Interview mit ZDG-Präsident Friedrich-Otto Ripke Teil 1: Hennen und Puten mit ungekürzten Schnäbeln

Friedrich Otto Ripke, Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft

Herr Ripke: Legehennen werden heute in Deutschland bereits mit ungekürzten Schnäbeln eingestallt. Bei Puten ist das noch Zukunftsmusik. Sind einzelne Parameter von der einen auf die andere Tierart übertragbar?

Die freiwillige Vereinbarung von 2015 zwischen der Bundesregierung und dem ZDG zum Verzicht auf das Schnabelkürzen bei Legehennen ist erfolgreich und vollständig umgesetzt. Wir haben viel gelernt bei den Hennen: Es muss ein Top-Management geben, einen Top-Stall mit gutem Klima, mit guter Lichtsteuerung und bestem Futter. Und wir haben sogar eine bessere Junghenne nötig, die vital und ruhig in den Legehennenstall kommt.

Ein Beispiel nenne ich Ihnen mal: Da wir die Hennen im Stall beschäftigen müssen, zum Beispiel mit Luzerne oder Picksteinen oder Maissilage, haben wir jetzt schon die Möglichkeit, beim Junghennen-Aufzüchter und schon vorher in der Brüterei zu bestellen, welche Vorprägung die Junghennen mitbringen sollen, also die eben genannten Picksteine etc. Mit dieser Vorprägung können sie sich im Legehennenstall dann schnell an das gewöhnen, was sie aus der Aufzucht bereits kennen.

Bei Puten ist das ungleich schwieriger. Wir haben noch keine Lösung, wir arbeiten daran. In der genannten Vereinbarung mit dem BMEL haben wir bewusst nur von Putenhennen gesprochen, die Putenhähne haben wir bei der Absichtserklärung zunächst ausgenommen. Puten werden länger gehalten in der Mast als zum Beispiel Masthähnchen, die Tiere werden geschlechtsreif, die Hähne kriegen Testosteron in den Stoffwechsel und dann messen sie sich eben auch miteinander. Mit Hähnen können wir derzeit noch keine Fortschritte vermelden.

Bei Putenhennen hat man sogenannte „Modell- und Demonstrations-Betriebe“ geschaffen, und das sind inzwischen sehr viele, in denen von staatlicher Seite begleitet aufgestallt wird. Es werden in diesem Fall auch Hennen mit intakten Schnäbeln eingestallt und man schaut, wie weit man kommt. Wir haben vom FLI in Celle einen Bericht bekommen, der festgestellt hat, dass die Haltung von Puten mit intakten Schnäbeln im Moment unter akzeptablen Bedingungen nicht verantwortungsvoll umzusetzen ist. Weil es, auch bei Hennen, sobald Federpicken einmal ausbricht, sehr schnell zu sehr viel Leid und Blut kommt. Auch die Hennen picken immer weiter, gerade zum Ende der Mastdauer – das ist aus Tierschutzperspektive nicht hinzunehmen.

Es bleibt eine große Herausforderung, der wir uns auch in Zukunft stellen wollen. Es wird vor allem auch die Stalltechnik bei Puten angepasst werden müssen. Wir müssen auch, wie im Legehennenstall, die Möglichkeit der Verdunklung haben – nach tierärztlicher Indikation.

Können Betriebe nicht vielleicht mit Testabteilen und kleinen Gruppen Erfahrungen sammeln?

Wenn Sie 20 oder 30 Tiere absondern, ist deren Verhalten nicht übertragbar auf Ställe mit 3.000 oder 4.000 Tieren. Hier bieten die MuD-Betriebe den richtigen Weg, unter Praxisbedingungen Erfahrungen zu sammeln.

Dann bin ich aber auch wieder bei den Mehrkosten: Das kann ein Tierhalter aus eigener Tasche nicht tragen. Hier bedarf es der staatlichen Förderung, wie bei MuD praktiziert. Deswegen ist MuD für mich ein guter Weg, zumal alle Daten aus den einzelnen Betrieben deutschlandweit zusammengetragen werden sollen. Dann entsteht eine Kompetenz-Datenbank und die soll am Ende ja in ein Bundeskompetenz-Zentrum Geflügel münden, das jedem Geflügelhalter Zugriff gewährt.

Trauen Sie sich einen Zeithorizont für eine Umstellung zu benennen?

Nein. Überhaupt nicht. Wenn ich den FLI-Bericht sehe, der nicht veröffentlicht, aber sehr realistisch ist, traue ich mich nicht, ein Enddatum zu nennen. Das heißt jetzt nicht, dass ich sage: Es wird nichts, und wir machen einfach weiter wie gehabt. Wir wollen eine Lösung! Und es werden jetzt ja auch, vom Bund gefördert, Ställe der Zukunft gebaut und auch sogenannte Experimentierställe in wissenschaftlichen Einrichtungen. Wir werden nicht gleich mit Puten beginnen, aber auch zu Puten werden mehr und mehr Versuche gemacht. Aber es wird noch Jahre dauern.

Puten sind vom Naturell her eben etwas anders gestrickt als Legehennen und wir haben auch Hinweise aus Versuchen, die sich um die Besatzdichte gedreht haben. Die vermeintlichen NGO-Patentrezepte tragen überhaupt nicht, wir haben bei Reduzierung der Besatzdichte (nach dem Tierschutzplan Niedersachsen) bei den Hähnen höhere Aggressivität festgestellt. Mehr Platz zum Kämpfen sozusagen.

Nur Hennen einstallen und einen neuen „Bruderhahn“ wollen wir aber auch nicht oder?

Da würden wir auch gegen den Markt arbeiten. In Deutschland hat sich doch die Hahnenmast bei Puten sehr stark entwickelt, weil Schlachter und Verarbeiter besser damit umgehen können, die Ausbeute ist höher – gerade wenn viel Brustfleisch nachgefragt wird. Hier spielen natürlich Verbraucherwünsche eine Rolle. Uns liegt aber viel daran, auch die Hennenmast zu erhalten! Dazu braucht es aber Gespräche mit der gesamten Kette, bis hin zum LEH. Im Moment werden ja viele Hennenküken ins osteuropäische Ausland, zum Beispiel nach Polen verkauft, weil dort die Hennenmast verbreiteter ist.

Wir hatten hier einen Trend zur Hahnenmast und den müssen wir alle wieder ein bisschen umdrehen, denn: Wenn wir auf Schnabelbehandlung verzichten, werden wir es doch wohl bei Hennen eher hinkriegen als bei Hähnen. Also bedarf es da auch des Umdenkens in der gesamten Kette und beim Verbraucher.

Teil 2: Antibiotika (am 5.5.20)
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