21,6 mg Colistin/PCU verbrauchte).

Auch Dr. Michael Drees äußerte sich im Interview über ein mögliches Verbot des Mittels für die Nutztierhaltung. Der Tiermediziner aus Worpswede ist berufspolitisch seit Jahren aktiv für die niedersächsische und die Bundestierärztekammer und vor allem selbst ein erfahrener Rinder-Praktiker.

Für die niedrigen Werte anderswo hat Dr. Drees recht plausible Vermutungen, den Colistin-Verbrauch in Deutschland zu halbieren, hält er jedoch für sehr ambitioniert. Er macht auf das Grundproblem aufmerksam, dass zwar die Abgabemengen bekannt sind, nicht jedoch wo, wann und an welche Tierarten und in welchen Dosierungen das Antibiotikum tatsächlich verabreicht wird. Deshalb fordert er eine Datenbank für Dosierungshöhe, Behandlungsdauer und –häufigkeit sowie die behandelten Tierarten. Erst durch solche Transparenz wären zielführende Vergleiche überhaupt erst möglich, die am Ende zu einer Reduktion führen könnten. Sollten jedoch zukünftig die Tierärzte etwa auf Fluorchinolone und Cephalosporine ausweichen müssen, sei das absolut kontraproduktiv.

Das Telefon-Interview in voller Länge ist hier abrufbar.

Und hier der NWZ-Beitrag mit Dr. Robin Köck sowie ein ausführliches Video-Interview mit dem Hygiene-Spezialisten zu multiresistenten Keimen und dem Colistin-Einsatz in deutschen Kliniken.

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